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Andrea Platte: Die Diagnose Autismus im Spiegel inklusiver Widersprüche

Cover Andrea Platte: Die Diagnose Autismus im Spiegel inklusiver Widersprüche. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 178 Seiten. ISBN 978-3-7799-6497-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

„Dass Etikettierungen die Voraussetzung für inklusive Praxis sind, ist einer der bislang nicht aufgelösten Widersprüche in pädagogischen Institutionen, die sich als inklusiv bezeichnen. Dass die Leitidee der Inklusion dichotome (Fremd)Beschreibungen infrage stellt, wird dabei übersehen und zunehmend vergessen: Die als inklusiv beschriebene Realität hat die reformfordernden Ansprüche, die sie veranlassten, überholt. Diese und mehr Widersprüche verschleiern die erziehungswissenschaftlichen Anstöße (die ihrerseits nicht widerspruchslos sind) zur Weiterentwicklung pädagogischer Institutionen und Praktiken zu inklusiven hinter pragmatischen Schein-Umsetzungen. Der in diesem Band geführte Diskurs um De-Kategorisierung trifft in den Kern der Frage von inklusiver Pädagogik und sucht zugleich hochschuldidaktische Wege, die eine solche vorzubereiten vermögen“ (Klappentext).

Autorin

Andrea Platte arbeitet als Professorin für Bildungsdidaktik an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der TH Köln.

Aufbau

Das Buch hat einen Umfang von 178 Seiten, die sich in 25 Kapitel von unterschiedlichen Autor*innen gliedern. Diese sind nicht durchnummeriert. Die Autorinnen und Autoren werden am Ende des Buches vorgestellt. Die Fußnoten sind eingepflegt, jeder Beitrag endet mit einem Literaturverzeichnis.

Inhalt

Der Sammelband umfasst 25 Beiträge, drei Beiträge der Herausgeberin Andrea Platte geben eine Struktur: Einleitend der Beitrag „die Aufgabe“, in der Mitte des Buches „der Blick“ und am Ende ein Fazit mit dem Titel „die Umkehr“.

Ausgehend von der BA-Thesis von Marina Melles entstanden die Texte in einer Lehrveranstaltung. Ziel war nicht Zustimmung oder Ablehnung, sondern, „das Spektrum an Komplexität und Widersprüchen“ (S. 8) pädagogischer Fragestellungen und professioneller Positionierung aufzufächern.

Marina Melles formuliert ein kritisches Plädoyer in Bezug auf die Diagnose „Autismus“, die in der medizinischen Diagnose als „tiefgreifende Entwicklungsstörung“ eingeordnet wird. Ziel ihrer Arbeit ist, zu untersuchen, warum an der Idee „Autismus“ festgehalten wird. Aus ihrer Sicht ist Autismus eine Zuschreibung, eine Konstruktion. Zudem kritisiert sie auch die Diagnosestellung, bei der Menschen anhand angeblich objektivierbarer Fähigkeiten, die mit einer vom Durchschnitt abgeleiteten Norm verglichen werden, bewertet werden. Diagnosen dienen nach ihrer Aussage dazu, Verhalten vorherzusagen, was beim Autismus nur schwer gelingt. Folge von Diagnosen ist, dass Betroffenen eine Beeinträchtigung zugeschrieben wird, so wird das Verhalten pathologisch und der Mensch zum „Fall“, den man an vermeintliche Expert*innen delegieren kann. Weiter führt sie aus: Eine Diagnose sagt weniger über den einzelnen Menschen aus und mehr über gesellschaftliche Wünsche und Ängste. Therapien sind überwiegend darauf ausgerichtet, Verhaltensweisen, die die Umwelt stören, zu beseitigen und so zu erreichen, dass die behandelte Person in der Gesellschaft wenig auffällt.

Die Autorin sieht es sehr kritisch, dass Therapien darauf abzielen, den Erwartungen der Gesellschaft z.B. von Schule oder am Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Diese Gedanken wendet sie am Ende ihres Artikels auf die Inklusion an und zieht das Fazit, dass die menschliche Vielfalt anerkannt werden muss, das individuelle So-Sein aller Menschen akzeptiert werden sollte und Möglichkeiten aufzuzeigen sind, Menschen zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren und zu interagieren.

Franz Kasper Krönigs betrachtet in seinem Artikel „Autismus – beobachtet. Beobachtungstheoretische Überlegungen zum Verhältnis der Autismus Konstruktionen von Inklusionspädagogik, Medizin, Sozialer Hilfe und Alltag“ den Umgang mit Autismus aus systemischer Sicht, die davon ausgeht, dass Beobachtungsgegenstände konstruiert werden. Diese werden in Form von Codes z.B. krank/​gesund angegeben. In seinem Artikel geht es um das Spannungsfeld zwischen Medizin und Pädagogik.

Mit der „Aufgabe der behinderten Inklusion“ beschäftigen sich die Autor*innen Tobias Buchner & Yahz Akbaba. Ausgangspunkt bilden die zwei bedeutsamsten Diagnose-Manuale, das ICD und das DSM. In beiden findet sich ein defizit- und gleichzeitig fähigkeitsorientiertes Wissen zum Autismus Spektrum. Abweichendes Verhalten von der Norm werden zum Unerwünschten und zur Krankheit erklärt, der Mensch im Autismus Spektrum wird zum behandlungsbedürftigen Subjekt.

Das entspricht der Logik des individuellen Modells der Behinderung, welches Defizite als im Individuum verordnetem Problem betrachtet. Dieser Mensch weicht von einer gegebenen Norm ab und bedarf der Förderung, um an die gesellschaftlichen Erwartungen angepasst zu werden. So wird Schüler*innen, die den Fähigkeitserwartungen der Institution Schule nicht entsprechen, ein sonderpädagogischer Förderbedarf zugeschrieben. Die überwiegende Mehrheit an schulischen Lernräumen ist nach wie vor von starren Fähigkeitsparametern und Normalisierungsimperativen durchzogen, welche zwangsläufig zur Benachteiligung von Individuen führen, die in dieses enge Korsett nicht hineinpassen, auch sogar in vielen Räumen, die versuchen inklusiv zu arbeiten.

„Diese Strukturierung von Schule erachten wir als geistige und physische Behinderung für das Praktizieren von Inklusion“. (S. 54)

Über Menschenbilder und das „Mensch sein“ schreibt Felicitas Neise. Auch sie reflektiert, für wen Diagnosen hilfreich sind. Für Betroffene, weil sie ihr Anderssein besser verstehen? Für das Umfeld, damit es eigene Unsicherheiten und Ängste besser einordnen kann, wenn es Kenntnis davon bekommt, dass das Gegenüber von einer Norm abweicht?

Der Beitrag „Autismus-Spektrum-Störung aus medizinischer Perspektive“ von Sara Shakarchi bilanziert: die Erweiterung der Diagnose Autismus hin zum Begriff der „Autismus-Spektrum-Störung“ kann als Ausdruck des Scheiterns objektivierbarer und nach Vereinheitlichung strebender Kategorisierungssuche gedeutet werden. Stattdessen sollte in Richtung „Spektrum Mensch“ gedacht werden, so wie Marina Melles es auch fordert.

Die Erkenntnisse von Benjamin Haas bündeln sich im Beitrag „Zur Unmöglichkeit eines inklusionspädagogischen Sprechens am Beispiel des Phänomens ADHS“, in dem er 74 Fachartikel aus der Zeit von 2000-2015 untersuchte. Das Phänomen ADHS ist soziokulturell geprägt, d.h. das Phänomen wird durch soziale und kulturelle Aspekte hervorgehoben.

Joscha Röder ist 16 Jahre alt, weiblich, „Autistin: bitte trotzdem lesen“ beschreibt die harte Realität, die einen Menschen trifft, wenn er nicht den normierten Vorstellungen entspricht. Joscha Röder ist „geistig behindert und hochbegabt in einem“ (S. 71) und sie fragt, was diese Zuschreibungen aussagen? Ihr Fazit: nichts! Sie passe nicht in das normative Schulsystem, das immer noch so arbeitet wie vor 50 Jahren. Auch an den Lerninhalten hat sich nichts geändert. Damit wird Inklusion behindert und für unmöglich erklärt. Sie selbst muss die Schule verlassen und ausgerechnet diese Schule erhält kurze Zeit drauf einen Schulpreis, für sie eine sehr bittere Erfahrung.

Joscha Röder fordert: „Inklusion, jetzt, sofort! Nicht als Almosen!“ (S. 74)

Sebastian Hempel möchte in seinem Beitrag „Professionssoziologische Überlegungen zur Diagnose ,Autismus‘ im flexiblen Normalismus“ deutlich machen, weshalb das Aufgeben der Diagnose nicht zielführend wäre, wenigstens solange kein Alternativmodell entwickelt worden ist, welches den Menschen die gewünschte und benötigte Unterstützung verlässlich gewährt.

Die Autorin Martina Masurek vertritt den Ansatz der situativen Beziehungsgestaltung als Ausweg daraus, dass Menschen aufgrund von in Diagnosen festgestellten Krankheiten und Störungen behandelt werden, ohne diese in ihren relevanten sozialen Bezügen zu beachten. Die situative Beziehungsgestaltung ist Aufgabe der pädagogischen systemisch geprägten Professionalität. Dabei werden sowohl die „Subjektivität und die persönlichen Eigenheiten“ (S. 84) als auch die konkreten pädagogischen Situationen, die sie gemeinsam gestalten und erleben, einbezogen.

Besonders geht die Autorin auf den Begriff der „Haltung“ geprägt von Barthelmess ein: Haltung ist Kern persönlicher Kompetenz „jenseits von Technik und Methode“ (S. 86). Haltung ist Voraussetzung und Bestandteil situativer Beziehungsgestaltung, beleuchtet werden vier notwendige Aspekte des Handelns: Nichtwissen, Nichtverstehen, Eingebundensein und Vertrauen. „Jede Form pädagogischer Begleitung kann somit lediglich die Steigerung der Selbstverantwortung zum Ziel haben.“ (S. 86)

Ihr Resumee: Diagnosen braucht es zur Finanzierung und Strukturierung von Maßnahmen, als Konzeptionsgrundlage und Begrifflichkeit pädagogischer Arbeit werden Diagnosen überflüssig.

Natalia Varaksina gibt Einblicke in ihr Leben mit Multipler Sklerose. Sie wehrt sich dagegen, dass die Diagnose einem Urteil gleich kommt, denn der Mensch definiert sich nicht über die Diagnose. Sie wünscht sich eine aufgeschlossene nicht verurteilende und hilfsbereite Gesellschaft, es reicht nicht, wenn einzelne Einrichtungen inklusiv arbeiten. Gefragt ist jede/r einzelne.

Es ist „der Blick“, der entscheidend ist (Andrea Platte). Die Autorin erweitert den Diskurs ausgehend vom Thema Autismus hin zu weiteren binäre Zuordnungen wie z.B. im Rassismus, bei dem weiße Hautfarbe als gut und neutral eingeordnet wird, wogegen schwarze Menschen als anders oder verdächtig eingeordnet werden. Auch Menschen mit Fluchterfahrung werden entmenschlicht und von legitimen Menschenrechten ausgeschlossen (S. 94). Hier schließt sich Hanna Mankes Artikel zur „Pränataldiagnostik – legitime Sicherheit oder moralisch fraglich?“ an.

Fabienne Amah-Atayi fragt nach dem Nutzen der Diagnose Autismus und die Rolle der Eltern. Eltern sind Normsetzer und Normhüter zugleich (S. 105). Die Diagnose kann Eltern helfen, normabweichendes Verhalten zu verstehen und sie in ihrer Rolle entlasten. Nicht ihr Erziehungsverhalten ist „Schuld“, sondern das Kind ist autistisch. Auch Helena Sophie Herwig reflektiert über „die Rolle und Perspektive von Eltern behinderter Kinder“, auf deren Erfahrungen und Perspektiven in Bezug auf bestehende Normen und Leistungsideale, gesellschaftliche Reaktionen sowie Diagnosestellungen und Therapiemaßnahmen. Eltern stehen unter Druck, der Blick ist defizitär ausgerichtet, weil die Kinder die Erwartungen nicht erfüllen können. Eltern brauchen Entlastung, es braucht alltägliche Begegnungen und eine Gesellschaft, die jede/n teilhaben lässt, ohne dass alle Beteiligten größte Kraftanstrengungen erbringen müssen.

Şefik_a Gümüş wirft einen Blick zurück und fragt vehement, warum es so schwer fällt, gender(non)konforme (transgender) Kinder anzuerkennen und diese dabei so sein zu lassen, wie sie sind.

Mit dem Beitrag „Anspruchsvoll inklusiv denken – das Beispiel historisches Lesen“ überlegt Matthias Hirsch, wie es gelingen kann, dieses Thema in die Schulen bzw. Klassenzimmer zu bringen. Ziel ist Wertschätzung mit Möglichkeit zur Kritik (S. 120).

Donja Amirpur & Aysun Dogmus beleuchten Identitätspolitiken für Dekategorisierung und fragen, wie es gelingen kann, in rassistischen Verhältnissen hörbar zu sprechen. Sie führen einen schriftlichen Dialog über ihre eigenen Erfahrungen an der Hochschule und fordern eine widerständige Didaktik.

Sophia Niggenaber macht sich Gedanken zur generationalen Differenz in demokratischer Gemeinschaft. In altershomogenen Schulklassen wird vermittelt, dass das Aufsteigen von Klassenstufe zu Klassenstufe zur Erwachsenwerdung führen wird. Anders als in gemischten Jahrgangsstufen (es gibt Schulen, die damit arbeiten z.B. die im Artikel genannte Grundschule Harmonie in Hannover) wird die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler nicht anerkannt. Heterogene Lerngruppen erkennen die Unterschiedlichkeit an, bringen individuellen Persönlichkeiten zum Ausdruck und schärfen den Blick der Lehrpersonen für die Verschiedenheit. Der ehemalige Schulleiter Walter Hövel berichtet von dem Jungen Ulli, „der ein echter Autist sei“ (S. 134). Andere Schulen lehnten ihn ab und in der Grundschule Harmonie fand er seinen eigenen Weg, er wurde Teil der Gemeinschaft und erfuhr Akzeptanz und Toleranz. Hövel hat erfahren und erkannt: wenn eine Gruppe lernt, sich inklusiv zu verhalten, wächst das Verständnis für Auffälligkeiten, die vorher als störend galten. Das Resümee des Beitrags: „inklusive Kindheitspädagogik kann Hierarchien sicher nicht vermeiden, aber reflektieren, bewusst machen und in demokratischen Gemeinschaften Symmetrien herstellen“. (S. 135)

Lea Schulz fragt in ihrem Beitrag „Fremde Gesamtheit? Zuschreibungshintergründe und Stigmatisierungserfahrungen“ nach, welchen Zweck Kategorisierung in den verschiedenen Fachdisziplinen zum Beispiel Psychologie und Sozialpsychologie haben. Sie ist der Meinung, dass Auslöser für verallgemeinernde Zuschreibungen das Empfinden von Fremdheit oder Verunsicherung ist. Ihr Fazit: es ist eine unausweichliche Aufgabe, Gemeinsamkeiten zu entdecken und Solidarität zwischen den Menschen herzustellen.

Oksana Schulz lenkt den Blick auf eine sich als problematisch erweisende familiale Mehrsprachigkeit im Zusammenhang mit der Diagnosestellung bei Kindern mit Migrationshintergrund in Institutionen der frühen Kindheit wie Kita und Frühförderung. Die Erfahrung zeigt, dass unterschieden wird zwischen Hegemonialsprachen wie Englisch, Französisch oder Deutsch und „anderen“ Sprachen (S. 140). In der Praxis wird die Sicherstellung der Schulfähigkeit an ausreichende Deutschkenntnissen gekoppelt. Die eigentliche Ressource der familialen Mehrsprachigkeit wird zur defizitären Anderssprachlichkeit, betroffene Kinder werden normiert und ihre Normalisierung angebahnt. Daran anschließend beschreibt Yüce Seyfi aus den eigenen Erfahrungen, wie es ist und sein kann, in zwei (Sprach-)Kulturen zu denken und zu sprechen.

Im Beitrag “,No escape’ – Aufgeben? Ein radikaler Impuls für inklusive Haltung“ legt Ines Boban Begriffe doppeldeutig aus. Sie schafft es, die Lesenden an vielen Stellen zu verwirren, was u.a. den Charme des Artikels ausmacht. Ausgehend von den Kulturen und Strukturen von „(Schul-)Praktiken“ (S. 154) erläutert sie, dass diese in einem durch Kolonialmächte importierten christlichen Denken und Handeln einer Zwei-Gruppentheorie verwurzelt sind. Als Folge entstehen beispielsweise Rassismus und Behindertenunfreundlichkeit, manche Menschen sind dabei mehrfach stigmatisiert. Ihre Forderung: Es braucht Offenheit für einen kritischen Dialog und eine Reflexionsbereitschaft.

In ihrem Artikel stellt sie vermeintliche Tatsachen infrage und formuliert sieben Aufgaben, die wieder doppeldeutig formuliert sind. Dieser Teil endet mit der Feststellung, „dass mit der Aufgabe etwas aufzugeben mehr einhergeht als simpler, gleichsam passiver Verzicht. Eine andere Haltung einzunehmen und die damit verbundenen Handlungsoptionen gehen (…) weit darüber hinaus“(S. 161). Um die Komplexität einer Situation zu erfassen und zu analysieren, wendet sie das Modell von Frederic Laloux an, dazu werden vier Perspektiven genutzt. Anhand einer Tabelle auf Seite 162 stellt sie die unterschiedlichen Denkweisen und Überzeugungen, das Tun, Strukturen, Prozesse und Praktiken sowie eine Organisationskultur anschaulich und nachvollziehbar dar.

Ihr Fazit: Jede/r sollte als einmalig und als Tragende/r diverser Möglichkeitsperspektiven im Sinne des „Spektrum Mensch“ im Kontext des „Spektrums Solidarität“ (S. 165) verstanden werden.

Gedanken zu Emily Dickinsons Stück „Der kristalline Stoff der Dichtung“ macht sich Marica Bodrozic, dabei arbeitet sie heraus, dass das Durchdringen des eigenen Inneren der einzig wirklich gültige Weg in die Welt ist.

Andrea Platte formuliert mit „die Umkehr“ das Fazit dieses Publikationsprojektes. Es wurden Spuren gelegt, Aufgabe sei es nun, aus diesem ein Verständnis inklusiver Pädagogik herauszulesen (S. 172). Ziel war nicht, einfache Lösungen abzuleiten, sondern Anstöße zu geben, Bedeutung und Funktion von Diagnostik zu reflektieren, in diesem experimentellen Rahmen zu studieren und gewohnte Wege umzukehren: statt Wissensvermittlung war Verunsicherung der Ausgangspunkt, es entstanden Widersprüche und Selbstverständlichkeiten wurden erschüttert, genau das sei es, „was inklusive Pädagogik für die Pädagogik in ihrem ursprünglichen Verständnis beabsichtigt“ (S. 176).

Diskussion

Die BA-Thesis von Marina Melles ist Ausgangs- und Bezugspunkt für die nachfolgenden 24 Artikel, entstanden in einem gemeinsamen Publikationsprojekt. Melles formuliert die These, die diesem Buch zu Grunde liegt. Sie spricht sich für die Aufgabe der Kategorie „Autismus“ aus. Es ist ihr ein Anliegen, die radikale Dekonstruktion umzusetzen. Ihre Aussagen werden im Buch aus vielen Perspektiven reflektiert.

Die Autorin Martina Masurek sieht den Ansatz der situativen Beziehungsgestaltung als Ausweg daraus, dass Menschen aufgrund von in Diagnosen festgestellten Krankheiten und Störungen behandelt werden, ohne diese in ihren relevanten sozialen Bezügen zu beachten. Aus ihrer Sicht braucht es Diagnosen zur Finanzierung und Strukturierung von Maßnahmen, als Konzeptionsgrundlage und Begrifflichkeit pädagogischer Arbeit werden Diagnosen überflüssig.

Die situative Beziehungsgestaltung ist Aufgabe der pädagogischen systemisch geprägten Professionalität. Dabei werden sowohl die „Subjektivität und die persönlichen Eigenheiten“ (S. 84) als auch die konkreten pädagogischen Situationen, die sie gemeinsam gestalten und erleben, einbezogen.

Von besonderer Relevanz ist die Haltung, angelehnt an Barthelmess: Haltung ist Kern persönlicher Kompetenz „jenseits von Technik und Methode“ (S. 86). Haltung ist Voraussetzung und Bestandteil situativer Beziehungsgestaltung, beleuchtet werden vier notwendige Aspekte des Handelns: Nichtwissen, Nichtverstehen, Eingebundensein und Vertrauen. „Jede Form pädagogischer Begleitung kann somit lediglich die Steigerung der Selbstverantwortung zum Ziel haben“ (S. 86). Diese Aussagen möchte ich deutlich unterstreichen. Die Übernahme von Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit sind wichtig, diese kommen im Alltagsleben oft zu kurz, gerade dann, wenn es um Menschen geht, die mehrfache Be-hinderungen erleben. Leider erlebe ich in meinem Beratungen immer wieder, dass es den be-hinderten Menschen nicht zugetraut wird, dass sie sich aus sich heraus entwickeln. Natürlich braucht es eine Umgebung/​Umwelt, die entwicklungsförderlich ist, die Möglichkeiten sieht und Spielräume erkennt und gestaltet. Ein großes Potenzial bietet sich in der Arbeit mit dem TEACCH®-Ansatz, ein Zwei-Wege-Ansatz, der im ersten Schritt immer die Gestaltung der Umgebung zum Ziel hat.

Andrea Platte fasst zusammen, dass es in einem pädagogischen Studium und später dann in pädagogischen Arbeitsfeldern darum geht, sich bewusst zu machen, dass Erkenntnisse bezüglicher kindlicher Entwicklung, zwischenmenschlichen Begegnungen und Beziehungen sowie Bildungsprozesse auch ganz anders sein können. „Die Aufgabe inklusive Hochschuldidaktik wäre somit, wie hier erprobt, Erwartungshorizonte umzukehren, Widersprüche zu erhalten, Selbstverständlichkeiten zu erschüttern, dass Verlernen als Möglichkeiten in das ‚Studieren‘ aufzunehmen“ (Hervorh, im O. S. 176).

Wie in Ines Bobans exzellenten Artikel nachzulesen ist, kann der Begriff der „Aufgabe“ doppeldeutig ausgelegt werden. Es gelingt ihr, die Lesenden an vielen Stellen zu verwirren, was u.a. den Charme des Artikels ausmacht. Sie erläutert ausgehend von den Kulturen und Strukturen von „(Schul-)Praktiken“ (S. 154), dass diese in einem durch Kolonialmächte importierten christlichen Denken und Handeln einer Zwei-Gruppentheorie verwurzelt sind. Als Folge entstehen beispielsweise Rassismus und Ableismus (Behindertenunfreundlichkeit), manche Menschen sind dabei mehrfach stigmatisiert. Ihre Forderung: Es braucht Offenheit für einen kritischen Dialog und eine Reflexionsbereitschaft.

Ines Boban stellt in ihrem Artikel vermeintliche Tatsachen infrage und nennt sieben Aufgaben, die wieder doppeldeutig formuliert sind. Gemäß Frederic Laloux wendet sie ein Modell an, mit dem die Komplexität von Situationen erfasst und analysiert werden kann: genutzt werden vier Perspektiven, die unterschiedlichen Denkweisen werden in einer Tabelle veranschaulicht (S. 162).

Ihrem Fazit stimme ich vollumfänglich zu: Jede/r sollte als einmalig und als Tragende/r diverser Möglichkeitsperspektiven im Sinne des „Spektrum Mensch“ im Kontext des „Spektrums Solidarität“ (S. 165) verstanden werden.

Fazit

Einer der bislang nicht aufgelösten Widersprüche in pädagogischen inklusiv arbeitenden Institution, besteht darin, dass Etikettierungen immer noch Bestand haben. Das zeigt sich in der Nichtbeachtung der Leitidee der Inklusion, diese stellt getrennte (Fremd-) Beschreibungen infrage. Die als inklusiv beschriebene Realität hat die reformfordernden Ansprüche, die sie veranlassten, überholt. Ziel des Buches ist, darzustellen, dass und wie diese Widersprüche die erziehungswissenschaftlichen Anstöße (die ihrerseits nicht widerspruchslos sind) beeinflussen. Der in diesem Band geführte Diskurs um De-Kategorisierung trifft in den Kern der Frage von inklusiver Pädagogik und sucht zugleich hochschuldidaktische Wege, die eine solche vorzubereiten vermögen (Klappentext).


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 24.06.2021 zu: Andrea Platte: Die Diagnose Autismus im Spiegel inklusiver Widersprüche. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6497-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28140.php, Datum des Zugriffs 27.07.2021.


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