socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

James Suzman: Sie nannten es Arbeit

Cover James Suzman: Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit. Verlag C.H. Beck (München) 2021. 398 Seiten. ISBN 978-3-406-76548-3. 26,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Gerade „mitten in einer vierten industriellen Revolution“ würden viele Menschen sich fragen, was passiere, „wenn ein Roboter meinen Job übernimmt?“ (S. 10) Allein diese Frage spiegele, dass wir überzeugt sind, schon genetisch auf Arbeit angelegt zu sein und uns nie mit der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse bescheiden, was in der Volkswirtschaftslehre zum „Knappheits-Paradigma“ (S. 12) geführt habe und Form und Inhalt unseres Arbeitens und herrschender Ökonomie unterlegt sei. Sich häufende globale Probleme aus Klimawandel, anwachsender sozialer Ungleichheit und ggf. durch eine Pandemie könnten die „Unzulänglichkeit unserer wirtschaftlichen Institutionen und unserer Arbeitskultur offenbaren und uns veranlassen (…), die Frage zu stellen, welche Jobs wirklich sinn- und werthaltig sind und warum wir es zulassen, dass unsere Märkte die Inhaber häufig nutzloser oder gar parasitärer Stellungen so viel höher belohnen als diejenigen, deren Arbeit wir als substanziell anerkennen“ (S. 371). Der Autor fragt, warum wir im „Zeitalter eines nie da gewesenen Überflusses so fixiert auf das Schreckgespenst der Knappheit“ bleiben (S. 16) und hält an, unseren Begriff von Arbeit zu überdenken, wozu er eine weit ausholende Plattform bietet, indem er das Wesen von Arbeit seit Anbeginn der Menschheit analysiert. Dabei zeigt er, dass Wettbewerb kein Naturgesetz ist und dass es heute noch Beispiele von Jäger- und Sammlerkulturen dafür gibt (z.B. die Ju/‘Hoansi, unter denen der Autor gelebt hat), die im Vergleich zu industrialisierten Ländern weit weniger Arbeitszeit brauchen, um sich zu reproduzieren und ein mit ‚freier Zeit‘ reichlich gesegnetes Leben führen. Generell stimme im Rückblick auf die Geschichte der Menschheit die wie in der Volkswirtschaft häufig vertretene These nicht, ein Wirtschaften bedeute immer, knappe Güter effizient zu nutzen und der Kampf ums Überleben sei seit eh und je das basale ökonomische Problem gewesen. Knappheit als Problem sei erst mit Ackerbau-Gesellschaften infolge von klimatischen Schwankungen wie Missernten und damit aufgekommen, dass die Bevölkerung schneller wuchs als die Produktivität der Felder, eine Problematik, vor der Jäger- und Sammlergemeinschaften nicht gestanden haben.

Suzman argumentiert mit Erkenntnissen u.a. der Paläoanthropologie, der Archäologie, vor allem der Sozialanthropologie, zeigt Entwicklung und Folgen des Werkzeuggebrauchs auf, den Übergang von Sammler- und Jägergemeinschaften zur Landwirtschaft, zu städtischen Organisations- und Lebensformen und schließlich zur Industrialisierung. Dabei befragt er auch ökonomische Theorien kritisch (z.B. Smith, Malthus, Keynes, Galbraith) und spart ebenso nicht aus, welche Warnungen es vor den ruinösen Folgen aus dem herrschenden Verständnis von Arbeit und der herrschenden Form des Wirtschaftens schon vor Jahrzehnten gegeben hat. Der Autor setzt sich auch damit auseinander, was Menschen antreibe, mehr haben zu wollen und weit mehr, als zur Erfüllung dessen notwendig wäre, was unter Grundbedürfnisse zu fassen wäre oder ist und was dazu anhalte, um des Geldes willen mehr zu arbeiten, nämlich den „Bestand an Konsumgütern“ zu erhöhen (S. 315). Das sei ein künstliches und von der Werbung befeuertes Bedürfnis, wobei unsere „Grundbedürfnisse (…) sich oft so eng mit unseren Wünschen (verzahnen), dass sich beide nicht mehr entwirren lassen.“ Scheint’s anekdotenhaft, generell ein Stilmittel seines Buches, zeigt er auf, wie es im Hier und Jetzt und auch in die Zukunft gedacht anders geht oder gehen könnte. Was der Autor anrät: „Wenn wir uns von der Vorstellung verabschieden, die menschliche Existenz werde für immer und ewig im Zeichen des Knappheitsproblems stehen, bewirkt das mehr, als nur die Definition von ‚Arbeit‘ über den Zweck der bloßen Existenzsicherung hinaus zu erweitern“ (S. 15), was auch auf die Frage hinauslaufe: „Wer wird von der Automatisierung profitieren und in welcher Weise?“ Suzman meldet Bedenken an: „Ohne einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie wir unsere Wirtschaft organisieren, wird sich auch die Ungleichheit innerhalb der meisten Länder dramatisch verschärfen. Sie wird dies tun, indem sie zunächst die Chancen ungelernter und unqualifizierter Arbeiter, eine anständig bezahlte Anstellung zu finden, mindert und zugleich das Einkommen der wenigen in die Höhe schraubt, die weiterhin Leitungsfunktionen in den zunehmend stärker automatisierten Unternehmen bekleiden“ (S. 358 f.).

Autor

James Suzman ist Sozialanthropologe und Direktor des anthropologischen Thinktanks Anthropos und Fellow am Robinson College der Cambridge University. Nach eigenem Bekunden kamen dem Autor viele der „leitenden Ideen dieses Buches“, als er „in der Kalahari lebte und arbeitete, wo damals Jäger und Sammler, traditionelle Viehhalter, christliche Missionare, Freiheitskämpfer, Bürokraten, Polizisten, Soldaten und moderne marktorientierte Landwirte aufeinander trafen und einander in die Quere kamen“ (S. 377).

Aufbau und Inhalt

Nebst Einleitung, Schlussbemerkung, Dank, Anmerkungen und Register ist das Buch in vier Teile mit jeweiligen Unterkapiteln gegliedert. Der Autor greift die Entwicklung des Lebens überhaupt auf und blickt in vorgeschichtliche Tiefen menschlicher Entwicklung zurück, um der auf den ersten Blick vielleicht irritierenden Frage nachzugehen: „Wodurch unterscheidet sich die Arbeit, die beispielsweise ein Baum, ein Tintenfisch oder ein Zebra leistet, von der Arbeit, mit der sich unsere Spezies an die Schwelle zur künstlichen Intelligenz herangearbeitet hat?“ (S. 42)

In der Einleitung: Die ökonomische Problemstellung skizziert der Autor seine Argumentationsstränge und thematisiert als ersten „Pfad“ die Geschichte unserer Beziehung zur Energie, des Energietransfers, beginnend mit den ersten Lebewesen und die Frage aufwerfend, was uns dies „über unsere Art zu arbeiten“ verrät. „Der zweite Pfad verläuft entlang der evolutionären und kulturellen ‚Reise‘ der Menschheit“, vom ersten Werkzeuggebrauch bis zu „weltumspannenden Netzwerken energiehungriger Rechenmaschinen“, woraus unter dem Strich zu lernen sei, „wie die Arbeiten, die unsere Vorfahren verrichteten, und die Fertigkeiten, die sie sich dabei nach und nach aneigneten, ihre Wahrnehmung der sie umgebenden Welt und ihre Interaktionen mit ihr geprägt haben“ (S. 17 f.). Suzman macht Konvergenz-, Schnitt- und Überschneidungspunkte der beiden Pfade aus, die Beherrschung des Feuers, viel später der Anbau von Nahrungsmitteln, Entwicklung von Städten, schließlich das Fabrikwesen. Dabei kann er sich kaum des Verdachts erwehren, „dass künftige Historiker nicht mehr zwischen der ersten, zweiten, dritten und vierten industriellen Revolution unterscheiden, sondern dass sie stattdessen die gesamte Ära, innerhalb derer sich diese Revolutionen vollzogen, als eine der entscheidenden für die Beziehung unserer Spezies zur Arbeit einstufen werden“ (S. 19 f.).

Im Teil EINS: AM ANFANG stellt der Autor zunächst die ganz andere Art und Weise der Lebenserhaltung der namibischen Ju/’Hoansi vor, um danach darauf zu verweisen, dass Coriolis, ohne dessen Entdeckung Verwirbelungen von Hoch- und Tiefdruckgebieten und Meeresströmungen nicht realistisch modellierbar wären, auch den Begriff Arbeit erstmals eingeführt habe, und zwar als „Bezeichnung für eine Kraft, die erforderlich ist, um einen Gegenstand so zu beschleunigen, dass er eine bestimmte Strecke zurücklegt“ (S. 30). Von dort aus verallgemeinert er: „Wenn wir ‚Leben‘ anhand der Arbeit definieren können, die Lebewesen leisten, muss schon der Prozess der Umwandlung anorganischer Materie in lebende, organische Materie mit Arbeit verbunden gewesen sein“ (S. 37). Mit Rückgriff auf Darwin und etlichen Beispielen tierischen Verhaltens kreist er ein, wie facettenreich insoweit Arbeit im evolutionären Zusammenhang zu fassen ist, um auf den Menschen abzuheben: „Mit seinem superflexiblen Neokortex und seinen hochgradig koordinierten Sinnen ist der Homo sapiens der Vielfraß in der Welt der Informavoren“ und er sei bestens dafür aufgestellt, „uns von den Informationen, die wir verarbeiten, formen zu lassen“ (S. 88). Die frühen und heute noch beobachtbaren Jäger mussten und müssen lernen, „die Welt aus der Perspektive des Tieres zu sehen“ (S. 91), was er an den Ju/’Hoansi exemplifiziert. Des Weiteren geht er auf Forschungsergebnisse der Paläoanthropologie ein und hebt einen Aspekt hervor, „der womöglich zu den wichtigsten der vielen Segnungen des Feuers gehört: der geschenkten Zeit“, eine „Zeit und Arbeit sparende Errungenschaft“ (S. 105), Zeit, „Dinge zu tun, die nicht unmittelbar mit Nahrungsbeschaffung zu tun hatten“ (S. 109), was zu Langeweile führen kann, die aber in „Kreativität umzumünzen“ ist, was zur „Idee“ führe, „dass wir in evolutionstheoretischer Hinsicht vielleicht ebenso sehr ein Produkt unserer Muße wie unserer Arbeit sind“ (S. 107). Gleichwohl kommt er mit einer Kritik an Lévi-Strauss zu der Aussage: „Menschliche Kulturen sind in sehr viel stärkerem Maß, als er und seine Jünger das annahmen, das Produkt der Arbeit, die unser Körper leistet“ (S. 118).

Der TEIL ZWEI: FREIGIEBIGE NATUR beinhaltet die beiden Unterkapitel „Die ursprüngliche Überflussgesellschaft“ und „Geister im Urwald“, in denen er ausweist, dass noch existierende Jäger- und Sammlergemeinschaften – wie vermutlich Menschen weit vor ihnen – „die Nahrungsbeschaffung mit bemerkenswerter Gelassenheit angingen, ihren Nahrungsbedarf normalerweise mühelos decken konnten und den größeren Teil ihrer wachen Stunden mit ‚Zeitvertreib‘ zubrachten“ (S. 135), Sahins zufolge darum, „weil sie sich nicht von einem Wust bohrender Wünsche jenseits ihrer unmittelbaren materiellen Bedürfnisse verrückt machen ließen“ (S. 137). Knappheit war somit nicht treibendes Motiv ihres Wirtschaftens. Zugleich sei sozialanthropologisch zu beobachten, „dass alle Gesellschaften mit einer Ökonomie des unverzüglichen Ertrags Hierarchien verschmähten“ und eines der „wichtigsten Prinzipien ihres Wirtschaftens (…) die ‚Bedarfsdeckung‘“ war und ist (S. 144). Die vermeintliche Universalkonstante der Gegenüberstellung von Fleißigen und Faulen scheint in diesen Gesellschaften bedeutungslos, was folgern lässt, „dass diese spezielle Dichotomie sehr viel jüngerer Herkunft ist“ (S. 148). Allerdings zwangen in europäischen und asiatischen Regionen klimatische Bedingungen zu sporadischer Vorratshaltung und Unterteilung des Arbeitsjahres in Phasen, ein Schritt hin zu einer „längerfristig angelegten, vorausschauenderen Beziehung zur Arbeit“, was die ersten „schicksalhaften Ansätze einer landwirtschaftlichen Produktion“ waren, „und diese wurde zur Grundlage für das rapide Wachstum unseres energetischen Fußabdrucks und für unsere zwanghafte Beziehung zur Arbeit“ (S. 161 f.).

Der TEIL DREI ist ACKERN betitelt und deutlich werde an dem Übergang vom Jagen und Sammeln zum Ackerbau, dass solche Vorstellungen wie „Müßiggang sei Sünde, und nur Arbeit bringe Segen, gar nicht unbedingt ein ewiges Erbteil des menschlichen Vorwärtsdranges sind“ (S. 168) und erst im Zuge klimatischer Veränderungen und zunehmender Sesshaftigkeit sowie regionalen Bevölkerungswachstums problematische Knappheitssituationen aufkamen. Jäger und „Sammler sind Opportunisten“ (S. 177) und eine Warmzeit bot ihnen die Chance, sich unter deutlich geringerem Aufwand zu ernähren. Sie verloren aber, und dies unter ungünstigeren klimatischen Bedingungen, „das Vertrauen in die ewige Freigiebigkeit ihrer Umwelt“ (S. 183). Aus Zeugnisse ist zu schließen, dass Menschengruppen auf gezielte Landwirtschaft verfielen, sich in Gesellschaften mit Führungseliten und spezialisierten Tätigkeiten zusammenfanden, womit sich ihre Beziehung zur Arbeit veränderte. An Göbekli Tepe zeigt der Autor das Beispiel einer Kultur, „die es schaffte, einen so großen Energieüberschuss zu erwirtschaften, dass sie sich über viele aufeinanderfolgende Generationen hinweg der Verwirklichung einer großen Vision widmen konnten, die keinen direkten Bezug zur weiteren Verbesserung der Energiebilanz aufwies“ (S. 188). Sowohl Festessen und Hungersnöte zeugen davon, dass die Produktivität landwirtschaftlich geprägter Gesellschaften nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten konnte: „je mehr Energie sie ihrer Umwelt abzapften, desto knapper schien die Energie zu werden und desto mehr Arbeit mussten die Menschen offenkundig leisten, um ihre Grundbedürfnisse zu decken“ (S. 191). Mit der Züchtung von Nahrungspflanzen wurde die Evolution von Schädlingen und Parasiten vorangetrieben, in Viehherden entstanden Pathogene, die krankmachend bis tödlich auf Menschenpopulationen übertragen wurden, Böden wurden ausgelaugt. Der Autor erinnert an dieser Stelle an das für den menschlichen Körper wie für Gesellschaften gültige „Diktum der Entropie, das besagt, je komplexer eine Struktur sei, desto mehr Arbeit müsse in ihre Errichtung und ihre Erhaltung investiert werden“ (S. 198). Die Grundaussage von Malthus zum Zusammenhang zwischen Produktivität und Bevölkerungswachstum hält Suzman für richtig, fokussiert auf das immer noch diskutierte ‚Grenznutzentheorem‘ und meint, es eröffne vor allem Einsichten, „wie der Übergang zur Landwirtschaft das Verhältnis unserer Spezies zur Knappheit neu definierte und damit das ‚ökonomische Problem‘ in die Welt setzte“ (S. 206), „bis heute das ideologische Fundament für die Organisation unseres Wirtschaftslebens“ (S. 211). Wie sich ein gleichsam bäuerlicher „Rückzahlungsanspruch gegenüber dem bearbeiteten Land, das ihnen eine Ernte schuldig war“ (S. 221), zu wirtschaftlicher Haltung verallgemeinerte und auch ‚Zeit ist Geld‘ in ökonomisches Denken Eingang fand, wie sich das Tauschen zum neuzeitlichen Tausch veränderte, dem geht der Autor über kritische Aufnahmen der sich auf Stammeskulturen beziehenden, spätere Theorie nach, wo er näher auf Smith und Ricardo, aber auch Franklin eingeht. Dieses Kapitel beschließt Suzman mit der Nutzung domestizierter Tiere als Substitution menschlichen Arbeitsaufwandes, kommt auf die Ludditen als Gegner des Einsatzes von Maschinerie zu sprechen, lässt sich über die Problematik der römischen Sklavenhaltergesellschaft sowie früher Zünfte zu dieser Zeit und über wachsende soziale Ungleichheit aus. Auf dieser Folie entwickelt er seinen nächsten Argumentationsschritt, nämlich die „nächste große Transformation in der Geschichte der Arbeit nach der ersten Liaison mit der Landwirtschaft: den Zustrom von immer mehr Menschen in Städte, Großstädte und Metropolen, Orte, in denen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit eine Mehrzahl der Bewohner sich nicht primär mit der Beschaffung der zum Überleben erforderlichen Energieressourcen beschäftigen musste“ (S. 254).

Im TEIL VIER: GESCHÖPFE DER GROSSSTADT wiederholt der Autor seine schon vorgetragene Analyse, wo „Energieüberschüsse ein bestimmtes Niveau erreichten, nutzten die Menschen sie“, etwa zur Errichtung „großer monolithischer Monumente“ oder ein paar tausend Jahre später für „große Städte und Metropolen“ (S. 261) bzw. „schöpferische Anwendungen für ihre Energie“ (S. 263), wobei das Problem materieller Sicherheit sich zur Seite von „Kontrolle“ über die „Verteilung und Verwendung“ von Nahrung und Rohmaterialien verlagerte (S. 272). Die „Geschöpfe der Grossstadt“ aber waren es, welche überhaupt erst die „Malaise des grenzenlosen Anspruchsdenkens“ (so der Titel eines Unterkapitels) entwickeln konnten, ausufernd in sich ständig steigernde Bedürfnisse weit oberhalb der Schwelle, die Keynes „als unsere ‚absoluten Bedürfnisse‘“ bezeichnete. Dieser Wirtschaftstheoretiker habe gemeint, „die Automatisierung der Produktion werde das ökonomische Problem lösen“, schließt Suzman an, doch sei ihm beim Nachdenken über den Unterschied zwischen absoluten und relative Bedürfnissen klar geworden, „welch große Rolle der gesellschaftliche Kontext und der soziale Status bei der Entscheidung darüber spielen, welche Dinge den Menschen wichtig und unverzichtbar erscheinen“ (S. 277 f.). An späterer Stelle nimmt der Autor ein Argument von Galbraith auf, der wie Keynes der Auffassung gewesen sei, fortgeschrittene Volkswirtschaften „seien nunmehr produktiv genug, um die grundlegenden materiellen Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder stillen zu können“ (S. 315), womit das ökonomische Problem als gelöst zu betrachten sei, gleichwohl habe er sein „Unbehagen über die unheilige Allianz zwischen Herstellern und Werbeagenturen“ kundgetan, wobei Werbung auch bewirke, so dessen Vermutung, „dass viele Menschen sich weniger Gedanken über soziale Ungleichheit machten – solange sie in die Lage waren, sich immer wieder einmal ein neues Konsumgut zu kaufen“ und somit das Gefühl entwickelten, „zu den gesellschaftlichen Aufsteigern zu gehören“ (S. 319). Kritisch habe er erklärt, „die Ökonomie der Knappheit werde nur noch durch Konsumbedürfnisse aufrechterhalten, die raffinierte Werbestrategen den Leuten einimpften“ (S. 361). Doch ohne solche Bedürfnisse, so Suzman, der ärmeren Schichten hätte es „keine Nachfrage nach und keine Märkte für massenproduzierte Haushaltsgüter gegeben, und ohne Märkte wären keine Fabriken errichtet worden“ (S. 295). Suzman unterschlägt nicht das gravierende Arbeiter:innenelend der Frühindustrialisierung und greift Durkheims Zuversicht auf Überwindung kritisch auf und schließt zugleich an, man gewinne den Eindruck, „die Anomie sei zur allgemeinen und dauerhaften Gemütslage des modernen Zeitalters geworden“ (S. 300). Wie sich wirtschaftliches Handeln auswirkte und wirkliche Güterknappheit in den Hintergrund gedrängt wurde, welche Rolle es spielte, „künstliche Bedürfnisse zu wecken, um das Hamsterrad der Produktion und des Konsums am Laufen zu halten“ (S. 317), warum Arbeit überhaupt einen prominenten Stellenwert erhielt und es schließlich dazu kam, „dass die technologische Fortschrittslawine die Erwerbsarbeit kannibalisiert und zur Konzentration des Wohlstandes in immer weniger Hände führt“ (S. 321), wird von Suzman im Anschluss ausführlich thematisiert. An durchaus verallgemeinerbaren Beispielen zeigt er aber auch, wie gesundheitsriskant und sogar todbringend das neue Arbeitsethos werden kann. Gleichzeitig wachse die Angst vor Arbeitslosigkeit und nur wenige hätten wie Keynes erkannt, „in welchem Ausmaß der sich beschleunigende Trend zu größerer Effizienz und stärkerer Automatisierung die menschliche Arbeitskraft kannibalisieren würde“ (S. 354). Zugleich verschärfe sich inzwischen „die Ungleichheit innerhalb der meisten Länder dramatisch“ und die „Automatisierung wird ferner bewirken, dass Einkünfte aus Kapitalanlagen stärker steigen als Arbeitseinkommen“ (359). Suzman verweist unter Bezugnahme auf die Studien des Ehepaares Meadows auf das dahinterstehende Problem des permanenten Wachstums, das mit Blick auch auf Umweltfolgen schon vor Jahtzehnten eine „kritische Schwelle überschritten hatte. Das Wirtschaftswachstum nur zu verlangsamen, reiche nicht mehr aus. Die Wirtschaft müsse geschrumpft werden“ (S. 366). Dieses Kapitel abschließend resümiert der Autor, die Geschichte gemahne uns daran, „dass wir eine ‚sture‘ Spezies sind“, zeige uns aber auch, „dass wir, wenn uns Veränderungen aufgezwungen werden, eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit an den Tag legen“ (S. 370). Die Frage stünde an, welche Arbeit eben nicht nutzlos oder gar parasitär ist, sondern als „substanziell“ (s.o.) anzuerkennen ist.

In seiner knappen Schlussbemerkung fokussiert Suzman auf eine auch umweltschonende Organisierung von Arbeit und Leben „in einer künftigen automatisierten Welt“; zwar sei Jagen und Sammeln heute keine Option mehr, doch das Studium dieser Gesellschaften könne Fingerzeige geben, „wie eine nicht mehr dem ökonomischen Problem unterworfene Gesellschaft aussehen könnte“ (S. 372). Auf der Folie seiner Argumentation, dass das „Verhältnis zwischen Energie, Leben und Arbeit (…) Teil von etwas (ist), das uns mit allen anderen Lebewesen verbindet“, und es „Teil eines evolutionären Vermächtnisses“ sei, dass der Mensch sich durch „Zielstrebigkeit“, einen schier grenzenlosen „Einfallsreichtum“ und auch dadurch auszeichne, „selbst aus Banalem Befriedigung zu gewinnen“, sattelt Suzman auf, worum es ihm in „allererster Linie“ mit seinen Botschaften geht: „den krakenhaften Klammergriff, mit dem die Knappheits-Ökonomie unser Arbeitsleben im Schwitzkasten hält, zu lockern und unsere damit verbundene, nicht durchhaltbare Fixierung auf wirtschaftliches Wachstum aufzubrechen“ (S. 374).

Diskussion

Dass Wirtschaftswachstum keine heilige Kuh ist, was Vertreter herrschender Ökonomie und viele ihrer politische Mundwalte nach wie vor glauben machen wollen und was ersichtlich noch auf fruchtbaren Boden fällt, wird inzwischen deutlich durch skeptische Stimmen in der Bandbreite von überfälligem Reformbedarf bis zu einer Nachhaltigkeitsökonomie und gar zu einem ‚grünem Kapitalismus‘ konterkariert. Was Reformen betrifft, da hat sich die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, die der Autor nicht beim Namen nennt, zeit ihrer Geschichte und genötigt durch Widerstände, Kämpfe und Revolten anpassungsfähig gezeigt, solange sie als ‚System‘, d.h. solange ihre Ökonomie in ihren Kernstrukturen nicht in Frage gestellt wurde. Dabei war und ist letztendlich Wertverwertung das fortlaufende Ziel und durfte und darf nicht empfindlich beeinträchtigt werden – daher die von Suzman inkriminierte Knappheits-Ökonomie, weil sie den Teppich für das Immer-Mehr, vulgo Wachstum, ausrollt, was ganz allgemein als Haben-Wollen und auch im Speziellen als Konsumorientierung in die Struktur von Subjektivität einzuwachsen hat, was auf die Relevanz der Konsumtionssphäre verweist. Gemeint sind allerdings Profite, wenn von Wachstum die Rede ist. In Anlehnung an Keynes und Galbraith, viel zitierte und zum Teil heftig kritisierte Theoretiker, macht Suzman auf Phänomene aufmerksam, was bei der Lektüre der genannten Autoren meist überblättert wird, die Volkswirtschaften industrialisierter Länder seien im Grunde produktiv genug und die Produktion weiterer Bedürfnisse zumal durch Werbung diene der Abschattung sozialer Ungleichheit und vor allem dazu, das „Hamsterrad der Produktion und des Konsums“ (s.o.) am Laufen zu halten und zu schnellerer Drehung anzustacheln. Zwar nicht expressis verbis, doch aber greifbar schaltet sich der Autor damit in neuere Diskussionen um die so genannte vierte industrielle Revolution ein, deren Fürsprecher von ihr Entlastungen von Arbeitsmühen, drastisch verringerte Arbeitszeit und in toto segensreichen Fortschritt erwarten und allseits versprechen, deren Opfer als jetzt schon Prekarisierte, Ausgemusterte und Überflüssige das allerdings ganz anders erfahren und sehen. Das bringe zum Ausdruck, wie Suzman gleich eingangs bemerkt, dass die „Menschheit noch nicht so weit (ist), dass sie die Fortschrittsdividende einstreichen könnte“, nicht bereit, „ihre kollektive Dividende einzufordern“ (S. 11). Diese vierte industrielle Revolution, und gut möglich, dass zukünftige Historiker, was der Autor vermutet, diesen technologischen Entwicklungsschub mit den vorhergehenden industriellen Revolutionen zusammenfassen werden, sie wird im Zuge kapitalistischer Entwicklung – ein Déjà-vu – eine Überakkumulationskrise mit all ihren ökonomischen und sozialen Folgen für eine weltweit anwachsende, schichtenübergreifende Anzahl von Menschen sein, was sich bereits abzeichnet, und dies auch mit politischen unerquicklichen Folgen. Wenn überhaupt, bescheidet sich jenes ‚Dividende einfordern‘ in der Hauptsache mit Verteilungs- und Teilhabekämpfen, zielt weniger auf Transformation und Emanzipation von kapitalistischer Ökonomie. ‚Knappheit‘, was nicht zu unterschlagen ist, hatte und hat periodisch unterschiedlich gravierend gerade zur Seite der Arbeiter:innen in bürgerlich kapitalistischen Gesellschaften eine andere und sehr handfeste Bedeutung, die man in Anlehnung an Suzman als ‚Knapphaltungs-Ökomomie‘ bezeichnen kann, als es immer auch darum geht, den Preis der Ware Arbeitskraft so niedrig wie möglich zu halten. Dass dabei Hierarchien, Herrschaftsstrukturen und Macht zu analysieren sind, wäre in die Frage einzuspeisen, welche Form gesellschaftlicher Ordnung mit welchen Mitteln verhindert, dass eine „Fortschrittsdividende“ (s.o.) realiter in dem Sinne, den Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital zu überwinden, eingefordert wird.

Sicherlich bleibt als begleitendes Phänomen festzuhalten, dass und wie Narrative und Werbung als nicht zu unterschlagender Flankenschutz eine Rolle für den ‚Systemerhalt‘ spielen, wobei Influencer nicht zu unterschätzen sind. Suzman ist nicht vorzuhalten, er habe polit-ökonomische Analyse ausgespart, leitet seine Argumentation doch auf diese Ebene, was ein wichtiger Schritt ist. Zugleich gewinnt der Autor auch aus der erweiterten Steigerung der Möglichkeiten aus technologischen Innovationen ein Zutrauen in Emanzipation, das er mit der von ihm elaborierten Einsicht stützt, dass die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte stets solche bedrohlichen Problemlagen gemeistert habe, wo es gattungsgeschichtlich überlebensnotwendig war. Sein Rekurs auf Jäger- und Sammlergesellschaften ist insoweit mehr Lehrstück als verklärende Rückschau, wovon er weit entfernt ist, seine Erläuterungen zum Übergang zur Landwirtschaft als Schnittstelle zu sich änderndem Verständnis von Arbeit plausibilisiert er quellenreich, zeigt auch die Ambivalenzen eines Fortschritts auf, wie er sich vom frühen Städtebau bis zur Urbanisierung abzeichnet. Was er über „Energie“ sagt und Überschüsse, die kreativ zu nutzen sind und genutzt wurden, gleichermaßen über „Entropie“ z.B. in Bezug auf Städte, die wie Lebewesen „vor der Entropie kapitulieren, schwächeln und absterben“ (S. 263), kann für vergangene Kulturen als wissenschaftlich gesichert gelten und als Mahnung gelesen werden, dann eben auch generell im Hinblick auf das Wachstumsmantra. Solche naturwissenschaftliche Anleihe zur Erklärung sozialanthropologischer Befunde mag irritieren, weil ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen nicht ‚Naturgesetzen‘ unterliegen resp. dadurch determiniert sind. Auch die perspektivischen Aussagen früher geschichtsphilosophischer Entwürfe wie bspw. von Vico oder für die Soziologie das Dreistadiengesetz von Comte mit seinem nahezu erlösenden Ausgang sind höchstens noch von wissenschaftshistorischen Interesse. Kritisch anzuknüfen wäre in Diskussionen daran, dass im Kantischen Sinne der Mensch zur Vernunft fähig ist und es im Marxschen Sinne darauf ankommt, nicht weniger als die Welt „zu verändern“. Dass dies geschehen wird, der Vernunft Geltung verschafft wird und die Menschen ihr gemäß am Rad ihrer Geschichte drehen werden, da ist Suzman aus sozialanthropologischer Sicht gelassen optimistisch, wobei allerdings mehr zu überwinden sein wird als eine Knappheits-Ökonomie und der Prozess der Überwindung das immer mehr unter den Nägeln brennende Problem ist.

Fazit

Suzman erweitert nicht schlicht die Regalmeter an Literatur über die Geschichte der Arbeit von Sklavenhaltergesellschaften bis zu modernen Workoholics und Prekarisierten, sondern blickt weit in die Menschheitsgeschichte zurück und bis in die Gegenwart, nicht um zu missionieren, sondern um eine breite Diskussion anzustoßen, in der das, was wir heute unter Arbeit verstehen, auf den Prüfstand gestellt wird. Als Anthropologe weiß Suzman durchaus zu würdigen, was die Menschheit durch Arbeit gewonnen hat und wie sie sich dadurch Freiräume für kreative Weiterentwicklung schuf, zeigt aber auch, wann und wie dieser Prozess über einen langen Zeitraum zu dem umschlug, worunter heute der größte Teil der Menschheit leidet und was bei scheint’s näher rückender Strafe des Untergangs abzuwenden ist. Spürbare Vorboten einer menschengemachten Klimakatastrophe und ein Pandemiegeschehen bisher ungeahnten Ausmaßes halten uns in einem „Schwitzkasten“ (s.o.), der zur Reflexion über (Un-)Sinn und vor allem (destruktiven) Zweck eines „krakenhaften Klammer-Griffs“ (s.o.) inzwischen weltweit herrschender Ökonomie anhält. Was bleibt, ist, dass die Transformationsschwelle zu einer heute weniger denn je vorstellbaren neuen Epoche überschritten werden muss, was konkrete Utopie herausfordern mag, auf jeden Fall aber Praxis meint.


Rezension von
Arnold Schmieder
E-Mail Mailformular


Alle 107 Rezensionen von Arnold Schmieder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 19.05.2021 zu: James Suzman: Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit. Verlag C.H. Beck (München) 2021. ISBN 978-3-406-76548-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28201.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht