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Kurt R. Eissler, Konstanze Zinnecker-Mallmann (Hrsg.): Männer und Militär

Cover Kurt R. Eissler, Konstanze Zinnecker-Mallmann (Hrsg.): Männer und Militär. Psychoanalyse der US-Armee als Institution im Zweiten Weltkrieg. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. 1037 Seiten. ISBN 978-3-95558-283-8.
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Thema

Thema des vorliegenden Tites sind die Psychoanalytische Beobachtungen und Reflexionen über die US-Armee im Zweiten Weltkrieg.

Autor

Kurt R. Eissler (geb. 1908 in Wien, gest. 1999 in New York) promovierte in Philosophie und Medizin, flüchtete 1938 mit seiner Frau nach Chicago und arbeitete seit 1947 in New York. Er war Gründer des Sigmund Freud Archivs und veröffentlichte Arbeiten zur psychoanalytischen Behandlungstechnik, zu psychischen Folgen der Shoah und Studien zu Goethe und Leonardo. Von 1944 bis 1946 war er als Psychiater beim US-Militär tätig.

Entstehungshintergrund

Das Manuskript wurde ca. 1946–1948 geschrieben, aber erst 2021 von Konstanze Zinnecker-Mallmann herausgegeben, die Eissler 1994 in New York persönlich kennengelernt hatte.

Aufbau

Nach einem einführenden Beitrag von Mario Erdheim zur Geschichte und Biographie totaler Institutionen, folgen 31 Kapitel, die sich u.a. mit den ersten Kontakten, der Ausbildung, der Bedeutung von Gewehr und Uniform, dem Exerzieren und der Disziplin, der Psychologie des Offiziers, der Militärgerichtsbarkeit, den Umgang mit Simulation, unerlaubtem Entfernen von der Truppe, Leistungsunfähigkeit befassen und darüber hinaus mit der Führung, Gruppenvorurteilen, dem Menschenbild, speziell aus Sicht der Militärpsychiatrie.

Inhalt

Im Vorwort skizziert Konstanze Zinnecker-Mallmann den Entstehungshintergrund. Es folgt der Beitrag vonMario Erdheim: Historische und biographische Hintergründe einer neuen Theorie totaler Institutionen.

Erdheim hat Eissler in den 70er Jahren persönlich kennen gelernt, als er ihm das Manuskript zu lesen gab. Erdheim war einerseits enttäuscht über die ‚bürgerlich, eurozentrische und altväterliche‘, orthodoxe und konservative Sichtweise, andererseits aber auch interessiert an Eisslers Beschäftigung mit dem Zivilisationsbruch des Faschismus. Mit dem sehr komplexen Manuskript hatte Eissler nach der Entlassung aus der Armee begonnen, speziell auch mit Fokus auf totale Institutionen (Bsp. Militärgerichtsbarkeit) und im Hinblick auf eigene Verletzungen durch die Flucht und die Verwüstungen, die der NS-Staat hinterlassen hatte. Insofern war das Buch auch ein Selbstheilungsversuch, ein Abschied von Illusionen (auch über Amerika). Der Zivilisationsbruch und kulturelle Wandel stiessen bei Eissler auf Unverständnis, behinderten aber nicht eine teilnehmende Beobachtung. Es ist eine Realität, dass eine Armee auf Zerstörung ausgerichtet ist, was mitunter durch Bürokratie und Illusionen vernebelt wird. Trotz zeitbedingter Vorurteile (z.B. über ‚Männlichkeit‘) eignet sich das Buch gut zur Einführung in das Studium von totalen Institutionen.

Nach dem 1. Kapitel: »Ich-Stärke und Leben in geschichtlichen Zusammenhängen« (21 Seiten) beschäftigt sich Eissler im 2.: »Was ist die Armee?« (10 Seiten) damit, dass Soldaten in der Armee interaktiv Denkmustern folgen, die ‚strukturelle Ähnlichkeit mit den in der paranoiden Psychose beobachteten Mustern zeigen‘. Im 3. Kapitel berichtet er über seine ersten Kontakte als Psychiater mit der Armee (38 Seiten). Nach seinen Beobachtungen geriet jeder Rekrut beim Eintritt in die Armee in eine Krise durch eine potentiell traumatisierende Situation, die alles zivil Gewohnte infrage stellte, ohne dass das den Ausbildern und den Auszubildenden bewusst war und deshalb auch nicht berücksichtigt wurde.

Die ‚inhaltsleere Nachahmung primitiver Rituale‘ werden von Eissler in den folgenden Kapiteln (4 – 12) exemplifiziert:

  • Grundausbildung (21 Seiten)
  • Ausbildung (20 Seiten)
  • Körperliche Fortbewegung (25 Seiten)
  • Das Gewehr (22 Seiten)
  • Die Uniform (21 Seiten)
  • Das Exerzieren (16 Seiten)
  • Disziplin (32 Seiten)
  • Militärgerichtsbarkeit (49 Seiten)
  • Delinquenz (38 Seiten)

Es folgen dann Kapitel (13 – 17), die sich unter allgemeinerer Perspektive mit der »Psychopathologie des Soldaten in der Ausbildungssituation« ( 20 Seiten) befassen: Die Feindseligkeit des militärischen Umfeldes, die Angst vor Verwandlung (Veränderung), der Scheincharakter der militärischen Realität, Identifizierungsstörungen, Isolation, Wandel der inneren Empfindungen und Zunahme von Aggression und Ambivalenz. In Kapitel 14 versucht Eissler eine »Analyse der militärischen Realität« (23 Seiten) und beschäftigt sich in Kapitel 15 mit der »Psychopathologie des Offiziers« (13 Seiten), dem »Phänomen der Simulation« (38 Seiten) und der »vernachlässigten ärztliche Funktion« (26 Seiten).

Es folgen Beispiele für den Umgang mit Konflikten (Kapitel 18 - 21): »Die unerlaubte Entfernung von der Truppe« (36 Seiten), die (Grenzen) der »Leistungsfähigkeit eines Soldaten« (59 Seiten) aus der Perspektive der ärztlichen Sprechstunde (43 Seiten), die Möglichkeiten von Information durch ärztliche Vorträge in der Armee (35 Seiten),

Spezielle Themen sind (Kapitel 22 - 27) »Die Führung in der Armee« (45 Seiten) im Vergleich mit einem »Zivilen Gemeinwesen« (29 Seiten), »Die Vorkämpfer für eine Veränderung der Gesellschaft« (26 Seiten), »Gruppenvorurteile in der Armee« (36 Seiten), die Beschäftigung mit dem »Tod in der Armee« (52 Seiten) und in Zusammenhang damit auch die Rolle von Religion, Kirche und Wissenschaft für das Seelenleben (83 Seiten) und »Das Menschenbild in der Armee« (21 Seiten).

Das Buch schliesst (Kapitel 28 – 30) mit einem Kapitel über »Das Menschenbild in der Armee« (23 Seiten), über »Militärpsychiatrie« (40 Seiten) und einem Schlußkapitel »Das Dilemma des Bürgers« (10 Seiten).

Diskussion

Eissler ist viel belesener und kenntnisreicher Autor, der alltägliche Beobachtungen als Psychiater beim US-Militär verbindet mit Assoziationen aus Mythologie, Geschichte, Kultur und psychoanalytisch reflektierten Interpretationen. Das erklärt auch den Umfang (1035 Seiten) dieses Buches, macht es allerdings auch dem Leser nicht leicht, ihm geduldig auf auch oft verschlungenen Pfaden zu folgen, insbesondere wenn dieser mit der psychoanalytischen assoziativen Methode nicht vertraut ist.

Hinzukommt dass er sich als Analytiker im Wesentlichen auf die Trieb- und Ichpsychologie seiner Zeit stützt, die inzwischen durch mehrere Paradigmenwechsel erweitert und vertieft wurde (Objektbeziehungen, Narzissmus, Traumatisierungen).

Auf diese Weise ist es ein für den Leser ein hoch interessantes, aber doch auch historisches Dokument, das den heutigen Verhältnissen, selbst in der Armee, nicht mehr gerecht wird. Denn diese besteht inzwischen im Wesentlichen aus Spezialisten, technischen Experten und Söldnern, selbst wenn immer noch – anachronistisch schon zu Eisslers Zeit – bestimmte Drillmethoden aktuell sind. Unter den heute veränderten Bedingungen von technischer Ausrüstung in der Kriegsführung (z.B. Drohnen, Raketen, Abwehrgeschosse) erscheint vieles veraltet.

Aus der Sicht des Psychiaters und Psychoanalytikers und militärischen Laien geschrieben vermittelt dieses Buch einen spezifischen Blick auf die US-Armee im Zweiten Weltkrieg, der – wenn auch nicht in allen Facetten – verallgemeinerungsfähig ist in Bezug auf Ordnungsstrukturen totaler Institutionen: unhinterfragte autoritäre Strukturen, die nicht einmal der Realität eines Alltags im Zweiten Weltkrieg gerecht wurden und in einer absoluten Befehls- und Gehorsamskette auch nicht hinterfragt wurden. In wieweit diese Strukturen systemimmanent und notwendig sind oder einem Bedürfnis nach absoluter Kontrolle und Macht gerecht werden, und damit auch Missbrauch ermöglichen, sind wichtige Fragen die Eissler aufgrund seiner Beobachtungen stellt und die auch heute noch aktuell sind. Denn es ist nicht nur die Frage, welche behandlungsbedürftigen Schäden ein solcher Missbrauch in der Psyche von Menschen anrichtet, sondern auch ob sie mit den angestrebten Zielen überhaupt in Einklang zu bringen sind.

Einem Missbrauch der Befehlsgewalt ist bereits in Deutschland mit der Schaffung eines Wehr-Beauftragten zum Schutz der Soldaten Rechnung getragen worden. Dieser kann allerdings seine Funktion nur ausüben, wenn er die Innenseiten dieser Institution Armee gut kennt, was Eissler durch die Teilnahme ermöglicht wurde, – und gleichzeitig eine kritische Distanz wahrt.

Fazit

Zu empfehlen – trotz des Umfangs – für zukünftige Wehrbeauftragte, für Studenten der Bundeswehrhochschule unter Auswahl einzelner Kapitel (?), für Interessierte an der Funktionalität totaler Institutionen und – für Psychoanalytiker.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 12.04.2021 zu: Kurt R. Eissler, Konstanze Zinnecker-Mallmann (Hrsg.): Männer und Militär. Psychoanalyse der US-Armee als Institution im Zweiten Weltkrieg. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2021. ISBN 978-3-95558-283-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28158.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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