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Christian Fuchs: Soziale Medien und Kritische Theorie

Cover Christian Fuchs: Soziale Medien und Kritische Theorie. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2021. 2. vollst. überarbeitete Auflage. 623 Seiten. ISBN 978-3-8252-5500-8. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

In diesem Wälzer geht es um das Internet und die Gesellschaften, in denen es angewendet wird. Da diese Gesellschaften in keinem guten Zustand sind, wundert es nicht, wenn die sozialen Medien auch nicht so funktionieren, wie es sein könnte und es einer freien Gesellschaft angemessen wäre. Die Messlatte für die Angemessenheit des Angebotes findet sich in einer kritischen Theorie, die als Frankfurter Schule kanonisiert wird. Adorno, Horkheimer und Habermas sind zentrale Repräsentanten, die im Anschluss an Marx frühzeitig auf die Mängel im System des Kapitalismus hingewiesen und die Notwendigkeit seiner Transformation eingefordert haben. Es kann keinen erstaunen, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft auch das Internetangebot nach deren Gesetzlichkeiten funktioniert und der Profit nicht an der letzten, sondern der ersten Stelle der Netz-Agenda steht. Doch wie im wirklichen Leben auch gibt es Leute, die damit nicht zufrieden sind, sondern ein Mehr an Perfektion und Moral einfordern und diesen unerträglichen Zustand beseitigen wollen. Die Forderung wird laut, das Internet zu einem sozialen Medium in einer gerechten und fairen Welt zu machen – zu einem progressiven Internet. Unser Autor hat sich diesem Kampf um ein Internet-Paradies auf Erden gewidmet. Dabei belehrt er uns durchaus mit erstaunlichen Hinweisen, Entdeckungen und Einzelheiten, die den Leser informieren und zum Nachdenken über diese spezielle Internet-Landschaft anregen.

Autor

Christian Fuchs ist Professor für Medien-und Kommunikationswissenschaft an der University of Westminster und Herausgeber der Zeitschrift tripleC: Communication, Capitalism & Critique. Die Arbeit am Buch begann der Autor im April 2011. Die erste Ausgabe erschien 2014 in englischer Sprache. Es folgte eine zweite Ausgabe 2017 in englischer Sprache, die 2019 als erste deutsche Auflage erschien, von Felix Kurz ins Deutsche übersetzt. Nun wird uns eine zweite, vollständig überarbeitete Auflage vorgelegt, die Christian Fuchs selbst aus dem Englischen übersetzt hat.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gibt eine kritische Einführung in das Studium der sozialen Medien. Es konfrontiert den Leser mit folgenden Fragen, deren Beantwortung für ein kritisches Verständnis der Welt der Medien erforderlich sind:

  • Was ist das Soziale an sozialen Medien? – Sozialität
  • Was sind Big Data? Was ist der Big Data-Kapitalismus? – Big Data-Kapitalismus
  • Wie funktioniert das Geschäftsmodell der sozialen Medien? – politische Ökonomie
  • Was ist gut und was ist schlecht an Google, der weltweit führenden Internetplattform und Suchmaschine? – politische Ethik
  • Welche Rolle spielen Datenschutz, Überwachung und Falschnachrichten auf Facebook, der weltweit größten sozialen Netzwerkseite? – Überwachung und Privatsphäre
  • Was sind Social Media-Influencer? Welche Aspekte der politischen Ökonomie und Ideologie spielen beim Influencer-Kapitalismus auf You Tube, Instagram und Snapchat eine Rolle? – Ideologiekritik
  • Welche Rolle spielt Twitter in Bezug auf neue Formen der Politik und der Demokratie? Was sind Potenziale und Grenzen in Bezug auf die Revitalisierung der politischen Öffentlichkeit? – Demokratie und Öffentlichkeit
  • Wie wird rechter Autoritarismus über soziale Medien vermittelt? – kritische Theorie der autoritären Persönlichkeit und des Rechtsautoritarismus
  • Was sind die Merkmale der politischen Ökonomie chinesischer Social-Media-Plattformen wie Weibo im Zusammenhang mit der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft und Gesellschaft? – globaler Kapitalismus
  • Was ist die Rolle des Online-Sharing und der Ideologie des Teilens im zeitgenössischen Kapitalismus im Kontext von Online-Sharing-Plattformen wie der kommerziellen Wohngemeinschaftsplattform Airbnb, der Taxi-App Uber oder der Freelancer-Plattform Upwork? – Geschenk -und Sharing-Ökonomie
  • Worum handelt es sich beim Plattformkapitalismus? Was sind Plattform-Kooperativen und Plattform-Sozialismus? – Kapitalismus und Sozialismus
  • Welche Formen und Prinzipien der kollaborativen Wissensproduktion sind charakteristisch für Wikipedia, der weltweit meistgenutzte wiki-basierten Online-Enzyklopädie? – Macht und kooperative Arbeit
  • Was sind die Hauptprobleme der sozialen Medien und welche Alternativen gibt es? – digitale Entfremdung, digitale Gemeingüter und digitale Alternativen
  • Wie können wir soziale Medien erreichen, die dem Zwecke einer gerechten und fairen Welt dienen, in der wir die Gesellschaft gemeinsam kontrollieren und in der die Kommunikationsmittel Gemeingüter sind? Was sind wirklich soziale Medien? – digitaler/​kommunikativer Sozialismus

Dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis, das hier auf die Frageformen und der dazugehörigen Thematik reduziert wurde, sind ein Abbildungsverzeichnis und ein Tabellenverzeichnis beigefügt.

Außerdem gibt es ein 47 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis und ein Register.

Diskussion

Grundsätzlich ist es gut, wenn der Leser eines einführenden Werkes an die Hand genommen und durch den Dschungel der möglichen Interpretationen geführt wird. Doch darf diese Führung nicht zu eng und zu eindimensional erfolgen. Das selbstständige Nachdenken und Verstehen muss das vorrangige Ziel jeder Lektüre bleiben. So ist es ja ein durchaus riskantes Unternehmen den Marxismus auf eine Frankfurter Schule und Habermas-Variante zu reduzieren. Der umwälzende Kern des Marxismus ist doch spätestens mit Habermas und seinen Jüngern zur Attrappe geworden. Marx liefert sicherlich eine markante Theorie des Kapitalismus, doch schon die im „Manifest“ enthaltene Theorie einer kommunistischen Revolution ist originäres Produkt der arbeiterkommunistischen Kämpfe und Theoriebildungen. Als intellektuelles Produkt und kritische Theorie ist der Marxismus handzahm und mag einer neuen Schicht von linken Partei-Soldaten dienen. Da kann sich der Autor noch so sehr ins Zeug legen und die Umwandlung der Internetnutzer in eine revoltierende Klasse imaginieren. Der Kommunismus und Sozialismus, den unser Autor predigt, bleibt ein Luftschloss oder – was noch schlimmer ist – wird wieder einmal als neue Herrschaftsform missbraucht.

Wenn mich nicht alles täuscht, gibt es schon einige Aktivitäten, das Internet zu kastrieren. Jetzt wird von Christian Fuchs unter dem Slogan der digitalen Alternativen vorgeschlagen, das Internet zu einem öffentlich-rechtlichen Instrument zu machen. Mir reicht ehrlich gesagt die öffentlich-rechtliche Medien-“Vielfalt“ schon jetzt. Sollen diese Institutionen wirklich noch im Internet für ein Mehr an Sauberkeit im Denken und Handeln sorgen? Außerdem möchte ich gestehen, dass mir der Kampf gegen den rechten Autoritarismus wirklich um Jahrzehnte zu spät kommt und der Autor wohl vergisst, dass es auch einen linken durchaus virulenten Autoritarismus gibt. Es bliebe noch eine Menge zu kritisieren, doch alles hat ein Ende.

Fazit

Es gibt sehr gute Gründe, das Gesparte in dieses Buch zu investieren:

  • Es informiert über das System des Internets, seine Organisation, seine Wirkung und seine Vor-und Nachteile. Ich selbst habe viel gelernt.
  • Es macht die Absicht derjenigen sichtbar, die dieses noch freiheitliche System zu einem Zwangsapparat demokratisieren wollen.
  • Es macht deutlich, wie kritisch jeder sein muss, damit er seinen eigenen Kopf behält.

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 25.10.2021 zu: Christian Fuchs: Soziale Medien und Kritische Theorie. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2021. 2. vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-5500-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28166.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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