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Manfred Kappeler: Kontinuitäten der Fürsorge

Manfred Kappeler: Kontinuitäten der Fürsorge. Der "Nachrichtendienst des Deutschen Vereins" 1932-1946. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2020. ISBN 978-3-7841-3328-7.
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Thema

Schon in der Weimarer Zeit kursierten im Wohlfahrtswesen/Fürsorge – wie auch in der Medizin/​Psychiatrie – eugenisch-erbbiologische Vorstellungen, die sich u.a. in der ständigen Forderung nach ‚Bewahranstalten‘ für solche Personen niederschlugen, mit denen die ‚normale‘ Fürsorge-Erziehung nicht zurechtkam. Vorstellungen, die dann im Nationalsozialismus ‚sozialrassistisch entarteten‘.

Autor

Der bekannte kritische Professor für Sozialpädagogik, Manfred Kappeler, analysiert in seiner, vom Deutschen Verein (DV) herausgegebenen Schrift – „in einem historischen Rückblick“ – an Hand des ‚Nachrichtendienstes des Deutschen Vereins‘ (ND) mit vielen Originalzitaten, wie sich dieser in jener Zeit bis hin in die Nachkriegsjahre willig in diese neue Sozialpolitik einordnete. Womit er zugleich einen erschütternden Einblick in die damalige ‚sozialrassistische‘ Bevölkerungspolitik bietet.

Aufbau und Inhalt

Einleitend beschreibt Kappeler die Bedeutung des DV als Dachorganisation der gesamten Wohlfahrtspflege, der schon kurz vor der ‚Machtübernahme‘ des Nationalsozialismus angesichts der wachsenden Massenarbeitslosigkeit die Kürzungen insbesondere der Arbeitslosenversicherung (ALV) durch die ‚Notgesetze‘ der Präsidial-Kabinette akzeptierte:

„Auf welcher Seite in diesem ‚Meinungsstreit‘ der DV stand, wird daran deutlich, dass er die ‚Notgesetzgebung‘, mit der die Präsidialkabinette die ‚fortgesetzte Abschwächung und Durchlöcherung‘ der ALV betrieben, immer anerkannt und gegen die ‚völlige Entwertung der Institution‘ nie protestiert hat.“ (S. 13).

Nach der Auflösung seiner ‚demokratisch gewählten Gremien‘ und dem Ausschluss der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sowie der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (ZWST) übernimmt der ND, unter Führung von Prof. W. Polligkeit, schon kurz nach der ‚Machtübernahme‘ 1933/34 zunächst das völkisch-nationalsozialistische Vokabular und kommentiert dann, wohlwollend, deren unmittelbar danach einsetzende einschlägige Gesetzgebung bis hin zur willig übernommenen Unterordnung unter die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), deren Amtsleiter, Hermann Althaus, 1935 zum Vorsitzenden des DV berufen wurde (S. 45).

In seinem ausführlichen 6. Kapitel („Eugenik – Erbbiologie – Rassenhygiene: Ein Hauptthema im NDV des Jahres 1933“) belegt Kappeler an Hand der vom DV herausgegebenen Ausgaben des NDV, „dass das ‚rigorose Vorgehen‘ des Regimes bei der Praktizierung seiner sozialrassistischen Bevölkerungspolitik ohne die Beteiligung wichtiger Kernbereiche der Wohlfahrtspflege gar nicht möglich gewesen wäre.“ (S. 56). Unter den voneinander abhängigen Konzepten einer ‚positiven‘ und ‚negativen‘ Eugenik – Ehestand-Darlehen und Ehegesundheitsgesetz gegenüber Zwangs-Sterilisation und Konzentrations-Lager: „Nachdem in den 1933 im NDV veröffentlichten Beiträgen die Zustimmung des DV zur ‚Nationalen Eugenik‘ vorbehaltslos dargestellt wurde, ging es in den folgenden Jahren in direkten Bezügen zum Gesetz über die Verhütung erbkranken Nachwuchses ‚nur‘ noch und immer wieder um die bürokratische Umsetzung des Gesetzes und um die ‚Kostenfrage‘. Das eugenische Denken war aber, über die direkten eugenischen ‚Maßnahmen‘ wie die Zwangssterilisierung hinaus, der Dreh- und Angelpunkt in fast allen Arbeitsbereichen der öffentlichen und privaten Wohlfahrtspflege.“ (S. 70). Ergänzt durch die – letztendlich vergebliche, doch ständig wiederholte – Forderung nach ‚Bewahranstalten‘: So schrieb die Protagonistin Hilde Eiserhardt 1933 ganz im nationalsozialistischen Jargon: „Ein Bewahrungsgesetz mußte Eingriffe in die persönliche Freiheit und in die Freizügigkeit bringen, das war nicht nur unvermeidlich, sondern nötig, sowohl im Interesse der haltlosen, willensschwachen Menschen selbst, als auch im Interesse des Volksganzen. Hier von einer Schonung persönlicher Freiheit sprechen, zum Schaden des ständig sich und andere gefährdenden Individuums, wie des Gemeinwohls, war eine völlig irregehende Humanität.“ (S. 73).

Vor allem sorgte man sich um die ‚gefährdete Jugend‘, die einerseits der HJ und dem BDM anvertraut wurde, und für die man andererseits nicht nur die ‚Jugend-Konzentrations-Lager‘ (seit 1940) vorsah, sondern auch im neuen RJGG (Reichsjugendgerichtsgesetz) ein Herabsetzen der Altersgrenze auf 12 Jahre, die Möglichkeit auf das neue Recht der ‚Maßregel der Sicherung und Besserung‘ einschließlich der ‚Sicherungsverwahrung‘ zurück zu greifen, die Begutachtung durch den ‚Kriminalbiologischen Dienst‘, den ‚Dauer-Arrest‘ (1940) und die ‚Unbestimmte Verurteilung‘ (1941): „Sie habe eine starke erzieherische Wirkung.“ (S. 133).

Insgesamt eine ‚kollusive‘ Grundhaltung, die nach dem Ende des NS-Regimes ‚die Zerstörung der eigenen Archive‘ behauptete (S. 142), und ‚das durch das NS-Regime verursachte Elend in durch Krieg und Besatzung erzeugte >deutsche Not< umdeutete‘ (Kap. 9.3). Die bisherigen Vertreter wurden, nunmehr demokratisch, doch mit falscher Legende (S. 156), – zum Erstaunen des Autors auch durch die einst verbotene AWO (S. 168) – wieder gewählt: So „war der DV in der ‚Nachkriegszeit‘ fest in der Hand der Personen, die ihn von 1933 bis 1945 zu einem Instrument des NS-Regimes gemacht hatten. Sie sind nicht als ‚Putschisten‘ an die Führung des DV gekommen, sondern wurden von den Funktionseliten der Wohlfahrtspflege darum gebeten. […] ihnen wurde in vollem Wissen um ihre NS-Vergangenheit das Vertrauen ausgesprochen.“ „Die Wohlfahrtspflege machte den DV und seine Führung 1946 zum obersten Vertuscher und Verleugner ihrer gemeinsamen NS-Geschichte.“ (S. 155, 156). Kein Wunder, dass die Forderung nach einem ‚Bewahrungsgesetz‘ angesichts des ‚Dirnenunwesens‘ und der ‚zunehmenden Verwahrlosung der Jugend‘ erneut aufgenommen wurde (Eiserhardt 1946), und „die ‚Zöglinge‘ in den Heimen der Jugendhilfe mit ihrer ihnen abgezwungenen Arbeit zur Deckung der Kosten ihrer ‚Unterbringung’ beitragen mussten. […] ‚Am runden Tisch Heimerziehung‘ (2009/10) [wurde abgelehnt, diese Arbeit] als ‚verbotene Kinderarbeit‘ und im Grundgesetz verbotene ‚Zwangsarbeit‘ anzuerkennen und zur Grundlage einer ernsthaften ‚Entschädigung‘ zu machen.“ (S. 166).

Diskussion

Kappeler untersucht in seinem Buch eine an sich ja bekannte, doch für das gesellschaftlich so zentrale Wohlfahrtswesen bisher noch wenig aufgearbeitete Entwicklung, die kontinuierlich von 1920 bis in die 70ger Jahre andauerte, also von der Weimarer Zeit über die NS-Zeit bis weit hinein in die Nachkriegszeit nahezu sämtliche gesellschaftlich-staatliche Bereiche zeichnete. Eine zunächst von ‚gutem Willen‘ getragene, patriarchalisch-pastorale Einstellung, deren konsequente Abart man während des Nationalsozialismus willig folgte, um danach nicht nur erfolgreich die eigene Beteiligung zu verleugnen, sondern ‚postfaschistisch‘ (S. 168) im gleichen Kontext fortzufahren: „Mitgegangen, mitgefangen, – jedoch nicht, wie im Kinderspiel – mitgehangen.“ Mit zwei gewichtigen Merkpunkten: Wie sehr gerade Experten und Funktionsträger ‚in der Zeit der Not‘, theoretisch wie praktisch abgesichert, dazu tendieren, um ihrer Position Willen ihre Klienten/Zöglinge zu opfern. Und wie rasch, im Laufe weniger Jahre, ja Monate, diese ’Rede‘ bzw. ‚Schreibe‘ in Gewalt umschlagen kann, ohne im Nachhinein daraus die theoretischen wie praktischen Konsequenzen zu ziehen.

Fazit

Ein kleines Buch, das nicht nur den Angehörigen des Wohlfahrtswesens Stoff zum Nachdenken bieten sollte.


Rezension von
Prof. Dr. Stephan Quensel
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 15.04.2021 zu: Manfred Kappeler: Kontinuitäten der Fürsorge. Der "Nachrichtendienst des Deutschen Vereins" 1932-1946. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2020. ISBN 978-3-7841-3328-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28175.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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