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Manfred Krapf: Der deutsche Sozialstaat

Cover Manfred Krapf: Der deutsche Sozialstaat. Geschichte, Aufgabenfelder und Organisation : eine Einführung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2020. 2. korr. und ergänzte Auflage. 178 Seiten. ISBN 978-3-8340-2081-9. 19,80 EUR.
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Thema

Eine kulturelle Errungenschaft sei der Sozialstaat und doch so umstritten, blicken wir auf neoliberale think tanks. Allein dieser Dissens verweist auf die Bedeutung dieses Themas in den Diskursen und verdient deshalb eine nähere Betrachtung. Manfred Krapf liefert eine kompakte Übersicht über den Sozialstaat, zeichnet in groben Linien historische Entwicklungen, zeigt die vielfältigen Aufgabenfelder, Anspruchsvoraussetzungen, Leistungen und seine Organisationen. Krapf vergleicht auch international und diskutiert Herausforderungen.

Autor

Manfred Krapf, Sozialpädagoge und promovierter Dr. phil. mit mehr als zwanzig jähriger Erfahrung in der außerschulischen Jugendbildung, der Jugendberufshilfe und Erwachsenenbildung und mehreren Publikationen zu historischen und sozialpolitischen Themen.

Aufbau

„Vergangenheit (ist) immer Zukunft“, zitiert Krapf Gabriele Metzler, die ebenfalls zum deutschen Sozialstaat publiziert, und zeigt, welche Bedeutung historischer Analyse zukommt. Er benennt Zäsuren von 1918/19 bis 1989/90 wie auch Kontinuitäten. Der Autor führt bis in die Corona-Krise hinein. Die 40-jährige DDR Geschichte der Sozialpolitik findet Platz. Der Hauptteil blättert das komplexe Gebilde der Bundesrepublik auf, von Begriff und Grundprinzip, über die verschiedenen Systeme der Sozialversicherung, der Grundsicherung, die Kinder- und Jugendhilfe, Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, das Asylrecht, die Arbeitsbeziehungen, Kriegsopferentschädigung, familienpolitische Leitungen und die Sozialgerichtsbarkeit. Besondere Aufmerksamkeit dürfte aktuell die Impfopferentschädigung aufrufen. Das vierte Kapitel umfasst die Organisationen, wieder ausgehend von den Zweigen der Sozialversicherungen bis zu den familienpolitischen Leistungen. Das vorletzte Kapitel wagt den vergleichenden Blick in die europäische Staatenwelt, auch kurz auf die USA. Das Schlusskapitel bietet einen Ausblick in globalisierter Welt. Der Band endet mit dem Literaturkörper und einem hilfreichen Sachregister, das einen gezielt auf ausgewählte Aspekte zugreifen lässt.

Inhalt

Mit Sieben-Meilen-Stiefeln wandert der Autor vom Mittelalter über das Allgemeine Preußische Landrecht, den Pauperismus, die Bismarckschen Sozialgesetze und die Weimarer Republik in die Bundesrepublik, ein hilfreicher erster Überblick. Kleiner sind die Schritte durch die Entwicklung der Bundesrepublik und der DDR. Gerade der Blick in die kurze Geschichte der DDR ist wichtig, da sie sonst allzu schnell vergessen wird. Den Hauptteil führt Krapf mit dem Begriff und den Grundprinzipien des Sozialstaates ein. Anschließend leitet der Autor detailliert durch die Sozialversicherung, die Grundsicherung, die Sozialhilfe,die Kinder- und Jugendhilfe, die Möglichkeiten von Menschen mit Behinderungen bis zur Sozialgerichtsbarkeit. Bedeutsam erscheint mir gerade das System der Arbeitsbeziehungen zu sein, in dem Krapf auch die betrieblichen Strukturen der Mitbestimmung aufnimmt. Ein Thema, dass in der Sozialen Arbeit eher weniger im Fokus zu stehen scheint, wie auch die Frage der eigenen Interessenvertretung. Ebenso hilfreich sind die Einblicke in die Arbeits- und Sozialgerichtsbarkeit, auch die Zusammensetzung der Richter inkl. Ehrenamt und der Verweis auf die Kostenfreiheit vor den Sozialgerichten. Ängste vor fantasierten möglichen Kosten verhindern so manchen durchaus berechtigten und begründbaren Widerspruch. Hier wie an anderen Stellen wären vertiefende Literaturhinweise förderlich. Das vierte Kapitel zeigt die Organisationsstrukturen auf. Deutlich werden staatliche und zivilgesellschaftliche Träger, die Selbstverwaltungen. In letzterer ist die Beteiligung der Mitglieder in den Organen zentral, wenn auch die Handlungsräume durch gesetzliche Konkretisierungen verengt werden.

Der internationale Vergleich (Kapitel 5) hilft den Ausprägungsgrad und die generelle Perspektive deutscher Sozialstaatlichkeit einzuschätzen, vor allem auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Modelle (ihre Präsentation vgl. Esping Andersen oder Manfred G. Schmidt), die zwischen mehr Markt oder mehr Staat pendeln und der Bewertung von Reformansätzen in jeweiligen Strategien. Vergleiche ermöglichen immer den eigenen Standort präziser zu erfassen und Entwicklungsbedarfe, -notwendigkeiten oder -möglichkeiten besser sehen zu können. Der Gedanke des europäischen Sozialstaats wird eingeführt und angeregt.

Abschließend verdeutlicht Krapf, dass der Sozialstaat wie die Gesellschaft stetem Wandel unterliegt und es deshalb für seinen Bestand keine Garantie gibt. Der Sozialstaat ist von Menschen gemacht, Menschen müssen ihn weiter gewährleisten. Er verweist auf globale und neoliberale Herausforderungen, auf die europäische Integration, die sicherlich zu vertiefen ist, den zunehmenden Einfluss Internationaler Konzerne wie überhaupt der wirtschaftlichen Leistbarkeit sozialer Politik. Auch Bildungspolitik, bis hierher nicht bedacht, greift der Autor noch kurz auf und versteht sie zurecht als unverzichtbaren Bestandteil der Sozialpolitik. Ebenso unverzichtbar ist für Krapf der Sozialstaat an sich, da der Markt keinen sozialen Ausgleich herstellt. Die Veränderungen der letzten vierzig Jahre bewertet der Autor als „sanften Rückbau“. Damit führt er Diskussionen fort.

Diskussion

Insgesamt liegt ein Werk vor, das nicht zwingend von Anfang bis Ende gelesen wird. Bei gezielten Fragen jedoch, durch das Sachregister bestens geleitet, ermöglicht der Band einen schnellen Einstieg in ein Themenfeld. „Der deutsche Sozialstaat“ bietet erste detaillierte Erkenntnisse, im Sinne eines Nachschlagewerkes, wie Krapf es selbst in seiner Einführung benennt. Gesellschaftliche Lagen unterliegen beständigem Wandel. Um die je aktuelle Lage einschätzen zu können, hilft es in die Geschichte des Gegenstandes zu schauen. Krapf bietet eine erste Annäherung dafür. Krapf bewertet die Kürzungen als „sanften Rückbau“, da existieren andere Einschätzungen. Welche Maßstäbe für diese anlegbar sind, entscheiden die Haltungen zur (Un)gleichheit in der Gesellschaft. Neoliberale Kräfte setzen auf mehr Ungleichheit als Movens für gesellschaftliche Entwicklung (vgl. Dieter Eißel 2018), während demokratisch orientierte Kräfte auf mehr Gleichheit setzen. Zur Einschätzung und Diskussion helfen Blicke auf den Gini- oder Robin-Hood-Index. Erfreulich ist Krapfs Blick auf die Betriebsverfassung und Gerichtszuständigkeiten und Verfahren. Hilfreich könnte es sein den Text mit Grafiken zu visualisieren.

Fazit

Krapf sieht den Sozialstaat mit Franz-Xaver Kaufmann als eine kulturelle Errungenschaft, der zur Hebung des Wohlstands, der Absicherung von Risiken beigetragen hat. Der Sozialstaat entschärft soziale Spannungen und kann zu mehr Gleichheit führen. Gleichwohl ist der Sozialstaat trotz grundgesetzlicher Garantie kein gesellschaftlicher Konsens. Er ist umstritten und umkämpft. Er soll beschnitten werden oder könnte weiter ausgebaut werden. Gleichheitsvorstellungen können leitend sein. Die Richtung für die Zukunft bestimmt der gesellschaftliche Diskurs und damit jede_r Einzelne mit.

Quellen

Eißel, Dieter (2018): Ungleichheit und Armut als Movens von Wachstum und Wohlstand? In: Huster, Ernst-Ulrich, Boeckh, Jürgen, Mogge-Grotjahn, Hildegard (hg.): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, 3. aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden, S. 77-96


Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
Homepage www.schritte-gehen.com
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Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 18.10.2021 zu: Manfred Krapf: Der deutsche Sozialstaat. Geschichte, Aufgabenfelder und Organisation : eine Einführung. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2020. 2. korr. und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-8340-2081-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28183.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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