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Udo Sierck: Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld

Cover Udo Sierck: Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld. 120 Jahre Behindertenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 114 Seiten. ISBN 978-3-7799-6332-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Die Publikation befasst sich mit Behindertenbildern in der Literatur für Kinder und Jugendliche. Vom Kaiserreich bis 2020 werden Texte sozialhistorisch eingeordnet und zu Kontinuitäten und Brüchen untersucht.

Autor

Udo Sierck ist 1956 geboren, Diplom-Bibliothekar und freier Autor. Er ist und war in der Behindertenbewegung aktiv.

Entstehungshintergrund

Für den Autor besteht die Motivation zu dieser Publikation aus zwei Gründen:

  1. fragt er danach, „seit wann und wie Autoren […] in der Kinder- und Jugendliteratur Behindertenbilder entwerfen, die allein ihre Vorstellungs- und Gedankenwelt beschreiben“ (S. 7);
  2. liegen, verglichen zu englischsprachigen Untersuchungen der Behindertenbilder, zur Kinder- und Jugendliteratur in den Disability Studies im deutschen Sprachraum wenig Ergebnisse vor.

Aufbau und Inhalt

  1. Einleitung
  2. Zeittafel
  3. Von der „Schatzinsel“ zur „Quasselstrippe“
  4. Perspektivwechsel: Zerplatzte Träume und erfüllte Wünsche

Die Veröffentlichung widmet sich Romanen, Erzählungen und Texten, in denen Figuren mit einer Behinderung enthalten sind. In den annähernd 100 Dokumenten werden die Kernaussagen kommentiert und sozialhistorisch eingeordnet. Von 1900 bis 2020 sind Kontinuitäten in den Behindertenbildern feststellbar. Einige Beispiele:

In „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson haben der Blinde und der Einbeinige eine finstere Rolle.

Bei „Jeß, der Krüppel oder Die Tochter des Hopfenpflückers“ von Louise Marston aus dem Jahre 1899 ist die behinderte Jeß ein Muster für religiös motivierte Heilserwartungen. Dies ist ein Hinweis auf die Behindertenhilfe unter dem Dach der 1897 gegründeten Caritas.

Um 1900 veröffentlichte Ernst Evers „Das Sorgenkind und die Segenskinder. Eine Weihnachtsgeschichte“. Hier wird der Beginn der Aussonderung über die christliche Nächstenliebe erzählt. Und: „Noch heute prangt über der Kirchentür der Hamburger Stiftung Alsterdorf, ehemals Alsterdorfer Anstalten, das Versprechen: ‚Den Armen wird das Evangelium gepredigt‘“ (S. 19).

Mit Johanna Spyris „Die Lahmen laufen“ wollte der Wichern-Verlag über die göttliche Heilungskraft berichten. Denn, „wer in diesem Glauben stark blieb, durfte auf irdische Wunder in misslicher Lage“ (S. 27) hoffen.

In der „Mathematik für höhere Schulen“ von Frank Hermann und Josef Meyer wurde 1942 danach gefragt, wie viel – überflüssige – Kosten behinderte Menschen verursachen. In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts enthielten die Mathematikbücher Aufgaben, die z.B. die Kosten des Baus einer Irrenanstalt aufführten und danach fragten, wie viele Siedlungshäuser für diese Summe hätten errichtet werden können.

Wilhelm Blaufuß und Oskar Hochgräfe präsentieren 1944 in „Lebensnahe Berufs- und Rechtskunde für Mädchenklassen der Berufs- und Fachschulen“ eine Lektion zur Wahl des Ehepartners – und dieser soll vollumfänglich gesund sein. Zum Feindbild gehören kranke und behinderte Menschen.

Der Diakon Edgar Baum stellte 1949 in „Der Humpelfritz und seine Bande. Eine Jungengeschichte“ dar, „wie Fürsorge und Macht sich mit dem Anspruch christlicher Nächstenliebe bedenkenlos vereinbaren ließen“ (S. 49). In Humpelfritz wird das Sorgenkind, der Bösewicht und der Alltagsheld erkennbar.

Willi Meinck stellt 1964 in „Salvi Fünf oder Der zerrissene Faden“ den blinden Francesco vor, der das solidarische Miteinander in Armut demonstrieren soll. „Nach diesem Muster funktionierte die 1964 als Reaktion auf den Contergan-Skandal vom ZDF ins Leben gerufene und mit regelmäßigen Showsendungen und Fernsehbeiträgen unterstützte Soziallotterie der ‚Aktion Sorgenkind‘. Behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene wurden als bedauernswerte Geschöpfe präsentiert, deren Anblick an das Mitleid und damit die Spendenbereitschaft der Zuschauer appellieren sollte. Mit Abgabe der Spende bei gleichzeitiger Hoffnung auf einen Gewinn brauchte niemand ein schlechtes Gewissen zu haben, das behinderte Menschen im Alltag nicht vorkamen“ (S. 62).

Die Integration im Blick hatte Max von der Grün, als er 1976 die „Vorstadtkrokodile. Eine Geschichte vom Aufpassen“ veröffentlichte, obwohl die Geschichte das Bild vom gefesselten Rollstuhlfahrer wiederholt, der Ausgrenzung erfährt.

Aktuell erscheint 2020 von Morris Gleitzmann in 12. Auflage der Roman „Quasselstrippe“. Rowena und ihr Vater nutzen zum Sprechen Gebärden. Rowena kann nicht sprechen. Der „Erfolg hängt sicher mit der Leichtigkeit des Erzählens zusammen, verbunden mit skurrilem Humor und der Umkehrung des Üblichen“ (S. 104), denn wer denkt bei einer Quasselstrippe an einen Menschen, der nicht sprechen kann.

„Behinderung ist eine Prüfung Gottes, die zu ihm führt“ (S. 105), wie es der Autor im Perspektivwechsel über zerplatze Träume und erfüllte Wünsche feststellt, denn „bei festem Glauben verschwindet die Beeinträchtigung, wie ein böser Spuk“.

Diskussion

Diskussionswürdig finde ich die Feststellung des Verfassers, dass das was sichtbar ist einen entscheidenden Faktor in den Behindertenbildern der Kinder- und Jugendliteratur hat, weil es sich halt leichter beschreiben und verharmlosen lässt. Viele Menschen, die mit den Folgen einer, häufig nicht sichtbaren, schweren Hirnverletzung leben, werden in ihrem Behindertsein oft nicht wahrgenommen, was im Lebenslauf negative Konsequenzen haben kann.

Im Perspektivwechsel stellt Sierck heraus, dass behinderte Kinder oder Erwachsene Herausragendes vollbringen müssen, damit ihnen Akzeptanz zukommt. So sagte in den 1990er Jahren der Leiter eines städtischen Jugendamtes zu einem behinderten Bewerber, dass er bei der Leistungsfähigkeit von behinderten Mitarbeitenden genauer hinschauen würde als bei nichtbehinderten Mitarbeitenden. Bei Letztgenannten würde er auch schon mal ein Auge zudrücken!

Fazit

In den betrachteten 120 Jahren sind Veränderungen, Entwicklungen erkennbar, die der Ausgrenzung und Diskriminierung entgegenstehen. „Für die Akzeptanz behinderter Menschen haben die Sorgenkinder ausgedient“ (S. 107). Aus den Sorgenkindern – und das war 1964 vielleicht noch nicht abzusehen – werden Menschen, so wie die Aktion Sorgenkind zur Aktion Mensch mutiert ist.

„Es mangelt […] an Bücher, in denen behinderte Kinder und Jugendliche sich selbst wiedererkennen und mit ihren Helden mitfiebern können. […] Gefragt sind Erzählungen, die die Lebenswirklichkeit abbilden und beschwingt auf den Kopf stellen, Texte, die Lebensfreude vermitteln und Trauer zulassen, Romane, in denen Träume zerplatzen und Wünsche sich erfüllen“ (S. 107).


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 10.03.2021 zu: Udo Sierck: Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld. 120 Jahre Behindertenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6332-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28136.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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