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Friedegard Föltz: Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe

Cover Friedegard Föltz: Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 207 Seiten. ISBN 978-3-7799-6475-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.

Reihe: Pflegekinderforschung.
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Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist eine an der Universität Halle entstandene und angenommene Dissertation.

Autorin

Frau Dr. Friedegard Föltz ist Dozentin für Soziale Arbeit an der theologischen Hochschule Friedensau bei Magdeburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendhilfeforschung, Pflegekinderforschung, Sonderpflege für Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Aufbau und Inhalt

Dieses Buch gliedert sich in vier Abschnitte:

  • Kapitel 1 hat die Soziale Elternschaft im Kontext der Pflegekinderhilfe zum Inhalt.
  • Kapitel 2 beschäftigt sich mit den Forschungsgrundlagen und dem empirischen Design.
  • In Kapitel 3 geht es um die Soziale Elternschaft und den Umgang mit Herausforderung durch die Behinderung eines Pflegekindes: empirische Ergebnisse.
  • Kapitel 4 fasst die Ergebnisse zusammen als gegenstandsbezogenes Konzept der Herstellung von Normalität unter marginalisierenden Bedingungen.

In Kapitel 1 geht es erst mal um die Pflegekinderhilfe an sich. Dazu beschreibt die Autorin, was Pflegekinderhilfe überhaupt ist, die Formen der Familienpflege und geht auf die psychosozialen Situationen von Pflegekindern ein. Von da aus schlägt sie den Bogen zur Motivation bei den Pflegeeltern, erläutert Eignungskriterien und geht auf die Strukturspezifika familialer Pflege und Betreuung ein. Zum Ende dieses Kapitels geht sie speziell auf Pflegekinder mit Behinderung ein und thematisiert Inklusion. Trotz aller Fortschritte Im Bereich Inklusion gibt es nach wie vor erhebliche Ausgrenzungen. Daher fragt die Autorin auch nach, „inwieweit sind auch Pflegeeltern, die ein Kind mit Behinderung bei sich aufgenommen haben, davon betroffen? Wird dieser Bereich von den Pflegeeltern thematisiert? Wenn ja, wie und in welchem Umfang?“ (S. 66).

Kapitel 2 hat die Forschungsgrundlagen zum Inhalt, wobei es erst einmal allgemein um Familien mit leiblichen Kindern mit Behinderung geht, bevor es dann um die Pflegekinderhilfe geht. Dann geht die Autorin auf die Soziale Elternschaft für Kinder mit Behinderung ein. Die Autorin vertritt die Auffassung, dass es kaum Untersuchungen zu ihrer Forschungsfrage gibt, die da lautet: „wie gehen Pflegeeltern mit den Herausforderungen, die mit der Versorgung eines Pflegekindes einhergehen, um? Betrachtet werden soll die Art des Umgangs, die sich aus der Situation der Versorgung eines Kindes mit Behinderung ergibt, um auf diesem Gebiet neue Erkenntnisse zu generieren. Das Erkenntnisinteresse bezieht sich auf die Frage, welchen Weg die Integration des Kindes in die Familie nimmt und wie sich der Prozess der emotionalen Annahme des Kindes gestaltet. Weiterhin richtet sich der Blick auf die mögliche Mobilisierung von Ressourcen der Pflegeeltern, die Entwicklung von Umgangsstrategien in der Versorgung Kinder und Jugendlichen und den Umgang mit dem Thema der Behinderung und der gesellschaftlichen Vorgaben“ (S. 79). Dazu hat die Autorin 19 qualitative Interviews mit Pflegemüttern und Pflegevätern geführt, wovon 13 Frauen und 6 Männer gewesen sind.

Kapitel 3 hat die Ergebnisse der Befragungen zum Inhalt, wobei die Autorin drei typisierende Modelle herausarbeitet, die sie mit Beispielen von Pflegefamilien bzw. Zitaten aus den Interviews belegt. Die erste Typisierung ist als handlungsleitender Umgang bezeichnet, was durch ein normatives Verständnis von Normalität gekennzeichnet ist. Gesellschaftliche Erwartungen bezüglich Normalität werden als voll gültig empfunden und Kompensationsstrategien gesucht, um dem Normalitätsideal so nahe wie möglich zu kommen. Damit ist gemeint, dass die Pflegeeltern, die häufiger im Vorfeld nichts von der bestehenden Behinderung bei dem Pflegekind wussten, eine sehr praktische Art im Alltag und einen pädagogischen Optimismus entwickelt haben, damit die Kinder so „normal“ wie möglich behandelt werden (vgl. S. 110). Die zweite Typisierung ist der ressourcengeleitete Umgang: in der „In der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Situation eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen durch eine Behinderung wird das Wahrnehmen einer neuen Welt, einer Welt der Behinderung, möglich“. (S. 121). In diesem Kontext erfahren die Pflegeeltern in der Öffentlichkeit häufiger Ausgrenzungen mit dem behinderten Kind, was auch als persönliche Kränkung aufgefasst wird. Pflegeeltern dieses Typs nehmen die bisher unbekannte Herausforderung an und sind sehr aktiv hinsichtlich Mobilisierung und Aktivierung von Hilfe- und Unterstützungssettings. Außerdem haben sie eine gute Anlage zur Selbstreflexion (vgl. S. 122). Der letzte Typus ist der reflexionsgeleitete Umgang. Dem liegt ein divergentes Normalitätsverständnis zugrunde. Die Pflegeeltern sind flexibel, stellen sich auf neue ungewohnte unbekannte Settings ein und können Störungen und Entwicklungen als Prozesse gut aushalten. „Der persönliche Gewinn ist eine Kompetenz der Weltenvertrautheit, die Autonomie und eine Distanzierung zu einer Kränkung und Beschädigung der eigenen Identität durch das gesellschaftliche auferlegte Verständnis von Normalität und entsprechenden Marginalisierungstendenzen ermöglicht“ (S. 158). „Die Förderung des Pflegekindes und der Umgang mit den Herausforderungen, das Erlebnis der Selbstwirksamkeit, die Wahrnehmung der Fortschritte und der Autonomiegewinn aus der sich formenden Weltenvertrautheit sind etwas, was zutiefst befriedigend erlebt wird“ (S. 159).

In Kapitel 4 geht es um eine Interpretation und Zusammenfassung der Ergebnisse. Es hat sich gezeigt, dass von der spezifischen Art, Weise oder Schwere einer Behinderung nicht auf die subjektive Belastung von Pflegeeltern geschlossen werden kann. Ebenso kann gesagt werden, dass ein bestimmter Umgang mit den besonderen Bedürfnissen nicht kausal in der Art oder dem Schweregrad der Behinderung begründet liegt, sondern mit den biografisch erworbenen Haltungen und Einstellungen zu tun hat, die einen individuellen Selbst- und Weltbezug prägen und damit, ob und welcher Art der Sinn ist, der in der Aufgabe gesehen entdeckt wird“ (S. 162). Egal welchem Typus die jeweiligen Pflegefamilien auch zugerechnet werden, zeichnen sich alle Pflegefamilien durch eine hohe emotionale Bindung an das behinderte Pflegekind aus und zeigen ein großes Engagement für das jeweilige Kind. „Pflegeeltern leisten einen bedeutenden Beitrag im inklusiven Prozess der Gesellschaft in Bezug auf inklusive Werte. In der Aufnahme eines Kindes mit Behinderung und der Herstellung von Gemeinschaft, einem menschlichen Grundwert, leben sie ganz praktisch Akzeptanz und Toleranz“ (S. 189). Das Buch schließt mit einem Anwendungsbezug und einem Ausblick, wo es im Wesentlichen darum geht, dass je nach Zuordnung zu einem bestimmten Typus Pflegeeltern unterschiedliche Formen von Unterstützung benötigen.

Diskussion

Das Buch schlägt einen weiten Bogen über die Pflegekinderhilfe, was an vielen Stellen anhand der verwendeten Literatur deutlich wird, die bis in die 1990er Jahre zurückreicht, teilweise sogar noch etwas weiter. Daran wird deutlich, wie heterogen das Feld der Pflegekinderhilfe ist, weil es zwar immer mal wieder Arbeiten zu diesem großen Themenbereich in unterschiedlichen Facetten gibt, aber eine systematische Bündelung der Themen und die Fortschreibung bleibt weitgehend aus. Dennoch wäre an der einen oder anderen Stelle auch aktuellere Literatur als Referenz möglich, dennoch ist die verwendete Literatur nicht „falsch“. Nach dem Forschungsansatz scheint sich die Untersuchung auf Pflegepersonen in Sachsen-Anhalt zu beschränken, was zwar hinsichtlich des Forschungsgegenstandes durchaus möglich ist, aber damit auch nur einen Ausschnitt abbildet, denn die Verfahren der Jugendämter in der Art und Weise der Unterstützung und Betreuung von Pflegepersonen ist sehr unterschiedlich, was teilweise von den Bundesländern abhängt (personelle Ausstattung, Organisation). Diese Perspektive fehlt leider noch. Die herausgearbeiteten Typologien werden leider im Hinblick auf einen mögliche Praxisverwendung (beispielsweise durch Jugendämter) nicht weiter ausdifferenziert, sondern am Ende des Buches kommt es zu dem Resümee, dass Pflegeeltern von Kindern mit Behinderungen/​Einschränkungen einer guten fachlichen und vor allen Dingen wertschätzenden Unterstützung bedürfen, um Stigmatisierungen möglichst zu vermeiden bzw. auf jeden Fall zu reduzieren.

Fazit

Das Buch lenkt den Blick auf die Gruppe der Pflegeeltern von Kindern mit Behinderungen, die unter den Pflegefamilien noch einmal eine besondere Stellung einnehmen. Erfreulich ist das hohe Engagement der Pflegepersonen, was erst einmal für die marginalisierten Kinder eine gute Perspektive per se darstellt, natürlich individuell von den biographischen Belastungen jeweils noch stark beeinflusst werden kann. So wie die Landschaft zur Pflegekinderforschung relativ heterogen ist, so wird auch dieses Buch diese Landschaft als Tupfer vermutlich ergänzen.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.Euro-FH.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 03.05.2021 zu: Friedegard Föltz: Kinder mit Behinderungen in der Pflegekinderhilfe. Perspektiven und Herausforderungen Sozialer Elternschaft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6475-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28143.php, Datum des Zugriffs 14.05.2021.


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