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Sabine Schäper, Dagma Domenig u.a. (Hrsg.): Hin- und Herschieben?

Rezensiert von Dr. Carsten Rensinghoff, 05.04.2022

Cover Sabine Schäper, Dagma Domenig u.a. (Hrsg.): Hin- und Herschieben? ISBN 978-3-03777-246-1

Sabine Schäper, Dagma Domenig, Urs Schäfer (Hrsg.): Hin- und Herschieben? An der Schnittstelle von Psychiatrie und sozialen Institutionen. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen (Zürich) 2021. 172 Seiten. ISBN 978-3-03777-246-1. D: 26,00 EUR, A: 26,00 EUR, CH: 29,00 sFr.
Reihe: Teilhabe und Verschiedenheit
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Thema

Der Fokus liegt auf der Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie und Sozialpädagogik. Beide Disziplinen verzeichnen eine Überforderung, was bei Menschen, die gleichzeitig mit einer psychischen und einer kognitiven Behinderung leben, sowohl in psychiatrischen Einrichtungen als auch in Behinderteneinrichtungen, zu Fehlplatzierungen führt. Es fehlt an intersektional ausgerichteten Einrichtungen.

Ziel der Publikation ist das Näherbringen von sozialen Institutionen und Psychiatrie.

HerausgeberInnen

Sabine Schäper ist Diplom-Theologin und Diplom-Sozialpädagogin. Als Professorin lehrt sie Heilpädagogische Methoden und Intervention an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Münster.

Dagmar Domenig ist Juristin, Sozialanthropologin und Pflegefachfrau und Direktorin der Stiftung Arkadis in Olten.

Seit über 30 Jahren ist Urs Schäfer im Nonprofit-Marketing tätig. Zum Zeitpunkt der Herausgabe der Publikation leitet der Drittherausgeber bei der Stiftung Arkadis in Olten die Abteilung Marketing und Kommunikation.

Inhalt

Karl Diethelm befasst sich in seinem Beitrag mit der Geschichte der beiden Disziplinen Psychiatrie und Sozialpädagogik. Im Laufe der Zeit kam es hier zu einer gegenseitigen Skepsis. Zu einer Annäherung der beiden Fächer kam es 1861 mit Jan Daniel Georgens und Heinrich Marianus Deinhardt durch die Einführung der Heilpädagogik. Heilpädagogik war der „Oberbegriff für die verschiedenen medizinischen, schulischen, erzieherischen und fürsorgerischen Bemühungen im sogenannten ‚Idiotenwesen‘“ (S. 14).

Sabine Schäper erkennt, dass in der gegenwärtigen Corona-Pandemie Menschen mit Behinderungen gesellschaftlich und politisch unzureichend berücksichtigt werden. Menschen mit der Doppeldiagnose geistige Behinderung und psychische Störung unterliegen im derzeitigen Hilfesystem einem Versorgungsparadoxon – und das sind „erhebliche Barrieren im Zugang zu gesundheitsbezogenen Leistungen“ (S. 26). Dies geht mit Artikel 25 UN-Behindertenrechtskonvention nicht konform. Das Versorgungsparadoxon zeigt sich also in „einer vielfachen Prävalenz von psychischen Störungen bei einer Intelligenzminderung“ (S. 27), welche einer qualitativ und quantitativ mangelhaften Versorgung gegenübersteht.

Rüdiger Nübling erkennt für Deutschland eine „Unterversorgung hinsichtlich ambulanter Psychotherapie, wobei für Menschen mit IM (Intelligenzminderung – CR) zusätzliche Barrieren bestehen“ (S. 45). Somit bleiben die meisten psychischen Erkrankungen unbehandelt. Überhaupt ist die psychotherapeutische Versorgung für Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung schlechter als für die Allgemeinbevölkerung.

Katrin Schwibinger stellt die Liebelle aus Mainz vor, ein niedrigschwelliges Beratungs- und Bildungsangebot zu Liebe, Partnerschaft und Sexualität bei Menschen mit geistiger Behinderung, welches sich an Menschen mit geistiger Behinderung, deren Angehörige und Fachkräfte richtet.

Franziska Gaese stellt die positiven Aspekte der aufsuchenden ambulant-psychiatrischen Behandlungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe vor, wie sie vom Klinikum München Ost durchgeführt werden. „Im Klinikum München Ost betreuen heute schwerpunktmäßig eine Akutstation und eine Ambulanz die Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und psychischen Störungen […], und zwar überwiegend vor Ort in den Wohnbereichen oder Werkstätten der Einrichtungen der Behindertenhilfe“ (S. 94). In einem Fallbeispiel erklärt der Betroffene, „dass ihm die regelmäßigen Besuche und Gespräche Sicherheit vermitteln und er sich verstanden fühlt […] Eine Ausweitung der ambulant-aufsuchenden psychiatrischen und psychotherapeutischen Betreuung käme der medizinischen Versorgung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe zugute“ (S. 97–103).

Gesa Müller widmet sich den Geflüchteten mit Behinderung. „Die Flucht von Menschen mit Behinderung ist häufig beschwerlicher und gefährlicher als bei Menschen ohne Behinderung“ (S. 111). Zu konstatieren sind Probleme bei der Alltagsbewältigung und oft auch eine fluchtbedingte Verschlechterung des Gesundheitszustands. Diese zeigt sich in der Erfahrung von psychischen Belastungen. „Weder wird im Rahmen eines Asylverfahrens eine Behinderung als Merkmal festgehalten, noch können Mikrozensus oder Daten zum deutschen Schwerbehindertenausweis Auskunft darüber geben“ (ebd.). Geflüchtete mit Behinderung erfahren im deutschen Hilfesystem keine Berücksichtigung. Somit liegt eine doppelte Teilhabebarriere vor. „Es fehlt an spezifischen Angeboten der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung der Migrationssozialberatung und der Behindertenhilfe“ (S. 122).

Alois Grüter sucht die Gemeinsamkeiten von Psychiatrie und Heil-/Sozialpädagogik und sieht diese in der gemeinsamen Geschichte im 19. Jahrhundert. Durch die unterschiedliche Institutionalisierung, so der Autor, wurde die Trennung eingeläutet: „Die Psychiatrie entwickelte sich von der ‚Irrenanstalt‘ über die ‚Heil- und Pflegeanstalt‘ zur Klinik; die Pädagogik institutionalisierte sich über die Volksschule, die Heilpädagogik über die Hilfsschule“ (S. 130).

Zum Abschluss liefert Luigi Bertoli einen Einblick in die Versorgung von Menschen mit einer geistigen Behinderung und psychischen Störung in der Stiftung Arkadis, in der sozialpädagogische und sozialpsychiatrische Maßnahmen die Leitidee für Inklusion sind.

Diskussion

Gesa Müller hebt mit ihren Ausführungen zu Geflüchteten mit Behinderung auf den Sommer der Migration (2015) ab und hat Geflüchtete aus Drittstaaten im Blick. Beim Verfassen ihres Beitrags hatte die Autorin noch nicht die aktuelle Situation des Ukrainekriegs im Fokus.

Fazit

Eine aufschlussreiche Publikation, in der Autorinnen und Autoren, sowohl aus der Psychiatrie als auch aus der Sozialpädagogik, die von Güter in der Einleitung dann doch mit der Heilpädagogik gemeinsam betrachtet wird, die Legitimation für die Auseinandersetzung von Menschen, die mit einer geistigen Behinderung und einer psychischen Beeinträchtigung leben, erörtern wollen. Güters gemeinsame Nennung von Heil- und Sozialpädagogik ist unglücklich, da die Heilpädagogik nach Diethelm und mit Berufung auf die Gründungsväter Georgens und Deinhardt das Verbindungsglied zwischen Psychiatrie und Sozialpädagogik darstellt.

Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
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Es gibt 162 Rezensionen von Carsten Rensinghoff.

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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 05.04.2022 zu: Sabine Schäper, Dagma Domenig, Urs Schäfer (Hrsg.): Hin- und Herschieben? An der Schnittstelle von Psychiatrie und sozialen Institutionen. Seismo-Verlag Sozialwissenschaften und Gesellschaftsfragen (Zürich) 2021. ISBN 978-3-03777-246-1. Reihe: Teilhabe und Verschiedenheit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28188.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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