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Christa Rohde-Dachser: Was sich verändert und was bleibt

Cover Christa Rohde-Dachser: Was sich verändert und was bleibt. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie und zur Filmpsychoanalyse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2021. 380 Seiten. ISBN 978-3-8379-2972-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch thematisiert die menschliche Vergänglichkeit, das Leben im Augenblick und den Wunsch nach Unsterblichkeit. Obgleich wir um unsere Sterblichkeit wissen, sind wir unbewusst gleichzeitig von unserer Unsterblichkeit überzeugt. Ausgehend von eigenen Forschungsergebnissen zeigt die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser auch geschlechtsspezifische Unterschiede im Umgang mit diesen widersprüchlichen und unbewusst prägenden Überzeugungen auf. Im letzten Teil ihres Buches wendet Rohde-Dachser sich internationalen, zeitgenössischen Filmen zu, die Todes- und Erlösungsvorstellungen sehr unterschiedlich zum Ausdruck bringen. Das Buch hat keine klar umrissene Zielgruppe, sondern wendet sich an tiefenpsychologisch und kulturwissenschaftlich interessierte Leser*innen unterschiedlicher Professionen.

Autorin

Christa Rohde-Dachser ist emeritierte Professorin der Goethe Universität Frankfurt/Main und Mitbegründerin der International Psychoanalytic University Berlin, sie ist Soziologin und Lehranalytikerin (DGP, IPV) und durch zahlreiche Publikationen u.a. zur Sexualpädagogik, zum Borderline Syndrom, zum Geschlechterverhältnis in der Psychoanalyse und zu Mutterbildern bekannt.

Aufbau 

Das Buch besteht zu großen Teilen auf in den letzten 20 Jahren bereits publizierten, neu redigierten Artikeln und weist demzufolge einige Wiederholungen auf. Es gliedert sich nach der Einführung in 4 Teile:

  • A Den Tod denkbar machen
  • B Todes- und Unsterblichkeitsfantasien aus geschlechtsspezifischer Sicht
  • C Auf der Suche nach Antwort
  • D Abschied, Tod und Erlösung im Film

Hierbei geht es um die Filme: Dead Man (1995), Kirschblüten – Hanami (2008), Melancholia (2011), Sprich mit ihr (Hable con ella, 2002), Frühling, Sommer, Herbst, Winter … und Frühling (2003), Das Zimmer meines Sohnes (2001,) Lost in Translation (2003) und Der große Crash (2011).

Inhalt

Im Abschnitt A sind drei Aufsätze versammelt, die den Umgang mit dem Tod, Unsterblichkeitswünsche und das Leben im Augenblick symbolisch zu fassen suchen. Ausgehend von Freuds Theorie des Unbewussten kommt die Autorin auf die bi-logische Theorie von Matte-Blanco zu sprechen: Das menschliche Denken ist dieser Theorie zu Folge bi-logisch, d.h. sowohl mit asymmetrischen (auf Unterschiede gerichteten) als auch mit symmetrischen (auf Gemeinsamkeiten gerichtete) Kategorien beschreibbar. Der Tod lässt sich als immer tieferes, schrankenloses Eintauchen in die Symmetrie des Unbewussten beschreiben. Der auch von Freud beschriebene Todestrieb wird so als Sehnsucht nach der Rückkehr zum unteilbaren Seinsmodus verstanden. Weiterhin geht Christa Rohde-Dachser auf Winnicotts Theorie des Übergangsraumes, auf Bions Container-Contained Modell, auf die Erfahrung unmittelbarer Wahrheiten und besonderer synchronisierter Begegnungen bei Daniel Stern und auf biografische Deutungen von Freuds Theorien zur Religiosität und zum Todestrieb ein.

Der Abschnitt B ist Todes- und Unsterblichkeitsfantasien aus geschlechtsspezifischer Sicht gewidmet und enthält Auszüge aus Forschungsprojekten, die Christa Rohde-Dachser in ihrer Zeit als Professorin an der Goethe Universität durchgeführt hat. Hierbei wurden mehr als 50 Männer und Frauen aller Altersgruppen mit Hilfe von tiefenhermeneutischen Interviews und projektiven Tests untersucht. In den Interpretationen geht es um geschlechtsspezifische Phantasien, mit dem Tod in die verlorene Einheit mit der Mutter zurückzukehren, und um die Bedeutung des Phallus als Inbegriff von Schöpferkraft und Unzerstörbarkeit. Im Spannungsfeld zwischen Todessehnsucht und Unsterblichkeitswunsch kann das Phallussymbol für ein Objekt stehen, das nicht den Begrenzungen der Conditio Humana unterliegt, für Frauen auch als Brücke zum anderen Geschlecht oder auch als symbolische Repräsentanz der Unsterblichkeit durch Weitergabe des Lebens an die nächste Generation. In einer anderen Fallgeschichte zeigt sich bei einem Mann die tiefe Sehnsucht nach einer urmütterlichen Frau, die ihn im Sterben in den Armen hält, und der Wunsch nach einem idealisierten Vater, der endlich sagt, dass der Sohn genug geleistet habe.

Teil C beschäftigt sich mit Veränderungsprozessen der letzten 50–100 Jahre: Hierbei habe sich in der Psychoanalyse das Ich von der noch bei Freud im Vordergrund stehenden autonomen Instanz zu einem Ich-in-Beziehung gewandelt (Kleins Objekt-Beziehungstheorie und Kohuts Theorie der Intersubjektivität bzw. Selbstpsychologie). Besonders hervorgehoben wird die analytische Beziehung als Begegnung zwischen zwei Subjekten, bei der sich tiefe Begegnungen im Jetzt und große emotionale Umbrüche ereignen können. Ein eigener Artikel widmet sich der Resonanzerfahrung (Hartmut Rosa) und einer unbewussten Suche nach vollkommener Befriedigung, welche aber über das real Mögliche hinausreicht und auf einen primären Urzustand verweist. Kulturkritisch hinterfragt die Autorin die starke Vormachtstellung einer sich autonom gebärdenden, auf Fortschritt ausgerichteten Vernunft, die nicht-rationale Sinndeutungen systematisch ihre Gültigkeit abspricht. Diese Kulturkritik greift sie im Kapitel „Genug ist nie genug“ auf, das sich mit dem Theaterstück Don Juan und dem suchtartigen Drang nach Wiederholung auseinandersetzt. Don Juan wird zur symbolischen Figur der Postmoderne mit dem vergeblichen Wunsch, angesichts der verknappenden Zeit durch die Anhäufung möglichst vieler lustvoller Erfahrungen irgendwann doch die totale Befriedigung zu erreichen.

Abschnitt D handelt von Abschied, Trauer und Erlösung im Film. Exemplarisch möchte ich hier auf den Film „Der große Crash“ eingehen, in dem Vertreter einer Wall Street Bank sich zu der Entscheidung durchringen, zur Abwehr ihrer Insolvenz ihre toxisch gewordenen Wertpapiere unter Vorspielung falscher Tatsachen an einen großen Kundenkreis zu verkaufen. In ihrer Filminterpretation geht Rohde-Dachser mit Bezug auf Tucker und Taffer darauf ein, wie finanzielle Objekte in manischer Überhöhung zu fantastischen Objekten werden können, die suggerieren, den sehnlichsten Wunsch des Menschen zu erfüllen, nämlich „genau das zu bekommen, was er sich wünscht, genau dann, wann er es sich wünscht, verbunden mit dem Gefühl der Allmacht…“ (S. 330), eine erregende Fantasie, die sonst nur in Liebesromanzen entstehe. Früher oder später müssten sich jedoch die Fantasien und die fantasierten Gewinnerwartungen als unrealistisch erweisen. Wo Ende des letzten Jahrhunderts noch die hemmungslose Gier im Vordergrund stand, sei es inzwischen – wie auch in dem interpretierten Film – der Affekt der Angst, der immer mehr in den Vordergrund trete. Als im Film Gerüchte vom drohenden Ruin und von irrtümlichen Entscheidungen aufkamen, wurde die Maßnahme ergriffen, den Urheber des Gerüchts so schnell wie möglich aus der Organisation zu entfernen. Zur moralischen Legitimation des weiteren Vorgehens wird die Situation folgendermaßen dargestellt „Wir werden schlauer sein als die anderen … Wir verkaufen, wie wir das seit Jahr und Tag getan haben“ (S. 336). Die Notwendigkeit, zu überleben rechtfertige jeden Betrug, der dieser Zielsetzung diene. In einem weiteren Interpretationsbogen sieht Rohde-Dachser den Film als Sinnbild für den postmodernen Menschen, der irgendwann von Angst und Depression eingeholt werde: Wenn die Musik verstumme und die Größenfantasien nicht mehr aufrecht zu halten seien, dann zeigten sich Gefühle der Vergeblichkeit, Einsamkeit, Trauer, Verlassenheit, Heimatlosigkeit, Verzweiflung, Schuld und Angst, wobei jedoch die Gefahr im Mainstream-Diskurs der Postmoderne bestünde, diese Gefühle in den Bereich der psychiatrischen Krankheitssymptome zu verweisen. Für Gefühle der Trauer gäbe es in der modernen Gesellschaft keinen Container. Die Erkenntnis, dass der Mensch auch in Zeiten der Postmoderne nicht Gott sei, sondern nach wie vor unvollkommen, abhängig, schuldig und sterblich, sei notwendig, um nicht phantastischen Heilsversprechen zu erliegen.

Diskussion

Durch die Zusammenstellung einzelner Artikel finden sich insbesondere im ersten und zweiten Abschnitt einige Wiederholungen. Das Buch spannt einen weiten Bogen von psychoanalytischen Modellen zum Todestrieb und zu Unsterblichkeitsphantasien über ein empirisches Forschungsprojekt bis hin zur Analyse gesellschaftlicher Veränderungen und zu Filminterpretationen, die sich mit Abschied, Tod und Erlösung beschäftigen. Auch für psychoanalytisch nicht vorgebildete Leser*innen erschließt sich die Argumentation zu großen Teilen, obgleich die Interpretation der tiefenhermeneutischen Interviews im Forschungsteil doch eine Offenheit für die tiefenpsychologische Denkweise voraussetzt. Hier sollten weniger offene Leser*innen jedoch auf keinen Fall das Buch weglegen, sondern zur Interpretationen der Theaterinszenierung Don Juan und zu den hochinteressanten Filminterpretationen springen – evtl. sogar bei gleichzeitiger Betrachtung der Filme selbst. Diese regen in besondere Weise an, kollektive postmoderne Verdrängungen zu überwinden, die eigene Unvollkommenheit und Abhängigkeit anzuerkennen und keinen phantasmatischen Heilversprechen nachzulaufen. Das Buch endet mit den Sätzen: „Dem Tod gegenüber haben wir keine Wahl. Das Leben aber ist woanders, … Es ist in uns und in der Beziehung zu den Menschen, die wir lieben…..“

Fazit

Das Buch ist eine Fundgrube und führt zu psychoanalytischen Theorien im Spannungsfeld zwischen Vergänglichkeit, Todessehnsucht und dem unbewussten Wunsch nach Unsterblichkeit. Besonders bereichernd für weniger psychoanalytisch vorgebildete und interessierte Leser*innen sind die zahlreichen Filminterpretationen des letzten Abschnittes.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 07.07.2021 zu: Christa Rohde-Dachser: Was sich verändert und was bleibt. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie und zur Filmpsychoanalyse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2021. ISBN 978-3-8379-2972-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28152.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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