Christian Büttner: Lernen im Spiegel des Fremden
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 27.12.2005
Christian Büttner: Lernen im Spiegel des Fremden. Konzepte, Methoden und Erfahrungen zur Vermittlung interkultureller Kompetenz. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2005. 197 Seiten. ISBN 978-3-88939-769-0. 19,90 EUR.
Der Fremde als interessengeleitete Erfindung,
so charakterisiert Uwe Sandfuchs in seinem Aufsatz "Zum Antagonismus von Kolonisation und Aufklärung sowie einigen Folgen für den Fremden als Gegenstand der Wissenschaft" (Ch.Lüth / R.W.Keck / E. Wiersing, Hg., Der Umgang mit dem Fremden in der Vormoderne, 1997) das Problem, wie Menschen seit Jahrtausenden mit dem Anderen, Andersartigen, Nichtgleichen umgehen und die durchaus beachtlichen und bemerkenswerten Bemühungen der Menschen, das "Anderen anders sein zu lassen" (Mostafa Arki). Besonders in den Zeiten, in denen Völker, Staaten und Kulturen sich immer interdependenter entwickeln, wird der Ruf und die Aufforderung an die Menschen drängender, Kompetenzen im lokalen, regionalen und globalen Umgang miteinander zu entwickeln, um zu einer "interkulturellen Kompetenz" zu gelangen. Georg Auernheimer verknüpft diese Anforderung mit dem pädagogischen Auftrag und macht damit deutlich, dass die Fähigkeit zum fairen, sachgerechten und humanen Umgang mit dem Anderen, dem Fremden, lernbar ist (Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalisierung, 2002, vgl. die Rezension).
"Ich schaue in den Spiegel und sehe das fremde Ich", diese Metapher kann zweierlei ausdrücken: Die eine, dass die Suche nach der eigenen, individuellen und gesellschaftlichen Identität immer auch das Problem beinhaltet, das eigene Ich entwickelt und entfaltet sich vielfältig, nicht immer in vorher plan- und technisch abrufbaren Strukturen. "Ich weiß, wer ich bin", ist nicht selten ein imaginäres (Schutz-)Schild, das Menschen vor sich her tragen. Das andere ist die Erfahrung, dass selten Antworten und Lösungsansätze von alltäglichen Problemen und Konflikten "eindeutig" sind.
Autor und Inhalt
Christian Büttner, der Leiter des Arbeitsbereichs "Friedenspädagogik / Konfliktpsychologie" der seit 1970 bestehenden Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt/M., hat sich bereits mehrfach in den Diskurs zu Wort gemeldet, "die Ursachen gewaltsamer interner wie internationaler Konflikte zu erkennen, die Bedingungen des Friedens als Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit zu erforschen sowie den Friedensgedanken zu verbreiten", wie es in der Satzung seiner Organisation heißt (vgl. dazu auch: Christian Büttner / Regine Mehl / Peter Schlaffer / Mechthild Nauck (Hg.), Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten. Lebensumstände und Bewältigungsstrategien, 2004). In seinem neuen Buch bringt er die Schwierigkeit zur Sprache, wie es gelingen kann, den Anspruch einer professionellen Reflexion und eines adäquaten Umgangs mit der individuellen, kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt beim Zusammenleben der Menschen in Alltagssituationen und in den Denk- und Verhaltensweisen umzusetzen. "Kulturelle (gesellschaftliche) Kompetenz", ist für ihn gleichbedeutend mit "interkultureller Kompetenz", als die Fähigkeit, "die zur Aufklärung von interkulturellen Missverständnissen beitragen oder diese gar nicht entstehen lassen". Diese ist weder angeboren, noch fällt sie vom Himmel, sondern sie muss im alltäglichen Lern- und Anpassungsprozess erworben, gelernt, ja trainiert werden. Solche Erfahrungen lassen sich sowohl individuell, vor allem aber kollektiv, in der Gruppe gewinnen. Gruppenlernen vollzieht sich in fast allen vor-, schulischen und außerschulischen Situationen. Und hier sind professionelle Bildner, als KindergärtnerInnen, LehrerInnen, AusbilderInnen und ErwachsenenbildnerInnen, gefordert, und das Substitut "Fortbildung" ist gefordert. Dieses aber, als institutionelles Angebot, wird in den Zeiten der knapper werdenden finanziellen Ressourcen und der Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt, immer weniger wirksam.
So weicht die "Euphorie interkulturell offener Pädagogik", bei der erwartet wurde, dass es schon genügte, "Deutsche und Fremde miteinander bekannt zu machen bzw. von den Fremden zu erwarten, dass sie sich assimilieren", einer eher nüchternen Einschätzung in zweierlei Hinsicht: Einerseits ließe sich eine multikulturelle Integration (allein) durch kognitive Lernstrategien nicht erreichen; andererseits gäbe es bisher in unserer Gesellschaft kaum institutionelle und politische Unterstützung für ein gelingendes multikulturelles Zusammenleben. Diese realistische Betrachtung des Zustandes in unserer Gesellschaft führt beim Autor doch zu einer "empathischen Hoffnung", dass es gelingen könne, eine Fähigkeit zu entwickeln, "sich so in andere hineinversetzen zu können, dass man Missverständnisse erkennt und kreative Potentiale in sich entdeckt, um sie zu überwinden". Dafür zeigt er eine Reihe von Konzepten und Methoden auf, die er in Fortbildungsveranstaltungen mit verschiedenen Professionellen, Polizisten, Ärzten, Lehrkräften, Verwaltungsangehörigen, usw., entwickelt und erprobt hat.
Seine Erfahrungen fasst er in einer interessanten und diskussionswürdigen These zusammen, die er dem Konzept zur "interkulturellen Sensibilität" des amerikanischen Kommunikationswissenschaftlers Milton Bennett entnimmt: Die Verständigung mit Fremden gelinge um so besser, je mehr man in der eigenen Kultur eine randständige Position einnehme. Diese erst einmal irritierende und den bisherigen Auffassungen von "kultureller Kompetenz" widersprechende Annahme basiert jedoch auf der eigentlich alltäglichen Erfahrung beim Umgang von Mehrheiten mit Minderheiten, dass Differenzwahrnehmungen mit einer gewissen "Distanz" - Fähigkeit eher wahr genommen werden können. So kommt Christian Büttner schließlich zu der Überzeugung, dass es sinnvoller sei, von "kommunikativer Kompetenz" zu sprechen.
Fazit
Möglichkeiten eines professionellen, interkulturellen Handelns und das Erkennen von Grenzen der Belastbarkeit und Lösbarkeit, das ist der Spagat, den sich Professionelle im Umgang mit gesellschaftlichen Konfliktfeldern gegenüber sehen. Mit seinem Erfahrungsbericht bereichert der Autor den Diskurs über theoretische Werteentwicklung und praktische Realisierung bei der Bildung einer multikulturellen Gesellschaft. Er zeigt auf, dass nur ein interdisziplinäres, fächer- und bereichsübergreifendes Bewusstsein eine wünschenswerte, demokratische Integration von "Fremden" in das "Einheimische" ermöglicht. Das Buch kann also dazu beitragen, den notwendigen Prozess zu einer gesellschaftlichen Festlegung, dass wir Menschen, wo wir auch leben, interkulturell, nicht ethnozentrisch, zusammen leben lernen müssen, zu befördern.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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