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Bruno Cabanes (Hrsg.): Eine Geschichte des Krieges

Cover Bruno Cabanes (Hrsg.): Eine Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. 903 Seiten. ISBN 978-3-86854-346-9. D: 39,00 EUR, A: 40,00 EUR.
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Thema: Homo bellicosus

Der Mensch als kriegerisches Lebewesen hat immer schon versucht, egoistische und ideologische Interessen und Vorstellungen nicht dialogisch und empathisch, sondern gewaltsam durchzusetzen. So sind Kriege in den verschiedenen Ausprägungen entstanden. Es sind Eroberungen, Machtausübungen, Unterdrückungen und Unterwerfungen, die in vielfacher Weise Unglück und Tod unter die Menschheit gebracht haben. Die Begründungen und Rechtfertigungen reichen von natürlich beanspruchten und gottgewollten, bis hin zu ethnischen und nationalistischen als „höchste Form der Selbstbehauptung“ (Clausewitz). Kriege aber, in welcher Form auch immer, sind menschengemachte, imperiale, egozentristische, rassistische, politische und ideologische Gewaltakte, die zu Unglück und Verderben führen. Die Geschichte(n) von Kriegen bestimmen bis heute die Menschheitsgeschichte. Und die pazifistischen Rufe nach der Beendigung von Kriegen und der Anerkennung der humanen Werte – Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung und Menschenwürde -sind spätestens nach dem Ende der zwei Weltkriege von 1914/1918 und 1933/45 als „globale Ethik“ in das menschliche Dasein eingegangen: „Verkennung und Missachtung der Menschenrechte führt zu Akten der Barbarei, die das Gewissen der Menschheit tief verletzen“, wie dies in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Eine aktuelle Geschichte der Kriege kann in unterschiedlicher Weise erzählt werden. Da wäre zum einen der Versuch, die verheerenden Wirkungen von Kriegen aufzuzeigen, wie sie sich in der Menschheitsgeschichte immer wieder ereignet haben. Eine andere Zugangsweise ist, die lokalen und globalen Folgen von Kriegen in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten zu thematisieren, um zum einen Einfluss auf die fragilen, gegenwärtigen Weltentwicklungen zu nehmen und kriegerische Konflikte zu vermeiden, und zum anderen dem Menschheitstraum von einer friedlichen Einen Welt zukünftig näher zu kommen. Versuche dazu gibt es; etwa wenn es darum geht, „traditionelle“ Kriege von globalen „virtuellen“ Konflikten zu unterscheiden (Rudolph Bauer, Hrsg., Kriege im 21. Jahrhundert, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/​19352.php), die Grenzenlosigkeit von kriegerischen Auswirkungen zu verdeutlichen (Maria Mies, Krieg ohne Grenzen. Die neue Kolonialisierung der Welt, 2004, www.socialnet.de/1984.php), Höherwertigkeitsvorstellungen als Kriegsgrund zu dokumentieren (Joseph-Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​23618.php), und die Kriegsfolgen zu verdeutlichen (Michael St Maur Sheil, Fields of Battle, Lands of Peace, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​20965.php; Alexander Denzler, u.a., Hrsg., Kinder und Krieg, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21887.php).

Der französische, an der US-amerikanischen Ohio State University lehrende Militärhistoriker Bruno Cabanes hat 2018 die Originalausgabe „Une histoire de la guerre. Du XIX e siècle à nos jours“ vorgelegt. Die Hamburger Edition bringt das umfangreiche Werk in deutscher Sprache heraus. „Das Antlitz des Krieges“ (John Keegan) hat sich in der Neuzeit geändert. Nicht nur, dass die Kriegslasten in erster Linie von den meist direkt beteiligten KombattantInnen, sondern in zunehmendem Maße von Unbeteiligten getragen werden müssen. Es sind Flucht- und Migrationsbewegungen, die auch durch Kriege zustande kommen. Und es ist das Dilemma der Militär- und Kriegsgeschichtsschreibung, dass sie überwiegend national- und westlich-orientiert ist und die globalen Aspekte nur unzureichend analysiert werden. Ansatzweise entwerfen die 57 europäischen, nordamerikanischen und asiatischen HistorikerInnen, AnthropologInnen, SoziologInnen, Kultur- und PolitikwissenschaftlerInnen ein neues Bild zur globalen Kriegsgeschichte. In der digitalisierten, virtuellen, computerisierten und technisierten, ferngesteuerten (Drohnen-)Welt bestimmt das Programm und nicht die Emotion die Feindberührung. Die herzzerreißenden Schilderungen aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, dass die sich gegenüberstehenden Feinde das Schießen einstellten, um gemeinsam Weihnachten zu feiern, sind in den Zeiten der heutigen Kriege undenkbar.

Aufbau und Inhalt

Neben der Ouvertüre durch den Herausgeber wird das Buch in vier Kapitel gegliedert:

1. Kapitel – Der moderne Krieg

  • Das erste Kapitel leitet der Historiker David Bell von der Princeton-University mit den Hinweisen ein, dass mit „modern“ die asymmetrischen Kriege, im Gegensatz zu den „klassischen Kriegen“ bezeichnet werden. Es sind die sekundären Formen und Auswirkungen, die mit neuen Waffen und Zerstörungspotenzial nicht nur die Vernichtung des direkten Feindes, sondern die der Menschheit bewirken können.
  • Der wissenschaftliche Direktor des Pariser Institut de recherche der École militaire, Jean-Vincent Holleindre, beginnt den Diskurs mit der Ansage: „Den Krieg denken“, nicht ohne darauf zu verweisen, dass jeder Krieg hybrid ist, „ein Chamäleon…, das, was die Menschen daraus machen“.
  • Der Politikwissenschaftler Sir Hew Strachan von der schottischen St. Andrews University setzt sich mit dem Beitrag „Der Zweck der Schlachten“ mit Strategen und Strategien des napoleonischen Waterloo und Verduns des Ersten Weltkriegs auseinander, um auf die Bedeutungen von „Abnutzungs“- und „nuklearen Schlachten zu verweisen.
  • Der Historiker Allan Forrest von der britischen University of York diskutiert mit dem Beitrag „Die Zeit der Bürgersoldat*innen“ die Entwicklung des Bewusstseinswandels weg vom Postulat der Wehrpflicht, hin zur Berufsarmee.
  • Der Politikwissenschaftler beim Londoner King‘s College, Christopher Kinsey, setzt sich auseinander mit „Söldner*innen, outgesourcte Soldat*innen“. Eine differenzierte Betrachtung ist notwendig, um das im internationalen Sicherheitsmarkt entstandene Söldnerwesen bewerten zu können.
  • Der Rechtswissenschaftler Samuel Moyn von der Yale University nimmt mit dem Beitrag „Krieg und Recht“ die historischen Auffassungen auf und konfrontiert sie mit den internationalen Verträgen und Konventionen. Die (unmögliche?) Abschaffung von Kriegen sollte wenigstens münden in eine „Zivilisierung des Krieges“.
  • Der Umweltexperte John R. McNeill von der US-amerikanischen, katholischen Georgetown University verdeutlicht mit dem Titel „Umweltzerstörung“ die verheerenden, lokalen, regionalen und globalen Folgen und Kollateralschäden beim Kampfmitteleinsatz bei kriegerischen Konflikten.
  • Michael Neiberg vom US-War-College schätzt mit dem Beitrag „Technologie ist nichts ohne Strategie“ die Bedeutung und Wirkung beim Einsatz von (neuen) Technologien ein und fragt nach IT-Sicherheit.
  • Die Geografin Katharina Hall vom US-amerikanischen Dartmouth College macht sich Gedanken über das „Drohnen-Zeitalter“ und zeigt die Entwicklung der Automatisierung von unbemannten Waffensystemen in Militäroperationen auf.
  • Richard Overy von der University of Exeter thematisiert den „Aufstieg des Kriegsstaates“. Es sind die Machtverhältnisse, die dem Militär im Staat demokratische wie undemokratische, ideologische Einflüsse ermöglichen.
  • Die Ökonomin Jennifer Siegel von der Ohio State University verweist auf den „Preis des Krieges“. Sie verweist auf den Spagat von Eigenmittel- und Schuldenfinanzierung: „Kreditaufnahme ist der Schlüssel für Kriegsführung“.
  • Die Historikerin Karen Hagemann setzt mit Bedeutung und Veränderung des (Propaganda-)Begriffs „Heimatfront“ auseinander. Es werden Metapher und Ideologismen wie z.B. „Vaterland“ benutzt, um die ideologischen, ethnozentristischen bis karitativen Begriffsverwendungen zu verdeutlichen.
  • Der Historiker von der Universität Montreal, Carl Bouchard setzt sich mit der Aufforderung „Nie wieder Krieg!“ mit pazifistischen und Friedensideen auseinander. Es ist die Überzeugung, dass Gewalt und Krieg kein Schicksal der Menschheit ist.
  • Die Historikerin von der Harward University, Caroline Elkins, reflektiert „Mythen des britischen Imperialismus“. Es ist das „Empire“, das ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Liberalismus und Imperialismus so schwierig macht.
  • Der Soziologe Adam Baczko reflektiert „Guerilla und Aufstandsbekämpfung“ als kriegerische und Widerstandsformen. Es sind nationalistische, sozialistische, ideologische und fundamentalistische Aktivitäten, die die „Doktrin der (freiheitlichen? JS) Aufstandsbekämpfung“ entstehen ließen.
  • Der Geschichtswissenschaftler v on der Pariser Sorbonne Universität, Victor Louzon, thematisiert „China: Die Revolution als Krieg“. Die Durchsetzung der politischen Idee des Kommunismus mit den Mitteln des autoritären Status Quo ist Grundlage für die Systemerhaltung.
  • John Lynn von der University of Illinlois ruft das „Zeitalter des Terrorismus“ aus. Es sind Programme und Projektionen, die sich auf revolutionäre Militärtheorien stützen und Kriegsgewalt als politisch-radikale Ziele verfolgen.
  • Marius Loris von der Université Paris I Pantèon-Sorbonne verweist mit dem Beitrag „Die AK-47 erobert die Welt“ darauf, dass die 1949 in die Armeen der Welt eingeführte Kalaschnikov zu den meistverkauften Waffen gehört.

2. Kapitel – Soldatische Welten

  • Das zweite Kapitel führt der Historiker John Horne vom Dubliner Trinity College ein. Er verweist darauf, dass im „modernen Krieg“ die Unterscheidungen zwischen SoldatInnen und Zivilbevölkerung aufgehoben ist. Der Berufssoldat ist „Bürger“, wie der Bürger Kombattant sein kann. Physische Gewalt gerinnt zu Unmenschlichkeit.
  • Die Kunsthistorikerin Odile Roynette von der Université de Bourgogne-Franche-Comté verweist mit dem Beitrag „Die ‚Fabrikation‘ von Soldat*innen“ auf die gesellschaftliche, militärische Mobilisierung und „Schulung der Männlichkeit“. Es sind Normen und Wertvorstellungen, die sich in Auffassungen wie Tapferkeit, Durchhaltevermögen, Kampf und Ehre ausdrücken (siehe dazu z.B. auch: Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26436.php).
  • Der Wissenschaftliche Direktor am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, Jörg Echternkamp, nimmt die Parole: „Der Fahne dienen“, um auf bestehende Rekrutierungsformen und Ausbildungsziele und -methoden aufmerksam zu machen, und unterschiedliche Programme in den Armeen der Welt zu verdeutlichen.
  • Eric Jennings von der Universität in Toronto thematisiert „Kombattant*innen aus den Kolonien“. Am Beispiel der britisch-kolonialen Armee zeigt er die Über-/Unterordnungsverhältnisse, Diskriminierungen und Höherwertigkeits-Ideologien auf.
  • Hervé Mazurel von der Université de Bourgogne setzt sich mit den vielgestaltigen und unterschiedlichen Bedeutungen von „Freiwilligen“ im militärischen Dienst auseinander. Eindeutigkeit und Selbstbestimmtheit fließen auseinander und zusammen mit Indoktrination und Propaganda.
  • Mary Louise Roberts von der University of Wisconsin-Madison fragt: „Ist der Krieg reine Männersache?“. Es sind hierarchische und maskulinen Mentalitäten und Auffassungen vom „Kriegshandwerk“, dass zwar „Kriege für Frauen, aber nicht von ihnen ausgefochten werden“.
  • Masha Cerovic von der Pariser École des hautes études en science sociales referiert über „Die Welt der Partisaninnen und Partisanen“. Sie zeigt die Zusammenhänge und Widersprüche auf, die sich aus dem Verständnis und der Bedeutung dieser kämpferischen Aktivitäten ergeben.
  • Manon Pignot von der Université de Picardie setzt sich mit dem Skandal „Kindersoldaten“ auseinander. Sie diskutiert die unterschiedlichen Gründe und Anlässe, verweist auf die internationale Ächtung und die Bemühungen zur Re-Integration in die Gesellschaft.
  • Der Historiker Johann Chapoutot von der Université Paris IV nimmt mit dem Beitrag „Bedarf an Held*innen“ die historischen und aktuellen Zuschreibungen auf, wie sie nach wie vor das öffentliche Bild und Bewusstsein bestimmen, aber sich auch verändern, und z.B. sich auch im Diskurs um Denkmäler ausdrücken.
  • Nicolas Offenstadt von der Université Paris I zeigt mit „Rebellen und Verweigerer“ die andere Seite des Kriegsdienstes auf. Es sind weltanschauliche, religiöse, ethische und ideologische Gründe, die bei der Auseinandersetzung mit „Kriegsdienstverweigerung“ zu bedenken sind.
  • Fabien Théofilakis thematisiert mit „Millionen Gefangene“ die historische, politische und moralische Bedeutung der Gefangennahme von Gegnern im Krieg. Es ist die Spannweite von Gefängnis bis Konzentrationslager, und es sind die im Völker- und Menschenrecht positionierten humanen Auffassungen, die die Diskrepanz verdeutlichen.
  • Emmanuel Saint-Fuscien von der Parister École des hautes études fragt mit „Standhalten“, wie es möglich ist, dass Individuen und Kollektive es schaffen, der Gewalt von Kriegen auszuhalten. Es sind Wertevorstellungen wie Pflicht-, Gemeinschaftsgefühl, Gefolgschaft, Wehrhaftigkeit und Solidarität, die dies bewirken.
  • Clémentine Vidal-Naquet von der Université de Picarie-Jules-Verne nimmt mit dem Zitat „Schreibe mir oft“ die Bedeutung der Kriegskorrespondenz auf. Es sind Erinnerungen und Sehnsüchte nach Heimat, Geborgensein und Rückkehr, die jedoch auch als Abhängigkeit, Ohnmacht und Kontrolle deutlich werden.

3. Kapitel – Kriegserfahrungen

  • Das dritte Kapitel leitet der Historiker Stéphane Audoin-Rouzeau ein, indem er feststellt, dass sich „vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts (…) der Krieg im Westen durch eine beispiellose und immer schneller voranschreitende Intensivierung der Gewalt aus(zeichnet)“. Es ist eine Zunahme von Brutalität, Egozentrismus und Nationalismus, die in dem globalen Veränderungsprozessen von Körperbewusstsein, Zeit(Jetzt-)Einstellungen und Orts(Raum-)Besitznahmen deutlich werden. Die Untergliederung der einzelnen Beiträge in „Erfahrungen von Soldat*innen“ und „Erfahrungen von Zivilist*innen“ verdeutlicht mögliche, wenn auch nicht grundlegende Betroffenheiten und Auswirkungen von Kriegshandlungen auf Menschen.
  • Hervé Mazurel meldet sich erneut mit dem Beitrag „Eine Belastungsprobe für den Körper“ zu Wort, indem er neuartige körperliche und sinnliche Erlebnisse vorstellt und auf ethische und moralische Zumutungen verweist.
  • Bruno Cabanes fragt: „Was tun mit den Toten?“. Es sind Erinnerungen, Dokumente, Monumente, Erzählungen und Curricula, die individuelles und gesellschaftliches, historisches und kulturelles Gedächtnis bestimmen.
  • Anne Rasmussen von der Pariser École des hautes études setzt sich mit dem Beitrag „Wunden und Verwundete“ damit auseinander, wie in Kriegen mit denen umgegangen wird, die bei den Kriegshandlungen körperliche und seelische Verletzungen davon tragen. Invalidität ist sowohl individueller Schmerz, als auch gesellschaftliche, humane und empathische Herausforderung.
  • Der Literaturwissenschaftler von der Université Clermont Auverne, Nicolas Beaupré, verweist mit „Zeugnis ablegen“ auf die gesellschaftliche, identitätsstiftende Bedeutung der “Literatur der Zeugenschaft“. Thomas Dodman von der Columbia University diskutiert mit dem Zitat „Sonderbare Gefühle aller Art“ die emotionalen Gefühle von Kombattant*innen, die sich in vielfältigen psychischen und physischen Empfindungen ausdrücken.
  • Raphaëlle Branche von der Universität Rouen diskutiert mit dem Beitrag „Der verwilderte Krieg in den Kolonien“ auf die herrschaftsbezogenen, hierarchischen Höherwertigkeits-Ideologien bei den Kolonialmächten.
  • Richard Overy verdeutlicht mit dem Beitrag „Der Bombenkrieg, vom Boden aus betrachtet“, wie es zur Auflösung der Unterschiede zwischen Kriegs- und Heimatfront kommt, die zur Zerstörung des Lebensumfeldes und zur Demoralisierung der Zivilbevölkerung führt.
  • Ken Daimaru weist mit „Schweigen über Hiroshima“ darauf hin, dass der nukleare Angriff 1945 auf japanische Städte lange Zeit als Kollateralschaden und Mittel zur Beendigung des Zweiten Weltkriegs eingeschätzt wurde. Dass „die Atombombe (…) eine furchterregende technologische Zukunft erahnen (ließ), …, dass es Reform- und Kontrollmaßnahmen bedurfte“, dämmerte der Welt erst später.
  • Alya Aglan und Johann Chapoutot analysieren Ziele und Sinn von „Besatzungsregime(n)“. Es sind sowohl zeitlich begrenzte Unterwerfungen, hegemoniale Eroberungen, Umerziehungsmaßnahmen, als auch dauernde Grenzverschiebungen und Inbesitznahmen.
  • Die Kunsthistorikerin Laurence Bertrand Dorléac vom Institut d‘études politiques de Paris, verdeutlicht mit der Interpretation „Goya: Anatomie des Massakers“ bildhafte Methoden und Darstellungsformen von kriegerischer Gewalt.
  • Robert Gerwarth vom Center for War Studies der Universität von Dublin analysiert gesellschaftliche, gewollte wie erzwungene Mobilität am Beispiel „1914 – 1945: Die Gesellschaften machen mobil“. Propaganda und Agitation bewirkten, dass Feindbilder entstanden und Ängste entwickelt wurden.
  • Der Nissan Professor in Japanese Studies an der Princeton University, Sheldon Garon, zeigt mit dem Beitrag „Japan: der Krieg der anderen?“ auf, wie Gefolgschaft und Zustimmung zu staatlichen Diktaten nicht als Drangsale, sondern als positive Botschaften aufgenommen, ertragen und sogar als Motivation verstanden wurden. Die Historikerin vom Londoner Univerity College, Heather Jones, erläutert mit ihrem Beitrag „Hunger als Waffe“, wie Blockaden und Wirtschaftssanktionen Hungersnöte bewirken und damit Kriegsbegründungen hervorgerufen werden.
  • Christian Ingrao vom französischen nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung diskutiert mit dem Beitrag „Extreme der Gewalt“, wie Begründung, Ausbreitung und Normalisierung von extremer Gewalt, wie Genozid, Abschlachtungen und Massentötungen, möglich und nicht selten von der Mehrheitsbevölkerung akzeptiert werden.
  • José Luis Ledesma von der Universidad Cumplutense in Madrid stellt fest: „Den eigenen Nachbarn töten“. Es ist der geschürte und gemachte Fanatismus, der Hass dort erzeugt, wo ansonsten Friedfertigkeit, Normalität, ja sogar Freundschaft herrschen.
  • Die Dozentin an der Université Catholique de l‘Ouest in Angers, Anne Rolland-Boulestreau, zeigt mit „Bürgerkrieg in der Vendée“ auf, wie brudermörderische Konflikte und Feindschaften entstehen.
  • Raphaëlle Branche fragt: „Vergewaltigung: eine Kriegswaffe?“. Sexuelle Gewalt als individuelle Straftat wird in kriegerischen Konflikten zum kollektiven Machtmittel und wird nicht selten nicht verhindert und geahndet.
  • Daniel Cohen von der Rice University in Houston thematisiert mit dem Text „Flüchtlinge und Vertriebene“, in welchem Maße Asylsuchende, Vertriebene und Geflüchtete Gewalten zeigen und bewirken. Ob „humanitäre Kriege“ dies verhindern, muss bezweifelt werden; humanitäre Hilfe und Menschenrechte allerdings können dazu beitragen, die Nöte und Ungerechtigkeiten zumindest zu mildern.

4. Kapitel – Kriegsfolgen

  • Das vierte Kapitel leitet Henry Rousso vom Centre national de la recherche scientifique ein. Die traditionellen Vorstellungen, wie sie sich als zeitliche und situative Abfolgen von „Vorkrieg“, „Krieg“ und „Nachkrieg“ darstellen, sind in den modernen Kriegen obsolet geworden. Es ist die „transitional justice“, die Kriegsauswirkungen in den Zusammenhang von ganzheitlichen, gegenwartsheilenden und zukunftshoffenden Entwicklungen bringen wollen. Es ist die Friedensarbeit, wie sie sich z.B. in Wahrheitskommissionen, Weltfriedenstreffen und Menschenrechtsbewusstsein zeigt.
  • Leonard V. Smith vom Oberlin College im US-Bundesstaat Ohio zeigt mit dem Beitrag „Wien, Paris, Jalta: Frieden schließen“ Ordnungs- und Verständigungssysteme als Friedensverhandlungen auf. Immanuel Kants Traum vom „ewigen Frieden“ ist das Kontraprodukt vom „ewigen Krieg“.
  • Bruno Cabanes stellt „Kriegsheimkehrer*innen“ in einen neuen Zusammenhang von Wiedergutmachung und Integration. Es sind Witwen-, Waisen- und Opferrenten, die mehr sein sollten als Almosen. Ob es Ordensverleihungen und Paraden bedarf, darf durchaus gefragt werden.
  • Die Stadtforscherin und Architektin Danièle Voldman verweist mit dem Beitrag „Aus Ruinen“ darauf, dass staatliche und gesellschaftliche Programme zum Wiederaufbau von im Krieg zerstörten Sachen nicht die menschlichen Schäden und Opfer vernachlässigen dürfen.
  • Jochen Hellbeck von der Rutgers University in New Jersey verdeutlicht mit dem Zitat „Die Flamme Stalingrad ist erloschen“, dass die Schlacht 1942/43 zwischen der deutschen Wehrmacht und der russischen Roten Armee nicht nur den Niedergang des Nationalsozialismus ankündigte, und auf beiden Seiten rund eine Million Tote verursachte, sondern auch die Weltgeschichte veränderte. Dass diese Hier, Heute und Morgen zu einer friedlichen Menschheitsvereinigung in einer Welt führen möge, bleibt Hoffnung und Zuversicht.
  • Brian Jordan von der Sam Houston University fragt: „Wer hat den Amerikanischen Bürgerkrieg wirklich gewonnen?“. Es ist die nationale Nord-Süd-Spaltung im Bewusstsein und in der Mentalität von nicht wenigen US-Amerikaner*innen, die ihre Ursachen im Bürgerkriegskonflikt haben.
  • Die Historikerin Annette Becker von der Pariser Université Nanterre stellt fest: „Die Zeit der Trauer“. Es sind die auf den Friedhöfen aufgestellten steinernen Kreuze mit der Inschrift: „Dem unbekannten Soldaten“, die das „leere Grab“ symbolisieren und in der Erinnerungskultur eine Lücke zeigen.
  • Meredith H. Lair diskutiert mit dem Titel „Die Gespenster von My Lai“ die bisher nicht aufgearbeiteten Kriegsgräueltaten von amerikanischen Truppen während des Vietnamkrieges 1968; und sie fragt, wie solche Kriegsverbrechen benannt und schließlich in Zukunft verhindert werden können.
  • Thomas Dodman verweist mit dem Beitrag „Nerven und Neurosen“ auf psychische Störungen und Krankheitsverläufe von Soldat*innen. Er fordert eine „Universalisierung des Traumas“ zur Verhinderung und Bewältigung von PTSD.
  • Für Annette Wieviorka sind der „überlebende Zeuge“, sowohl als lebender Zeitzeuge, wie auch das, was in Erzählungen, Dokumentationen, Tagebüchern, in Filmen und Gerichtsurteilen vorliegt, „wichtige Quelle der Geschichtsschreibung und eine Stimme, die Vergangenes erfahrbar macht“.
  • Die Anthropologin Élisabeth Claverie sieht mit ihrem Beitrag „Urteilen, die Wahrheit sagen, versöhnen“ in den seit 1990 eingerichteten internationalen Strafgerichtshöfen Institutionen, in denen über Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit geurteilt werden kann.
  • Hélène Dumas beschließt den Sammelband mit dem Beitrag: „Nach dem Völkermord: die Gacaca“. Es sind die hoffnungsvollen und positiven Gefühle und Aktivitäten, wie sie in Ruanda praktiziert werden und friedliche Koexistenzen zwischen ehemaligen Feinden ermöglichen.

Bedeutsam für Geschichtsschreibung und lokale und globale Friedfertigkeit ist der chronologische Abriss, in dem kriegerische Ereignisse als Zeittabelle skizziert werden, beginnend mit 1775 – 1783, als sich dreizehn nordamerikanische Kolonien gegen die Kolonialmächte erheben und ihre Unabhängigkeit erlangen, bis zum 14. April 2018, als die USA, Frankreich und Großbritannien in Syrien koordinierte Luftschläge gegen das Assad-Regime durchführten. Orts-und Personenregister erleichtern die Benutzung des umfangreichen Sammelbandes auch als Handbuch.

Diskussion

„Eine Geschichte des Krieges“, das ist nicht „die“ Geschichte. Die Auswahl der Autorinnen und Autoren des 2018 in französischer Sprache erschienenem Originals „Une histoire de la guerre. Du XIXe siècle à nos jours“ machen deutlich, dass das Herausgeberteam Bruno Cabanes, uThomas Dodman, Hervé Mazurel und Gene Tempest, die Darstellung einer historischen Sichtweise vom Krieg favorisiert, bei der es darum geht, „Krieg neu zu denken“. Es sind Herausforderungen und Zumutungen für die Utopie, dass gewaltsame, kriegerische Konflikte in der Zukunft der Menschheit verhindert werden können. Dazu nämlich ist es wichtig und hilfreich, Ursachen, Anlässe, Verläufe und Entwicklungen von (modernen) Kriegen zu kennen, sich damit auseinanderzusetzen und Friedensprozesse zu ermöglichen.

Fazit

Der in einem mehrjährigen, internationalen Forschungsprojekt über das „Chamäleon“ Krieg (Clausewitz) entstandene Sammelband zeigt „ein monumentales wie multiperspektivisches Panorama des modernen Krieges, das Analysen aus Geschichte, Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Ökonomie und Anthropologie zusammenbringt und auch geographische Räume außerhalb der westlichen Welt wie Japan, China, Indien oder Afrika miteinbezieht“. Das Buch vermittelt das Bild: „Krieg neu denken!“. Diese Herausforderungen freilich gehen nur zusammen mit der Überzeugung: „Frieden denken und schaffen!“. In der schulischen Bildung können ausgewählte Beiträge im Oberstufen-Unterricht eingesetzt werden. In den Hochschul- und öffentlichen Bibliotheken sollte es zur Verfügung stehen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.05.2021 zu: Bruno Cabanes (Hrsg.): Eine Geschichte des Krieges. Vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Hamburger Edition (Hamburg) 2020. ISBN 978-3-86854-346-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28186.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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