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Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel

Cover Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel. Perspektiven und Handlungsspielräume. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 150 Seiten. ISBN 978-3-8474-2465-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Der Klimawandel wird inzwischen recht einvernehmlich als zentrale gesellschaftliche Herausforderung begriffen. Trotzdem stellt es noch eine ungewohnte Perspektive dar, seine Ursachen, seine Folgen sowie Maßnahmen zur seiner Bewältigung aus einer sozialen Perspektive zu betrachten. Begreift man den Klimawandel jedoch als soziale Frage, so ist die von Yannick Liedholz festgestellte geringe Bedeutung der Klimafrage in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit in der Tat problematisch. Das von ihm vorgelegte Buch versteht er als Beitrag zur Schließung dieser Lücke(n) – in Form einer „ersten Bestandaufnahme, die Forschungs- und Handlungsbedarfe“ (S. 7) aufzeigen soll.

Autor

Yannick Liedholz ist Lehrbeauftragter an der Alice Salomon Hochschule in Berlin und vertritt hier Themen wie Klimagerechtigkeit, Bildung für nachhaltige Entwicklung, nachhaltige Hochschulentwicklung und Erlebnispädagogik. Als Sozialarbeiter war er u.a. in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit mit dem Schwerpunkt auf eine nachhaltige und erlebnispädagogische Bildungsarbeit tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst (neben Einleitung und Ausblick) vier zentrale Abschnitte: Zunächst erfolgen „Einblicke in die Soziale Arbeit“ (S. 9), in denen das für das Buch grundlegende Selbstverständnis Sozialer Arbeit dargelegt wird. Dann werden Grundlagen des Klimawandels erläutert. Auf dieser Basis werden dann „Berührungspunkte von Sozialer Arbeit mit dem Klimawandel“ (S. 41) sowie „Handlungsspielräume von Akteur_innen der Sozialen Arbeit“ (S. 83) diskutiert.

Seine Einblicke in die Soziale Arbeit beginnt Liedholz mit einer historischen Verortung Sozialer Arbeit in den Verwerfungen der frühindustriellen Gesellschaft. Davon ausgehend legt er ein gerechtigkeitsbezogenes Selbstverständnis Sozialer Arbeit dar, wie es u.a. die International Federation of Social Workers (IFSW) vertritt. Aus diesem folge eine prinzipielle Zuständigkeit Sozialer Arbeit für Fragen des Klimawandels: „Wenn sie sich per definitionem für soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und einen sozialen Wandel einsetzen will, dann kann sie den Klimawandel nicht ignorieren.“ (S. 17) Gleichwohl sieht Liedholz nach Arbeitsfeldern differenzierte Möglichkeiten der Auseinandersetzung: So könne der Klimawandel „in der Klinischen Sozialarbeit oder der Drogenhilfe durchaus mal ein Thema sein, im Vordergrund steht aber ganz klar, die betroffenen Menschen in ihren existentiell bedrohlichen Lebenslagen zu unterstützen.“ (ebd.) Engere Bezugspunkte lägen dagegen in

  1. der Gemeinwesenarbeit,
  2. der geschlechtersensiblen Sozialen Arbeit,
  3. der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit,
  4. der Konfliktforschung,
  5. der internationalen Sozialen Arbeit,
  6. postkolonialen Theorien,
  7. der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession sowie
  8. der Sozialen Arbeit mit migrierten und geflüchteten Menschen.

Diese Arbeits- und Forschungsfelder portraitiert er jeweils knapp, allerdings ohne an dieser Stelle Bezüge zu Klimawandel bereits explizit herauszuarbeiten. Darüber hinaus sieht er in der Bildung zur nachhaltigen Entwicklung sowie in der ökologisch orientierten Erlebnispädagogik Bezüge, die ebenfalls später im Buch dargelegt werden.

Im Klimawandel überschiebenen Abschnitt geht es dem Autor um eine Vermittlung essentieller Wissensbestände, über die Sozialarbeiter_innen verfügen sollten, um „entkomplexisierenden, katastrophischen“ (S. 25 f.) Darstellungen des Phänomens einerseits sowie den Ansichten von „Klimawandelskeptiker_innen und -leugner_innen“ (ebd.) andererseits begegnen zu können. Nach Hinweisen zu den Limitationen der westlich-naturwissenschaftlich geprägten Perspektive des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und seiner Rolle an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik werden (dem fünften Sachstandbericht dieses Gremiums folgend) zentrale Ergebnisse zum Stand der Klimaveränderungen präsentiert, die zentralen anthropogenen Quellen des Klimawandels dargelegt und das 1,5° und 2,0° Klimaziel sowie die damit zusammenhängenden Emissionspfade diskutiert.

Im Kapitel Berührungspunkte von Sozialer Arbeit mit dem Klimawandel wird der Klimawandel als soziales Problem gefasst, der von einer gerechtigkeitsorientierten Sozialen Arbeit reflektiert und bearbeitet werden muss. Fokussiert werden dabei neun Kernthemen:

  1. Die Verschärfung bestehender nationaler und globaler Ungleichheitslagen durch den Klimawandel.
  2. Postkoloniale Theoriebildungen, welche den Klimawandel in Prozessen der Kolonialisierung, Dekolonialisierung, Rekolonlialisierung sowie des Neokolonialismus verorten.
  3. Rassismustheoretische Reflexionen u.a. unter dem Stichwort des ‚Klimarassismus‘.
  4. Klimapolitikbedingte Flucht- und Migrationsbewegungen.
  5. (Gewalt-)Konflikte, die in verschiedenen mittelbaren Verhältnissen zur Klimafrage stehen können.
  6. Gesundheitliche Folgen des Klimawandels und wie diese in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit reflektiert werden sollten.
  7. Der Klimawandel als mit Menschenrechtsverletzungen einhergehender Prozess.
  8. Geschlechtergerechtigkeitsfragen, die sowohl die ungleiche Verursachung, Betroffenheit aber auch die (geringe) Berücksichtigung (öko)feministischer sowie weiblicher Perspektiven in der Klimadebatte berühren.
  9. Überlegungen zur Generationengerechtigkeit, die u.a. in der pädagogischen Aufgabe münden, „Lern-, Dialog- und Reflexionsräume für junge, mittelalte und ältere Menschen zu schaffen, um die Zukunft wieder gemeinsam denkbar zu machen“ (S. 80 f.).

Handlungsspielräume von Akteur_innen Sozialer Arbeit skizziert Liedholz im letzten Abschnitt des Buches, wobei er zwischen pädagogischen und gesellschaftspolitischen Anknüpfungspunkten unterscheidet. Er plädiert dafür, vor allem letztere wahrzunehmen, da eine Eindämmung des Klimawandels nur über „weitreichende Maßnahmen in der politischen und ökonomischen Sphäre“ (S. 83) zu erreichen sei und pädagogische Konzepte eine Verantwortungsverschiebung auf das Individuum befördern könnten. Im Zuge einer Vermeidung von und Anpassung an Klimafolgen betont er vier Aspekte. Soziale Arbeit solle:

  1. Klimagerechtigkeit einfordern und innerhalb ihrer eigenen Strukturen umsetzen,
  2. eine Postwachstumsökonomie fordern und mitgestalten,
  3. sich mit sozialen Bewegungen verzahnen und so Akteurin und Multiplikatorin im Austragen von Klimakonflikten werden,
  4. lokale Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel (z.B. im Rahmen von Gemeinwesenarbeit) anstoßen und begleiten.

Demgegenüber zweitrangige pädagogische Handlungsspielräume sieht der Autor zudem

  1. in einem (re)politisierten Aufgriff von Ansätzen einer Bildung zur Nachhaltigen Entwicklung, die gegenwärtig zu einem „Additiv“ (S. 127) an vielen prinzipiell nicht nachhaltig agierenden (Bildungs)orten degradiert werde, sowie
  2. in einer ökologisch orientierten Erlebnispädagogik, die nicht nur Bewusstseinsbildung, sondern auch Erfahrungen der Handlungsfähigkeit und -kompetenz in Nachhaltigkeitsfragen vermitteln könne.

Im Ausblick präsentiert Liedholz schließlich drei Schritte, die dazu beitragen würden, dass Soziale Arbeit ihre Möglichkeiten der Einflussnahme im Kontext des Klimawandels nutzt und zu mehr Klimagerechtigkeit beiträgt:

  1. Im Sinne eines Bewusstseinswandels dürfe Soziale Arbeit ihre Augen nicht vor dem Klimawandel verschließen, sondern müsse ihn produktiv angehen.
  2. Dazu muss sie sich entsprechendes Wissen und Fähigkeiten aneignen. Gefordert seien hier besonders die Aus- und Weiterbildungsstätten Sozialer Arbeit, die ihre Curricula anpassen müssten, aber auch die Verbände und Träger Sozialer Arbeit, die Klimagerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsleitbilder entwickeln müssten.
  3. Soziale Arbeit müsse – gemeinsam mit anderen Akteuren – den Klimawandel stärker als soziales Problem in Öffentlichkeit und Politik tragen.

Diskussion

Gestützt auf Entwürfe von Sozialer Arbeit als Gerechtigkeits- und Menschenrechtsprofession sowie eine von der Klimafrage ausgehende Darlegung von im Kern ungerechten und menschenrechtsverletzenden nationalen wie globalen Verhältnissen fordert Yannick Liedholz eine deutliche Politisierung Sozialer Arbeit. Diese solle „eigene imperiale und nicht-klimagerechte Strukturen“ offen legen und eine „praktische Auseinandersetzung und Konfrontation mit bestehenden Macht- und Herrschaftsstrukturen“ (S. 85) suchen. Dies geschieht in einer präzisen und nachvollziehbaren Weise und ist in Bezug auf viele Aspekte erhellend. Dabei ist der Text in einem überblicksartigen Lehrbuchstil gehalten und es wird nahezu kein Fachwissen zur Sozialen Arbeit oder zum Klimawandel vorausgesetzt. Das macht das Buch sehr leicht zugänglich, wird informierte Leser aber zum Überblättern einiger Abschnitte einladen.

Der Autor erhebt den Anspruch, in einem breit angelegten Aufriss den Klimawandel für die Soziale Arbeit zu kontextualisieren. Trotz der Schwierigkeiten eines solchen Pioniervorhabens (im deutschsprachigen Kontext) gelingt ihm dies an vielen Stellen gut. Ihm kommt das Verdienst zu, einen ersten Ausgangspunkt zu einer deutschsprachigen Debatte um Soziale Arbeit und Klimawandel vorgelegt zu haben. Die folgenden knappen Hinweise zu Schwierigkeiten, die mir als Rezensent aufgefallen sind, möchte ich daher auch als Anregung zu einer weiterführenden Debatte verstehen:

  1. Es fehlt an einer Berücksichtigung des internationalen bzw. englischsprachigen Diskussionstands. Das ist bedauerlich, da hier im Kontext von Publikationen zu ‚Green‘, ‚Ecological‘ oder ‚Environmental Social Work‘ (z.B. Ferguson u.a. 2018, Erickson 2018, Dominelli 2018, 2012, McKinnon/​Alston 2016, Gray u.a. 2013) auch mit Bezug auf den Klimawandel eignes vorgedacht wurde, das prüfenswert gewesen wäre.
  2. Durch den Versuch, das Themenfeld breit aufzurollen, bleibt insgesamt zu undeutlich, was nun wirklich besondere, eigene Beiträge Sozialer Arbeit als Wissenschaft wie als Profession zur Bewältigung des Klimawandels seien könnten. Manches ist plausibel, aber sehr unspezifisch (z.B. dass Organisationen der Sozialen Arbeit nachhaltig und klimagerecht wirtschaften sollten (S. 93 ff.)). An anderer Stelle fragt man sich, ob die Soziale Arbeit als Wissenschaft und Praxisfeld (in Deutschland) hierfür wirklich zuständig und adäquat aufgestellt ist (z.B. green grabbing im Rahmen von Clean Development Mechanism kritisieren (S. 49 f.); klären, ob der Klimawandel eine Rolle als Fluchtursache in Syrien gespielt hat oder untersuchen, ob Großregenereignisse oder Hitzewellen mit Gewaltereignissen korrelieren (S. 63)).
  3. Dies liegt auch an der sehr offen gehalten Bestimmung von Sozialer Arbeit als Gerechtigkeitsprofession, zu der keine theoretischen Alternativen angedacht werden. Ohne weiterführende Überlegungen hat eine solche Bestimmung recht deklarativen Charakter, da die Soziale Arbeit gesellschaftlich keineswegs als (alleinige) Akteurin der Bearbeitung aller sozialen Probleme und sozialen Ungerechtigkeiten anerkannt ist. Es geht also gerade bei einer politisierten Sozialen Arbeit immer auch um die Klärung der Frage, welche Aspekte von bedeutenden und basalen Ungerechtigkeiten die Soziale Arbeit besonders kompetent bearbeiten kann, um genau dafür ein Mandat und öffentliche Mittel einzufordern. Dies mit Blick auf den Klimawandel zu klären scheint im vorliegenden Band noch nicht hinreichend gelungen und bedarf vermutlich weiterführender theoretischer Überlegungen. Eine Betrachtung aus einer Capabilities-Perspektive aber auch der Einbezug von lebenswelt- und alltagsorientierten Ansätzen könnte hier produktiv sein, wie auch im Rahmen des ‚politischen Mandats‘ diskutierte Fragen (z.B. für wen und in wessen Namen sich die Soziale Arbeit anschickt zu sprechen) für die Klimafrage dringend näher geklärt werden müssten.

Fazit

Yannick Liedholz legt einen lesenswerten und für alle mit Sozialer Arbeit befassten Personen leicht zugänglichen Aufschlag zu Zusammenhängen von Sozialer Arbeit und Klimawandel vor, dem viele Leser_innen zu wünschen sind. Dann könnte er dazu beitragen, eine umfangreichere Auseinandersetzung und Debatte anzustoßen, in dessen Verlauf die an einigen Stellen doch noch etwas unscharf bleibenden Beiträge der Sozialen Arbeit zur Bewältigung des Klimawandels und der Klimawandelfolgen immer klarer hervortreten könnten.

Literatur

Dominelli, L. (Hrsg.) (2018). The Routledge Handbook of Green Social Work. London, New York: Routledge.

Dominelli, L. (2012). Green Social Work: From Environmental Crises to Environmental Justice. Cambridge: Polity Press.

Erickson, C. L. (2018). Environmental Justice as Social Work Practice. Oxford: University Press.

Ferguson, I., Vasilios, I., Lavalette, M. (2018). Social work, climate change and the Anthropocene. S. 111–132 in: Dies.: Global Social Work in a Political Context: Radical Perspectives. Bristol: Policy Press.

Gray, M., Coates, J. & Hetherington, T. (Hrsg.) (2013). Environmental Social Work. London, New York: Routledge.

McKinnon, J. & Alston, M. (Hrsg.) (2016). Ecological Social Work. Towards Sustainability. London: Palgrave.


Rezension von
Prof. Dr. Matthias Euteneuer
Professor für Theorie und Methoden Sozialer Arbeit an der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf.
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Zitiervorschlag
Matthias Euteneuer. Rezension vom 11.06.2021 zu: Yannick Liedholz: Berührungspunkte von Sozialer Arbeit und Klimawandel. Perspektiven und Handlungsspielräume. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2021. ISBN 978-3-8474-2465-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28148.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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