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Roman Hoch, Silvia Vater: Fragetechnik für systemisches Coaching

Roman Hoch, Silvia Vater: Fragetechnik für systemisches Coaching. Kartenset Fragetechnik für systemisches Coaching. 90 Fragekarten mit Anleitung. Mit 56-seitigem Booklet. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. 90 Seiten.

EAN: 4019172300111.


Thema

„Systemisches Coaching lebt von Fragetechniken und der Fähigkeit der Coaches, geschickt Prozesse zu navigieren“ (Buchrückseite). In ihrer Einleitung beschreiben die Autor*innen ihre Idee: Aufbauend auf das Kartenset „400 Fragen für systemische Therapie und Beratung“ haben sie das vorliegende Kartenset entwickelt. Es soll einen gesamten potenziellen Coachingprozess abbilden. Hoch und Vater betonen, dass es sich bei dem Set weder um ein Screening für Assessments noch um ein eigenständiges Tool handelt. Mit den zusammengetragenen Fragen, Arbeitshypothesen und Gedanken zur Reflexion möchten sie Anwendern eine bessere Orientierung ermöglichen (vgl. S. 2 ff.).

Autor*innen

Roman Hoch, Dipl.-Soz.päd., Traumazentrierter Fachberater (DEGPT), arbeitet als Systemischer Berater & Therapeut (DGSF) in freier Praxis und als Dozent im Systemischen Zentrum (WISPO AG), Hamburg.

Silvia Vater ist Lehrende für Systemische Therapie, Beratung, Coaching, Organisationsentwicklung (DGSF) und Supervisorin am Systemischen Zentrum WISPO AG, DGSF zertifiziert.

Aufbau

Die Veröffentlichung besteht aus 90 Fragekarten mit Anleitung und einem 56-seitigem Booklet.

Die Karten verteilen sich auf folgende Kategorien: 

  1. Beziehung aufbauen und Haltung vermitteln (18 Karten)
  2. Anliegen konkretisieren und Contracting (14 Karten)
  3. Beobachtungs- und Bearbeitungsebene finden (18 Karten)
  4. Konstruktionen kontextualisieren und Arbeitshypothesen entwickeln (24 Karten)
  5. Realitätscheck und Auswirkungsüberprüfung (6 Karten)
  6. Integration und Abschluss (10 Karten)

Das Booklet ist wie folgt gegliedert:

  • AHOI an die Crew und an alle Prozessnavigatorinnen und Prozessnavigatoren
  • Fragetechnik, Prozessnavigation und Bühne
  • Haltungsaspekte
  • Kontextualisierung
  • Begriffsklärung Contracting
  • Kategorische Introfragen
  • Die Hintergrundmatrix
  • Hypothesen: Dimensionen mit hoher Relevanz
  • Nicht alle Navigation besteht aus Fragen
  • Ein konstruktivistischer Blick auf Denken und Wahrnehmung
  • Hypothesen und Arbeitshypothesen: Referenzpunkte für die Prozessnavigation
  • Konkretes Beispiel
  • Prinzipien zum hypothesengeleitenden Arbeiten

Am Ende finden sich ein Literaturverzeichnis und eine Vorstellung der Autor*innen. 

Inhalt

Das Booklet beginnt mit einem einleitenden Teil. Ergänzend zum oben Beschriebenen erklären Hoch und Vater, dass sie zwar die Fragetechnik nutzen, aber auch für sie klar sei, dass „die Beziehung zwischen Coach und Coachee die Basis für jede Zusammenarbeit bildet!“ (S. 3)

Fragetechniken können, so die Autor*innen, unterstützend und flankierend genutzt werden. Das vorliegende Set könne u.a. als Inspirationsquelle oder zum Selbstcoaching genutzt werden.

Hoch und Vater erläutern ihr Verständnis des Begriffs „Prozessnavigation“ und beschreiben die Metapher „Bühne“.

Im Kapitel „Haltungsaspekte“ gehen die Autor*innen vorerst auf die grundlegende „nicht wissende Haltung“ ein. Nimmt man den konstruktivistischen Ansatz ernst, so wären alle anderen Menschen als eine „Black Box“ anzusehen. Erfahrungen, Assoziationen und Ideen der Coachees seien, so Hoch und Vater, daher hilfreich. Das Nicht-Wissen könnte aber auch zu Missverständnissen führen. Im weiteren Verlauf gehen sie auf folgende Aspekte ein: Offenheit & Respekt, Unwissenheit & Neugier, Transparenz & Partizipation, Akzeptanz & Neutralität, Allparteilichkeit & Zirkularität, Respektlosigkeit & Irritation, Lösungsfokussierung, Kompetenz- und Ressourcenfokus sowie Möglichkeitskonstruktionen.

Kontextualisierung, so beschreiben es Hoch und Vater, diene dazu, die verschiedenen Perspektiven im Coacheesystem zu eröffnen. Sie erläutern Hintergrundannahmen und Vorgehen und stellen dar, wie Kontextualisierung im Rahmen der Auftragsklärung genutzt werden kann.

Im Abschnitt „Contracting“ erläutern die Autor*innen, warum sie den englischen Begriff bevorzugen, und was darunter zu verstehen ist.

Der Abschnitt „Kategorische Introfragen“ erläutert, dass sich zu Beginn der meisten Karten-Kategorien sogenannte Haltungsfragen finden. Diese richten sich an den Coach, um die Beratungen vor- bzw. nachzubereiten.

Im Folgenden gehen Hoch und Vater, ohne dass dies aus dem Inhaltsverzeichnis deutlich wurde, auf die verschiedenen Kartenkategorien ein: „Beziehung aufbauen und Haltung vermitteln“ (18 Karten) beinhaltet Fragen, die thematisch korrekt den Prozessbeginn flankieren können. Außerdem sind einzelne unterstützende Handlungsempfehlungen und Herleitungen von Sinnzusammenhängen zu finden. „Anliegen konkretisieren und Contracting“ (14 Karten) nennt Fragen rund um das Anliegen. Die Autor*innen nutzen hier Futur II (chronologische Kontextualisierung) und paradoxe Ansätze. „Beobachtungs- und Bearbeitungsebene finden“ (18 Karten) gibt Fragen an die Hand, die dabei helfen können, weitere Informationen zu erhalten und erste Unterschiede im Problemerleben erkennbar zu machen. „Konstruktionen kontextualisieren und Arbeitshypothesen entwickeln“ (24 Karten) soll dazu anregen, fortlaufend Arbeitshypothesen zu formulieren und Vorüberlegungen für die nächste Sitzung zu erarbeiten. „Realitätscheck und Auswirkungsüberprüfung“ (6 Karten) gibt Anregungen für die Perspektivenentwicklung, deren möglichen Auswirkungen und den wirklich geplanten Veränderungen. „Integration und Abschluss“ (10 Karten) nennt Fragen, die hilfreich sein können, um Gefühle, Perspektivenwechsel, Entscheidungen und Verhaltensänderungen aufzugreifen.

Im weiteren Verlauf erklären Hoch und Vater kurz die Hintergrundmatrix, empfehlen Blickrichtungen zur Bildung von Hypothesen und stellen nochmals klar, warum Navigation nicht nur aus Fragen besteht.

Im Abschnitt „Ein konstruktivistischer Blick auf Denken und Wahrnehmung“ verdeutlichen die Autor*innen Grundlagen des menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns. Menschen simplifizierten und verharrten in ihren Mustern. Hoch und Vater zeigen, wie Musterunterbrechungen unterstützt werden können.

„Hypothesen und Arbeitshypothesen“: In diesem Abschnitt erläutern die Autor*innen die beiden Begriffe und deren Funktionen. Am konkreten Beispiel einer Abteilungsleiterin werden sie verdeutlicht. Abschließend nennen sie noch „Prinzipien zum hypothesengeleiteten Arbeiten“.

Das Kartenset:

Auf der Vorderseite der 90 Fragekarten wird der jeweilige Kontext kurz, häufig auch nur mit einem Satz oder einer Frage, erläutert. Auf der Rückseite finden sich überwiegend mehrere Fragen oder auch Hinweise, Tipps bzw. Erläuterungen zum jeweiligen Bereich.

Beziehung aufbauen und Haltung vermitteln (18 Karten)

  • Die Karten greifen folgende Bereiche auf: Haltung, Joining, proaktive Transparenz, Kliententypen und Fragen nach Ressourcen. Beispielfragen aus dem Bereich Haltung sind: „Wozu werde ich zur Verfügung stehen und wozu auf keinen Fall?“ und „Wie mache ich meine Arbeitsweise und Haltung transparent?“
  • Eine Beispielfrage aus dem Bereich Ressourcen II lautet: „Wenn ich Ihre Kollegen frage, die Sie gut kennen, was würden diese mir darüber sagen, was sie an Ihnen schätzen?“

Anliegen konkretisieren und Contracting (14 Karten)

  • Bereiche: Haltung, Empfehlungskontext, Anliegen
  • Beispielfragen aus dem Bereich Empfehlungskontext sind: „Wer findet es eine gute Idee, dass Sie heute hier sind?“, „Wen kennen Sie noch, der Coachingerfahrungen hat, und was denken Sie darüber?“

Beobachtungs- und Bearbeitungsebene finden (18 Karten)

  • Bereiche: Haltungsfragen, Anfangsfragen, Problemerkundung, Exploration, Problembewusstsein, Bedürfnisse, Zufriedenheit, Beschreibungen, Ressourcen/​Kompetenzen
  • Beispielfragen aus dem Bereich Operationalisierungsfragen sind: „Was genau tut Ihr Mitarbeiter, wenn er, wie Sie sagen, „herablassend“ reagiert?“, „Was tut Ihr Vorstand ganz konkret, wenn Sie sagen, es sei „unzumutbar“?“

Konstruktionen kontextualisieren und Arbeitshypothesen entwickeln (24 Karten)

  • Bereiche: Arbeitshypothesen, Zirkuläre Perspektive/​Kontext, Ambivalenzen, Messbarkeit, Strategie & Resilienz, Hindernisse, Erklärungen, Beziehungen, Dynamiken, Skalierungen und Muster/​Ausnahmen
  • Beispielfragen aus dem Bereich Ressourcen und Kompetenzen sind: „Was macht Ihnen im Moment am meisten Spaß auf Ihrer Position?“, „Welche Kompetenzen hat Ihr Team in den letzten Jahren entwickelt aufgrund welcher Herausforderungen?“

Realitätscheck und Auswirkungsüberprüfung (6 Karten)

  • Bereiche: Haltungsfragen, Verbesserung, Lösungsorientierung, Ressourcen zukünftig, Verschlimmerung
  • Beispielfragen aus dem Bereich Verbesserungsfragen sind: „Unter welchen Bedingungen wäre Ihnen die Verbesserung am einfachsten möglich?“, „Wann genau wären diese Verbesserungen erfüllt?“

Integration und Abschluss (10 Karten)

  • Rollenaspekte, Ziel – Start – Planung, Als ob Modus/​Futur II, Perspektivenwechsel, Abschlussfragen
  • Beispielfragen aus dem Bereich Rollenaspekte sind: „Aus welchen guten Gründen wurden genau Sie mit dieser Position betraut?“, „Was benötigen Sie noch von wem, um Ihre neue Rolle gut ausfüllen zu können?“

Diskussion

Auf der Kartonrückseite wird mit einer kurzen Erwähnung angedeutet, was es mit dem Kartenset auf sich hat: „Auf 90 Karten wird ein gesamter Coachingprozess abgebildet, … gibt es Fragen, Arbeitshypothesen sowie hilfreiche Gedanken zur Reflexion.“ Die Inhalte auf den Karten und im Booklet hätten auch in Buchform veröffentlicht werden können. Doch das Format der Karten hat seinen eigenen Reiz: vor jeder Coachingphase können die entsprechenden Karten in die Hand genommen, einzelne vielleicht auch als Gedankenstütze mit in das Gespräch genommen werden.

Leider sind bei der Veröffentlichung Fehler unterlaufen: In den Online-Materialien weist der Verlag auf Folgendes hin: „Leider ist uns auf den Karten 3, 4 und 5 ein Fehler passiert: Anstelle von »unwissende« Haltung einnehmen steht auf den Karten »wissende«“ (https://www.beltz.de/fachmedien/​training_coaching_und_beratung/​produkte/​produkt_produktdetails/​40853-kartenset_fragetechnik_fuer_systemisches_coaching.html – Abruf 24.02.2021). Die korrigierten Karten sind im PDF abgedruckt, sodass Käufer dies allerdings kreativ auf den ausgelieferten Karten korrigieren können.

Hoch und Vater erläutern im Booklet transparent ihre Intention und den Umgang mit dem Kartenset. Sie stellen die aus ihrer Sicht notwendigen Haltungsaspekte im systemischen Arbeiten gut nachvollziehbar dar. Besonders hervorzuheben ist die Idee der „Kategorischen Introfragen“: die Autor*innen schaffen mit diesen Fragen, die sich an den Coach selbst richten, die Möglichkeit, den Prozess auf der Metaebene zu betrachten.

Fazit

Hoch und Vater geben Coaches mit diesem Kartenset ein durchdacht entwickeltes Werkzeug an die Hand, einen Coachingprozess vorzubereiten oder zu reflektieren. Wertschätzend und fachlich fundiert, formulieren sie für die einzelnen Phasen Hinweise und eine Vielzahl von Fragen zum Einsatz im Coachinggespräch.


Rezension von
Dipl.Soz-Päd. Martin Walz
Master of Social Management, Diplom-Sozialpädagoge (FH) Geschäftsführer Kindertageseinrichtungen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe
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Zitiervorschlag
Martin Walz. Rezension vom 18.06.2021 zu: Roman Hoch, Silvia Vater: Fragetechnik für systemisches Coaching. Kartenset Fragetechnik für systemisches Coaching. 90 Fragekarten mit Anleitung. Mit 56-seitigem Booklet. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2019. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28162.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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