socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Günter Gehl, Matthias Neff (Hrsg.): Psychomarkt Deutschland

Cover Günter Gehl, Matthias Neff (Hrsg.): Psychomarkt Deutschland. Psychogruppen im Spannungsfeld von Staat, Gesellschaft, Kirchen. Bertuch Verlag (Weimar) 2005. 96 Seiten. ISBN 978-3-937601-14-4. 12,80 EUR.

Reihe: Soziale Dienste - 16.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


inführung in das Thema, Hintergrund und Autoren

Säkularisierung führt nicht zur Religionslosigkeit, sondern zu "frei flottierender" Religiosität - so könnte man die Grundaussage des Bandes in einem Satz zusammenfassen. Hatten die Religionskritiker seit der Aufklärung gehofft, wenn erst die Religion überwunden sei, werde die Vernunft ihren Platz einnehmen, lautet der desillusionierende Befund heute, dass stattdessen die Irrationalität wild wuchert. Verbindliche und daher auch verbindende Religionssysteme haben ihre integrierende Kraft verloren. In dieser Lage stellt die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Sogenannte Sekten- und Psychogruppen" fest, "dass in den letzten 20 Jahren in Deutschland ein vollkommen unübersichtlicher 'Psychomarkt' entstanden ist, auf dem die unterschiedlichsten Dienstleistungen angeboten werden. Zu diesem "Psychomarkt Deutschland" gehören tausende, auch ideologisch motivierte Anbieter, darunter Scientologen. Hinzu kommen zehntausende esoterische Heiler mit vermutlich 10 Millionen Kunden. Der Umsatz des Marktes, auf dem es um die Suche nach Glück, Erfolg, Reichtum und Gesundheit geht, beträgt vorsichtigen Schätzungen zu Folge jährlich etwa 10 Milliarden Euro." (S. 7)

Das sind beeindruckende Zahlen, die aber nur eine Seite des Phänomens illustrieren. Die andere Seite ist prekärer: "Nach Expertenmeinung bergen diese meist kleineren Gruppen eine neue Form von Extremismus, seien aggressiv, totalitär und gefährlich." (ebd.) Umso dringender ist es, dass diejenigen, die im (sozial-)pädagogischen Arbeitsfeld, in Schulen, Beratungsstellen oder im kirchlichen Bereich mit dem Thema in Berührung kommen, gut informiert sind. Dazu will das vorliegende Bändchen einen Beitrag leisten. Die AutorInnen sind, ihrem eigenen Arbeitsfeld entsprechend, kenntnisreich: Hans-Werner Carlhoff ist im Baden-Württembergischen Kultusministerium mit dem Thema befasst, Brigitta Dewald-Koch im Ministerium für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit in Rheinland-Pfalz. Günther Gehl leitet als Akademiedozent das Ressort "Geschichte, Politik und Gesellschaft" der Katholischen Akademie Trier, Ingo Heinemann ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der "Aktion für Geistige und Psychische Freiheit Bundesverband Sekten- und Psychomarktberatung e.V.", Hansjörg Hemminger ist Beauftragter für Weltanschauungsfragen der württembergischen Landeskirche und war Mitglied der genannten Enquete-Kommission. Gerhard Robbers ist Professor für Staats-, Verfassungs- und Kirchenrecht an der Universität Trier, Michael Utsch Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen und Raik Werner schließlich Mitautor der Studie "Auswirkungen und Risiken unkonventioneller Psycho- und Sozialtechniken".

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist eine Sammlung von acht Aufsätzen zum Thema.

Der erste Beitrag von Carlhoff beschreibt den "Markt der Sekten und Psychogruppen". Er unterscheidet zwischen "Publikumskult", der sich an eine "Leser-Medien-Gemeinde" richtet und von geringer Verbindlichkeit geprägt ist, "Kundenkult", der therapeutische und magische Dienstleistungen anbietet und in vielen Bereichen eine kommerzialisierte und von der Kirche losgelöste Form der Seelsorge darstellt, und der "Kultbewegung" mit festen Glaubenssystemen, Organisationen, Mitgliedschaften, also einem deutlich höheren Grad von Verbindlichkeit. Dieser sehr inhomogene Markt wird von Carlhoff skizziert und mit grundsätzlichen Bewertungen markiert.

Hansjörg Hemminger setzt das mit seinem Artikel "Neue religiöse Gruppierungen, 'Sekten' und Psychogruppen. Ein Überblick" fort. Er zeichnet das Dreieck von Religion - Säkularisierung - neue Formen von Religiosität nach und beschreibt exemplarische Gruppierungen in Deutschland. Robbers bringt den verfassungsrechtlichen Aspekt ein. Utsch nimmt in seinem ersten Beitrag den Psychomarkt unter die Lupe, ausgehend von der Beobachtung, dass auf dem Gebiet angewandter psychologischer Beratung und Therapie eine zunehmende Spiritualisierung stattfinde. (S. 42) Ein zweiter Beitrag von Utsch ist dem Thema "Aufstellungsarbeit nach Hellinger" als einem "typischen Angebot auf dem Psychomarkt" gewidmet, wobei er besonders die religiösen Implikationen von Hellingers Konzept benennt und sie in Relation zu traditionell christlichen Annahmen stellt. Werner beschreibt "Scientology" unter juristischer und kriminologischer Perspektive. Dabei beleuchtet er zum einen die innere Struktur der Organisationen, zum anderen geht er der Frage nach, "ob und inwiefern der einzelne Teilnehmer im Rahmen seines Engagements bei Scientology Gefahr läuft, Opfer organisatorischer Straftaten zu werden." (S. 62) Heinemann stellt die Frage nach "Psychomarkt und Verbraucherschutz in Deutschland". Verbraucherschutz umfasst dabei Verbraucherberatung als auch Produktkritik. Der abschließende Aufsatz von Dewald-Koch schließlich trägt den Titel "Politische und juristische Perspektiven des Psychomarktes in Deutschland", dabei geht es um die Frage einer möglichen staatlichen Verantwortung in diesem Kontext: Wann muss der Staat Bürger und Bürgerinnen schützen? Wie kann er das tun? Etc.

Zielgruppen

Als Zielgruppe dieses Buches kommen m.E. vor allem Menschen in pädagogischen Handlungsfeldern in Betracht. Es wird für LehrerInnen im schulischen Berech ebenso von Interesse sein wie für ErwachsenenbildnerInnen, für MitarbeiterInnen in Beratungsstellen ebenso wie für Sozialpädagogen in Jugendeinrichtungen. Und nicht zuletzt natürlich für MitarbeiterInnen im kirchlichen Bereich, denn letztlich geht es um kirchliches Kernland, das hier von sehr unterschiedlich qualifizierten Anbietern erobert wird.

Kommentar

Der Band versammelt AutorInnen, die wichtige Aspekte zum Thema beizutragen haben. Dabei wird den einen Leser mehr der politische Aspekt interessieren, die andere Leserin mehr der Überblick. Aber viele werden finden, was sie suchen. Das alles wird nicht in epischer Breite dargestellt, was der Brauchbarkeit der Publikation dienlich ist. Die Literaturangaben ermöglichen jeweils eine Vertiefung der einzelnen Aspekte. Für einen guten und fundierten Einstieg in das Thema reicht die vorliegende Arbeit aber allemal aus. Die einzelnen Aufsätze sind gut lesbar, auf "Fachchinesisch" wird weitgehend verzichtet.

Fazit

Auf jeden Fall empfehlenswert!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 121 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 19.07.2005 zu: Günter Gehl, Matthias Neff (Hrsg.): Psychomarkt Deutschland. Psychogruppen im Spannungsfeld von Staat, Gesellschaft, Kirchen. Bertuch Verlag (Weimar) 2005. ISBN 978-3-937601-14-4. Reihe: Soziale Dienste - 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2820.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung