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Oliver König, Anna Schachner (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen gestalten

Rezensiert von Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers, 10.02.2022

Cover Oliver König, Anna Schachner (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen gestalten ISBN 978-3-8379-3039-9

Oliver König, Anna Schachner (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen gestalten. Wahrnehmungen, Wirkungen und Theorieentwicklung in der ambulanten Begleitung von erwachsenen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2020. 284 Seiten. ISBN 978-3-8379-3039-9. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
Reihe: Forum Psychosozial
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Thema

Das Buch wurde vor dem Hintergrund eines EU-Projekts „New Paths to InclUsion“ konzipiert. Der Verein „Leben ohne Krankenhaus“, der in Wien für Erwachsene mit psychischen Erkrankungen ein außerklinisches Begleitungs- und Unterstützungssystems auf der Basis einer „organisationskulturell gewachsenen non-direktiven Haltung einer »absichtsvollen Absichtslosigkeit«“ etabliert hat, dient als Gegenstand einer Fallstudie.

Diese wurde zwischen 2017 und 2019 durchgeführt und untersuchte niederschwellige Betreuungs- und Unterstützungsstrukturen, die, so die Autoren, selbst in Österreich dadurch ein Alleinstellungsmerkmal besitzen, dass sie weder eine fachärztliche Anbindung noch gar eine pharmakologische Behandlung zur Aufnahmebedingung machen.

Die Autoren äußern die Hoffnung, das Buch könne … „zu einer wichtigen Ressource, fachlichen Inspirationsquelle und/oder einem Nachschlagewerk… werden“.

Herausgeber und Autoren

Herausgeber des Buches sind Oliver Koenig und Anna Schachner, beide Österreich. König Professor für inklusive Pädagogik und Inklusionsmanagement an der Bertha von Suttner-Privatuniversität in St. Pölten. Schachner ist Soziologin und Bildungswissenschaftlerin und als „senior scientist“ für den Verein „queraum“ tätig.

Die jeweiligen fachlich-professionellen Hintergründe und/oder thematischen Bezüge der anderen Autorinnen und Autoren werden jeweils kurz nach dem Kapitel in einer „biographischen Notiz“ offengelegt. Die Mehrzahl stammt aus der Pädagogik mit dem Schwerpunkt „Inklusion“. Daneben leisten Akteure der Selbsthilfe, Fachkräfte im Projekt, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins „Leben ohne Krankenhaus“ bis hin zu Yvonne Kahl, einer Hochschullehrerin aus Düsseldorf, die eine Erweiterung der Perspektive über Österreich hinaus einbringt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in eine Vorwort sowie vier Teile, die „Historische Perspektiven“ (Kapitel 1 bis 3), „Fachliche Diskurse“ (Kapitel 4 bis 6), „Einblicke“ (Kapitel 7 und 8) und in Teil IV (Kapitel 9 bis 12) „Das Forschungsprojekt“ beschreiben.

Kapitel 1 befasst sich mit der „Historie der psychiatrischen Versorgung in Österreich“, für den deutschen Leser vor allem im Vergleich der teils parallelen kommunalen sozialpsychiatrischen Entwicklungen in den 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts, dem radikalen Zivilisationsbruch durch Ausgrenzungs-, Internierungs- und zuletzt Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten und die zwar gleichsinnig, aber asynchron verlaufenden Reformen nach dem 2. Weltkrieg.

Kapitel 2 bietet unter dem Titel „Sozialpsychiatrische Schritte auf dem Weg zu gelingender Hilfe“ analoge Darlegungen zur Geschichte in Deutschland von der Enquete bis zur UN-BRK und dem BTHG.

Kapitel 3 schließlich, „30 Jahre Verein LOK Leben ohne Krankenhaus – ein Entwicklungsbericht“ fokussiert auf den Mikrokosmos der Stadt Wien.

Kapitel 4 leitet mit einem Beitrag zum „Beitrag von Fachkräften zu Recovery-Prozessen“ die „fachlichen Diskurse“ ein, schildert schon zu Beginn das Spannungsfeld zwischen operationalisierbar-evidenzorientierten Perspektiven und dem individualisierten Zugang in der Begleitung einzelner Lebensläufe und -Entwürfe. Topor beklagt hier u.a. gut nachvollziehbar das Streben von Akteuren wie Kassen und Behörden nach „bürokratischen Formen der Kontrolle“.

Kapitel 5, „Recovery: mehr als Genesung“ führt in Konzeption und Begriffsgeschichte von „Recovery“ sowie sich daraus ergebende Anforderungen an der Versorgungssystem und professionelle Akteure ein, plädiert im Einklang etwa mit dem BTHG für die Einbeziehung der Betroffenen- wie Umgebungsperspektive.

Kapitel 6 „Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz“ bringt eine professionstheoretische Dimension in das Buch ein.

Die „Einblicke“; Abschnitt 3, bilden den Kern der Beschreibung der Konzepte und Arbeitsweisen von „Leben ohne Krankenhaus“ und gliedern sich in eine eindrucksvolle biographische, trialogisch gestaltete Kasuistik und eine Betrachtung aus Ex-In-(Experienced Involved/Experte aus eigener Erfahrung)-Sicht.

Abschnitt 4 befasst sich in vier Kapiteln mit dem Forschungsprojekt, in dem Design, Wirkungen und Wirkfaktoren der persönlichen Begleitung untersucht wurden. Die Autoren schließen hier an den Kenntnisstand zu methodenübergreifenden Wirkfaktoren der Psychotherapie an und versuchen, diese um sozialwissenschaftliche und gestalttheoretische Aspekte zu erweitern.

Formale Aspekte

Das Werk ist im üblichen, sparsam-nüchternen Layout des Psychosozial-Verlags gestaltet und verzichtet weitgehend auf optische Auflockerungen, Abbildungen und Tabellen. Die Endredaktion erfolgte sorgfältig.

Wie schon oben erwähnt, werden nach jedem Kapitel kurze Informationen zum Hintergrund der jeweiligen Autorinnen und Autoren gegeben: dies ist für die Einordnung hilfreich.

Diskussion

Das materialreiche Buch enthält eine umfassende Fülle von Einblicken in die historische Entwicklung und fachliche Ausrichtung psychiatriekritischer, -reformerischer und sozialpsychiatrischer Strukturen, Institutionen und Arbeitsweisen in der österreichischen Hauptstadt und ist für eine medizin- und psychiatriegeschichtlich, aber auch gesellschaftspolitisch interessierte Leserschaft primär in Österreich von daher sehr interessant.

Das inhaltlich gelungene, kompakte Kapitel zur parallelen psychiatriereformerischen und legislativen Entwicklung in Deutschland von der Enquete bis zum BTHG wirkt demgegenüber eher wie vom Verlag im Interesse einer breiteren Rezeption „angeflanscht“ als organisch eingebunden.

Der Titel suggeriert ein lehrbuchähnliches, methodenorientiertes Werk, ist aber eher ein Sammelband mit lockerem Zusammenhalt.

Davon abgesehen, liefert das Buch plastisch beschriebene, hoch engagierte, vor allem regionale und landesspezifische Einblicke, die aber mutatis mutandis auch andernorts in der außerklinischen sozialpsychiatrischen Arbeit gewinnbringend gelesen werden können.

Insgesamt trägt der Elan der Autorinnen und Autoren vor allem über die ersten drei Abschnitte. Eine letzte argumentative Schärfe kann ein Buch über „hilfreiche Beziehungen“, also schwer operationalisierbare und quantifizierbare Prozesse, nicht bieten. Das Buch ist sich dieser Tatsache aber bewusst. Gerade für Berufsanfänger und Quereinsteiger bietet es zudem spannende Einblicke in historische Prozesse, relativiert die Begeisterung über vermeintlich aktuelle Innovationen, die vor allem mit Kreativität im kurzfristig innovativen „Wording“ glänzen Es vermittelt damit eine Bescheidenheit vor Einsatz und Engagement in der, summarisch gesprochen, gemeinde- oder sozialpsychiatrischen Pionierarbeit früherer, schwierigerer Jahre. Das Buch führt in vielen nachdenklichen, sensiblen und von tiefem menschlichen Respekt vor dem individuellen So-Sein und der autonomen Lebensgestaltung auch schwer und langfristig psychisch erkrankter Menschen geprägten Kapiteln und Fallbeispielen auf die Essenz der menschlichen Begegnung als Basis von Kommunikation, Austausch und letztlich auch Anstoß von Veränderungsprozessen. Exemplarisch sei ein Beispiel von Topor genannt: Ein über Jahrzehnte schizophren erkrankter Mann wurde befragt, was für seine persönliche „recovery“ hilfreich gewesen sei: Eine Betreuerin habe ihm eine Rose geschenkt, die für ihn so eine hohe emotionale Bedeutung besaß, dass er sie getrocknet und über Jahre aufbewahrt habe. Eine solche „Mikro-Affirmation“, ein Parallelkonzept zur „Mikro-Aggression“, könne entscheidend sein. Zu Recht merkt Topor an, dass sich dieses individuelle Vorgehen schwer operationalisieren, gar mit institutionellen Anweisungen vereinbar machen lassen: im subjektiven Erleben betroffener Menschen können sie aber, um den Titel des Buches aufzugreifen, äußerst „hilfreich“ sein, Wendepunkte markieren.

Der in den Abschlusskapiteln abgehandelte Versuch, das Thema des Buchs in den Rahmen einer umfassenden, oft eher assoziativ an Begriffe aus der Gestalttheorie anknüpfende Theoriebildung zu pressen, wirkt dagegen teils etwas bemüht. Vieles, das elaboriert gestalttheoretisch beschrieben wird, kann ebensogut oder besser systemisch oder lernpsychologisch begriffen werden – hier spürt man die Grenzen eines pädagogisch-soziologischen Zugangs.

Die pointierte Abgrenzung fast aller Beiträge gegenüber der als „biomedizinisch“ etikettierten Psychiatrie ist aus dem Hintergrund des Fokus des Buches erklärlich; allerdings führen rhetorische Überspitzungen nicht immer zu überzeugenden Argumenten. Tatsächlich sind viele zusammenfassend als emanzipatorische, partizipative, sozialpsychiatrisch etc. zu fassende Erkenntnisse mittlerweile „Mainstream“ einer modernen Psychiatrie und Psychotherapie. Sie werden an den Universitäten gelehrt und haben selbstverständlich auch Eingang in Behandlungsstandards, zum Beispiel in die Leitlinie „Psychosoziale Therapie bei schweren psychischen Erkrankungen“ der AWMF gefunden. An dieser Leitlinie hat etwa die Psychiaterin Frau Amering, Autorin des Kapitels „Recovery- mehr als Genesung“ in diesem Buch, selbst mitgewirkt. Gerade in Deutschland fehlt es eher an Lösungen für bürokratische Schnittstellenprobleme und Wegen zu lebensweltnahen Umsetzungen als an dem Willen und der Erkenntnis des Faches Psychiatrie und Psychotherapie. Es hätte dem Buch gut angestanden, hier weniger einen Pappkameraden aufzubauen, stattdesssen diese zentrale Leitlinie zu erwähnen und so Brücken zu bauen; vielleicht haben die Herausgeber aber auch aus einer weltanschaulichen Voreingenommenheit nicht herausgefunden.

Fazit

Das Buch ist keine „leichte“ Lektüre, vor allem keine für „Anfänger“, es ist vor allem ein engagiertes Statement, und die etwas irreführende, an ein Methodenlehrbuch erinnernde Betitelung des Verlages irritiert. Hat man dies aber im Hinterkopf und verfügt über die notwendigen fachlichen Hintergrundkenntnisse, möchte man es nicht missen und es allen Berufsgruppen, die im weitesten Sinne sozialpsychiatrisch tätig sind, dringend ans Herz legen.

Rezension von
Prof. Dr. med. Hanns Rüdiger Röttgers
Politikwissenschaftler (M.A.) und Mediziner (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Öffentliches Gesundheitswesen, Umweltmedizin), Lehrgebiet Gesundheitswissenschaft und Sozialmedizin, Leiter des Masterstudiengangs Therapie, Förderung, Betreuung (Clinical Casework) – Psychosoziale Hilfen für gesundheitlich gefährdete, erkrankte und behinderte Menschen, Fachbereich Sozialwesen, Fachhochschule Münster.
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Es gibt 10 Rezensionen von Hanns Rüdiger Röttgers.

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Zitiervorschlag
Hanns Rüdiger Röttgers. Rezension vom 10.02.2022 zu: Oliver König, Anna Schachner (Hrsg.): Hilfreiche Beziehungen gestalten. Wahrnehmungen, Wirkungen und Theorieentwicklung in der ambulanten Begleitung von erwachsenen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3039-9. Reihe: Forum Psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28123.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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