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Carmen Hack: Kooperation und Vernetzung

Cover Carmen Hack: Kooperation und Vernetzung in bildungs- und sozialpolitischen Reformprogrammen. Kommunale Praxis, pädagogische Forschung und Sozialpolitik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 306 Seiten. ISBN 978-3-7799-6482-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
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Autorin

Carmen Hack war von 2016 bis 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften der Universität Münster. Davor war sie viele Jahre in der Stadtverwaltung Münster beschäftigt. Seit März 2021 ist Carmen Hack Professorin für „Soziale Arbeit im Kontext einzelfall- und familienbezogener Hilfeprozesse“ an der Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit ist als Doktorarbeit am Forschungsschwerpunkt „Bildungs- und Sozialpolitik – Lebenschancen und pädagogische Professionalität“ der Universität Münster entstanden. Von 2008 bis 2014 war die Autorin im Amt für Kinder, Jugendliche und Familien der Stadt Münster tätig, zuletzt auch als Koordinatorin des Landesprogramms „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ des Landes Nordrhein-Westfalen und der Bertelsmann Stiftung. Dieses Landesprogramm bildet den empirischen Untersuchungsgengenstand der vorliegenden Dissertationsschrift.

Aufbau

Der Aufbau des Buches folgt dem Untersuchungsdesign empirischer Studien, die im Rahmen sozialwissenschaftlicher Qualifikationsarbeiten angefertigt werden. Alle theoretischen und empirischen Schritte des Forschungsprozesses sind in dieser Dissertation vorbildlich dokumentiert.

Die Gliederung des Buches führt schlüssig und stringent durch die Untersuchung. Zahlreiche selbst erstellte grafische und tabellarische Darstellungen präsentieren die erarbeiteten Zusammenhänge und Zwischenergebnisse in komprimierter Form. Kritisch reflektierende Zusammenfassungen und eine differenzierte Ergebnisdiskussion sichern die Erträge dieser Forschungsarbeit.

Inhalt

Die Dissertationsschrift von Carmen Hack nimmt ihren Ausgangspunkt in der Beobachtung, dass die Begriffe „Kooperation“ und „Vernetzung“ in Innovationsdiskursen große Prominenz genießen. Wie dieses Phänomen zu erklären ist und wie man es empirisch erforschen kann, wird in der Doktorarbeit von Carmen Hack am Beispiel der lokalen Implementation von bildungs- und sozialpolitischen Reformen untersucht. In der Einleitung arbeitet die Autorin die Relevanz und Aktualität ihres Forschungsgegenstandes „kommunale Kooperation und Vernetzung“ im Bereich bildungs- und sozialpolitischer Reformen heraus. Die Fokussierung auf „Kooperation und Vernetzung“ begründet sie hier mit dem praxisbezogenen Interesse an Bedingungen und Möglichkeiten kommunaler Reformpolitik in einer globalisierten Welt.

In Kapitel 1 erfolgt die Konturierung der deutschen Kommunalverwaltung als empirischer Gegenstandsbereich. Die Besonderheiten kommunaler Aufgaben- und Organisationsstrukturen und entsprechender Handlungsprogramme der kommunalen Daseinsvorsorge werden herausgearbeitet. Im nächsten Schritt wird die Rolle der Kommunen im Rahmen wohlfahrtsstaatlicher Bildungs- und Sozialpolitiken erörtert. Hier diskutiert die Autorin den Wandel sozialstaatlicher Modelle und gibt einen Überblick über Programme und Leitbilder der darauf bezogenen kommunalen Dienstleistungsarbeit.

Das empirische Erkenntnisinteresse dieser Arbeit gilt der Umsetzung bildungs- und sozialpolitischer Reformprogramme auf der lokalen Ebene, wobei die Frage nach den Steuerungsgewinnen von Kooperation und Vernetzung im Mittelpunkt steht. Eine Bestandsaufnahme hierzu liefert Kapitel 2, das Begleitforschungen und Evaluationen zur Umsetzung solcher Projekte vorstellt. Das empirische Untersuchungsinteresse von Carmen Hack konzentriert sich überwiegend auf Nordrhein-Westfalen (S. 48). Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist das Reformprogramm „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ des Landes Nordrhein-Westfalen.

Das sozialwissenschaftliche Erkenntnisinteresse dieser Arbeit gilt den steuerungstheoretischen Implikationen kooperativer und vernetzter Organisationsstrukturen bei der Implementation politischer (Reform-)Programme auf der kommunalen Ebene (Kapitel 3). Dafür wird ein theoretischer Bezugsrahmen entwickelt, der seine Einsichten aus der verwaltungswissenschaftlichen Governance-Forschung, dem soziologischen Neo-Institutionalismus und managementorientierten Konzepten des Organisationswandels bezieht. Um den zentralen Gegenstandsbereich der Studie zu erschließen, werden diese mit Erkenntnissen der Kooperations- und Vernetzungsforschung erweitert. Darauf folgt ein zusammenfassendes Kapitel 4, das auch der Begründung von Erkenntnisinteresse und Ableitung der Fragestellung dient.

Das methodische Forschungsinteresse dieser Arbeit gilt den Methoden der qualitativen Sozialforschung. In einem eigenen Kapitel 6 werden die zur Erforschung der Fragestellung entwickelten Techniken der Datenerhebung und Datenanalyse erläutert. Im Anschluss daran wird die Durchführung der Untersuchung beschrieben. Das entwickelte methodische Instrumentarium besteht aus einer Kombination von leitfadengestützten Experteninterviews und sozialen Netzwerkanalysen mit dem Ziel der Erstellung von Netzwerkkarten. Für die Auswertung der Experteninterviews und Netzwerkkarten wird ein eigenes Analyseverfahren entwickelt, das die inhaltlich-strukturierende qualitative Inhaltsanalyse und die qualitative strukturale Analyse (QSA) miteinander verbindet. Das Forschungsfeld der Untersuchung bildet eine ausgewählte Stadtverwaltung in Nordrhein-Westfalen, die sich am Landesprogramm „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ beteiligte. Das Landesprogramm wird in Kapitel 5 vorgestellt. Das im Forschungsfeld identifizierte Akteursnetzwerk umfasste 19 Personen, wovon 16 Personen für die von der Autorin im Frühjahr 2017 durchgeführten Experteninterviews zur Verfügung standen.

In einer differenzierten Analyse präsentiert Carmen Hack in Kapitel 7 die Auswertungsresultate ihrer empirischen Untersuchung. Die Autorin unterscheidet zwischen normativer, strategischer und operativer Ebene der Verwaltungsorganisation und stellt die Wahrnehmungen der Interviewten hinsichtlich der Erfolgsbedingungen von Kooperation und Vernetzung im untersuchten Reformprojekt entsprechend der Zugehörigkeit zur jeweiligen Ebene dar. Im Forschungsprozess erkennt die Autorin die Limitierungen ihres Analyserahmens. In der Diskussion der Ergebnisse (Kapitel 8) stellt sie heraus, dass trotz der bereits mehrdimensional angelegten Konzeption ihrer Studie künftige Forschungen ein deutlich komplexeres Design aufweisen sollten. Sie empfiehlt, neben der von ihr analysierten Sachdimension auch die Zeitdimension („zeitlich-historische Analyseperspektive“, S. 275 ff.) konkreter Projekte zu berücksichtigen und die Forschungsperspektive auf einzelne Projekte und nicht auf gesamte Landesprogramme zu richten. Als ein Ergebnis dieser Forschungsarbeit kann festgehalten werden, dass Erkenntniszuwächse im Rahmen sozialwissenschaftlicher Forschung dieses Typs eher von qualitativen Mikrostudien als von generalisierenden Strukturanalysen zu erwarten sind.

Im Schlusskapitel reflektiert die Autorin „Implikationen für die Politik, Forschung und Praxis“ (Kapitel 9). Eine Empfehlung an die Politik lautet, den normativen Gebrauch von Begriffen wie „Kooperation“ und „Vernetzung“ zu überdenken, um eine sachgerechte Auseinandersetzung mit den adressierten Problemen wahrscheinlicher zu machen. Die positive Konnotation dieser Begriffe transportiert der Autorin zufolge eine „technokratische Reformperspektive“ (S. 281), die der Komplexität gesellschaftlicher Problemlagen nicht angemessen sei. Weitere Empfehlungen an die Politik gelten der „Abstimmung landesweiter Projekte und Programme“, der „Begleitung und Unterstützung der Kommunen über den Projektzeitraum hinaus“ und der Erweiterung von „Handlungsmöglichkeiten und Rechte(n) der Kommunen“ (S. 282). Unter der Überschrift „Implikationen für die Forschung“ hinterfragt die Autorin auch die Validität und Generalisierbarkeit der eigenen Studie und verweist auf die Verengung der Kooperations- und Netzwerkforschung auf wenige Forschungsfelder. Der Praxis der Kommunalverwaltung empfiehlt die Autorin, die Ebene von Kooperations- und Vernetzungserklärungen zu verlassen. Die Kommunen sollten ihrer Auffassung nach die normative Disposition politischer Reformprogramme durch eigene sachorientierte Zielvorstellungen ersetzen und selbst Forschungen und Evaluationen anstoßen, um die Handlungsbedarfe der kommunalen Ebene wissenschaftlich herausarbeiten zu lassen.

Diskussion

Kooperation und Vernetzung sind Buzzwords der (reform-)politischen und der (populär-)wissenschaftlichen Terminologie. Die unhinterfragt positive Konnotation dieser Begriffe hat sich im gesellschaftlichen Diskurs verfestigt. Kooperation und Vernetzung gelten ebenso als Zauberformeln zur Förderung individueller Karrieren wie als Schüssel zur Lösung gesellschaftlicher Strukturprobleme. Es ist das große Verdienst des vorliegenden Buches, den normativen Gehalt der Chiffren „Kooperation“ und „Vernetzung“ freizulegen und die implizite Agenda von darauf basierenden technokratischen Reformpolitiken am Beispiel eines konkreten Landesprogramms aufzuzeigen. Ebenso bedeutsam ist das parallel verfolgte Engagement, die affirmative Attitüde sozialwissenschaftlicher Forschung (nicht nur) im politik- und verwaltungswissenschaftlichen Bereich mit Blick auf Kooperation und Vernetzung herauszuarbeiten. Carmen Hack weist mit dieser empirische Forschungsarbeit in überzeugender Weise nach, dass die unterstellte „innovative“, struktur- und kulturverändernde Kraft populärer Kooperations- und Vernetzungssemantiken in die (kommunale) Alltagspraxis nicht vordringen kann.

Mit wichtigen Einsichten empfiehlt sich dieses Buch für die empirische Governance-Forschung und für die politisch-administrative Praxis gleichermaßen. Aufbau und Gliederung sind für eine empirische Forschungsarbeit beispielhaft, weshalb sich das Buch auch für den Einsatz in der Hochschullehre in besonderer Weise eignet. Das betrifft nicht zuletzt die Präsentation der Erträge der Untersuchung. Hier ist hervorzuheben, dass die Autorin ihre differenzierte Ergebnisdarstellung mit einer separaten Diskussion der Forschungsresultate komplettiert und diese Überlegungen mit Reflexionen „für die Politik, Forschung und Praxis“ beschließt. Auch in sprachlicher Hinsicht ist dieses Buch hervorragend durchkomponiert. Tabellen und Grafiken unterstützen die Lektüre, Zusammenfassungen und prägnante Überleitungen halten den Argumentationsgang transparent.

Fazit

Dieses Buch liefert einen wichtigen Beitrag für die sozialwissenschaftliche Forschung, insbesondere für die steuerungstheoretische Diskussion, die unter dem Stichwort „Governance“ geführt wird und im Prinzip „Kooperation“ und „Vernetzung“ meint. Aus den methodologischen Reflexionen und empirischen Resultaten dieser Untersuchung kann die Governance-Forschung wichtige Impulse beziehen.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Petra Hiller
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Zitiervorschlag
Petra Hiller. Rezension vom 30.09.2021 zu: Carmen Hack: Kooperation und Vernetzung in bildungs- und sozialpolitischen Reformprogrammen. Kommunale Praxis, pädagogische Forschung und Sozialpolitik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6482-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28160.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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