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Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit

Cover Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 5., erweiterte und überarbeitete Auflage. 376 Seiten. ISBN 978-3-17-039979-2. 30,00 EUR.
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Thema

„Kooperative Prozessgestaltung ist ein Konzept für professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Es handelt sich um einen methodenintegrativen, kooperativen Ansatz und ist für den praxisübergreifenden Einsatz konzipiert. [...] Das Buch ist ein Studien- und Handbuch für die Lehre, für Studierende sowie für langjährige Fachkräfte und eine Arbeitsgrundlage für Organisationen Sozialer Arbeit.“ (Klappentext)

Hochuli Freund und Stotz legen die fünfte Auflage vor. Das Lehrbuch wurde überarbeitet, präzisiert, aktualisiert und mit theoretischen Inhalten und methodischen Vertiefungen ergänzt.

Autorin und Autor

Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund lehrt an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz mit dem Schwerpunkt Professionelles Handeln. Walter Stotz war dort bis 2013 mit demselben Schwerpunkt tätig“ (Einbandtext).

Die vorliegende Auflage wurde unter Mitarbeit von Raphaela Sprenger, wissenschaftliche Mitarbeiterin an genannter Fachhochschule, verfasst.

Aufbau

Das Buch ist aufgeteilt in Teil I, welcher den professionstheoretischen Rahmen herleitet und Teil II, welcher sich den methodischen Aspekten des Prozessmodells widmet.

Inhalt

1. Einleitung (Anspruch, Ziel und Zweck, Aufbau des Buches)

Der Autor und die Autorin zeigen, gestützt auf Beiträge von Zwilling und Heiner, eine Lücke in der Sozialen Arbeit auf: Es gebe kaum Angebote für übergreifende Systematiken zum methodischen Handeln und im Hinblick auf eine theoretisch reflektierte Methodenintegration, welche eine Verknüpfung unterschiedlicher handlungstheoretischer Ansätze ermöglicht, sei die Lücke noch problematischer (S. 16). Zur Schliessung dieser Lücke möchten der Autor und die Autorin mit diesem Buch einen Beitrag leisten.

Die „kooperative Prozessgestaltung“ (KPG) nimmt für sich in Anspruch, ein generalistisches, methodenintegratives, auf Kooperation ausgerichtetes Konzept zu sein (S. 19), welches als Lehrbuch und Nachschlagewerk das Ziel verfolge, dass Fachpersonen Sozialer Arbeit nicht nur Theorien und Methoden kennen, sondern damit auch arbeiten können. Damit geht es also um den Transfer von Wissen in Handeln. Die Fachpersonen sollen ihr Handeln entlang eines roten Fadens strukturieren und erkennen und begründen können, was sie tun, wenn sie etwas tun, und in Transparenz das planen können, was wirklich planbar ist. Das Prozessmodell solle dem Zwecke dienen, eine Struktur in den Prozess des Nachdenkens auf fachlicher Ebene zu bringen und den Such- und Problemlösungsprozess mit Klientinnen und Klienten zu gestalten (S. 17).

2. Soziale Arbeit (Theorielinien, Verständnisse von Sozialer Arbeit, ihren Praxisfeldern und historischen Wurzeln)

Das zweite Kapitel ist der Sozialen Arbeit als Disziplin und Profession gewidmet. Dieses Kapitel klärt in Kurzform den Kontext professionellen Handelns und legt dar, was unter Sozialer Arbeit zu verstehen ist. Es solle eine Orientierung bieten und gleichzeitig die Komplexität des Handlungsfeldes aufzeigen.

Nach der Skizzierung der unterschiedlichen historischen Wurzeln von Sozialpädagogik und Sozialarbeit, wird auf die Differenz von Disziplin und Profession eingegangen, die Praxisfelder werden systematisiert und die verschiedenen theoretischen Perspektiven von Sozialer Arbeit von Thiersch, Habermas und Heiner über Staub-Bernasconi bis hin zu Böhnisch, Schütze, Dewe, Bommes & Scherr und Oevermann in knapper Form ausgeführt. Im neu hinzugefügten Unterkapitel (2.2.3) kommen noch Grundorientierungen und Prinzipien und die Bedeutung von wissenschaftlichem Wissen hinzu.

Die Autorin und der Autor verfolgen ein ambitioniertes Unterfangen, der Vielfalt theoretischer Positionierungen Sozialer Arbeit in einem 17-seitigen Einführungskapitel gerecht zu werden. Gleichzeitig ist es nachvollziehbar, dass sich ein Methodenbuch in der Theorielandschaft verorten will und zeigt, dass es unterschiedliche Perspektiven aufnehmen möchte.

3. Professionstheoretische Grundlagen

Für ein Handlungsmodell wie die „Kooperative Prozessgestaltung“ sind professionstheoretische Überlegungen von hoher Bedeutung. Die Autorin und der Autor stellen zunächst historische Verständnisse Sozialer Arbeit als Profession seit den 1960er-Jahren dar und leiten daraus Strukturmerkmale professionellen Handelns ab, welche für ihr Handlungsmodell relevant sind. Die zentralen professionstheoretischen Merkmale aus verschiedenen theoretischen Perspektiven werden kompakt und nachvollziehbar ausgeführt und dargelegt. Allerdings bleibt die Auswahl der verschiedenen Perspektiven unbegründet. Beispielsweise wird als Antwort auf das Strukturmerkmal der geringen Standardisierbarkeit die Notwendigkeit von „Fallverstehen“ abgeleitet. Und auf das strukturelle Technologiedefizit wird als alleinige Kompensationsmöglichkeit der rekonstruktive, hermeneutische Zugang postuliert. Diese hermeneutisch-rekonstruktive Perspektive ist zwar nachvollziehbar, allerdings werden im Fachdiskurs auch andere Wissens-Transfer-Modelle, wie zum Beispiel handlungswissenschaftliche Logiken (Staub-Bernasconi 2007) vorgeschlagen (worauf später in diversen Kapiteln auch Bezug genommen wird).

Mit der professionstheoretischen Betrachtung werden plausible Folgerungen aus den Überlegungen zu den Strukturmerkmalen und -Bedingungen für das Konzept der KPG gezogen. So wird beispielsweise aus der diffusen Allzuständigkeit gefolgert, dass „in jedem Fall die Thematik zunächst eingeschätzt und ausgehandelt, dass die Frage der eigenen Zuständigkeit geklärt und die Grenzen der Intervention gemeinsam mit einer Klientin oder einem Klientensystem ausgehandelt werden muss und dass die professionelle Unterstützung eines Klienten oft in Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften realisiert wird“ (S. 51). Dieses Strukturmerkmal führe direkt zum Thema des vorliegenden Buches und begründe dessen Bedarf (S. 56). Zentral für ein kooperatives Prozessmodell sind auch die Ausführungen zu Koproduktion und zur Involviertheit der Professionellen als ganze Person. Die Folgerungen aus diesem Kapitel sind für das Verständnis und die Herleitung des Prozessmodells aufschlussreich und das Modell wird im Weiteren auch immer wieder auf diese Aspekte hin überprüft.

4. Ethische und rechtliche Grundlagen

Einleitend wird festgestellt, dass Soziale Arbeit ihr Handeln zu legitimieren hat. Dies wird damit begründet, dass sich die Soziale Arbeit in ihrem gesellschaftlichen Auftrag an den gesellschaftlichen Werten und Normen ausrichten muss und dass Eingriffe in Lebenszusammenhänge von Menschen zu legitimieren sind. Diese Umstände versucht das ethische Kapitel zu berücksichtigen.

Ausgehend von einem aus diversen Quellen erarbeiteten Menschenbild führt das Kapitel über ethische Normen wie Menschenwürde (hier nach der kant‘schen Auffassung), Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit u.a. zu einer Professionsethik als Verantwortungs- und Care-Ethik und berufsethischen Richtlinien. In der 5. Auflage neu hinzugekommen ist ein Unterkapitel über ethische Entscheidungsfindung. Dieses soll – neben den theoretischen Grundlagen – auch praktische Unterstützung bei der Abwägung unterschiedlicher, vielleicht auch konfligierender Werte bieten. Abschliessend wird auf wichtige rechtliche Normen aus Bundesverfassung und Gesetzen hingewiesen, wobei bei den Gesetzen ausschliesslich auf den Kontext gesetzlicher Sozialarbeit im engeren Sinn (Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz) eingegangen wird.

In der Zusammenfassung wird klar, welchen Stellenwert die unterschiedlichen Ausführungen für Soziale Arbeit haben und welche Erwartungen an Professionelle damit verbunden sind. Kritisch anzumerken ist, dass auch hier die Auswahl der ethischen Positionierungen nicht begründet wird.

5. Kooperation

In diesem Kapitel geht es um das Kernthema des Konzeptes: um die Kooperation. Ausdifferenziert und erläutert werden die Fragen „wer mit wem?“ (Klientinnen und Klienten, Fachpersonen), „wie?“ (in Bezug auf Dauer und Aufgabenteilung) und „womit?“ (Rahmenbedingungen, Kompetenzen, Konzepte) von Kooperation.

Die Arbeitsbeziehung mit Klientinnen und Klienten wird durch verschiedene historische Konzepte wie z.B. die Psychoanalyse oder pädagogische Konzepte nach Nohl oder Giesecke beleuchtet und anschliessend mit einigen moderneren Konzepten von Heiner, Müller, neu ergänzt auch Gahleitner und eigenen Forschungsergebnissen angereichert. Zusätzlich werden die Rahmenbedingungen wie Dauer, Freiwilligkeit und Verbindlichkeit der Beziehungen thematisiert. Für das Verständnis des vorliegenden Konzeptes ist es hilfreich, dass an diversen Stellen aus Sicht der Autorin bzw. des Autors im Sinne der KPG zu den einzelnen Beziehungskonzepten Stellung bezogen wird.

Die Kooperation auf Fachebene wird in sinnvoller Weise nach Aspekten der Profession und der Institution der Beteiligten systematisiert: intra- oder interprofessionell und intra- bzw. interinstitutionell. Zudem wird auch nach Dauer/Häufigkeit und Aufgabenteilung der Zusammenarbeit differenziert. Es wird auf wichtige Aspekte in den Beziehungen wie Status, Wertehaltungen, Gruppendynamik und auf für die fachliche Kooperation notwendige Kompetenzen hingewiesen. Am Schluss werden die zentralen Aspekte von Kooperation, welche im Konzept der KPG weitergeführt werden, zusammengefasst.

6. Methoden, Professionskompetenz und Grundhaltung

Das Kapitel beginnt mit der Klärung und historischen Herleitung der Begrifflichkeiten von Konzept, Methode und Technik. Auch Versuche der Systematisierung werden aufgezeigt. Irritierend ist dann jedoch, dass die KPG synonym als „Methodik“ und als „Konzept“ bezeichnet werden, ohne den Begriff der Methodik einzuführen. Mit dem Verweis auf das Konzept der „strukturierten Offenheit“ von Thiersch wird verdeutlicht, dass die Methodisierbarkeit in der Sozialen Arbeit aufgrund der Kontingenz der Entwicklung der individualisierten und pluralisierten Gesellschaft ihre Grenzen hat.

Abschliessend wird vertieft auf den Kompetenzbegriff und den Habitus von Fachpersonen Sozialer Arbeit eingegangen. Sehr interessant ist der Gedanke, dass es in der Sozialen Arbeit neben einem professionellen Habitus im Sinne eines automatisierten, meist unbewussten und unreflektierten Handelns, auch eine professionelle Grundhaltung brauche, welche die kritische Reflexion des eigenen Handelns und eine Auseinandersetzung mit zugrundeliegenden Werten und Menschenbildern sowie ethischen Vorstellungen beinhalte. Fragt sich, ob nicht auch diese reflektierende Grundhaltung Teil des Habitus von Fachkräften Sozialer Arbeit sein kann bzw. sein soll.

7. Konzept Kooperative Prozessgestaltung

Dieses Kapitel leitet über vom theoretischen zum methodischen Teil des Buches: „Kooperative Prozessgestaltung ist ein generalistisches, professionstheoretisch fundiertes, auf Kooperation ausgerichtetes Konzept zur Gestaltung des professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit“ (S. 153). Neu werden auch der Stellenwert eines Prozessmodells für professionelles Handeln und der Zusammenhang zwischen Konzept und Prozessmodell bei KPG erläutert.

Das Kapitel beginnt mit Folgerungen aus den letzten Kapiteln im Hinblick auf Anforderungen an professionelles Handeln, welchen das Konzept und das darin enthaltene Prozessmodell standhalten sollen. In tabellarischer Manier werden die Fazite wie beispielsweise, dass der Auftrag der Sozialen Arbeit die Zielrichtung vorgebe oder dass aufgrund der diffusen Allzuständigkeit der Profession, die Zuständigkeit stets zu klären sei, dass es die Methode in der Sozialen Arbeit nicht gäbe oder dass eine wertschätzende Grundhaltung und kommunikative Kompetenzen gefragt seien, aufgeführt. Der Name dieser Auflistung „Anforderungen an Methoden“ (S. 136–138) greift etwas kurz, weil die Anforderungen über jene an eine Methode hinausreichen. Diese Anforderungen bilden den Rahmen und die Grundlage für das Prozessmodell.

Das nun folgende Prozessmodell professionellen Handelns bildet das Kernstück des Konzeptes KPG. Es dient der Strukturierung des Denkens und Handelns im ganzen Hilfeprozess. Es stellt einen idealtypischen Ablauf dar, der zirkulär gedacht ist: von der Situationserfassung, deren Analyse über die Diagnose zur Zielsetzung, Interventionsplanung und -Durchführung, um schliesslich über die Evaluation wieder zur neuen Ausgangslage zu gelangen. Idealtypisch sei die Abfolge deshalb, weil die Gedanken in Pendel- und Kreisbewegungen verlaufen und weil in der Praxis oft gleichzeitig Anteile verschiedener Prozessschritte auszumachen seien (S. 147). Neben dem systematischen Vorgehen beinhaltet das Modell die Kooperation auf verschiedenen Ebenen; der Ebene der intra- und interprofessionellen Zusammenarbeit und jener der Kooperation mit Klientinnen und Klienten.

Die KPG versteht sich als methodenintegrativ, weil bei jedem der Prozessschritte geeignete Methoden wie beispielsweise bestimmte Erhebungsverfahren, Gesprächsmethoden u.a. zu wählen und dem Fall und der Situation angemessen einzusetzen sind. Bei jedem Prozessschritt dienen die Reflexionskriterien aus dem „Anforderungskatalog“ dazu, diese Methoden und deren Eignung sowie den „outcome“ zu überprüfen. Damit wird der Kreis zwischen Anforderungen und Qualitätssicherung geschlossen.

Abschliessend werden die wichtigsten Folgerungen aus dem theoretischen Teil I des Buches zusammengefasst und in einer neuen Grafik dargestellt. Diese Folgerungen und Reflexionskriterien bilden das Bindeglied zwischen dem ersten und dem zweiten, methodischen Teil des Buches.

Kapitel 8 – 14

In diesen Kapiteln werden die einzelnen Prozessschritte des Modells beschrieben und erklärt. Ausgewählte Methoden zu deren Umsetzung werden vorgestellt und teilweise auch bewertet. An dieser Stelle soll nicht auf jedes Kapitel im Einzelnen eingegangen, sondern übergeordnet diskutiert werden.

Die Kapitel sind jeweils ähnlich gegliedert: In einem ersten Abschnitt werden Aufgaben, Merkmale, Bedeutung, Vorgehen und Formen beschrieben; manchmal „Aufgaben und Merkmale“, manchmal „Aufgaben und Vorgehen“, manchmal „Vorgehen und Bedeutung“ und andere Kombinationen. Hier wären einheitliche Kapitelnamen dem Ansinnen der Systematisierung dienlich. In den folgenden Unterkapiteln werden verschiedene Methoden für die Ausführung des jeweiligen Prozessschrittes vorgestellt. Manchmal ist die Auswahl der Methoden begründet, manchmal aber auch nicht. Auch die Flughöhe und die Ausführlichkeit der Beschreibungen variieren stark. Teilweise sollen die Ausführungen einen vertieften Einblick ermöglichen, teilweise scheint es bei einer kurzen Erwähnung zu bleiben. In keinem Fall reichen die Ausführungen jedoch aus, um die Methode wirklich zu erlernen. Hier stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, die Methoden nur kurz auszuführen und dann in einem separaten Kasten auf die Fachliteratur zu verweisen. So könnte der Leser bzw. die Leserin auswählen, welche Methoden er/sie vertiefen möchte.

Diskussion

Besonders positiv hervorzuheben ist das Grundanliegen dieser verschiedenen methodenbezogenen Kapitel: Die beschriebenen Methoden werden kriteriengestützt reflektiert. Als Kriterien dienen die in Kapitel 7 erarbeiteten Standards. Weiter werden einige Methoden in den Kontext der KPG gestellt und Hinweise gegeben, wie die Methode umgesetzt werden muss, um den Ansprüchen der KPG zu genügen. Dies zeigt, dass die Methodenwahl und -Umsetzung weder beliebig noch eklektisch, sondern indiziert und wertegeleitet erfolgen soll. Allerdings wird der Rezensentin nicht ganz klar, wie die durchaus nachvollziehbar dargestellten Werte der Sozialen Arbeit bei der Anwendung der KPG konkret in die Arbeit einfliessen sollen. Weder das Konzept des „Habitus“, noch dasjenige einer „reflexiven Grundhaltung“ bieten die theoriegeleitete Systematik, welche mit dem Prozessmodell verfolgt wird.

Als weitere Stärke ist hervorzuheben, dass die Autorin und der Autor das in der Praxis implizit vorhandene Fachwissen würdigen, indem sie neben dem theoriegeleiteten Fallverstehen auch ein "erfahrungsbasiertes Fallverstehen" beschreiben und als gültigen Zugang postulieren.

Konsequent wird der Fokus in allen Prozessschritten auf die Kooperation, insbesondere mit Klientinnen und Klienten gelegt und es werden Methoden ausgewählt und vorgestellt, welche Kooperation fördern. Diesbezüglich ist auch die Unterscheidung zwischen „Bildungszielen“, also Zielen der Klientinnen und Klienten selbst und „Unterstützungszielen“, welche die Fachpersonen erreichen sollen, sehr sinnvoll. Insbesondere dann, wenn es sich um einen Zwangskontext handelt und die Klientinnen und Klienten selber noch gar keinen Veränderungsbedarf sehen. In der Praxis wird diese Unterscheidung oft vermisst, wenn in der Hilfeplanung ausschliesslich Ziele aufgeführt sind, für welche die Klientinnen und Klienten zuständig und verantwortlich sind. Der inflationären Verbreitung von „smart-Zielen“ wird seitens der Autorin, des Autors kritisch entgegensetzt, dass nur die Feinziele „smart“ sein können, während es Grobziele braucht, welche für die Klientinnen und Klienten wichtig und bedeutsam sind und so motivierend wirken. Bei der Zielformulierung wird auf die Wichtigkeit der Übereinstimmung der Ziele mit grundlegenden Ausrichtungen Sozialer Arbeit hingewiesen. Ergänzend zu den Ausrichtungen von Thiersch („gelingender Alltag“), Luhmann (Inklusionsvermittlung/​Exklusionsverwaltung) (S. 279) und weiterer Setzungen wäre zu diskutieren, ob nicht auch Berufskodizes erwähnt werden müssten.

Als besonders gelungen wird die Operationalisierung der Interventionsplanung eingeschätzt. Die einzelnen Schritte stellen einerseits sicher, dass die Intervention zur Fallthematik passt, auf der Arbeitshypothese beruht und vorhandene Ressourcen einbindet, anderseits erlauben die Schritte zuerst eine Öffnung für verschiedenste, kreative Möglichkeiten, um dann erst in der Reflexion die Optionen wieder einzugrenzen und sich für einen bestimmten methodischen Weg zu entscheiden. Für diese Reflexion werden Kriterien angeboten, anhand derer eine Bewertung der unterschiedlichen Optionen möglich ist.

Bei der Evaluation werden Dimensionen, Kriterien sowie Fragen zu deren Überprüfung mit Klientinnen und Klienten (wie z.B. im Hinblick auf die Angemessenheit: „was war besonders hilfreich?“ (S. 34) oder in Bezug zur Diagnose: „kannst Du Dich und das, was für Dich oft schwierig war, aufgrund unserer damaligen Gespräche besser verstehen?“ [S. 342]) angeboten, die wichtig und hilfreich sind. Auch hier bildet die Kooperation auf Klientinnen und Klienten- und Fachebene eine eigene Dimension, die zu evaluieren ist. Die Autorin, der Autor weisen auf die zirkulären Effekte der Evaluation hin. Die Evaluation soll nicht nur Folgerungen für den Fall nach sich ziehen, sondern auch die Berufspraxis verbessern und die lernende Organisation zur Weiterentwicklung bringen. Die Rezensentin könnte sich vorstellen, dass neben den praktischen und organisationalen Folgerungen auch Schlüsse dahingehend verallgemeinert werden können, dass – vielleicht über den Weg von systematisch-empirischen Evaluationen und Praxisforschung, der Theorie-Praxis-Theorie Kreislauf wieder geschlossen werden könnte.

Fazit

Das im Werk von Hochuli Freund und Stotz differenziert hergeleitete und dargelegte Konzept „Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit“ leistet einen wichtigen und leistungsfähigen Beitrag zur Wissensbasierung, Systematisierung und Methodisierung und damit zur Professionalisierung Sozialer Arbeit. Diesem Anspruch wird das Buch voll und ganz gerecht. Sein besonderer Verdienst liegt in der konsequenten Fokussierung der Kooperation auf unterschiedlichen Ebenen und in der kriterien- und theoriegestützten Integration spezieller Methoden in das allgemeine Prozessmodell. Damit bietet die KPG nicht nur Wissen darüber, was zu tun bzw. zu denken ist, sondern gibt auch Antworten darauf, wie das in Zusammenarbeit mit Beteiligten und Betroffenen getan werden kann. Die vielen Angebote zu einer kriteriengestützten Reflexion über die Qualität des Vorgehens in einzelnen Prozessschritten und gemeinsam mit allen Beteiligten unterstützen die Praxis dabei, ihre Professionalität kontinuierlich im Sinne der KPG zu erweitern. Das Konzept KPG zeigt auf, wie Methoden integriert in professionstheoretische Rahmungen gelehrt werden können statt sie eklektisch und kriterienlos erscheinen zu lassen. Mit dieser Leistung schliesst dieses Konzept, wie in der Einleitung postuliert, eine zentrale Lücke in Lehre und Berufspraxis.


Rezension von
Silvia Domeniconi Pfister
Hochschule Luzern Institut Sozialarbeit und Recht Dozentin und Projektleiterin Verantwortliche Netzwerk Methoden und Verfahren
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Zitiervorschlag
Silvia Domeniconi Pfister. Rezension vom 18.08.2021 zu: Ursula Hochuli Freund, Walter Stotz: Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit. Ein methodenintegratives Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2021. 5., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-039979-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28149.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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