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Christiane Thompson, Jörg Zirfas u.a. (Hrsg.): Erziehungswirklichkeiten

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.12.2021

Cover Christiane Thompson, Jörg Zirfas u.a. (Hrsg.): Erziehungswirklichkeiten ISBN 978-3-7799-6193-2

Christiane Thompson, Jörg Zirfas, Wolfgang Meseth, Thorsten Fuchs (Hrsg.): Erziehungswirklichkeiten in Zeiten von Angst und Verunsicherung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 286 Seiten. ISBN 978-3-7799-6193-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.
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Ein pädagogischer Weck- und Alarmruf?

Bei der Tagung der Sektion Allgemeine Erziehungswissenschaft der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft e.V. (DGfE) im März 2019 an der Universität Köln wurden als Schwerpunkt der Fachtagung die (vernachlässigten), bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen diskutiert, wie sich die individuellen und kollektiven Phänomene „Angst“ und „Verunsicherung“ in den Bildungs- und Erziehungswirklichkeiten darstellen und wirken. „Angst isst Seelen auf“ – dieses Phänomen nämlich wird im wissenschaftlichen Diskurs bisher weitgehend psychologisch und kulturspezifisch thematisiert. Es sind Fragen wie – „Wie verhalten sich Angst und Sorge in der Erziehung zueinander?“, „Inwiefern sind Öffnungen und Transformationen im Bildungsprozess auf ‚Angst‘ verwiesen?“, „Wie ist pädagogisches Handeln angesichts von Ungewissheit und Unsicherheit zu denken?“ – die (auch) pädagogische Antworten auf die lokalen und globalen Schreckensszenarien, wie z.B. Pandemien, Klimakatastrophen, ideologische Verirrungen…, erfordern.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Im fachspezifischen und interdisziplinären Diskurs wird das Thema „Angst“ in vielfältigen Zusammenhängen thematisiert: Der Soziologe vom Hamburger Institut für Sozialforschung und Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, Heinz Bude, stellt fest: „Angst zeigt uns, was mit uns los ist“ (Gesellschaft der Angst, 2014,); die Schweizer Psychologin Verena Kast plädiert „Wider Angst und Hass“, als Herausforderung für Menschenfreundlichkeit (2017); die US-amerikanische Philosophin Martha C. Nussbaum weist Auswege aus der Politik der Angst aus (2014) und Anette Bauermeister u.a., setzen sich psychoanalytisch mit Angststörungen und Depressionen auseinander (2013).

Der pädagogische, erziehungswissenschaftliche Diskurs stellt sich als situations- und systemkritische, momentane, generationenübergreifende Bestandsaufnahme der nationalen und globalen Entwicklungen von Bildungs- und Aufklärungsprozessen dar. Dem Herausgeberteam des Tagungs- und Dokumentationsbandes „Erziehungswirklichkeiten in Zeiten von Angst und Verunsicherung“ gehört die Erziehungswissenschaftlerin von der Goethe-Universität in Frankfurt/M., Christiane Thompson an; ebenso wie der pädagogische Anthropologe Jörg Zirfas; der Schulpädagoge Wolfgang Meseth von der Philipps-Universität in Marburg; und der Bildungstheoretiker und -praktiker Thorsten Fuchs von der Universität Koblenz-Landau. Sie präsentieren die Beiträge der Diskutant*innen während der Fachtagung.

Aufbau und Inhalt

Neben dem Vorwort und dem Einführungsbeitrag „Angst und Verunsicherung in der Moderne“ durch Christiane Thompson und Jörg Zirfas, wird der Tagungsband in drei Kapitel gegliedert: Im ersten geht es um „Erziehungswissenschaftliche und pädagogische Dimensionen von Angst und Verunsicherung“, im zweiten um „Formierungen der Erziehungswirklichkeit durch Angst und Verunsicherung“, und im dritten Kapitel diskutieren die Autorinnen und Autoren „Gesellschaftliche Transformationen im Kontext von Globalisierung, Migration und Populismus“.

Es sind individuell situativ entstehende Angst- und Verunsicherungsphänomene, wie auch gesellschaftlich, politisch und ideologisch gemachte Anlässe, die die professionelle Aufmerksamkeit auf tatsächliche und vermeintliche schreckliche Ereignisse lenken. Die Kasseler Erziehungswissenschaftler Ralf Mayer und Steffen Wittig diskutieren mit dem Beitrag „Blick und Angst“, unter Bezugnahme auf literarische und philosophische Quellen, „die Suche nach einem begründeten, unzweideutigen Wissen über sich, Andere und die geltende Ordnung – und darin die Unverfügbarkeiten in den Möglichkeiten der Positionierung und Anerkennung“.

Der Bildungstheoretiker von der Universität Hamburg, Gereon Wulftange, stellt mit dem Beitrag „Angst und Begehren“ Überlegungen zur affektiven Dimension von Bildungsprozessen an. Es sind die Forschungs- und Erlebnis-Erfahrungen des Autors, die den Schluss zulassen, dass „sich das Objekt der Angst im Register des Realen verorten lässt“.

Der Kölner Heilpädagoge Markus Dederich und Jörg Zirfas setzen sich auseinander mit „Nichtwissen, Unsicherheit und professionelles Handeln“, indem sie analytische und präventive Schlüsselkompetenzen des pädagogischen Denkens und Handelns aufführen: „Wer in der Bildung Sicherheit in der Form von scheinbar eindeutigen Kategorisierungen bzw. Operationalisierungen, von scheinbar objektiven Bewertungs- und Vergleichskriterien und technologisch verkürzten pragmatischen Ableitungen sucht, sucht auch die Entlastung von Selbstbestimmung“.

Die an der Universität Leipzig tätige Schulpädagogin Mai-Anh Boger fragt: „Warum haben Menschen Angst vor Emanzipation und Mündigkeit?“. Sie thematisiert mit griechisch-philosophischen und marxistisch orientierten Themen, wie Grundängste entstehen und wirken. Es ist die Suche nach „dem Anderen der Angst“, nach „dem Anderen des Begehrens“, die konkrete Fragen nach politischen, demokratischen Verfassungen, nach Gerechtigkeit und Menschenwürde stellen lassen.

Das zweite Kapitel beginnt die Erziehungswissenschaftlerin von der Universität Siegen, Friederike Schmidt, mit dem Beitrag „Konfigurationen von Ängsten und Unsicherheiten in präventiven Gesundheitsmaßnahmen“. Sie arbeitet heraus, „wie die Lebensführung als zentrales Risiko der Entwicklung von Kindern markiert und in diesem Sinne einer engmaschigen öffentlichen Führung der Lebensgestaltung überantwortet wird“.

Die Kölner Anthropologinnen Oktay Bilgi und Ursula Stenger verweisen auf die „Sorge um den Anfang“. Sie kritisieren die präemptiven, vorausschauenden, -ahnenden und Self-Fulfilling-Strategien in der frühen Kindheit. „Erfahrungen von Schönheit und Lebensfreude, von Vertrauen und Dankbarkeit, von Zuversicht und Geborgenheit, von Respekt und Freundschaft, Trauer und Mitgefühl, Scheitern und Hoffnung können Raum greifen, ohne in dem Augenblick, wo sie stattfinden, bereits auf einen ganz bestimmten Lern-Outcome hin betrachtet und forciert zu werden“.

Der Pädagoge Jens Oliver Krüger von der Universität Koblenz-Landau thematisiert mit dem Ausspruch „Mir ist so eigentümlich“ Aspekte der literarischen Inszenierung der Schulangst. Es sind Fundgruben, An- und Aufreger, die Fragen nach Komplexität und Komplementarität dieses Angst- und Furchtphänomens aufkommen lässt und zum konkreten Bildungs- und Erziehungshandeln auffordert.

Die Salzburger Anthropologin und Geschlechterforscherin Gabriele Sorgo setzt sich mit ihrem Beitrag „Angst statt Sorge“ auseinander mit medialen und mentalen Entwicklungen, die eine Destabilisierung von Sorgesystemen durch die digitale Affektkultur bewirken. „Da der größte Teil der aktivierenden Strategien im World Wide Web einem inhumanen Konzept des sozialen Lebens als profitträchtigem Austauschgeschehen verpflichtet ist, produziert die marketinggesteuerte Gesellschaft durch die Störung von Individualisierungsprozessen nicht nur Angst, sondern untergräbt… ihre eigenen Fundamente“.

Der Hamburger Lehrer Christoph Haker und der Didaktiker von der TU Dortmund, Lucas Otterspeer, berichten über „Empirische Bildungsforschung als Rechtfertigung rechtspopulistischer Angst“. Sie nehmen die medialen Auswirkungen von „Large Scale-Assessments“ zum Anlass, um über Situationen, Druck und Auswirkungen der Angstkommunikation bei Vergleichsuntersuchungen, wie z.B. IGLU, nachzudenken. Ihre These, dass es in der Bildungsforschung zu spezifischen Verunsicherungen, wie etwa „methodologischem Nationalismus“, von Ängsten „of being left behind“ und unzulässigen Differenzierungs- und Unterscheidungskriterien komme, wird in zahlreichen Beispielen und Belegen nachgewiesen.

Das dritte Kapitel beginnt der Erwachsenenbildner von der Universität in Frankfurt/M., Nicolas Engel, mit dem Beitrag „Wissensbegegnung“. Er diskutiert, wie Wissensvermittlung sich unter postglobalen Verunsicherungen vollzieht. Es sind Fragen nach der „Leitkultur“, nach Höherwertigkeitsvorstellungen und rassistischen Tendenzen, die Verständnis verunmöglichen und Missverständnisse provozieren: Prozesse der Wissensproduktion und -vermittlung führen zu Störungen, die sich nicht nur durch kritische Überprüfung des Wissens, sondern auch durch das Aufeinandertreffen von jeweils für sich Geltung beanspruchenden Wissensbeständen entstehen“.

Der Kölner Sozialwissenschaftler Daniel Burghardt zeigt mit „Selbstviktimisierung und Rechtsextremismus“ die Zusammenhänge von Volnerabilität und Autoritarismus auf. Es sind die autoritären, egozentristischen und ideologischen Einstellungen, die Denk-Minimalismus zeigen und Ängste von Bedeutungslosigkeit und Abstieg erzeugen. Auch wenn mittlerweile Einstellungsforschungen verdeutlichen, dass Querdenker für Argumente und Dialog nicht zugänglich sind, bedarf es des pädagogischen, humanen Anspruchs, analytisches Wissen und alternative Konzepte im Bildungs- und Erziehungsprozess zu etablieren.

Die Soziologen vom Deutschen Jugendinstitut in Halle/​Saale, Björn Milbradt und Felix Pausch diskutieren mit dem Beitrag „Über ‚Gefährder‘ und ‚Gefährdete‘“ das Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle bei der Radikalisierungsprävention. Es sind sozialpädagogische, wissenssoziologische, und aufklärerische Perspektiven, die sich als hermeneutische Phänomene darstellen und als pädagogische Herausforderungen im Spannungsfeld von Hilfe und Kontrolle zeigen.

Die Erziehungswissenschaftlerin von der Flensburger Europa-Universität, Anke Wischmann, informiert über biographische Erfahrungen von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte im deutschen Bildungssystem: „Also, am Anfang hatten wir ja Angst natürlich“. An zwei Fallbeispielen zeigt sie Angsterfahrungen auf: Der 14-jährige Jugendliche Vladimir kam aus der Ukraine nach Deutschland; und die 13-jährige Elisabeth kam aus Rumänien. Es sind natürliche Fremd- und Unsicherheitserfahrungen, die „nicht als Auslöser oder Movens von Bildung zu verstehen(sind), sondern dass es zunächst darum geht, die Angst zu überwinden“.

Mit dem Schlussbeitrag in englischer Sprache fokussiert die Marburger Doktorandin Sepideh Abedi Farizani ihren Beitrag „Fear and Uncertainty as Political, Media and Collective Imaginary“ auf alternative, zukunftsweisende Perspektiven von Flucht und Flüchtlingen. Es sind die verständlichen, selbst- und fremdbezogenen „Dreamings of a good and decent life“.

Diskussion

Unsere Gegenwart, die von zahlreichen, scheinbar unüberwindbaren Krisen- und Katastrophensituationen bestimmt ist, lässt sich nur begreifen und bewältigen, wenn es gelingt, klug (Clemens Albrecht, Sozioprudenz. Sozial klug handeln, 2020) und wach zu denken und zu handeln (Rebekka Reinhard, Wach denken. Für einen zeitgemäßen Vernunftgebrauch, 2020). Es kommt darauf an, im individuellen und kollektiven Dasein „Risiken zu senken, Unsicherheiten und Angst zu eliminieren“, und zu lernen, das pädagogische und politische Denken und Tun kompetent darauf auszurichten. Es bedarf der Erkenntnis, dass der Mensch ein „verletzbares Subjekt“ (Angela Janssen, 2018) und es schwierig ist, die für ein selbstständiges Leben wünschenswerten Fähigkeiten Deutungssicherheit und Zeit-(Zukunfts-)Diagnosen auszuüben (Heiner Hastedt, Hg., Deutungsmacht von Zeitdiagnosen. Interdisziplinäre Perspektiven, 2019). „Für die Erziehungswissenschaft wird dieser modernisierungstheoretische Strang z.B. dort relevant, wo nach der Bedeutung von Kontingenz und Unsicherheit für pädagogische Ziele, Legitimationen, Prozesse und pädagogisches Handeln gefragt wird“.

Fazit

Mit dem erziehungswissenschaftlichen DGfE-Tagungsband „Erziehungswirklichkeiten in Zeiten von Angst und Verunsicherung“ wird ein neues, wissenschaftliches Diskussions-, Argumentations- und Handlungsfeld aufgezeigt, das den zôon polikon und den Homo paedagogicus herausfordert.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.12.2021 zu: Christiane Thompson, Jörg Zirfas, Wolfgang Meseth, Thorsten Fuchs (Hrsg.): Erziehungswirklichkeiten in Zeiten von Angst und Verunsicherung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6193-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28146.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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