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Francis Seeck, Brigitte Theißl (Hrsg.): Solidarisch gegen Klassismus - organisieren, intervenieren, umverteilen

Cover Francis Seeck, Brigitte Theißl (Hrsg.): Solidarisch gegen Klassismus - organisieren, intervenieren, umverteilen. Unrast Verlag (Münster) 2020. 275 Seiten. ISBN 978-3-89771-296-6. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
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Thema

„Klassismus beschreibt die Diskriminierung aufgrund von Klassenherkunft oder Klassenzugehörigkeit.“ (S. 11) So werden im Band aus aktivistischer und akademischer Perspektive Diskriminierungen reflektiert, denen Personen aus der Arbeiter*innenklasse in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen ausgesetzt sind. Ein zentral gesetzter Fokus liegt dabei auf Diskriminierungen im akademischen Betrieb.

Herausgeber*innen

Francis Seeck ist Kulturanthropolog*in, Geschlechterforscher*in und Antidiskriminierungstrainer*in. Seeck promovierte 2020 an der HU Berlin mit einer ethnographischen Studie zu trans und nicht-binärer Sorgearbeit (Dissertation im Erscheinen), lehrte von 2018–2020 an der Alice Salomon Hochschule Gender und Queer Studies und hat seit dem 1.9.2020 die Vertretungsprofessur „Soziologie und Sozialarbeitswissenschaft“ an der Hochschule Neubrandenburg inne. Forschungsthemen sind Klassismus, Care, geschlechtliche und sexuelle Vielfalt.

Brigitte Theißl ist Redakteurin beim feministischen Magazin an.schläge und schreibt für verschiedene Medien (u.a. für dieStandard). Theißl kommt aus einer Arbeiter*innenfamilie, ist in der südlichen Steiermark aufgewachsen und lebt und arbeitet als Journalistin und Erwachsenenbildnerin in Wien.

Aufbau und Inhalt

Im Band sind 26 Beiträge verschiedener Genres versammelt. Sie gliedern sich in die Kapitel

  • Was ist Klassismus?
  • Sich organisieren gegen Jobcenter, Chef*in und Vermieter*in
  • Umverteilung als solidarische Praxis
  • Antiklassistische Selbstermächtigung
  • Intersektionale Perspektiven auf (Anti-)Klassismus
  • (Anti-)Klassismus in Bildungseinrichtungen und Sozialer Arbeit
  • Die feinen Unterschiede – Antiklassismus und Kulturarbeit

Der vorliegende Band wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Er war zunächst im Verlag edition assemblae geplant, erschien dann aber im Unrast Verlag (S. 13).

Inhalt

Klasse ist das zentrale Herrschaftsverhältnis im Kapitalismus und dabei verwoben mit dem Geschlechterverhältnis und mit Rassismus. Intersektionale Perspektiven reflektieren diese Verschränkungen, zeitgleich ringen emanzipatorische Akteur*innen in den westlichen Gesellschaften insgesamt um eine Neubestimmung des „Klasse“-Begriffs: Wie können etwa Arbeiter*innen bei Mercedes-Benz, die vergleichsweise gut entlohnte und abgesicherte Jobs haben, einen gemeinsamen Klassenstandpunkt mit prekär Beschäftigten im Dienstleistungsbereich, die oft nur in geringem Maß gewerkschaftlich organisiert sind, erkennen? Wie erkennen die arbeitslose Akademikerin und der Paketbote bei ihrem kurzen Kontakt an der Wohnungstür der Arbeitslosen ihren gemeinsamen Klassenstandpunkt?

Im Unbehagen an den aktuellen Ausformungen der kapitalistischen Gesellschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist der vorliegende Band „Solidarisch gegen Klassismus: organisieren, intervenieren, umverteilen“ verortet. Die Herausgeber*innen Francis Seeck und Brigitte Theißl nehmen dabei die aktuellen Zuspitzungen der ökonomischen Bedingungen in der Corona-Pandemie zum Ausgangspunkt für ihre Überlegungen und haben im Band bewusst aktivistische und akademische Perspektiven miteinander verbunden.

Wegweisend für das Buch erscheint mir das Zitat von Rita Mae Brown im Beitrag von Tanja Abou „Prololesben und Arbeiter*innentöchter“. Brown schrieb im Jahr 1974: „Klasse ist viel mehr als die Beziehung zu den Produktionsmitteln nach der marxistischen Definition. Die Klasse bestimmt dein Verhalten und deine grundsätzlichen Zukunftsvorstellungen, wie du Probleme erlebst und sie verarbeitest, wie du denkst, fühlst und handelst.“ (zit. auf S. 97) Entsprechend legen die Beiträge im Band die unterschiedlichen Erfahrungen offen, mit denen Personen aus Arbeiter*innenfamilien in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten – und dabei auch in sich als emanzipatorisch verortenden Zusammenhängen – konfrontiert sind. Die vielschichtigen Erfahrungsperspektiven weisen etwa auf Diskriminierungen und einen verächtlichen Umgang hin, denen Arbeiter*innen (of Color) in Parteikontexten ausgesetzt sein können (vgl. den Beitrag von Arslan Tschulanov), die sie im akademischen Betrieb erfahren können (vgl. etwa den Beitrag von Andreas Kemper) und die selbst das Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit prägen (vgl. etwa den Beitrag von Philipp Schäfer). Einige der weiteren Beiträge wenden sich den wirkenden Mechanismen bei diesen Diskriminierungen zu: Brigitte Theißl reflektiert etwa Beschämung (S. 238); Jan Niggemann thematisiert Naturalisierung und Kulturalisierung von Eigenschaften (S. 45 f.); Lena Hennes nimmt Individualisierung in den Blick (S. 145 ff.). Deutlich wird zumindest ansatzweise: Das Festschreiben von der ökonomisch schlechten Position (Naturalisierung und Kulturalisierung), ihre Individualisierung und die Beschämung der so Ausgegrenzten hindern diese daran, die Gesellschaftlichkeit der Bedingungen zu erkennen, sich zu solidarisieren und für eine gerechte Gesellschaft zu streiten.

Besonders wichtig und erhellend sind entsprechend die Beiträge der Kollektive, die gegen die Auswirkungen von Gentrifizierung, gegen schlechte Arbeitsbedingungen und gegen Stigmatisierung in Jobcentern streiten. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Beiträge der Berliner Erwerbsloseninitiative BASTA! (S. 59 ff.) und der Solidarischen Aktion Neukölln (S. 70 ff.). Aus ihnen wird deutlich, wie kollektives Handeln möglich werden kann – auch über verschiedene (intersektional zu verstehende) gesellschaftliche Positionierungen hinweg.

Gefasst wird die Zurücksetzung im Band als „Klassismus“, definiert wie folgt: „Klassismus beschreibt die Diskriminierung aufgrund von Klassenherkunft und Klassenzugehörigkeit. Klassismus richtet sich gegen Menschen aus der Armuts- oder Arbeiter*innenklasse, zum Beispiel gegen einkommensarme, erwerbslose oder wohnungslose Menschen oder Arbeiter*innenkinder“ (vgl. Beitrag von Francis Seeck, S. 17). In der Einleitung zum Band wird die Definition nahezu wortgleich aufgegriffen (S. 11) und der zugrundeliegende „Klasse“-Begriff weiter differenziert: „Für uns ist klar: In den aktuellen Debatten gibt es zu wenig klassengemischte Auseinandersetzungen. Meistens bleiben Akademiker*innen, aus der Mittelklasse kommend oder ‚aufgestiegen‘ aus der Arbeiter*innen- oder Armutsklasse, unter sich.“ (S. 11) Mit einem solchen Verständnis werden entsprechend lohnabhängige Angestellte aus der Wissenschaft als Gegenstück zu Arbeiter*innen positioniert. Einige Autor*innen entziehen sich einer solchen Definition von Klasse. So führt die langjährige Gewerkschafterin Jutta Werth im Interview mit den beiden Herausgeber*innen und konträr zu deren Klassebegriff aus: „Der überwiegende Teil der Bevölkerung gehört zur lohnabhängigen Klasse, die die Werte der Gesellschaft erarbeitet. Aber den Mehrwert, die Profite, streichen die Unternehmen und Konzerne ein. Damit diese Ausbeuterei aufhört, ist es wichtig, ein Klassenbewusstsein zu entwickeln, sich zusammenzuschließen, sich zu organisieren und den Kampf aufzunehmen gegen diese Räuberei. Das solidarische Moment liegt darin, zu erkennen, worin die Gemeinsamkeiten liegen, um sich dagegen [die Räuberei, HV] wehren zu können.“ (S. 31)

Diskussion

Im Kontext der aktuellen Diskussionen bringt der Band Diskriminierungen in den Blick, die mit der Klassenfrage im Kapitalismus verbunden sind. Rita Mae Brown führte es klar aus: „Klasse ist viel mehr als die Beziehung zu den Produktionsmitteln nach der marxistischen Definition. Die Klasse bestimmt dein Verhalten und deine grundsätzlichen Zukunftsvorstellungen, wie du Probleme erlebst und sie verarbeitest, wie du denkst, fühlst und handelst.“ (zit. auf S. 97) Bedeutsam dabei ist aber, dass stets klar ist, dass es sich bei diesen Merkmalen nicht um „natürliche“ Eigenschaften handelt, sondern um das Ergebnis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Jan Niggemann greift diesen Aspekt in seinem Beitrag auf, Jutta Werth reflektiert in einem solchen Verständnis die Klassenfrage. Hingegen machen die Herausgeber*innen in der Einleitung und in ihren Beiträgen diesen reflektierten Weg nicht mit. Vielmehr wird Klasse als Merkmal einer Arbeiter*innenschaft „re-naturalisiert“ (vgl. Wolter & Voß, 2014) – es werden Hemmnisse und Möglichkeiten diskutiert, wie sie (bildungsbürgerlich) an einer ihr vermeintlich entgegenstehenden akademischen „Mittelklasse“ Anteil haben könnte. Nicht in den Blick kommen damit die kapitalistische Gesellschaftsordnung insgesamt und spezifisch die gemeinsamen Interessen, die berufstätige oder arbeitslose Angestellte im Wissenschaftsbetrieb und Arbeiter*innen in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen haben. Um grundlegende gesellschaftliche Veränderungen erreichen zu können, wäre es wichtig, dass Personen dieser „Gruppen“ Gemeinsamkeiten entdecken und sich ihrer gemeinsamen (lohnabhängigen) Klassenposition bewusst werden. Dazu trägt der Band nicht bei. Vielmehr attestiert er – eigentlich klassisch bildungsbürgerlich – Arbeiter*innen eine „Bildungsferne“ (anstatt sich etwa mit den kapitalistischen Bedingungen von Bildung zu befassen, wie sie etwa mit dem europäischen und deutschen Qualifikationsrahmen festgelegt sind – vgl. Freytag, 2014) – und stellt der so konzipierten „Arbeiter*innenklasse“ lohnabhängige Angestellte entgegen. Zu einem „Klassenbewusstsein“, wie es Jutta Werth im Band als notwendige Basis für den gemeinsamen Kampf gegen die kapitalistische „Räuberei“ benennt (S. 31), trägt das nicht bei. „Klassismus“, wie er im Band gefüllt wird, führt leider davon weg, dass die Unterdrückten untereinander Gemeinsamkeiten erkennen und für eine gerechte – und damit notwendig nicht-kapitalistische – Gesellschaft streiten können. Schließlich wäre auch eine internationale Perspektive, die die Zusammenhänge zwischen Globalem Norden und Globalem Süden reflektiert, wünschenswert (vgl. Amin, 2012; Spivak, 1988).

Fazit

Der Band ist empfehlenswert, um ganz konkret und praktisch, die Diskriminierungen, die mit Klasse verbunden sind, zu reflektieren. Allerdings sollte bei sich anschließenden Arbeiten zu „Klassismus“ stärker darauf geschaut werden, wie die Ausgebeuteten sich solidarisieren und sich ihres gemeinsamen Klassenstandpunkts bewusst werden können – anstatt sie gegeneinander auszuspielen.

Literatur

Amin, Samir (2012 [engl. 2010]): Das globalisierte Wertgesetz. Hamburg: LAIKA Verlag.

Freytag, Tatjana (2014): Differenz-Bildung. Hawel, Marcus; Kalmring, Stefan (Hg.): Bildung mit links! Gesellschaftskritik und emanzipierte Lernprozesse im flexibilisierten Kapitalismus. Hamburg: VSA-Verlag. S. 86–97. Online: https://www.rosalux.de/fileadmin/​rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/​VSA_Hawel_Kalmring_Bildung_mit_links_Netz.pdf (Zugriff: 13.3.2021).

Spivak, Gayatri Chakravorty (1988): Can the Subaltern Speak? In: Nelson, Cary/Grossberg, Lawrence: Marxism and the Interpretation of Culture. University of Illinois Press, S. 271–314.

Wolter, Salih Alexander & Voß, Heinz-Jürgen (2014): Nicht ohne Marx – und über ihn hinaus. Malmoe, 66 (2014): S. 21. Online: https://dasendedessex.de/klasse-2021-03/ (Zugriff: 13.3.2021).


Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
Homepage heinzjuergenvoss.de
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 06.04.2021 zu: Francis Seeck, Brigitte Theißl (Hrsg.): Solidarisch gegen Klassismus - organisieren, intervenieren, umverteilen. Unrast Verlag (Münster) 2020. ISBN 978-3-89771-296-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28191.php, Datum des Zugriffs 31.07.2021.


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