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Serge K. D. Sulz, Julia Antoni u.a.: Kurz-Psychotherapie mit Sprechstundenkarten

Rezensiert von Dr. med. Joachim Gneist, 24.02.2022

Cover Serge K. D. Sulz, Julia Antoni u.a.: Kurz-Psychotherapie mit Sprechstundenkarten ISBN 978-3-8379-3019-1

Serge K. D. Sulz, Julia Antoni, Stephanie Backmund-Abedinpour, Beate Deckert, Richard Hagleitner u.a.: Kurz-Psychotherapie mit Sprechstundenkarten. Wirksame Interventionen bei Depression, Angst- und Zwangserkrankungen, Alkoholabhängigkeit und chronischem Schmerz. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2020. 230 Seiten. ISBN 978-3-8379-3019-1. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
Jänsch, Petra; Laux, Gerd; Schober, Susanne; Sichort-Hebing, Miriam Reihe: CIP-Medien
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Thema

Die Psychiatrische Kurz-Psychotherapie soll Psychiatern, anderen Ärzten und Psychologen den Zugang zur Psychotherapie erleichtern. Ein gut operationalisiertes Konzept ermöglicht das. Dazu gibt es detaillierte Psychotherapeuten- und Patienten-Karten, mit denen reflektiert und problemorientiert gearbeitet wird. Unter diesen Bedingungen hätten sich 20 Min. Einzel- und 50 Min. Kleingruppenarbeit bewährt. Meist genügten 12 Sprechstundentermine bzw. Klinikvisiten.

Autor

Prof. Serge Sulz (*1946) ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendpsychotherapeut. In Forschung und Lehre, Ausbildung und Supervision hat er in Jahrzehnten Verhaltenstherapeutische Grundlagen und Praxismethoden elaboriert, dabei auch tiefenpsychologische Aspekte einbezogen. An seinem Institut in München (CIP) wirkt – wie auch in diesem und seinen vielen anderen Büchern – ein kompetentes Team mit.

Inhalt

I Theorie

Als Erstes Beispiel wird Depression funktionsanalytisch von Vermeidungsverhalten abgeleitet. Sie ist der Preis für Realitätsverzerrung oder Verleugnung. „Wer depressiv ist, kann das bisherige angepasste Sozialverhalten nicht aufrechterhalten.“ (S. 21). Schon Bowlby (1975) habe das „Innere Arbeitsmodell des Säuglings“ beschrieben: sein Verhaltensziel sei ausreichend Bindung mit der Mutter. Diese sinnvolle Überlebensregel kann Erwachsene irreführen: „Wenn du dich wehrst, wirst du abgelehnt.“ (S. 23). Fernhalten von Bedrohungen wird zum wichtigsten Sollwert. Zugehörigkeitsbedürfnisse treten in den Vordergrund. Nahezu alle Patienten, die zur Psychotherapie kommen, hätten eine unsichere Bindung.

Vernichtung, Trennung und Kontrollverlust werden zu zentralen Ängsten, die durch Depression oder Zwang vermieden werden sollen. Dysfunktionale Persönlichkeitszüge sind nicht nur wesentlich zur Bildung psychischer und psychosomatischer Symptome, sondern behindern auch die Psychotherapie, wenn die Überlebensregel befiehlt, selbstunsicher zu bleiben (S. 41). Wichtig sei, Zweck und Funktion eines Symptoms zu erschließen und zu thematisieren. Symptombildung weist auf eine Entwicklungsstagnation hin, Affekte steuern und regulieren zu können. Mögliche Folge: Nur impulsiv sein oder aus Angst Impulse unterdrücken (S. 51).

II Praxis

Für eine themen- und störungsspezifische Therapie wird ein Praxisleitfaden vorgestellt und die Sprechstundenkarte erläutert.

Psychiatrische Kurz-Psychotherapie (PKP) fußt auf drei Säulen:

  1. Diagnostik, Symptomverständnis und Rückfallprophylaxe
  2. Fertigkeiten-Training auf kognitiver, emotionaler und Handlungsebene
  3. Motivationales Erarbeiten eines Weges von bloßer Überlebensregel zur Erlaubnis gebenden Lebensregel 

Es gilt gemeinsam zu entscheiden, wo die Therapie effektiv ansetzen und wohin sie führen soll. Das beinhaltet Situations- und Verhaltensanalyse sowie Steuerung durch kurz- und langfristige Verstärkungen.

PKP bei Depression

Psychoedukativ erarbeitetes Grundwissen sorgt dafür, dass der Patient seine Depression betrachtet und reflektiert (mentalisiert). Schon kurz dauernde Distanzierung lässt depressives Leiden weniger intensiv werden (S. 79). Fertigkeiten durch „Freude-Exposition“ trainieren u.a. Genuss, Aktivität und Entspannung. Durch „Angst-Exposition“ vergrößert sich der soziale Radius in Richtung Selbstbehauptung und Kommunikation. Bei „Ärger-Exposition“ wird geübt, Angst und Wut wahrzunehmen und Reaktionen zu prüfen. In der „Trauer-Exposition“ geht es um Erinnerung spüren und loslassen. „Nur wenn es gelingt, den Schmerz und die Trauer stattfinden zu lassen, bis sie von selbst versiegen, wird ein Fortschritt im Trauern stattfinden.“ (S. 89). Bei schwer Depressiven, auch Suizidalen sei mit Ressourcenorientierung zu beginnen, positive Aktivitäten seien wichtig. Vorausgehen müssen organische Abklärung und ggf. Indikation von Antidepressiva. All das bringt der Autor ausführlich zur Sprache. Für jeden Patienten gibt es eigene Karten, auf denen er seine Beobachtungen protokolliert.

PKP bei Angst und Zwang

Der Umgang mit dem Symptom beginnt wieder mit gemeinsam erarbeitetem Grundwissen. Metakognitionen leiten Distanzierung und Selbststeuerung ein. Wie entsteht eine Angst- bzw. Zwangserkrankung? Betrachtet werden pathogene Beziehungsgestaltung, Symptomanalyse, auslösende Bedingungen, Einfluss der Überlebensregel (ausführlich S. 104). Durch Emotionen wahrnehmen, Impulse steuern und Rückfall auslösende Situationen erkennen lernt der Patient, sein Leben und Beziehungen anders zu gestalten. Was wird trainiert? Der Umgang mit eigenen Gefühlen und sie zu kommunizieren. Das fördert Selbstakzeptanz und mobilisiert Ressourcen. Der Patient wird vom Leidenden zum Berichterstatter seiner Geschichte und Potenziale. Sulz erstellt Verhaltensdiagnosen und entwickelt individuelle Programme gemeinsam mit agoraphoben und panikgestörten Patienten. Sofortmaßnahmen gegenüber Zwangs-Handlungen und -Gedanken gehen in das Einüben neuen Verhaltens ein. Dazu kommen körperliche Übungen bei Herzklopfen, Atemnot und Schwindel.

PKP bei Alkoholabhängigkeit

Nach erfolgter Entgiftung beginnt die PKP mit gemeinsam erarbeitetem Grundwissen über Alkoholabhängigkeit. Das Kartenset besteht aus 85 Therapie/​Sprechstundenkarten (zu Entstehung, konkreter Symptomtherapie, Fertigkeiten-Training mit Motivationsaufbau). Gruppentherapie vertieft die Information: Alkoholabhängigkeit ist keine Charakterschwäche, sondern eine behandelbare Krankheit. Trinken werde meist durch eine heftige Frustration ausgelöst, wenn der Impuls, sich zu wehren, kindheitsbedingt nicht erlaubt ist (S. 140). Zur Therapie nach Sulz gehört auch, zwischen den Sitzungen „Hausaufgaben“ zu machen und diese Intervallarbeit zu protokollieren, auch um die Rückfallgefahr frühzeitig zu erkennen.

PKP bei chronischem Schmerz

Welche psychischen Faktoren tragen zur Entstehung, Exacerbation und Aufrechterhaltung der Schmerzen bei? Beim Fertigkeiten-Training kann der Patient von evidenzbasierten Interventionen bei chronischem Schmerz profitieren (Bio-psycho-soziales Modell). Er kann die Funktion haben, wichtige andere Gefühle nicht wahrzunehmen. Durch Verfahren zur Entspannung und Imagination lernt der Patient, Anspannung wahrzunehmen und zu reduzieren. Erst wenn er sein Schonverhalten durchbricht, macht er die Erfahrung, dass z.B. eine vermiedene Bewegung nicht den Schmerz hervorruft. Die Therapie richtet sich auf die Lebensqualität des Patienten aus, nicht auf die Schmerzintensität. Wird Wut auf andere unterdrückt, unangemessen ausagiert oder gegen sich selbst gewendet, können Achtsamkeitsübungen hilfreich wirken (S. 161 f.). Scham sei ein häufiges Gefühl bei chronischem Schmerz, wenn dieser nicht ernstgenommen werde. Daher gelte es herauszufinden, welche Werte Wohlgefühl hervorrufen oder verstärken, etwa bestimmte Beziehungen zu pflegen, Aktivitäten und Interessen wahrzunehmen.

Affektregulierung – Emotionsregulation

Nach vier Kapiteln PKP mit bestimmten Syndromen gibt Sulz in diesem Kapitel einen Überblick über sein psychotherapeutisches Grundverständnis und die Zielsetzung für die Zusammenarbeit von Patient und Therapeut:

  1. Rationelles und befriedigendes Stressmanagement
  2. Dysfunktionale Überlebensregeln durch Erlaubnis gebende Lebensregeln ersetzen
  3. Ggf. Persönlichkeitsentwicklung und Reifungsschritte nachholen

Einer psychologischen Bedeutungsklärung von Gefühlen der Freude, Trauer, Angst und Wut folgen detaillierte Instruktionen, Gefühle auszudrücken und sie in Handlungen umzusetzen. Dazu gehören Gefühlsexposition, Selbstbeobachtung, Rollenspiele und „emotive Gesprächsführung“ (der Therapeut erläutert, wie er die Gefühle des Patienten wahrnimmt). „Er folgt dessen Bewusstseinsprozess und verbindet Teilprozesse, damit der Patient zugleich fühlen und reflektieren kann.“ (S. 187–189). Der Therapeut begleitet, – er führt nicht.

Zwischenmenschliche Beziehung

Der Autor empfiehlt Patienten sich wichtige Bezugspersonen in einem gewünschten Abstand vorzustellen und erst innerlich, dann laut in Gegenwart des Therapeuten zu formulieren: „Ich fühle in mir …, mag an dir …, fürchte von dir …“ Darauf folgen Aufgaben für den Patienten je nach seiner Beziehungsform etwas zu ändern. Bei Selbstunsicheren z.B.: „Hätte ich weniger Angst, würde ich mehr Ärger zeigen/​meine Interessen mehr durchsetzen.“ Bei Passiv-Aggressiven: „Durch mein Verweigern bewahre ich mir Selbstbestimmung, möchte ich mich nicht ausnutzen lassen.“ (S. 193–196). Sulz betont, Grundängste aus Kindheitstagen, z.B. vor Trennung, Mangel an Unterstützung oder unterdrückt zu werden, liefen besonders Gefahr, dass aus Wiederholungszwang eintritt, was der Patient verhindern wollte. Durch gemeinsam gefundene Änderungsaufträge können Selbstinteressen erfolgreich vertreten werden, bzw. eine Balance zwischen den eigenen Bedürfnissen und den des Gegenübers hergestellt werden. Projekt-/​Aufgabenkarten können konkrete lebenspraktische Änderungen speichern. Mögliche Vorgehensweisen stehen exemplarisch und bildhaft auf S. 197–200.

III Forschung

Hier werden Studien zur Evaluation in Prozess und Outcome vorgestellt. Wie kann PKP wirksam werden? Therapieumfang und Dauer von Einzel- und Gruppensitzungen, stationär und ambulant, werden für die jeweiligen Syndrome überprüft. Positive Ergebnisse zeitigen insbesondere Depressionsbehandlungen, weniger für Alkoholabhängigkeit. Kommissionen für Verhaltenstherapie konnten entsprechend sinnvolle Änderungen bei Kostenübernahme-Verfahren der Krankenkassen erreichen.

IV Ausbildung

Ziel sei: „Ein guter Psychiater ist ein guter Psychotherapeut.“ Voraussetzung sei, dass Selbsterfahrung und psychotherapeutische Fallkonzepte viel früher in der Facharzt-Weiterbildung zum Zuge kommen, nicht erst ab dem 4. Jahr. Inzwischen sei sowohl das Interesse der Assistenzärzte als auch die Erkenntnis bei Ausbildern gewachsen, schon ab dem 1. Weiterbildungsjahr Psychotherapie-Theorie, Fallseminare und psychotherapeutische Behandlungspraxis mit Supervision zu erwerben bzw. zu vermitteln.

Diskussion

So flüssig geschrieben, so klar im Aufbau, so theoretisch wie praktisch fundiert sein Buch sich liest, könnten sich manche Leser doch fragen: Was kann Sulz eigentlich nicht? Was ist sein Anspruch angesichts einer diversen Therapieszene? Ist das die Antwort auf in den letzten 50 Jahren exponentiell vermehrt psychisch Kranke und enttäuschte Hoffnung auf neue Versorgungsstrategien? Der fachlich vielseitige Autor arbeitet als Therapeut, Forscher und Ausbilder. Durch eine schulenübergreifende Auswahl von Ressourcen, die bis in die 20er-Jahre zurückreichen, kann er nicht nur Verhaltenstherapeuten, sondern allen, die mit psychisch Kranken zu tun haben, neue Erfahrungen vermitteln. Sulz knüpft aus meiner Sicht an Einsichten und Optionen von Psychotherapeuten der Generation nach Freud und Jung an: Schultz (Autogenes Training und Imagination), Adler (Individualpsychologie als Teil des Gemeinschaftsgefühls), Moreno (Rollenspiele und Soziometrie), Buber (Ich-Du-Beziehung) u.a. Mit dieser Generation und ihren Schülern teilt Sulz eine Patient-Therapeut-Beziehung auf Augenhöhe, daraus schöpfendes Verstehen seines Gegenübers und ein prägnantes, nachvollziehbares therapeutisches Vorgehen.

Fazit

Serge Sulz bringt in seinem neuen Buch „Psychiatrische Kurz-Psychotherapie“ sein Konzept auf den Punkt, wie wirksam eine achtsame und strukturierte Vorgehensweise in der Therapie ist. Für 4 häufige psychische Erkrankungen (Depression, Angst/​Zwang, Alkoholabhängigkeit und chronischen Schmerz) stellt er individuelle Therapiepläne auf. Seine Erfahrung: Durch Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Therapeut und Patient lernt dieser selbst mit Gefühlen umzugehen und Beziehungen zu gestalten. Dank Nutzung von Sprechstunden-Karten und eigener Protokollnotizen schreitet der Erfolg rascher und nachhaltiger voran als in weniger strukturierten Therapien. In jahrzehntelanger Detailforschung haben Sulz und sein Team auch tiefenpsychologische und systemische Elemente in ihre Verhaltenstherapien einbezogen. Die hier vorgelegten Früchte in Klinik und Praxis zu studieren, lohnt sich für Therapeuten jeglicher Provenienz. Haben sie es doch mit zunehmend informierten Patienten zu tun.

Rezension von
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Es gibt 23 Rezensionen von Joachim Gneist.

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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 24.02.2022 zu: Serge K. D. Sulz, Julia Antoni, Stephanie Backmund-Abedinpour, Beate Deckert, Richard Hagleitner u.a.: Kurz-Psychotherapie mit Sprechstundenkarten. Wirksame Interventionen bei Depression, Angst- und Zwangserkrankungen, Alkoholabhängigkeit und chronischem Schmerz. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3019-1. Jänsch, Petra; Laux, Gerd; Schober, Susanne; Sichort-Hebing, Miriam Reihe: CIP-Medien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28117.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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