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Christian Wevelsiep: Dem Anderen helfen

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann, 14.03.2022

Cover Christian Wevelsiep: Dem Anderen helfen ISBN 978-3-7639-6189-4

Christian Wevelsiep: Dem Anderen helfen. Reflexionen zu einer Sozialphilosophie für helfende Berufe. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2020. 149 Seiten. ISBN 978-3-7639-6189-4.
Reihe: Diskurs Philosophie - Band 26
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Thema

Ausgehend von belastenden Situationen wie Migration, Flucht und Behinderung, geht es in dem als Band 26 in der Reihe 'Diskurs Philosophie' bei ATHENA erschienenen Buch um den Umgang mit Anderen als zentrales Thema sozialphilosophischer Reflexion.

Autor

Christian Wevelsiep, Promotion und Habilitation in Sondererziehung und Politischer Soziologieist Privatdozent für Politische Soziologie am Institut für Sonderpädagogik (ESE) der Europa-Universität Flensburg; seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in Gesellschaftstheorie, Theorien der Gewalt und Geschichtsphilosophie.

Entstehungshintergrund

Es sind wohl aktuelle(re) politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die sich aus so belasteten Situationen wie Migration, Flucht oder Behinderung ergeben, die den Autor motivierten, diese zu dem zentralen Thema seiner sozialtheoretischen Reflexion zu machen.

Den Autor bewegen soziale Tendenzen, die es zu durchschauen gelte, seien es Rassismus oder Menschenfeindlichkeit, Ressentiments oder Abwertung, Machtkonstellationen im Zusammenhang mit Kultur, Ethnie oder Abstammung – für all dies beabsichtigt der Autor keine plausible Theorie als Problemlösung anzubieten; stattdesssen will er einen Dialog nach philosophischer Tradition des tiefen Durchdenkens von Problemen eröffnen.

Wevelsiep sieht sich veranlasst, dem nachzugehen, wie man die Vielfalt der Begegnungen und des Umgangs mit Anderen zu Sprache bringen kann? Er erkennt darin die Aufgabe, „die vordergründig auf die Formen sozialer Hilfe zugeschnitten, hintergründig aber auf die sozialphilosophische Reflexion angewiesen ist“ (S. 7 f.).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Teile auf. Während es zum einen um die „Sozialphilosophie im Zeichen der Anderen“ geht, handelt es sich zum anderen um „Hilfe im Zeichen des Anderen“.

Teil 1 gliedert sich wiederum in die Hauptkapitel I-IV auf, während der zweite Teil sich mit den Kapiteln V-VIII fortsetzt. Die jeweiligen Hauptkapitel sind sodann jeweils noch zwischen drei und sechs Unterkapitel aufgeteilt. Ein Epilog und ein Literaturverzeichnis schließen den Band ab.

Inhalte

Im ersten Teil, Kapitel I des Bandes wird u.a. nach dem Zusammenhang des Anderen mit dem Sozialen, im Speziellen mit der Positionierung im Feld der Sozialen Arbeit gefragt. Dabei geht es Wevelsiep erklärtermaßen „nicht um soziale und pädagogische Hilfestellungen im Sinne einer praktischen Fragestellung“, auch nicht „um die Optimierung einer Sozialethik“, sondern darum, „die Bedingungen der Konfiguration zwischen dem Anderen und dem Sozialen an sich zu verstehen und zu durchdringen“ (S. 13). Dabei geht der Autor davon aus, dass der Andere „weder ein politisches Subjekt mit einer präzisen Botschaft, noch ein beliebiges Element in einer kritikwürdigen Machtkonstellation“ (ebd.) ist. Da es sich offensichtlich mehr oder weniger um ein Abstraktum handelt, können diesem auch weder Zumutungen noch Erwartungen zugewiesen werden. Es kommt Wevelsiep auf die Art und Weise des Blickwinkels, die Möglichkeiten des prüfenden und kontrollierenden, aber auch des einfühlenden und empathischen Sehens beim Betrachten der Leiden Anderer an.

Der Autor wendet sich Begriffspaaren wie Gewalt und Macht, Vertrautheit und Fremdheit, Solidarität und Missachtung zu und greift letztlich die durch Erzählungen vermittelten Gewalterfahrungen auf. Gewaltanwendungen in verschiedensten Ausformungen, Einbindungen in Ordnungssysteme und letztlich die daraus resultierenden Traumatisierungen werden beispielhaft aufgezeigt. Weiterhin geht es um Macht und Ohnmacht als soziale Phänomene – wobei es schließlich auch um Macht geht, die in spezifischer Weise mit Mauern, Sperranlagen und Grenzziehungen durchgesetzt werden muss, dabei sowohl Flucht einerseits, wie auch Migration andrerseits verhindern zu wollen.

Das nachfolgende Kapitel steht unter dem Aspekt der Stellung des Anderen im Feld der Sozialen Arbeit, weshalb Wevelsiep eine genauere Betrachtung des weiten Feldes der Migrationspädagogik und der interkulturellen Pädagogik vornimmt (vgl. S. 34 ff.), um schließlich die Bedingungen einer Pädagogik der Diversität formulieren zu können. Dies wiederum mündet in Analysen der Phänomene erfahrener Gewalt, der Möglichkeit einer religiösen Vernunft und des Begriffes der Diversität selbst.

Es ist insbesondere der Gewaltbegriff selbst, der im weiteren Verlauf der Darlegungen im Vordergrund steht. Dabei spielt der Zusammenhang zwischen Gewalt und Ordnung im modernen Staat ebenso eine zentrale Rolle, wie das Trauma, bzw. die Traumatisierung als erlittene Gewalt. Letztere wird nach Pascal Delhom als eine der Erscheinungsformen dem Sozialen zugeschrieben, weshalb eine phänomenologische Betrachtung angebracht erscheint. Somit stellt sich der Autor der Frage, „was macht die Gewalt mit jemandem, der sie erleiden muss?“ (S. 51) – und kommt zu dem Ergebnis, dass sich etwas Fremdes, das störend und irritierend wirkt, festgesetzt hat, traumatisiert und zu einer sozialen Störung führt. Wevelsiep plädiert schließlich dafür, dass Gewalterfahrungen, Missachtungen oder mehrfache Traumatisierungen in die Dynamik der Lebenssituationen der Betroffenen aufzunehmen sind (vgl. S. 58 f.).

In Kapitel III wendet sich der Autor dem Zusammenhang zwischen Religiöser Vernunft und der Sozialen Arbeit zu. Dabei fragt er nach der aktuellen Rolle der Religion in unserer Zeit. Er benennt den 'Parvenu' als Kind der Aufklärung, das sich aus den Verwirrungen der religiösen Epochen befreit hat, ebenso wie er auf den 'Schreckensmann', welcher die Gewalt nicht als Mittel, sondern als Selbstzweck pflegt, von Hans Magnus Enzensberger eingeht. Und schließlich ist es die Figur eines 'Unbehausten' von Michael Kühnlein, die bei diesem als idealtypische Figur der abgeklärten Moderne erscheint. Weitere thematische Bearbeitungen sind bei Wevelsiep die Religion in den Ambivalenzen der Moderne (Kap. III, 3) und die Religion als Ausdruck der existentiellen Unverfügbarkeit (Kap. III,4).

Das Kapitel IV des ersten Teils beinhaltet einen Diskurs des Anderen. Hier werden Überlegungen über die Erfahrung des Anders-Seins im Sinne einer phänomenologischen Untersuchung vorgenommen. Dies geschieht zunächst mit einem historischen Rückblick unter Aufzeigen des Dilemmas zwischen Paria und Parvenu, wo der eine seine Zugehörigkeit nicht aufgeben und der andere sich aus seiner Herkunft, Identität und dem Anders-Sein befreien will. Wevelsiep erkennt dadurch Entwicklungen und Verfeinerungen in den Diskursen (vgl. S. 80), die letztlich für ihn zu einer Befragung eingespielter Positionen führen. Zunächst wendet er sich dem 'Transkulturalismus in der Moderne' (Kap. 3) und sodann der 'Diversität und Teilhabe in Institutionen' (Kap. 4) zu, um daraus letztendlich den Schluss zu ziehen, dass die Profession der Sozialen Arbeit hinsichtlich institutionell restriktiver Bestimmungen, stigmatisierender Diskurse und einem Bildungs- und Hilfesystem mit möglicherweise ungewollten rassistischen Praxen (vgl. S. 90) mit Aufgaben konfrontiert wird, die sie nicht zu bewältigen vermag.

Im zweiten Teil geht es um die 'Hilfe im Zeichen des Anderen'. Wevelsiep sieht als typische bzw. charakteristische Bezugspunkte der Sozialen Arbeit die Phänomene der Macht und der Ohnmacht, mit denen es sich in der berufspraktischen Perspektive auseinanderzusetzen gelte. Eine Begründung sieht er darin, dass „Soziale Arbeit… mit keiner effizienten Maßnahme, keiner linearen Logik und keiner oberflächlichen Motivierung gleichzusetzen [ist], sie ist ihrem Wesen nach zäh, komplex und mühsam“ (S. 91) – weshalb man eben an der Perspektive der sozialen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse ansetzen müsse. Im Bezug darauf legt er diese Perspektive anhand von zwei Beispielen dar: zum einen anhand einer Person (mit geistiger Behinderung), die in einer betreuten Wohneinrichtung lebt und zum anderen mittels der Lebens- und Arbeitssituation einer Person, die geflüchtet ist und unter prekären Bedingungen in Deutschland lebt (vgl. S. 92 ff.). Schließlich lässt sich nach Ansicht des Autors wohl der Schluss – aus den sowohl der Macht des Rechtssystems, wie auch aus dem Bereich der sozialen Integration sich ergebenden Ponderabilien – ziehen, dass sich eine neue soziale Frage ergeben könnte.

Anschließend wendet sich Wevelsiep in Kapitel VI der Frage 'Was ist Vulnerabilität?' zu. Dieser Begriff – nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie in aller Munde – gilt auch im Verständnis des Autors für Personen, die aufgrund einer bestimmten Biografie in besonderem Maße Gefährdungen ausgesetzt sind und einer Verletzbarkeit unterliegen (vgl. S. 97). Bezogen auf die Soziale Arbeit, die Wevelsiep als Handlungswissenschaft deklariert, gilt ihm dieser Begriff als einer der wichtigeren, „der aber nur dann von Wert ist, wenn er die notwendige Differenzierung erfährt“ (ebd.). Er meint damit eine Differenzierung zwischen der individuellen Konstitution und der sozialen Situation.

Im weiteren Verlauf analysiert der Autor die Universalität des Begriffs im Hinblick auf die höchst ungleichen und schwer erkennbaren sozialen Bedingungen, denen andere Verletzungen und Gewalterfahrungen unterliegen. Und so geht es Wevelsiep um das Erfragen der grundlegenden Bedingungen zwischenmenschlichen Lebens „und inwieweit Verletzbarkeit von prinzipiellen humanen Asymmetrien abgegrenzt werden“ (S. 98) müssten – oder aber, um welche Bedingungen der anthropologischen Verletzbarkeit es sich handelt? Hierzu werden als beispielhafte Situationen, Menschen mit Behinderung, oder minderjährige Geflüchtete als sogenannte vulnerable Gruppen genannt – eben weil „die Zusammenhänge zwischen Kindeswohl und Flucht […] nicht nur düster aufgrund von Gewalterfahrungen [sind], sondern […] auch in einem rechtlichen und politischen Halbdunkel“ stehen (S. 105). Schließlich kommt der Autor zu dem Schluss, dass Vulnerabilität nicht nur als Zustand einer Person zu verstehen ist, sondern dass auch der soziale Kontext erfasst werden müsse, da gerade Letzteres die Soziale Arbeit eigentlich erst ausmacht und bestimmt.

Im darauffolgenden Kapitel VII stellt Wevelsiep den Konnex zwischen 'Gesundheit und Sozialer Arbeit' her. Er meint damit, dass es – ausgehend von einem Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit und Menschenrechten – nicht mehr um ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis älterer Epochen gehe, sondern heute eher um eine helfende Gesundheitsförderung im Zusammenspiel sozialer Bezüge mit lebensweltorientierten Prozessen (vgl. S. 111). Er sieht die Verbindung von 'Trauma und Vulnerabilität' (Kap. VII, 1), was für die Soziale Arbeit ein Handeln unter Bedingungen psychischer Auffälligkeiten bedeute ebenso, wie 'Bindungsstörungen und Entwicklungen' (Kap. VII, 2), die die Kooperation zwischen den Fachdisziplinen erforderlich machen.

Das den Band abschließende Kapitel VIII ist mit 'Identität und Konflikt' überschrieben. Hier geht es dem Autor um Reflexionen, die – bezogen auf die Bedeutung von Bildung – sowohl mit der Ausbildung einer Identität (im Sinne eines Problems der Selbstbeschreibung von Subjekten), in Verbindung gebracht werden, wie auch um die Bewältigung von Konflikten (aus sozialhistorischer und sozialpsychologischer Sicht). Dabei wird einerseits der Identitätsbegriff hinterfragt, wie andrerseits Konflikte hinsichtlich ihrer inneren wie auch äußeren Differenzierung Erörterung finden und welche Rolle pädagogisches Handeln bzw. Bildung spielen?

Wevelsiep hängt seinen Ausführungen noch einen Epilog mit dem Titel 'Horizonte der Moral' an:

Er fragt nach, ob er seine „weit verzweigten Reflexionen“ (S. 139) nicht auf verständlichere und einfachere Art und Weise hätte schildern können und verweist darauf, dass er für die sozialphilosophische Reflexion der Sozialen Arbeit ausführlichere Betrachtungen benötigt habe (ebd.) Zugleich möchte er kein Resümee ziehen, sondern darauf hinweisen, dass „Hilfe im Zeichen des Anderen… nicht streng logifizierbar [ist]“ und daher der erste Schritt, der das Soziale öffnen und den Blick erweitern würde, darin zu sehen sei, „dem Anderen nicht auszuweichen, ihn nicht mit Hilfe jenes entleerten Blicks verschwinden zu lassen“ (S. 142).

Diskussion

Der Autor hat zunächst die Bedingungen, unter denen über Andere gesprochen werden soll, in den Vordergrund seiner Darlegungen gestellt. Es geht ihm darum, diese Bedingungen ins Licht zu rücken, sie anzuerkennen oder gar zu verkennen. Hierzu gehören für ihn kulturelle und religiöse Kontexte ebenso wie gesellschaftliche Ordnung und Gewalt. Schließlich versucht er alle für ihn elementaren Aspekte sozialphilosophischen Überlegungen und Erkenntnissen zu unterziehen.

Damit werden die Ausführungen von Wevelsiep in gewisser Weise zu einem Abstraktum, das sich in vielerlei Hinsicht in Gedanken- und Darlegungsspielereien verliert, somit nicht immer greifbar und ins Reale umsetzbar macht. Dafür entwickeln sich Überlegungsmuster, die bemüht sind, die Soziale Arbeit zu einer Handlungswissenschaft zu erheben, welche ihre praktische Legitimierung in der wissenschaftlichen Fundierung sieht. Hier geht der Autor einen Weg, der durchaus geeignet erscheint, der Sozialen Arbeit mit Anderen jenen Stellenwert zu vermitteln, der ihr aufgrund ihrer gesellschaftlichen Bedeutsamkeit zukommt.

Fazit

Es ist ein Buch, das einen zum Einen irgendwie eine Sichtweise zu vermitteln versucht, wie man dem Anderen helfen kann, ohne konkrete Handlungsanweisungen geben zu wollen, andrerseits jedoch gerade im Hinblick auf eine derartige Zielsetzung schwer zu fassen und aufgrund einer gewissen (sozial)philosophischen Überhöhung nicht allzu hilfreich ist. Die Fülle an reflektorischen Einlassungen macht es dem Leser nicht leicht, eine gewisse Stringenz in der Gedankenabfolge erkennen zu können.

Es erscheint nach Ansicht des Rez. nicht einfach, Wevelsieps 'Reflexionen zu einer Sozialphilosophie für helfende Berufe' (siehe Untertitel des Buches) gerade für diese attraktiv zu machen.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Es gibt 79 Rezensionen von Peter Eisenmann.

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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 14.03.2022 zu: Christian Wevelsiep: Dem Anderen helfen. Reflexionen zu einer Sozialphilosophie für helfende Berufe. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2020. ISBN 978-3-7639-6189-4. Reihe: Diskurs Philosophie - Band 26. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28179.php, Datum des Zugriffs 20.05.2022.


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