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Daniel Voigt: Ängste, Panik, Sorgen

Cover Daniel Voigt: Ängste, Panik, Sorgen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. 240 Seiten. ISBN 978-3-8497-0373-8. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Störungen systemisch behandeln - 18.
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Autor

Daniel Voigt, Diplom-Psychologe, Systemischer Familientherapeut (DGSF), Traumatherapeut (EMDR), Verhaltenstherapeut, Systemischer Supervisor (DGSF), ausgebildet in klinischer Hypnose/​Hypnotherapie, Fortbildungen in Acceptance- und Commitment-Therapie (ACT) und Ego-State-Therapie. Seit 2012 in eigene Praxis für Einzel-, Paar- und Familientherapie, Coaching und Supervision tätig. Zudem Supervisor und Lehrtherapeut in der Systemischen Psychotherapieausbildung (GST Berlin, IF Weinheim).

Thema

Im Buch wird erläutert, welche Denkmuster und Charakteristika typisch für Ängste, Panik und Sorgen sind und was aus systemischer Sicht getan werden kann, um diese zu lindern bzw. konstruktiv(er) mit ihnen umzugehen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Verlag Carl-Auer erschienen, der sich auf die Publikation von Werken mit systemischem und systemtheoretischem Schwerpunkt spezialisiert hat. Es ist in 8 Kapitel unterteilt und hat 240 Seiten. Im ersten Kapitel (Einführung) klärt der Autor auf 4 ½ Seiten über das Wesen der Angst auf. Dieser kommt ihm zufolge eine überlebenswichtige Funktion zu. Voigt schildert, dass und warum es allerdings problematisch sei, wenn sich die Angst immer mehr ausweitet, da sie sich so von einer hilfreichen Beschützerin zu einer echten Belastung wandelt. Ein konstruktiver Umgang mit Angst zeichnet sich Voigt zufolge nicht dadurch aus, dass diese nicht verspürt oder negiert wird, sondern dadurch, dass gelernt wird, trotz und mit Angst handlungsfähig zu bleiben. Das Gegenteil von Angst ist dem Autor zufolge nicht „keine Angst“, sondern „Vertrauen, Mut und Freiheit“ (S. 17). Das Ziel einer systemischen Therapie ist Voigt zufolge „eine Veränderung der Beziehung zur Angst: Akzeptanz, Integration und Kooperation“ (ebd.), damit Klient*innen bzw. Patient*innen sich nicht länger hilflos fühlen, sondern erlernen, Spannungen zu regulieren und sich zu beruhigen. Durch das Aufzeigen von Methoden und Strategien will der Autor dazu beitragen, dass das gelingt, wobei er sich vornehmlich an systemische Therapeut*innen richtet. Diesen will er mit seinem Buch Anregungen und Hilfestellung geben, indem er „etwas Geländekenntnis im Netzwerk der Angst“ (ebd.) vermittelt.

Im 2. Kapitel (Klinische Perspektive auf Angst), welches 32 Seiten umfasst, betrachtet der Autor das Phänomen Angst aus wissenschaftlich-medizinischer Sicht. Er beschreibt, wann Ängste und Sorgen „normal“ sind und was gegeben sein muss, damit diese als krankhaft klassifiziert werden. Voigt geht in diesem Kapitel auf Definitionen, Diagnostiken und Bearbeitungsstrategien ein, welche die klassische Medizin und Psychotherapie bereithalten. Mittels anonymisierter Fallbeschreibungen nimmt er sich der Aufgabe an, „Probleme, die mit Angst verbunden sind, unter klinischer Störungsperspektive zu betrachten und zu sortieren“ (S. 26). Der Autor beleuchtet spezifische Phobien, Panikstörungen, Agoraphobie, die generalisierte Angststörung, die soziale Angststörung, Trennungsangst, Krankheitsangst und andere Störungen, die bei Ängsten im Vordergrund stehen. Er geht ein auf die Symptome, die Häufigkeit, die Auslöser und den typischen Verlauf der genannten Störung, wodurch ein solides Überblickswissen vermittelt wird.

Im 3. Kapitel (Ideenpools: Theoretische Perspektiven auf Angst), das einen Umfang von 34 Seiten hat, beschreibt Voigt wichtige Perspektiven auf Angst, „die in den Neurowissenschaften, der Psychoanalyse, der Verhaltenstherapie etc. entwickelt wurden“ (S. 54). Er thematisiert vor allem Konzepte und Ideen, die „in systemische Ansätze eingeflossen“ sind (ebd.). Die genannten Perspektiven erläutert der Autor schriftlich sowie mittels erklärender Schaubilder, die Auskunft darüber geben, was wann und wo im System Mensch passiert, welche Inputs von Gehirn also derart wahrgenommen werden, dass das körpereigene Alarmsystem anschlägt. Der Autor ergänzt seine theoretischen Erläuterungen dessen, welche Perspektiven auf Angst im Fachdiskurs verbreitet sind, mit beispielhaften Darlegungen dessen, was dies für die Arbeit mit Angststörungen bedeutet. Er legt dar, welche Erkenntnisse für konkretes (systemisches) Handeln sich daraus ableiten lassen.

Das 4. Kapitel (Systemische Perspektiven auf Angst) ist der genuin systemischen Betrachtungsweise der Angst gewidmet. Auf insgesamt 26 Seiten nimmt der Autor eine dezidiert systemische Perspektive ein und beleuchtet Angststörungen durch die „Brille“ des Systemikers. Sein Ansinnen in diesem Kapitel ist es „verschiedene systemische Perspektiven auf die Entstehung und Aufrechterhaltung von Angststörungen“ vorzunehmen (S. 88), wobei er betont, dass eine einheitliche störungsspezifische Theorie von Angst in der systemischen Therapie nicht existiere. Voigt beleuchtet zirkuläre und sich selbst verstärkende Prozesse, die Angst entstehen lassen und am „Leben“ halten. Er geht in diesem Kapitel auf mögliche Funktionen und den Nutzen der Angst ein. Zudem rekurriert der Autor auf die Dynamik von Wirkungen und Wechselwirkungen in unterschiedlichen Systemen, die mit der von Angst betroffenen Person in Verbindung stehen. Ferner legt der Autor dar, wie unterschiedliche Charakter-Typen mit Angst umgehen, wie das auf ihre Umwelt wirken kann und welche Konsequenzen es haben kann. Voigt macht deutlich, dass es nicht den einen singulären Ansatz gibt, sich der Angstthematik aus systemischer Sicht anzunehmen, sondern mehrerer.

Im 5. Kapitel (Systemische Therapietheorie), das mit 7 Seiten sehr kurz gehalten ist, befasst sich Voigt mit theoretischen Grundlagen systemischer Therapiemodelle. „Was kennzeichnet Systemische Therapie und welche Veränderungsprinzipien nimmt sie für therapeutische Prozesse ein?“ – so lautet die erkenntnisleitende Frage in diesem Kapitel. Der Autor thematisiert die institutionellen und personalen Grundlagen dessen, was in der Therapie gegeben sein sollte und geht auch auf Dilemmata ein, mit denen sich Therapeut*innen während ihrer Arbeit mit und für Klient*innen konfrontiert sehen.

Im 6. Kapitel (Praktisches Vorgehen und Methoden), welches mit Abstand das längste ist und den Kern des Buches bildet, finden sich auf 98 Seiten konkrete Anregungen, Hilfestellungen und Interpretationshilfen, die Voigt systemischen Therapeut*innen (aber auch selbst von Angst betroffenen Personen) an die Hand gibt. Tools wie Refraiming, Metaphorik, Storytelling und Externalisierung werden vom Autor ausführlich hinsichtlich ihres Nutzen beschrieben. Dies erfolgt anhand zahlreicher Beispielschilderungen und Übungen. Aspekte wie die Wirkung von Atemtechniken werden hier ebenso thematisiert wie Body-to-Brain-Übungen, Drucktechniken, motorische Koordinationsübungen und Klopfen. Es zeigt sich in diesem Kapitel eine enorme Vielfalt dessen, wie Therapeut*innen (und selbst von Angst betroffene Menschen) sich Ängsten, Panik und Sorgen mittels einer systemischen Sicht- und Interpretationsweise annähern und diese bearbeiten können. Darüber hinaus gibt der Autor Tipps zur Rückfallprophylaxe. Auch in diesem Kapitel werden diverse Schilderungen um erklärende Schaubilder ergänzt.

Im 7. Kapitel (Was sonst noch hilft) geht Voigt auf insgesamt 5 Seiten auf weitere, nicht genuin systemisch konnotierte, aber gleichwohl nützliche Aspekte zur Angstregulierung wie Rituale und Achtsamkeitsübungen ein. Auch die medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva wird beleuchtet, wobei der Autor auch seine eigene Einstellung zum Thema Medikamente darlegt. Er erklärt, dass eine medikamentöse Behandlung wohlüberlegt und ärztlich begleitet erfolgen solle, dass diese insbesondere bei schweren depressiven Symptomen indes durchaus indiziert sein könne.

Im 8. Kapitel (Stand der Forschung: Wirksamkeitsnachweise) skizziert Voigt auf knapp 1 ½ Seiten den aktuellen Forschungsstand zur systemischen Therapie. Er berichtet von zwei Studien, die eine Überlegenheit der systemischen Therapie gegenüber einer kognitiven Verhaltenstherapie bei sozialen Ängsten nahelegen, erklärt aber auch, dass sich eine grundsätzliche Überlegenheit des systemischen Therapieansatzes gegenüber anderer Psychotherapieverfahren bisher nicht belegen ließe. Es zeigt sich somit, dass das systemische Verfahren in der Angstbearbeitung eines von vielen ist, die erfolgversprechend sein können.

Diskussion

Potenzielle Leser*innen wollen sicher wissen, ob sich die Lektüre des hier rezensierten Buches lohnt. Unter Berücksichtigung dessen, dass die Antwort darauf immer von Stand des Vorwissens der Leser*innen abhängt, kann diese Frage grundsätzlich bejaht werden. Daniel Voigt nimmt sich eines enorm komplexen Themenspektrums an. Es gelingt ihm erstaunlich gut, den Komplex so aufzubereiten und zu veranschaulichen, dass dieser auch für Menschen verständlich ist, die nur wenig systemisches und psychotherapeutisches Vorwissen mitbringen. Besonders angenehm und erkenntnisförderlich sind die diversen Fallbeispiele von Personen, welche die theoretischen Abhandlungen ergänzen. Durch sie können sich Leser*innen ein gutes Bild davon machen, wie sich die Auswirkungen von Ängsten, Panik und Sorgen, derer sich der Autor im Fließtext theoretisch annimmt, in der Praxis zeigen. Das fördert den Realitätsbezug und macht das Werk anschaulicher, als das bei vielen Lehrbüchern der Fall ist.

Die Schaubilder, die allesamt gut erkennbar und inhaltlich plausibel sind, erleichtern das Verständnis des im Text Dargelegten. Dem Verständnis sehr zuträglich ist zudem, dass der Autor seinen Text in zahlreiche Unterkapitel unterteilt, was es erleichtert, die komplexe Materie „häppchenweise“ zu „verdauen“. Dadurch, dass die jeweils konkret thematisierten Punkte in den Unterkapitel-Überschriften benannt sind, eignet sich das Buch somit auch als Nachschlagewerk, wenn man zu einem bestimmten Aspekt im Umgang mit der Angst etwas wissen will. Alles in allem ist der Text eine gelungene Mischung aus wissenschaftlicher Abhandlung und Ratgeber. Er zeichnet sich überdies aus durch eine angenehme Zurückhaltung in der Diagnostik wie auch durch Skepsis gegenüber der Pathologisierung mancher Störungen.

Fazit

Daniel Voigt hat mit „Ängste, Panik, Sorgen“ ein sehr gut geschriebenes, erkenntnisreiches Buch vorgelegt, das nicht nur für systemische Therapeut*innen interessant ist, sondern auch für selbst von Angst betroffene Personen einige Aha-Erlebnisse und Verhaltensanregungen bereithält. Die Lektüre kann all jenen Menschen empfohlen werden, die einen systemischen Umgang mit Ängsten und Panikstörungen erlernen wollen.


Rezension von
Dr. phil. Christian Philipp Nixdorf
Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge (FH), Organisationspädagoge M. A., Systemischer Berater (DGSF), Case Manager im Gesundheits- und Sozialwesen (DGCC), zertifizierter Mediator, arbeitet als Organisationsberater, Coach und Konfliktmanager.
Homepage www.serene-success.de
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Zitiervorschlag
Christian Philipp Nixdorf. Rezension vom 07.05.2021 zu: Daniel Voigt: Ängste, Panik, Sorgen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2021. ISBN 978-3-8497-0373-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28127.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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