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Tobias Teismann, Thomas Forkmann u.a.: Suizidales Erleben und Verhalten

Cover Tobias Teismann, Thomas Forkmann, Heide Glaesmer: Suizidales Erleben und Verhalten. Ein Handbuch. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 320 Seiten. ISBN 978-3-96605-028-9. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.

Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051255.
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Thema

Allein in Deutschland suizidierten sich im Jahr 2019 über 9.041 Menschen. Obwohl die Zahl der Suizide seit Jahren sinkt, sind das immer noch 25 Menschen pro Tag, die sich aus dem Leben nehmen. Bei den meisten Suiziden findet sich ein Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung und so verwundert es nicht, dass der Suizid die häufigste Todesursache in der Psychiatrie ist. Gleichwohl sind nicht nur psychisch erkrankte Menschen von suizidalem Erleben und Verhalten betroffen. Für alle, die in psychosozialen Berufen arbeiten, ist es daher sinnvoll, sich mit dem Thema Suizidalität auseinanderzusetzen.

Herausgebende

Der vorliegende Sammelband wurde von den psychologischen Psychotherapeuten Tobias Teismann, Thomas Forkmann und Heide Glaesmer zusammengestellt. Die Herausgebenden beschäftigen sich seit Jahren in ihrer universitären Arbeit mit suizidalem Erleben und Verhalten von Menschen und haben gemeinsam auch schon ein Buch zur Diagnostik von Suizidalität veröffentlicht. Für das vorliegende Handbuch haben sie Beiträge von 19 Autorinnen und Autoren aus verschiedenen professionellen Hintergründen von Psychologie und Medizin bis zu Pflegewissenschaft und Architektur ausgewählt.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch zum suizidalen Erleben und Verhalten gibt mit 16 Beiträgen einen umfassenden Überblick zu unterschiedlichen Aspekten suizidalen Erlebens und Verhaltens.

Im ersten Beitrag beschreibt Heide Glaesmer verschiedene Ansätze zur Klassifikation suizidalen Erlebens und Verhaltens. Dabei geht die Autorin auch auf die Abgrenzung zu selbstverletzendem Verhalten ein.

Nina Hallensleben und Dajana Rath stellen anschließend epidemiologische Daten zu Suiziden, Suizidversuchen sowie Suizidgedanken dar und beschreiben empirisch fundierte Risiko- und Schutzfaktoren.

Die empirisch gesicherten Zusammenhänge von suizidalem Erleben und Verhalten mit einzelnen psychischen Erkrankungen stellen Hanne Scheerer, Michael Colla und Birgit Kleim dar.

Thomas Forkmann beschreibt neuere psychologischer Erklärungsmodelle wie die interpersonale Theorie suizidalen Verhaltens, das integrative motivationale Modell suizidalen Verhaltens oder die Fluid Vulnerability Theorie.

Auf die heterogenen Ergebnisse der Untersuchungen zu genetischen und neurogenetischen Determinanten suizidalen Erlebens und Verhaltens verweist Dan Rujescu. Seiner Ansicht nach verdeutlich diese die multifaktoriellen Entstehungsbedingungen für suizidales Erleben und Verhalten.

In ihrem Beitrag zur Risikoabschätzung machen Tobias Teismann und Sören Friedrich deutlich, dass es trotz verschiedener ausgefeilter Instrumente bisher keine ausreichend präzise Vorhersagemöglichkeit für suizidales Verhalten gibt.

In der evidenzbasierten Psychotherapie von suizidalem Erleben und Verhalten haben sich vor allem Ansätze der kognitiven Verhaltenstherapie und der dialektisch Behavioralen Therapie als wirksam erwiesen. Anja Gysin-Maillart geht in ihrem Beitrag außerdem noch sehr anschaulich auf wirksame Kurztherapien und die Behandlung chronisch suizidaler Menschen ein.

Paul L. Plener setzt sich mit Suizidgedanken und Suizidversuchen von Kindern und Jugendlichen auseinander. Anhand der Forschungsliteratur zeigt er, wie wichtig es ist, das familiäre und soziale Umfeld der Betroffenen mit einzubeziehen.

Ausführlich gehen Theodor Lorenzen und Tom Bschor auf die Evidenzlage zu medikamentösen Interventionen ein. Sie machen deutlich, dass es kaum Medikamente mit einer nachgewiesenen antisuizidalen Wirkung gibt.

Bernd Kozel beschäftigt sich mit suizidalem Erleben und Verhalten in der stationären psychiatrischen Versorgung. Neben der Indikation für eine stationäre Behandlung geht er ausführlich auf die Risikoeinschätzung und Interventionen zur Suizidprävention im stationären Setting ein.

Means Restriction, also die Beschränkung des Zugangs zu gefährlichen Tötungsmitteln, ist eines der wirksamsten Interventionen zur Suizidprävention. Das verdeutlichen Tobias Teismann und Nadine Glasow anhand empirischer Daten.

Auf die psychischen Folgen für Hinterbliebene nach einem Suizid und Möglichkeiten zur Postvention macht Birgit Wagner aufmerksam. Dabei gibt sie auch Empfehlungen für Behandlerinnen und Behandler nach einem Patientensuizid.

Ansätze der Suizidprävention in Schulen stellen Tina In-Albon und Laura Kraus in ihrem Beitrag vor. Wirksame Interventionen sind dabei vor allem die Vermittlung von adaptiven Copingskills und Diskussionen zur psychischen Gesundheit.

Anhand des Werther-Effekts und des Papageno-Effekts beschreiben Benedikt Till und Thomas Niederkrotenthaler die Einflüsse der Medien auf suizidales Erleben und Verhalten. So können die Betroffenen in Internetforen sowohl negative Verstärker als auch positive Hilfen finden.

Die Psychologin Lena Spangenberg stellt digitale Technologien in der klinischen Versorgung vor. Einige interessante Projekte beschreibt sie ausführlicher. Dabei geht sie auch auf die Risiken und Probleme digitaler Anwendungen ein.

Ein Beitrag der Herausgebenden, mit dem sie die im Handbuch dargestellten Entwicklungen der Forschung zu suizidalem Erleben und Verhalten zusammenfassen und die zukünftigen Herausforderungen aufzeigen, schließt den Sammelband ab.

Diskussion

Das Handbuch richtet sich an verschiedene Berufsgruppen, die mit Menschen arbeiten, die von suizidalem Erleben und Verhalten betroffen sind. Das Buch hat den Anspruch, einen verständlichen Überblick zum aktuellen Wissensstand zu geben. Alle Beiträge folgen einem einheitlichen Grundaufbau, zu dem ein kurzer einführender Überblick zum Kapitel und ein zusammenfassendes Fazit am Ende gehört. In allen Beiträgen legen die Autorinnen und Autoren Wert auf die Darstellung aktueller Evidenzen zum jeweiligen Thema. Dem Literaturverzeichnis zu jedem Kapitel ist eine ausgewählte Liste mit weiterführender Literatur vorangestellt. Interessierte Lesende finden so einen einfachen Einstieg in vertiefende Literatur.

Die 19 Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichen professionellen Hintergründen verdeutlichen die Vielfalt der Perspektiven, die in diesem Handbuch versammelt sind. Die einzelnen Kapitel sind kurz und meist sehr gut strukturiert. Trotz der Vielzahl empirischer Belege ist das Handbuch auch ohne detaillierte Kenntnisse empirischer Methoden gut nachvollziehbar. Das Buch richtet sich mit wissenschaftlichem Hintergrund an eher praktisch tätige Leserinnen und Leser, die sich zum Thema suizidales Erleben und Verhalten fundiert informieren möchten, ohne zu sehr in wissenschaftliche Details gehen zu müssen. Natürlich muss für ein Handbuch eine Auswahl der darzustellenden Inhalte getroffen werden. Es erstaunt allerdings, dass die älteren Modelle von suizidalem Erleben und Verhalten, wie die Modelle von Pöldinger (1968) oder Ringel (1953) nicht vorgestellt werden, obwohl die Herausgebenden in ihrem abschließenden Kapitel deutlich machen, dass die neueren Modelle den Älteren nicht überlegen sind. Mit den 16 Beiträgen erhalten Interessierte jedoch einen aktuellen und fundierten Überblick zu einer Vielzahl von Aspekten im Zusammenhang mit suizidalem Erleben und Verhalten.

Fazit

Der Sammelband von Tobias Teismann, Thomas Forkmann und Heide Glaesmer gibt einen aktuellen Überblick zu wichtigen Themen im Zusammenhang mit suizidalem Erleben und Verhalten. Den Autorinnen und Autoren gelingt in strukturierten Beiträgen eine gut zu lesende und trotzdem empirisch fundierte Darstellung ihrer Themen. Das Themenspektrum reicht von grundlegenden Definitionen, Erklärungsmodellen und epidemiologischen Daten, über beeinflussende Faktoren, verschiedene Formen der Intervention bis zu Strategien der Prävention und Postvention. Für Lesende, die eine gut strukturierte, praxisnahe Einführung zum Thema Suizidalität suchen, ist das Handbuch genau richtig. Sie finden einen Überblick zur aktuellen wissenschaftlichen Evidenz und können die Themen über ausgewählte Literaturhinweise leicht vertiefen. Das Buch ist daher für alle, die mit Menschen in psychischen Krisen arbeiten, unbedingt empfehlenswert.


Rezension von
Michael Mayer
M.A. in Sozialwissenschaften, Krankenpfleger für Psychiatrie und Supervisor. Referent für den Studiengang Pflege (B.Sc.) an der Hochschule Kempten.
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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 29.09.2021 zu: Tobias Teismann, Thomas Forkmann, Heide Glaesmer: Suizidales Erleben und Verhalten. Ein Handbuch. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. ISBN 978-3-96605-028-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28154.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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