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Jan V. Wirth, Birgit Warthenpfuhl (Hrsg.): In Trouble. Ein Tag im Leben von Sozialarbeiter*innen

Cover Jan V. Wirth, Birgit Warthenpfuhl (Hrsg.): In Trouble. Ein Tag im Leben von Sozialarbeiter*innen aus 44 Praxisfeldern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 438 Seiten. ISBN 978-3-7799-6330-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Die Autorinnen und Autoren aus Deutschland und Österreich dokumentieren in ihren fünf- bis zehnseitigen Tagesberichten, mit welchen erwarteten und unerwarteten Herausforderungen sie in ihrer Alltagspraxis konfrontiert werden. Sie schildern sowohl objektive Begrenzungen als auch ihre subjektiven Schwierigkeiten. Sie beleuchten Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen und damit verbundene Gedanken und Gefühle. Sie beschreiben komische und tragische Situationen, Freude über gelingende Hilfen sowie Ärger über Scheitern und die Bedeutung von Humor und Gelassenheit im Umgang mit ihren Adressaten und Adressatinnen, ihren Kollegen und Kolleginnen und Kooperationspartnern. Diese subjektiven Schilderungen heben sich von rein theoretisch ausgerichteten Perspektiven auf die Soziale Arbeit deutlich ab.

Herausgeberschafft und Autorenschaft

Der Band wurde einem Wissenschaftler und einer Wissenschaftlerin der Sozialarbeits- und Erziehungswissenschaften herausgegeben, die über langjährige Berufserfahrungen als Lehrende, Sozialarbeitende und Supervidierende verfügen, herausgegeben. Die Beiträge stammen Autoren und Autorinnen, die in verschiedenen Handlungsfeldern und Funktionen der Sozialen Arbeit arbeiten.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband ist in Kapitel zu zehn Handlungsfeldern gegliedert. Der Band beginnt mit dem Kapiteln „Familie und Soziale Arbeit“ sowie „Erziehung und Soziale Arbeit“. Deren Berichte beziehen sich überwiegend auf den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Im Kapitel „Wirtschaft und Soziale Arbeit“ beschreibt ein Autor seine Erfahrung als Betriebssozialarbeiter, eine Sozialarbeiterin ist in der Wohnungswirtschaft beschäftigt und eine andere Sozialarbeiterin arbeitet als Projektmanagerin bei einem Wohlfahrtsverband. Es folgt ein Kapitel „Recht und Soziale Arbeit“, in dem drei Sozialarbeitende ihren Alltag in der Bewährungshilfe und der Forensischen Psychiatrie beschreiben. Unter der Überschrift „Krankenversorgung und Soziale Arbeit“ folgen Alltagsbeschreibungen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Ambulant Betreuten Wohnen, der ambulanten und stationären Drogenhilfe und der Altenhilfe. Im Kapitel „Religion und Soziale Arbeit“ schildert je ein Autor bzw. eine Autorin Erfahrungen in der kirchlichen Sozialarbeit der Diakonie bzw. in der Prävention des radikalen Islamismus. Ein Beitrag findet sich im Kapitel „Medien und Soziale Arbeit“. Im Kapitel „Polizei und Militär und Soziale Arbeit“ berichtet eine Sozialarbeiterin über ihren Arbeitsalltag bei der Polizei und ein Kollege von der Arbeit bei der Bundeswehr. Im Kapitel „Teilsystemisch querliegende Handlungsorientierungen und Soziale Arbeit“ erzählen Sozialarbeitende beispielhaft über ihren Alltag in einer Frauen-Beratungsstelle oder im Frauenhaus. Andere sind in der Eingliederungshilfe oder der Wohnungslosen- bzw. Flüchtlingshilfe und Asylberatung beschäftigt. Im zehnten und abschließenden Kapitel „Wissenschaft und Soziale Arbeit – Disziplin und Profession“ kommen zwei Lehrende zu Wort, und zwei Supervisorinnen beschreiben ihren Alltag in der berufsbegleitenden Reflexion.

Diskussion

Auch wenn die Beiträge von unterschiedlicher Qualität und Prägnanz geprägt sind, so hebt sich das Buch in vielerlei Hinsicht positiv von einem klassischen Fachbuch ab. Da das Herausgeberpaar bewusst darauf verzichtet, die vielfältigen und spannenden Schilderungen aus dem komplexen Berufsalltag der Autoren und Autorinnen in einen theoretischen oder moralisierenden Rahmen zu stellen, gelingt es ihnen, ein Geschichtenbuch der Sozialen Arbeit im beginnenden 21. Jahrhundert vorzulegen. So können sich die Leser und Leserinnen, auch und gerade wenn sie nicht aus der Sozialen Arbeit kommen, einen relativ unvoreingenommenen Eindruck vom komplexen und oft auch widersprüchlichen Berufsalltag in den verschiedensten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit machen. Diese Alltagsschilderungen beschreiben und erklären in sehr anschaulicher Weise, mit welchen sozialen Problemen, professionellen Herausforderungen sowie inneren und äußeren Widersprüchen die handelnden Akteure in der Sozialen Arbeit zu tun haben. Sie zeigen, dass die Kernkompetenzen Sozialarbeitender im Bereich der Kommunikation, Gesprächsführung und Beratung, Diagnostik und Management liegen. Die Berichte zeigen aber auch, dass die in der Profession und in der Disziplin vielfach erhobene Forderung, dass Sozialarbeite an der Veränderung von Verhalten und Verhältnissen arbeiten (sollen), kaum eingelöst werden kann und oft zur Überforderung im Berufsalltag führt.

Die in einzelnen Beiträgen aufgenommenen Hinweise auf Theorie- und Methodenkonzepte werden kaum erläutert und wirken oft etwas aufgesetzt. Das macht deutlich, wie wichtig es für die Wissenschaft der Sozialen Arbeit ist, sich in Forschung und Lehre noch stärker mit anwendungsbezogenen Fragen der Bearbeitung sozialer Probleme zu befassen und die großen Lücken zwischen allgemeinen Funktionstheorien und den vielfältigen, praktischen Herausforderungen kleiner werden zu lassen. Allerdings fehlen mir hier und da Hinweise, wie die Autoren und Autorinnen mit fehlender Positionsmacht, mit Widerstand und eigener Überforderung und mit ihrem Bedürfnis nach ökonomischer Sicherheit umgehen. Sie schildern eindrücklich, wie ökonomische Restriktionen, etwa durch die Befristung der Projektförderung und Arbeitsplätze, durch Budgetierung oder durch Kopfpauschalen, bei ihnen zu Verunsicherung und Ärger beitragen. Sie gehen jedoch kaum darauf ein, welche Entscheidungsspielräume ihnen zur Verfügung stehen und wie sie ggf. versuchen, auf die Entscheidungsebene in ihrer Organisation, in der Verwaltung und in der Politik Einfluss zu nehmen.

Auch wenn das die Qualität der einzelnen Texte nicht schmälert, so überzeugt die eher unsystematisch vorgenommene Gliederung des Bandes nicht. Eine Zuordnung, die sich primär an den Zielgruppen oder auch an den spezifischen Handlungskompetenzen oder an bekannten Gliederungen wie beispielsweise beim DZI, könnte für etwas mehr Übersicht sorgen. Die Fragen zur Didaktik, die zum Abschluss jedes Beitrags angeführt werden, wirken teilweise recht willkürlich und hätten besser auf deren Inhalte abgestimmt werden können.

Fazit

Das Buch ist eine hervorragende Lektüre für Leserinnen und Leser, die verstehen wollen, womit sich Sozialarbeitende in ihrem oftmals schwierigen, aber auch anspruchsvollen und befriedigenden Berufsalltag beschäftigen. Es zeigt, welche besonderen Persönlichkeitseigenschaften und Kompetenzen erforderlich sind, um diesen Berufsalltag zu bewältigen. Das Buch eignet sich somit für Studienbewerber und Studienbewerberinnen ebenso wie für Studienanfänger und Studienanfängerinnen wie auch für Lehrende, insbesondere wenn sie aus den Bezugswissenschaften der Sozialen Arbeit kommen und über nur geringe praktische Erfahrungen in der Sozialen Arbeit verfügen. Beschreibungen des Handlungsfeldes finden sich in dieser Anschaulichkeit in den eher theoriegeleiteten Einführungsbüchern zur Sozialen Arbeit zumeist nicht. Die eine oder andere Alltagsschilderung könnte auch dafür herangezogen werden, exemplarisch die die Soziale Arbeit prägenden Handlungslogiken der hybriden Organisationsstrukturen in den Hilfesystemen der Sozialwirtschaft zu veranschaulichen. Insofern handelt es sich um eine Publikation, die sich hervorragend für eine Begleitung und Ergänzung eher theorie- und methodengeleiteter Fachtexte anbieten. Die Fallbeschreibungen eignen sich beispielsweise dafür, die Reichweite von Theorien und Methoden zu verdeutlichen. Es zeigt sich, dass Forschende, Lehrende und Praktizierende in der Sozialen Arbeit in besonderer Weise über Kreativität, professionelle Autonomie, Entscheidungsfreude und Selbstkompetenz im Umgang mit Ungewissheit, Unsicherheit, Widersprüchlichkeit und sich daraus ergebenden sozialen und psychischen Konflikten verfügen sollten (Effinger 2021). Nur so können Sozialarbeitende in unsicheren Kontexten zu mehr Sicherheit und Selbstvertrauen ihrer Adressaten und Adressaten bei deren Lebensführung beitragen.

Literatur

Effinger, H. (2021): Soziale Arbeit im Ungewissen. Mit Selbstkompetenz aus Eindeutigkeitsfallen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel)


Rezension von
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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Zitiervorschlag
Herbert Effinger. Rezension vom 29.11.2021 zu: Jan V. Wirth, Birgit Warthenpfuhl (Hrsg.): In Trouble. Ein Tag im Leben von Sozialarbeiter*innen aus 44 Praxisfeldern. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6330-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28142.php, Datum des Zugriffs 20.01.2022.


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