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Esther Merget, Eva-Maria Engel u.a.: Ich bin Ich

Rezensiert von Prof. Stefan Müller-Teusler, 10.01.2022

Cover Esther Merget, Eva-Maria Engel u.a.: Ich bin Ich ISBN 978-3-7799-6331-8

Esther Merget, Eva-Maria Engel, Gernot Aich: Ich bin Ich. Die gezielte Erfassung und Stärkung des kindlichen Selbstkonzeptes in Kindertageseinrichtungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 153 Seiten. ISBN 978-3-7799-6331-8. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Anlass

Das Buch ist das Ergebnis des Projektes „Ich bin ich – die Erfassung und gezielte Förderung des Selbstkonzeptes von Kindern“. Dieses Projekt wurde zwischen Juni 2016 und März 2020 in insgesamt 8 Kindertageseinrichtungen durchgeführt.

AutorInnen

Esther Merged M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd und ausgebildete Erzieherin und Kindheitspädagogin.

Dr. Eva-Maria Engel ist Diplom-Psychologin und akademische Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd.

Prof. Dr. Gernot Aich ist Professor für Beratung und Entwicklungsförderung im pädagogisch-psychologischen Kontext an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd sowie Abteilungsleiter der Abteilung Pädagogische Psychologie, Beratung und Intervention.

Aufbau

Das Buch ist in sieben Kapitel unterteilt, wovon die ersten 4 Kapitel der Vorbereitung des Projektes dienen, das 5. Kapitel den Projektablauf darstellt und im 6. Kapitel die Ergebnisse aufgezeigt werden, woran das 7. Kapitel mit einem Fazit anknüpft.

Die Einleitung als das 1. Kapitel skizziert grob das Forschungsvorhaben. Die grundlegende Idee ist, dass Kinder mit einem starken Selbstkonzept für das spätere Leben gut gerüstet sind und auch Resilienzen entwickeln. „Hierbei wurde nicht ein […] ausgearbeitetes Förderkonzept in allen 8 teilnehmenden Projekt Kitas implementiert und umgesetzt, sondern die jeweilige Kitakonzeption wurde analysiert und um Selbstkonzept förderliche Aspekte erweitert, die an die Bedingungen der einzelnen Einrichtungen angepasst waren und den Bedarfen der Kinder entsprachen“ (S. 9 f.). Um das umzusetzen, waren zuerst Analysen zu den Selbstkonzept Förderlichen angeboten in den Kitas notwendig. außerdem wurde das Selbstkonzept der Kinder durch die pädagogischen Fachkräfte erfasst. um die Mitarbeitenden mit dem Forschungsvorhaben und der Umsetzung vertraut zu machen, wurde ein Fortbildungskonzept entwickelt, das Grundwissen zum Selbstkonzept und zur Gesprächsführung mit Kindern vermittelte. Im Hinblick auf die Spezifika der jeweiligen Kita wurde dann geplant, wie das Projekt alltagsintegriert umgesetzt werden konnte. Ergänzend dazu wurde nach der Hälfte der Projektlaufzeit und am Ende des Projektes Teaminterviews mit den Mitarbeitenden durchgeführt.

Das Selbstkonzept wird mit seinen theoretischen Hintergründen im 2. Kapitel erläutert. Dabei geht es zum einen um die Frage, wie sich das Selbstkonzept in der Kindheit überhaupt entwickelt, was hier noch einmal nach Lebensjahren differenziert wird. Zum anderen geht es um die Einflussfaktoren auf die kindliche Selbstkonzeptentwicklung. Die Bedeutung des positiven Selbstkonzeptes wird ebenfalls herausgestellt.

Das sehr kurze Kapitel 3 (zwei Seiten) erläutert den Selbstkonzeptfragebogen für Kinder. Er besteht aus 26 Fragen zu drei Dimensionen des Selbstkonzeptes: dem Selbstkonzept der Fähigkeiten, dem sozialen Selbstkonzept und dem körperlichen Selbstkonzept. Der Fragebogen ist für Kinder ab 4 Jahren geeignet.

Um das Projekt in den Kitas zu implementieren (Kapitel 4), wurden in jeder Einrichtung mittels nicht-teilnehmender Beobachtung durch mindestens 2 Beobachtende erfasst, wie die Tagesgestaltung erfolgte und wie die Interaktionen zwischen den Kindern untereinander sowie zwischen Fachkräften und Kindern abliefen. Dazu wurden auch Diskussionen mit den jeweiligen Teams durchgeführt, wo die Beobachtungen miteinander besprochen wurden. Gleichzeitig diente das der Vorbereitung auf das Projekt und die Mitarbeitenden wurden aufgefordert, alle in der Einrichtung existierenden Themenbereiche, Angebote und Aktivitäten zu sammeln, zu notieren und den selbstkonzeptförderlichen Bereichen zuzuordnen (vgl. S. 27). Daran schloss sich die Erstellung eines Ist-Stands-Selbstkonzeptportfolios an, wobei viele Angebote zur Selbstkonzeptförderung in den Kitas bereits umgesetzt wurden, allerdings längst nicht allen Mitarbeitenden auch so präsent waren. Außerdem konnte durch die Entwicklung des jeweiligen Portfolios noch herausgestellt werden, wie der Alltag noch selbstkonzeptförderlicher gestaltet werden kann.

Das sehr umfangreiche Kapitel 5 hat den Projektablauf und die Angebotsentwicklung zum Inhalt. In jeder Kita gab es erst einmal Fortbildungen zu den theoretischen Grundlagen zum Selbstkonzept sowie zur Gesprächsgestaltung mit Kindern. Daran schloss sich die Vorstellung des Interventionskonzeptes (gezielte Selbstkonzeptförderung in bestimmten Bereichen) an sowie theoretische Hintergründe. Dann kam es zur Begleitung der Interventionsumsetzung, wobei je nach Kita auch noch zusätzliche Schulungstermine stattgefunden haben. Die wesentlichen Bausteine für eine selbstkonzeptförderliche Umgebung sind: zu Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen, Raum für Selbstwahrnehmung und emotionale Wahrnehmungsfähigkeit geben, emotionale Sicherheit gewährleisten und auch den Kindern Selbstverantwortung zuzutrauen. Kita stellt sich heute als einen Ort der Diversität dar, weshalb dieser Aspekt auch in dem Projekt Berücksichtigung fand. Die sozialen Interaktionen der Kinder sind immer auch ein Spiegel ihrer selbst, nämlich wie aktiv sie mit anderen Kindern und auch Erwachsenen umgehen. Dazu werden hier Übungen genannt, mit denen das Selbstkonzept bei Kindern gestärkt werden kann. Kinder als Heranwachsende und lernende Wesen sind insbesondere auf erwachsene Personen angewiesen, die sie in die Welt führen. In Kitas nehmen naturgemäß die Mitarbeitenden an den großen Stellenwert ein, weshalb für das Projekt auch nochmal Grundeinstellungen zur Interaktions- und Beziehungsgestaltung Thema waren. Zum einen bezog sich das auf die Haltung gegenüber den Kindern (Rogers) und zum anderen ging es um Grundpositionen der Gesprächsführung (Transaktionsanalyse). Die entwickelten Bausteine der Selbstkonzeptstärkung sind: Ästhetische Bildung, Philosophieren mit Kindern, Literacy, Erzählen lernen beziehungsweise Biographisches Erzählen und Psychomotorik. Diese werden nicht nur als Baustein an sich in ihrer Bedeutung beschrieben, sondern es werden Beispiele für die Umsetzung genannt und es gibt dazu auch noch Praxistipps für die Realisierung in Kitas.

In Kapitel 6 werden die Ergebnisse des Projektes vorgestellt, wobei diese erst einmal je nach den einzelnen Kitas dargestellt werden. Dazu werden in einer Tabelle die Rahmendaten und Räumlichkeiten der jeweiligen Kita aufgezeigt, die schon vorhandenen und noch zu entwickelnden Angebote zum Selbstkonzeptportfolio aufgeführt sowie dann die als Interventionen bezeichnete Umsetzung in den jeweiligen Kitas beschrieben. Zum Abschluss wird noch eine Evaluation des gesamten Projektes dargestellt, die allerdings aufgrund verschiedener Umstände nur sehr begrenzt aussagefähig ist. Dennoch lässt sich festhalten, dass Kinder, die eher zurückhaltend sind, zum Ende des Projektes ein gestärktes Selbstkonzept aufwiesen.

Ein kurzes Fazit stellt das Kapitel 7 dar, womit das Buch dann auch endet. Eine wesentliche Erkenntnis aus dem Projekt ist, dass die Förderung des Selbstkonzeptes sich erst einmal primär in einer pädagogischen Grundhaltung der Mitarbeitenden ausdrücken muss. Insbesondere gilt es dabei alle Kinder im Blick zu behalten und ihnen entsprechende Angebote zu machen.

Diskussion

In Zeiten von Transformationsprozessen und Veränderungen sind Menschen mit einem stabilen Selbstbewusstsein nötig, um diese Prozesse konstruktiv und kompetent zu bewältigen. Die Grundlagen dafür werden in der frühkindlichen Erziehung, also insbesondere auch in den Kitas, gelegt. Da bietet dieses Buch ein gutes Kompendium, um darauf noch einmal den Blick dezidiert zu lenken. Was hier als Grundhaltung benannt und beschrieben wird, ist aus der Geschichte der Pädagogik als pädagogischer Bezug bekannt. Da ist es gut, dass hier daran noch einmal erinnert wird und das in Beziehung zu den Zielen in einer Kita gesetzt wird.

Das Konzept zur Selbstförderung der Kinder wird anschaulich und mit Beispielen und Praxistipps gut beschrieben. Es ist allerdings schade, dass das Erhebungsinstrument zur Messung des Selbstkonzeptes bei den Kindern in dem Buch nicht weiter aufgeführt wird. Das geht zurück auf eine Veröffentlichung der Mitautorin Eva-Maria Engel, welche 2015 erschienen ist und leider in diesem Forum auch nicht rezensiert wurde. Sofern Kitas sich also selber auf den Weg machen möchten, um das Selbstkonzept der Kinder gezielt und bewusst zu stärken, finden sie in diesem Buch gute Hinweise, in welchen Förderbereichen dieses wie gemacht werden kann. Wenn sich Kitas allerdings gezielt Gedanken über den jeweiligen Stand eines Kindes zum Selbstkonzept machen wollen, dann müssten sie das andere Buch auch noch erwerben (wobei hier nicht geprüft werden kann, inwieweit dieses ohne fachliche Hilfe in einer Kita eigenständig erhoben werden kann). Auch ohne das (andere) Buch zur Erhebung des Selbstkonzeptes bei den jeweiligen Kindern kann dieses Buch als Impulsgeber und Anstoß für die gezielte Förderung zum Selbstkonzept genutzt werden.

Fazit

Das Buch eignet sich gut für Leitungen und Fachberatungen von und in Kitas und in außerschulischen Ganztagsangeboten, um den Blick noch einmal auf etwas sehr Wesentliches in der Betreuung und Förderung von Kindern zu richten. Vieles davon findet sich in den jeweiligen Bildungsplänen der Bundesländer wieder, allerdings meistens an verschiedenen Stellen unterschiedlich akzentuiert, während insbesondere die Stärkung des Selbstkonzeptes und damit die Entwicklung von Selbstbewusstsein hier noch einmal besonders in den Vordergrund gerückt wird. Das ist gleichzeitig auch eine gute Gelegenheit, sich an ein paar Selbstverständlichkeiten in der pädagogischen Haltung und Arbeit in den Kitas zu erinnern und wieder verstärkt in das Bewusstsein der Mitarbeitenden zu rücken.

Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 10.01.2022 zu: Esther Merget, Eva-Maria Engel, Gernot Aich: Ich bin Ich. Die gezielte Erfassung und Stärkung des kindlichen Selbstkonzeptes in Kindertageseinrichtungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6331-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28145.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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