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Udo Sierck: Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld

Cover Udo Sierck: Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld. 120 Jahre Behindertenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 114 Seiten. ISBN 978-3-7799-6332-5. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Der Diskurs über Menschen mit Behinderung ist ein beliebter Untersuchungsgegenstand der Disability Studies. Dabei spielt gerade das massenmedial vermittelte Bild von Behinderungen eine herausgehobene Rolle in der Forschung. So existieren Arbeiten zur Darstellung von Menschen mit Behinderung in der Kunst, in der Spendenwerbung oder in Film und Fernsehen. Andere Arbeiten beschäftigen sich beispielsweise mit der Begriffsgeschichte der Bezeichnung „Behinderung.“

Die Darstellung von Menschen mit Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur spielte dagegen in der deutschsprachigen Forschung bislang eher eine untergeordnete Rolle. Dabei sind es ja gerade diese Medien, die zu einem frühen Zeitpunkt der persönlichen Entwicklung jedes Menschen einen großen Einfluss auf individuelle Perspektiven und Weltwahrnehmungen haben. Udo Sierck unternimmt in „Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld“ einen Näherungsversuch an dieses Forschungsfeld.

Autor

Beschäftigt man sich mit der Geschichte der deutschen Behindertenbewegung kommt man an dem Autoren Udo Sierck nicht vorbei. 1956 geboren engagierte er sich intensiv in der „Krüppelbewegung“ der 1980er Jahre, u.a. als Redakteur der „Krüppelzeitung“. Darüber hinaus ist Udo Sierck als Dozent und freier Autor insbesondere zu Themen rund um die Behindertenbewegung aktiv. Zu seinen einflussreichsten Büchern gehören „Der Pannwitzblick. Wie Gewalt gegen Behinderte entsteht“ (1993) oder „Die Wohltätermafia. Vom Erbgesundheitsgericht zur Humangenetischen Beratung“ (1989).

Aufbau

Das Buch ist in fünf Abschnitte unterteilt: Nach einer kurzen Einleitung (S. 7–11) und einer Zeittafel mit einer chronologischen Übersicht der vorgestellten Titel (S. 12–15) folgt der Hauptteil und mit Abstand umfangreichste Abschnitt der Monographie: Das Kapitel „Von der ‚Schatzinsel‘ zur ‚Quasselstrippe‘“ (S. 16–104) behandelt insgesamt 91 ausgewählte Titel der Kinder- und Jugendliteratur und bildet somit den Kern der Arbeit. Den Abschluss bildet ein knappes Fazit (S. 105–107) und ein Literaturverzeichnis (S. S. 108–113).

Inhalt

Ausgangspunkt von Siercks Monographie ist die Annahme, dass das „Denken und Verhalten“ von Kindern und Jugendlichen maßgeblich von ihrer jeweiligen Lektüre beeinflusst werde, die Kinder- und Jugendliteratur aber ganz überwiegend von klischeehaften oder stereotypen Behinderungsbildern geprägt seien. (S. 7) Gleichzeitig ist die Kinder- und Jugendliteratur ein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung, sodass sich an den literarischen Veränderungen auch die sozial- und gesellschaftshistorische Entwicklung im Umgang mit Menschen mit Behinderung nachvollziehen lässt.

Diesen Anspruch versucht Udo Sierck in seinem knapp 90-seitigen Hauptteil anhand der Analyse von 91 ausgewählten Texten aus der Zeit von 1897 bis 2020 einzulösen. Er nimmt dabei sowohl bekannte Klassiker wie Die Schatzinsel (1897) von Robert Louis Stevenson oder Die Vorstadtkrokodile (1976) von Max von der Grün als auch neuere und unbekannte Titel wie Ulle, der Zwerg (1926) von Margarete Preuß und Prinz Seltsam und die Schulpiraten (2019) von Silke Schnee in den Blick. Besonders interessant sind dabei die unbekannteren Titel, beispielsweise auch zur rassenhygienischen Propaganda in der Kinder- und Jugendliteratur des „Dritten Reichs“.

Jedes Werk wird von Sierck mit den entsprechenden bibliographischen Angaben eingeführt. Anschließend fasst der Autor knapp den Inhalt des Textes zusammen und bietet – vor dem Hintergrund außerordentlich kursorischer und anekdotischer Ausführungen zum sozialhistorischen Hintergrund des Werkes – eine individuelle Interpretation des im Text vermittelten Behinderungsbildes. Durch die Lektüre dieses Kapitels erhalten Leser*innen somit zwar einen guten Überblick über die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur und der veränderten Behinderungsbilder. Eine intensive Beschäftigung mit einzelnen Werken über eine kursorische Behandlung auf einem sehr hohen Allgemeinheitsgrad hinaus, eine vergleichende Interpretation mehrerer Texte, ein übergreifendes Narrativ oder eine leitende These fehlen jedoch leider.

Den inhaltlichen Abschluss bildet eine vierseitige Zusammenfassung unter dem Titel „Perspektivwechsel: Zerplatzte Träume und erfüllte Wünsche“, in denen Sierck seine übergreifenden Beobachtungen zusammenfasst. Insgesamt konstatiert er dabei, dass auch die Darstellung von Menschen mit Behinderung in der Kinder- und Jugendliteratur durch negative Zuschreibungen und ein medizinisches Bild von Behinderung dominiert werden. Allerdings hebt er auch Unterschiede hervor: So werden Menschen mit Körperbehinderung insgesamt etwas positiver (und häufiger) dargestellt als beispielsweise Menschen mit kognitiven Einschränkungen.

Abschließend betont er, dass die Behinderungsbilder in den untersuchten Texten besonders abhängig von politischen Entwicklungen seien: In Zeiten der Aussonderung und Diskriminierung von Menschen mit Behinderung wie etwa während des Nationalsozialismus herrschten auch entsprechend diskriminierende und exkludierende Texte vor. In den letzten Jahren, die vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention vom Streben nach Inklusion geprägt waren, nahmen auch positivere Behinderungsbilder zu. Allerdings fehle es immer noch an Geschichten über Helden mit Behinderungen, mit denen sich behinderte Kinder und Jugendliche identifizieren könnten.

Diskussion

Der Klappentext von „Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld“ verspricht die erstmalig zusammenhängende und sozialhistorisch einordnende Darstellung der „Behindertenbilder aus Büchern, Texten und Erzählungen für Kinder und Jugendliche vom Kaiserreich bis in die Gegenwart […].“ Diesen Anspruch kann Udo Sierck nicht einlösen. Dafür sind die Analysen der einzelnen Werke zu kursorisch und die sozialhistorische Einbettung nicht fundiert genug. Darüber hinaus hätte es dafür eines stärkeren analytischen Zugriffes und eines vergleichenden Ansatzes bedurft. So bleiben die einzelnen Texte mit ihren Kurzanalysen unverbunden nebeneinander stehen, ohne dass das Erkenntnispotenzial der Gesamtschau auf die Texte ausgeschöpft worden ist.

Zusätzlich irritierend sind einige freihändige und ahistorische Einordnungen einzelner Werke. So erklärt beispielsweise Sierck zu Heinrich von Kleists erstmals 1810 publizierten Erzählung Das Bettelweib von Locarno, sie spiegele „ein Muster in der Wahrnehmung behinderter Menschen in der jungen Bundesrepublik.“ (S. 56) An anderer Stelle nutzt er ein in der DDR erschienenes Jugendbuch, um die Reaktion des westdeutschen ZDF auf den Contergan-Skandal zu illustrieren. (S. 61–62)

Gleichwohl ist Udo Siercks Monographie durchaus lesenswert, bietet sie doch durch die Zusammenstellung zum Teil unbekannter Titel aus 120 Jahren deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur einen interessanten Einblick in die Darstellung von Menschen mit Behinderung in einem bislang weniger beachteten Quellenkorpus mit einer nicht zu unterschätzenden gesellschaftlichen Wirkungskraft.

Fazit

Udo Sierck hat mit „Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld“ eine interessante Zusammenstellung von Titeln aus der Kinder- und Jugendliteratur veröffentlicht, die einen schnellen Einstieg in diesen Forschungsgegenstand bietet. Wer sich einen kursorischen Überblick über Behinderungsbilder in der Kinder- und Jugendliteratur verschaffen will, findet hier erste Anregungen für weitere Untersuchungen. Wer jedoch eine quellengesättigte, historisch fundierte Darstellung oder eine qualitativ hochwertige Edition erwartet, wird enttäuscht sein. Der schmale Band bietet nur einen Anfang, dem nun weitere forschungsstärkere Arbeiten folgen müssen.


Rezension von
Sebastian Weinert
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Zitiervorschlag
Sebastian Weinert. Rezension vom 06.05.2021 zu: Udo Sierck: Bösewicht, Sorgenkind, Alltagsheld. 120 Jahre Behindertenbilder in der Kinder- und Jugendliteratur. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6332-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28137.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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