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Hans G. Bauer, Fritz Böhle: Haarige Kunst

Cover Hans G. Bauer, Fritz Böhle: Haarige Kunst. über den Eigensinn des Haars und das Können von Friseuren. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2020. 175 Seiten. ISBN 978-3-658-29086-3. D: 22,99 EUR, A: 23,63 EUR, CH: 25,50 sFr.
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Thema

Wer kennt sie nicht, die ersten Minuten vor dem Spiegel eines Friseursalons? Man blickt auf einen Kopf und seine Behaarung, mit dem man ganz und gar nicht mehr einverstanden ist und hofft. Hofft, dass man diesen Salon attraktiv und gepflegt verlässt. Und zugleich fühlt man ein klein bisschen Angst und Zweifel, ob einen der/die Friseur*in versteht, ob sie/er es hinkriegt, ob er/sie nicht zu viel wegschneidet, ob man hinterher nicht spießig aussieht, ob die Geheimratsecken nicht noch stärker hervortreten. Es geht um viel und die Sache ist komplex. Hans G. Bauer und Fritz Böhle haben über dieses komplexe Geschehen im Friseursalon ein Buch mit dem Titel „Haarige Kunst. Über den Eigensinn des Haares und das Können von Friseuren“ (2020) geschrieben.

Entstehungshintergrund

Die beiden Autoren argumentieren aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven. Hans G. Bauer verfolgt eine berufspädagogische, Fritz Böhle eine arbeitssoziologische Perspektive; beide verknüpfen ihre Analyse mit kulturhistorischen und kulturwissenschaftlichen Betrachtungen. Ihr empirisches Reservoir bilden leitfadengestützte Interviews mit Friseur*innen sowie die Internetplattform „Haarige Seite“, auf der in vielen Geschichten über den Friseurbesuch, über Friseur*innen und ihre Kunden*innen erzählt wird. Theoretischer Hintergrund ist das von Fritz Böhle entwickelte Konzept des subjektivierenden Arbeitshandelns, mit dem die sinnlich-emotionale Beziehung zwischen Handlungssubjekt und seinem Arbeitsgegenstand in Ergänzung zum fachlichen Arbeitshandeln hervorgehoben wird. Dieses Konzept, das im produzierenden Bereich entwickelt wurde, wird in dem Buch auf ein Handwerk im Dienstleistungsbereich übertragen.

Aufbau

Dass das Haar und seine Bearbeitung auf unterschiedlichen Ebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven Beachtung erfährt, machen die Autoren bereits im ersten Kapitel deutlich. Alltag, Kultur, Wissenschaft, Handwerk bilden Ausgangspunkte für unterschiedliche Auseinandersetzungen mit Haaren. In einem anschließenden kulturhistorischen Streifzug wird herausgearbeitet, dass Haare zu allen „Zeiten etwas vom Verhältnis des Menschen zu seinem Körper und zu sich selbst widerspiegeln“. Es folgt ein soziodemografischer Blick auf jüngere Entwicklungen im Friseurhandwerk und auf die Lage von Friseur*innen, die sich in Daten und Fakten abbilden. Das 4. Kapitel schließlich thematisiert die „Interaktionsarbeit“, die sich zwischen Friseur*innen, dem Haar und den „Haarträger*innen“ abspielt. Im Mittelpunkt stehen die besonderen, von Friseur*innen geforderten Kompetenzen, die weit über das Fachliche im engeren Sinn hinausgehen.

Inhalt

Was macht eine(n) gute(n) Friseur*in aus?, lautet die zentrale Frage im Buch. Das lässt sich aber nur beantworten, wenn man den Gegenstand, auf das sich dieses Können richten soll, analysiert: das Haar. Das Haar, so die Autoren, ist kein lebloses Objekt. Es ist höchst eigenwillig, eigensinnig und widerspenstig. Die Pläne von Friseur*innen und Kund*innen fallen flach, wenn das Haar es anders will. Es stellt sich die Frage, wie man mit dem Nicht-Planbaren des Haares umgeht. Es sei nicht ratsam, so ein Vertreter des Friseurhandwerks im Buch, gegen die Widerspenstigkeit des Haares anzukämpfen, es bändigen zu wollen. Nein, man müsse mit dem Haar zusammenarbeiten. Das Haar sei ein Partner und als solcher will es behandelt werden. Man müsse sich an die Besonderheit des Haares herantasten, müsse sehen, ertasten, hören, alle Sinne seien gefragt. Man müsse sich fragen, was kann ich dem Haar anbieten?

Da hatten es die „Haarmacher“ im 16. und 17. Jh. einfacher, als es in der höfischen Kultur bei Männern und Frauen Mode war, die Haare zu rasieren und eine Perücke zu tragen. Die Perücke avancierte in dieser Zeit zu einem Statussymbol. Ludwig XIV war stolz auf seine 40 „Perruquiers“. Auch die Geschichte des Haares, genauer die der Haartrachten und ihrer Bearbeiter, wird in dem Buch beleuchtet. Letztere erfuhren im Laufe der Zeit unterschiedliche Bezeichnungen wie Bader, Barbier, Scherer und schließlich Friseur. Die Aufgabengebiete wechselten ebenfalls, reichten ins Medizinische und Kosmetische hinein, bevor für Teilaufgaben neue Berufe entstanden. Bader offerierten nicht nur ein Bad, sondern auch den Aderlass, das Schröpfen, die Behandlung von Wunden, Zähnen, Hautkrankheiten und von Knochenbrüchen. Es ging um körpernahe Tätigkeiten, die viel mit der Persönlichkeit der „Behandelten“ zu tun hatten. Das ist bis heute so geblieben, haben die Autoren festgestellt. Das Haar habe nicht nur eine natürlich-biologische Schutzfunktion, es sei Teil der Persönlichkeit, könne diese aufwerten oder in ein ungünstiges Licht rücken. Diese Persönlichkeit müsse, wie Friseur*innen im Buch berichten, ins Kalkül gezogen werden. Es gehe um Vertrauensbildung, um die Einbindung der Kund*innen, um das Erfassen seiner/​ihrer Wünsche, um Beruhigung, um Zuspruch. Das beginnt mit dem ersten Blick; der fachlich geschulte Blick erfasst auf Anhieb, was für das Kreieren einer Frisur von Bedeutung ist: Gesichtsform, Wirbel, Haaransatz, Sprungkraft des Haares, Stirn- und Halshöhe. Die erforderliche Kundensensibilität setzt sich fort im „Friseurgespräch“, wie die Autoren es nennen. Neben dem Haar, dem gewünschten Schnitt oder der neuen Haarfarbe lebe dieses Gespräch aus vielen weiteren Themen wie Urlaub, Kinder, Krankheit, Beruf, Politik. Von Friseur*innen sei kommunikatives Geschick gefordert, um das jeweils passende Verhältnis zwischen Nähe und Distanz, Privatem und Allgemeinem, Persönlichem und Sachlichem, Zuhören und eigener Rede herauszufinden.

Die Professionalität von Friseur*innen beruht also nicht nur auf Fachwissen und systematisch-methodischem Vorgehen, sondern ebenso – das ist eine zentrale These der Autoren – auf Erfahrungswissen, auf körperlich-sinnlichem Gespür und Empathie. Die Autoren sprechen von einer „professionellen Intimität“, die theoretisch im Konzept des erfahrungsgeleiteten- subjektivierenden Arbeitshandeln verankert wird.

Diskussion

Der arbeitssoziologische, berufspädagogische, mit kulturwissenschaftlichen Argumenten angereicherte Zugang ist ein der Komplexität des Geschehens in einem Friseursalon angemessener Zugang. Die Theorie wird nebenher und immer in enger Verbindung mit dem Konkreten, sei es das Haar und seine Geschichte, die Interaktionssituation mit Kund*innen oder die Strategien der „Haarbearbeiter*innen“ vermittelt. Das macht die Lektüre höchst amüsant. Die in den Text integrierten Darstellungen aus der Malerei und Fotografie unterstützen den Unterhaltungswert. Dieser schmälert aber nicht den Erkenntniswert. Friseur*innen in Ausbildung können dem Buch entnehmen, was neben dem fachlichen Können auch zur Professionalität gehört und jene, die tagtäglich im Friseursalon stehen, liefert es Einblicke in die Komplexität ihrer Tätigkeit, deren Wert ihnen so vielleicht noch gar nicht bewusst war. Schließlich weisen die am Beispiel des Friseurhandwerks gewonnenen Erkenntnisse über dieses Handwerk hinaus, weil sie auch für andere körpernahe Dienstleistungsberufe Gültigkeit besitzen dürften.

Aufgrund eines grassierenden Virus müssen wir seit Monaten auf all diese Dienstleistungen verzichten. Nicht nur die Haare sind in diesen Monaten gewachsen, es scheint, dass auch deren Bedeutung zugenommen hat. Wir sehnen uns nach dem neuen Schnitt, der kessen Welle, nach einem gepflegten Äußeren, aber ist es nur das? Vielleicht sehnen wir uns auch nach dem von Bauer und Böhle beschriebenen Kitzel, der dem ordnenden Eingriff in die Haarpracht anhaftet, weil das Zusammenspiel von Haar, Friseur*in und Kund*in stets Unwägbarkeiten enthält.

Fazit

Das Buch verbindet empirische Erkenntnisse und theoretische Reflexionen zu einer Lektüre, die an alltäglichen Erfahrungen anknüpft und doch viel Neues enthält. Sie lässt uns staunen, schmunzeln, ist höchst informativ und evoziert neue Blicke auf ein „haariges“ Interaktionsgeschehen.

The book combines empirical knowledge and theoretical reflections into a reading that is linked to everyday experiences and yet contains a lot of new things. It amazes us, makes us smile, is extremely informative and evokes new perspectives on a „hairy“ interaction.


Rezension von
Univ. Prof. Dr. Christina Schachtner
Homepage christinaschachtner.wordpress.com
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Zitiervorschlag
Christina Schachtner. Rezension vom 30.03.2021 zu: Hans G. Bauer, Fritz Böhle: Haarige Kunst. über den Eigensinn des Haars und das Können von Friseuren. Springer International Publishing AG (Cham/Heidelberg/New York/Dordrecht/London) 2020. ISBN 978-3-658-29086-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28129.php, Datum des Zugriffs 22.04.2021.


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