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Michael Wutzler, Jacqueline Klesse (Hrsg.): Paarbeziehungen heute

Rezensiert von Prof. Dr. Karl Lenz, 18.10.2022

Cover Michael Wutzler, Jacqueline Klesse (Hrsg.): Paarbeziehungen heute ISBN 978-3-7799-6218-2

Michael Wutzler, Jacqueline Klesse (Hrsg.): Paarbeziehungen heute. Kontinuität und Wandel. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 281 Seiten. ISBN 978-3-7799-6218-2. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.

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Thema

Der Sammelband ist aus einem Workshop im Rahmen des DFG Projekts „Der Ernst der Ehe ­- Heirat und Ehe im Spannungsfeld von Deinstitutionalisierung und rechtlicher Normierung“ an der Universität Siegen hervorgegangen, der im April 2019 stattgefunden hat. Zu dieser Tagung waren qualitativ ausgerichtete Forschungsprojekte aus der Paarforschung eingeladen. In den Blick genommen werden verschiedene Facetten gegenwärtiger Paarbeziehungen aus Deutschland, Schweiz und Indien. Als das verbindende Thema wird, wie schon im Untertitel angezeigt, eine „ambivalente und spannungsreiche Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Wandel“ (S. 9) herausgestellt. Insbesondere der Einleitungsbeitrag zeigt zudem auf, dass die Veränderungsdynamik weitreichende Auswirkungen auf die konzeptionellen Grundlagen der Paarforschung hat.

Herausgeber:nnen und Autor:nnen

Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches waren die beiden Herausgeber:innen – Michael Wutzler und Jacqueline Klesse – wissenschaftliche:r Mitarbeiter bzw. Mitarbeiterin im oben genannten DFG Projekt, das von Wolfgang Ludwig-Mayerhofer eingeworben und geleitet wurde. Mittlerweile ist das Projekt nach meinen Informationen ausgelaufen.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst insgesamt 10 Artikel. Der einleitende Beitrag, verfasst von Michael Wutzler, möchte nicht nur den thematischen Rahmen skizzieren und zu den folgenden Beiträgen hinführen, sondern ist als ein konzeptioneller Beitrag zur Paarforschung konzipiert. Im Fokus steht dabei das Bestreben, angesichts der Veränderungsdynamik der heutigen Paarbeziehungen, einen adäquaten Begriff der Paarbeziehung zu formulieren. Die Grunddiagnose für diesen Beitrag und den gesamten Band, die „ambivalente und spannungsreiche Gleichzeitigkeit von Kontinuität und Wandel“ (S. 9), wird angezeigt, aber nicht näher inhaltlich erläutert oder gar mit empirischen Befunden untermauert. Dass Paarbeziehungen weiterhin als „kulturelle Selbstverständlichkeit“ (S. 7) gelten, für Identitätsbildung und Lebensentwürfe unverändert zentral sind und „die Orientierung an kulturellen idealen“ (S. 8) nicht aufgegeben wird, können als Verweise auf Kontinuität gelesen werden. Für den Wandel dagegen steht, dass sich Paarbeziehungen „weniger linear verlaufend, in ihren Grenzen diffuser, räumlich flexibler und zunehmend als praktische Leistungen der Partner*innen“ (S. 8) zeigen. Alle diese genannten Aspekte könnten dazu einladen, näher darzustellen, was darunter verstanden werden soll und aufzuzeigen, welche empirischen Belege, diese Deutungen nahelegen. Wutzler geht aber nicht diesen Weg, sondern verwendet als Beleg für den Wandel ein Interview der US-amerikanischen Sängerin und Schauspielerin Miley Cyrus aus der Februar-Ausgabe 2019 der Zeitschrift Vanity Fair, das angelehnt am Verfahren der objektiven Hermeneutik interpretiert wird. Nicht nur wird damit der Wandel der Paarbeziehungen auf die Entscheidung zur Eheschließung verengt. Aus dem Projektzusammenhang des Autors ist diese Fokussierung verständlich, aber dem viel breiteren, in Einleitung aufgemachten Thema wird dies nicht gerecht. Aber noch ungleich gewichtiger halte ich die mit erheblichen Zweifeln einhergehende Frage, ob Aussagen einer Kunstfigur der Kulturindustrie, die biografische Details aus ihrem Leben strategisch für die Vermarktung einsetzt, geeignet ist, um Einblicke in die „gelebte Paarrealität“ (S. 27) zu gewinnen. Sicherlich sind heute Filme und Musik und die Selbstinszenierungen ihrer Stars und Sternchen eine wesentliche Quelle für den heutigen Diskurs und damit ein kulturelles Angebot, mit dem Paare konfrontiert sind und an dem sie in ihren Erwartungen und Handlungen anknüpfen (können). Jedoch wird nicht deutlich gemacht und ist auch nicht erkennbar, dass es in dieser Interpretationsarbeit ausschließlich um die Rekonstruktion von Diskurselementen geht. Dominant ist vielmehr, dass damit zumindest auch Veränderungen der sozialen Praxis von Paaren sichtbar werden.

Wie schon erwähnt, ist der Anspruch dieses einleitenden Beitrags weitreichender; Wutzler möchte einen neuen Begriff der Paarbeziehung skizzieren. Zu diesem Zweck gibt der Autor zunächst einen kurzen Überblick über die aktuelle Paarforschung, der stark an einzelnen Autor:innen ausgerichtet ist. Ausführlich wird anschließend auf die romantische Liebe und die breite Diskussion zur Abkehr bzw. zum Wandel der romantischen Liebe eingegangen. Die Heteronormativität, Mono-Normativität und der Verschleierung der patriarchalen Ungleichheitsstrukturen werden als Kritikpunkte an der romantischen Liebe benannt. Durchaus deutlicher hätte man dabei aufführen können, ob sich diese Kritik vor allem an das kulturelle Leitbild richtet oder an Forschungsarbeiten, die sich mit diesem Leitbild befasst haben. Die weiteren Vorüberlegungen und der Vorschlag eines neuen Begriffes folgen dann im Schlusskapitel. Auf diesen Vorschlag werde ich an späterer Stelle bei der Diskussion noch näher eingehen. Überraschend und für mich nicht voll nachvollziehbar ist dabei, warum bei der als erforderlich erachteten Neuausrichtung so viel Wert auf einen neuen Begriff der Paarbeziehung gelegt wird. Ungleich naheliegender und durchaus auch weiterführender wäre es gewesen, wenn einige Grundlinien für ein neues Forschungsprogramm skizziert worden wären.

Die empirischen Beiträge in diesem Sammelband sind nach dem möglichen Verlauf einer Zweierbeziehung angeordnet, vom Kennenlernen bis zur Trennung. Den Auftakt macht Andrea Newerla (damals JLU Gießen, inzwischen Universität Salzburg), die sich mit der Nutzung von Mobile Dating Applikationen (MDA) befasst. Am bekanntesten ist hierbei sicherlich Tinder, auch wenn es längst nicht mehr das einzige Angebot ist. Während das Online-Dating, präziser die Beziehungssuche über webbasierte Vermittlungsagenturen (z.B. Parship), mittlerweile breit erforscht ist, gibt es zur MDA-Nutzung noch deutlich weniger Studien. Noch stärker als herkömmliches Online-Dating steht die Suche mit einer App auf dem Smartphone im generalisierten Verdacht, dass es dabei letztlich nur um sexuelle Kontakte gehe. Die Autorin setzt sich kritisch mit diesem verbreiteten Konservativismus in der Paarforschung auseinander und macht diese Kritik an der Position von Eva Illouz deutlich, für die die Suche nach Gelegenheitssex in dem Konzept der negativen Beziehung gipfelt. Sicherlich ist es jenseits jeglicher Liebes- bzw. Gleichheitsrhetorik wichtig und schlecht unerlässlich, und das liegt Illouz nahe, bei der Forschung über Paarbeziehung die Frage nach der Machtverteilung zu stellen. Bei Illouz wird aber eine versteckte Normativität sichtbar, wonach doch nur die Kontinuitätsbiografie und die Suche nach der einen wahren und dauerhaften ‚Liebe‘ der einzig richtige Beziehungsweg sei. Von dieser normativ verengten Perspektive macht sich dieser Beitrag überzeugend frei und ist bestrebt, „die Potenzialität von Bewegung und Offenheit herauszuarbeit(en), die in den Praktiken des MDA-Dating liegen“ (S. 52). Sie stützt sich dabei auf ein laufendes Forschungsprojekt. Neben Feldprotokollen eigener MDA-Erfahrungen und informeller Gespräche stützt sich Newerla bei diesem Artikel auf Interviews mit sieben Frauen und vier Männern im Alter von 20 bis 47 Jahren, darunter auch Personen, die sich selbst als queer, gay oder bisexuell etikettieren. In einer sehr anschaulichen materialreichen Darstellung wird dargelegt, dass die Offenheit und Unbestimmtheit der MDA-Praxis vielfach „love struggle“ hervorbringen. Sie entstehen dann, wenn – wie die Autorin formuliert und auch zeigt – „romantische Erwartungen auf einen unbestimmten Möglichkeitsraum treffen“ (S. 61). Daraus können Verletzungen und Leiden resultieren. Zugleich wird aber auch gezeigt, dass positive Erfahrungen mit neuen Beziehungsformen, wie z.B. polyamore Beziehungen oder Freundschaften Plus, entstehen können. Letztere zeigen zudem, dass Freundschaften immer wichtiger und auch die Abgrenzung zu Paarbeziehungen zunehmend diffuser werden. Dem abschließenden Plädoyer, dass eine Soziologie der intimen Beziehungen, die praktizierte Beziehungsvielfalt in den Blick nehmen sollte, kann ich mich uneingeschränkt anschließen. Kritsch dagegen sehe ich die positive Wiedergabe der Forderung des französischen Soziologen Didier Eribson (besser noch bekannt als Autor des Bestsellers „Rückkehr nach Reims“) nach einer „Überwindung des herrschenden (heteronormativen) Beziehungsideal“ (S. 64). Dabei soll keineswegs bestritten werden, dass Paarbeziehungen dies praktizieren oder dass die Paarsoziologie dringend der Überwindung ihres heteronormativen Bias bedarf. Wenn aber diese Forderung in der soziologischen Publikation an die Paare gerichtet wird, dann wird die Soziologin als Beobachterin zur Beziehungsberaterin oder gar Beziehungspolitikerin. Und das sind aber verschiedene Rollen, die für die Qualität der soziologischen Analyse besser strikt getrennt werden sollten.

Im folgenden Beitrag befasst sich die Hamburger Soziologin Viola Logemann mit der Spannung zwischen Selbstverwirklichung und Bindung in den Lebensentwürfen von jungen, hochgebildeten Frauen. Empirische Grundlage bilden sechs Interviews mit Studentinnen, die nach der dokumentarischen Methode ausgewertet wurden. Vier von ihnen hatten eine aktuelle heterosexuelle Beziehung und die beiden anderen eine solche in der Vergangenheit. Eingebettet in die breite Diskussion zum romantischen und partnerschaftlichen Liebesideal und unter Verwendung der von Ralf Bohnsack stammenden Unterscheidung zwischen Orientierungsschemata und -rahmen geht es Logemann darum, die impliziten Handlungsorientierungen, also die Orientierungsrahmen, aufzuzeigen. Identifiziert werden konnten drei Orientierungsrahmen, die als „Absichern und selbst Ankommen“, „Anstrengen und gemeinsam Vorankommen“ und „Behaupten und gemeinsam Ankommen“ bezeichnet werden. Unter Rückgriff auf Fallbeispiele werden diese drei Typen ausführlich beschrieben und die Unterschiede deutlich gemacht. Anzumerken ist allerdings, dass für die Unterscheidung von drei Typen sechs Interviews eine schmale empirische Basis bilden. Offen muss dabei bleiben, ob mit einer Ausweitung weitere Typen auffindbar wären wie auch die Frage, ob sich die einzelnen Typen durch eine größere Anzahl zugeordneter Fälle anders gestalten würden. Sicherlich ist es in der qualitativen Sozialforschung unvermeidlich, dass man oftmals mit einer geringen Fallzahl auskommen muss. Fraglich ist es allerdings, ob in diesen Fällen der Weg einer Typenbildung unbedingt der ideale ist. Auch ohne eine Typenbildung ist die Entdeckungsfunktion dieser Form der Sozialforschung groß.

Die Landesgrenzen werden im dritten empirischen Beitrag überschritten. Fleur Weibel befasst sich mit einem Vergleich zwischen gleich- und gegengeschlechtlichen Brautpaaren in der Schweiz. Im Artikel ist von homo- und heterosexuellen Paaren die Rede und damit wird eine verbreitete Vermengung zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung praktiziert. Für eine diversitätssensible Paarforschung sollte aber beides strikt auseinandergehalten werden. Sieht man von dieser unnötigen Vermengung ab, ist dieser Beitrag jedoch sehr reichhaltig. Er basiert auf dem von der Basler Soziologin Andrea Maihofer geleiteten, SNF geförderten Forschungsprojekt „Hochzeitspraktiken“ und steht zugleich in Verbindung mit dem Dissertationsvorhaben der Autorin. Anders als in Deutschland und 14 weiteren europäischen Ländern hatte die Schweiz zum Zeitpunkt der Studie die Ehe noch nicht für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. (Im Juli 2022 erfolgte das auch dort). Ähnlich wie in Deutschland vor 2017 gab es in der Schweiz ein Partnerschaftsgesetz. Im Zentrum des Beitrags steht eine vergleichende Betrachtung der Hochzeitspraktiken von vier gleichgeschlechtlichen Paaren und zehn gegengeschlechtlichen Paaren, die eine Partnerschaft bzw. eine Ehe geschlossen haben. Für die Datengewinnung werden teilnehmende Beobachtung bei den Feiern der Paare und leitfadengestützte Einzelinterview genutzt. Zunächst werden die Gemeinsamkeiten aufgezeigt, die bei den „Bedürfnissen“ zum Vorschein kommen, sich zueinander zu bekennen, das vor anderen kundzumachen und zugleich das gemeinsame Glück anzuzeigen. Unterschiede zwischen den gleich- und gegengeschlechtlichen Paaren ergeben sich dabei dadurch, wie das soziale Umfeld auf die Ankündigung der Heirat/​Partnerschaft reagiert und in ihrer Teilnahmebereitschaft. Für gleichgeschlechtliche Paare gilt dieser Schritt vielfach als eine politische Aktion, mit der eine gleichwertige Anerkennung eingefordert wird. In der LGBTIQA+-Community ist dies allerdings nicht unumstritten; als Gegenposition wird der Vorwurf der „Heteronormalisierung“ (Ludwig 2016; H.i.O.) vorgebracht. Anstatt diese bekannte Position lediglich zu benennen, hätte man sich gewünscht zu erfahren, wie sich die gleichgeschlechtlichen Paare, die sich zu diesem Schritt der staatlichen Anerkennung entschlossen haben, zu dieser Kritik positionieren.

Die beiden folgenden Artikel, von Carsten Horn und Michael Wutzler, stammen aus dem Siegener Projekt, das zu diesem Workshop eingeladen hatte. Horn möchte die „moderate, aber kontinuierliche Zunahme der Eheschließungen heterosexueller Paare in den letzten Jahren“ (S. 124) erklären. Nimmt man an, dass Horn beim Schreiben des Artikels die Daten zur Eheschließung in Deutschland bis 2016 vorlagen, dann zeigt sich tatsächlich, dass ab 2013 für vier Jahre die absolute Zahl der Eheschließungen angestiegen ist. Geht man allerdings weiter zurück, dann stimmt das nicht. In den Nuller- und frühen Zehnerjahren zeigen sich nahezu fortlaufend Schwankungen. Im Vergleich zu 2006, also 10 Jahre früher, ist die Anzahl der Eheschließungen tatsächlich um 36.800 gestiegen. Geht dann aber dagegen 20 Jahre zurück, auf 1996, dann zeigt sich, dass die Zahlen um 16.800 gesunken sind und im Vergleich zu 1986 sogar um fast 100.000 (vgl. BIB). Allerdings sind die absoluten Zahlen nur wenig aussagekräftig, da diese ganz wesentlich von der Anzahl der Personen im ‚heiratsfähigen Alter‘ bestimmt werden. Besser beraten ist man mit der Betrachtung der Heiratsneigung; worunter die Wahrscheinlichkeit verstanden wird, dass eine Person zumindest einmal im gesamten Leben heiratet. Entsprechende Berechnungen sind kompliziert. Dafür braucht es Heiratstafeln, die ähnlich aufgebaut sind wie die aus dem Zusammenhang der Lebenserwartung deutlich bekannteren Sterbetafeln. Der hohe Aufwand für die Erstellung für Heiratstafel bedingt, dass diese nur zeitversetzt und vereinzelt angefertigt werden. Die vorliegenden Ergebnisse lassen nicht erkennen, dass es zu einer ansteigenden Heiratsneigung gekommen ist (vgl. Grünheid 2011; Brachat-Schwarz/​Binder 2021). Bei diesem Beitrag gibt es folglich mit dem Explanandum, also dem zu erklärenden Phänomen, erhebliche Probleme. Wenden wir uns aber unabhängig davon der präsentierten Erklärung zu. Dass die qualitative Sozialforschung zur Erklärung eines Phänomens verwendet wird, kommt eher selten vor, ist aber keineswegs ausgeschlossen. Horn greift zur Erklärung auf Andreas Reckwitz‘ Zeitdiagnose zur „Gesellschaft der Singularitäten“ (2017) zurück. Für die Gesellschaften des globalen Nordens wird ein Übergang von der Logik des doing generality zu einer Logik des doing singularity konstatiert. Horn kritisiert Reckwitz zwar, dass dieser intime Beziehungen in seiner Analyse weitgehend ausklammert, dennoch schreibt er dieser Diagnose ein Erklärungspotenzial zu. Ausgewählt werden aus dem Datenmaterial des Projekts „Der Ernst der Ehe“ zwei Paare, die kurz vor der Eheschließung waren und die für die beiden unterschiedlichen Logiken stehen. Statt die primäre Entdeckungsfunktion der qualitativen Sozialforschung zu nutzen, kommt im Umgang mit der Empirie eine Subsumptionslogik zur Anwendung. Die beiden Fallbeispiele werden der Theorie untergeordnet und vor allem zu deren Illustration verwendet. Weder wird deutlich, ob es auch widersprechende Aussagen in den Interviews gibt noch ob es andere Fälle gibt, die sich dieser einfachen Zuordnung entziehen. Auch wenn die profunden Kenntnisse zu Reckwitz‘ Zeitdiagnose außer Frage stehen, kann diese Analyse nicht überzeugen. Diese Vorgehensweise reicht nicht aus, um zu belegen, dass die Ehe „nicht mehr nur als traditionelle Option“ verstanden werden kann, sondern „zum Gegenstand von Praktiken der Singularisierung“ (S. 125) wurde. Auch kann ich nicht erkennen, dass eine Überlegenheit dieser Theorie gegenüber „deinstitutionalisierungs- und individualisierungstheoretischen Zugängen“ ernsthaft untermauert wurde. Nicht nur wegen dem Explanandum, dass mehr Chimäre als ein reales Phänomen ist, sondern da das, was man als Theorievergleich auffassen kann, schlicht fehlt.

Mit der Wahl des Ehenamens bei heterosexuellen Paaren befasst sich der Artikel von Wutzler. Weiterhin übernehmen die meisten Paare den Namen des Mannes, obwohl auch Doppelnamen (für einen der beiden) oder das Beibehalten der beiden Familiennamen in Deutschland mittlerweile möglich sind. Die empirische Grundlage bilden 35 narrative Paarinterviews. Kurz vor der standesamtlichen Trauung wurden die Paare über ihre Paarbiografie und ihren Entschluss zur Eheschließung befragt. Detailliert und sehr lesenswert werden die Motive für die Wahl des Ehenamens rekonstruiert. Traditionelle und patriarchalische Muster setzen sich fort, bei dieser Wahl wird auf Selbstverständlichkeiten, sozialen Druck oder den Erhalt des Familienvermächtnisses verwiesen. Im Vergleich zu älteren Studien lasse sich aber dennoch eine Ausdifferenzierung von Gründen erkennen. Wutzler möchte dabei aber nicht „unspezifisch von einer Verschiebung von traditioneller Selbstverständlichkeit zu Individualisierung (…) sprechen“ (S. 174). Das würde, so sein Argument, „der Pluralität an Gründen nicht gerecht“ (ebd.). Anzufügen ist, dass eine solche Aussage angesichts der dargestellten Ergebnisse auch vorschnell wäre.

Sowohl die Rezeption von Publikationen zur Paartherapie wie auch soziologische Arbeiten wie die klassische von Peter L. Berger und Hansfried Kellner (1964) haben dazu geführt, dass Intimität und intensive Gefühle sehr stark mit Gesprächen in Verbindung gebracht werden. Schon früh hat sich der französische Mikrosoziologe Jean-Claude Kaufmann in seinen Studien (z.B. 1994) damit kritisch auseinandergesetzt. Stella Rehbein reiht sich mit ihrem lesenswerten Beitrag, der aus ihrem laufenden Promotionsprojekt an den Universitäten Erfurt und Graz stammt, in diese Tradition ein. Sie arbeitet heraus, dass der Dimension der Materialität von Intimität in der Paarforschung bislang kaum Rechnung getragen wurde. Intimität und intensive Gefühle werden aber, so die Grundthese dieses Aufsatzes „ganz zentral über Objekte und Räume vermittelt“ (S. 180). In ihrer theoretischen Grundlegung stützt sich Rehbein auf Andreas Reckwitz, Martina Löw und vor allem auf die sehr anregende Arbeit „Queer Phenomenology“ von Sara Ahmed (2006). Um die Dimension der Materialität erschließen zu können, verwendet die Autorin in ihrer Empirie „Walking Interviews“. Dabei zeigen die Paare der Interviewerin im Gespräch Objekte und Räume, die für sie wichtig sind. Neben den Aufzeichnungen der Walking Interviews wurden auch umfangreiche Beobachtungsprotokolle angefertigt. Insgesamt umfasste das Sample elf gegengeschlechtliche Paare und ein gleichgeschlechtliches. Anhand von zwei ausgewählten Paaren wird der enge Zusammenhang von Affektivität und häuslicher Sphäre eindrucksvoll dargestellt. Herausgestellt wird, dass es vor allem darauf ankomme, den gemeinsam genutzten häuslichen Raum in den Blick zu nehmen. Dieser Beitrag macht neugierig auf die Publikation der abgeschlossenen Dissertation.

Nach einem vorangegangenen Schweizer Beitrag verlässt Janna Vogl Europa und wendet sich einer Liebesheirat in Indien zu. In Indien dominiert ein Heiratssystem, in dem von Eltern arrangierte Ehen präferiert werden. Während aus europäischer Perspektive Liebe als Ausdruck der Modernisierung aufgefasst wird, ist Liebe im Kontext indischer Frauenorganisationen – wie die Autorin zeigt – oftmals negativ konnotiert. Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht das indische Ehepaar Kalai (weiblicher Vorname) und Devak (männlicher Vorname), das aus Liebe geheiratet hat und zugleich in der Sorgearbeit für ihre beiden Kinder und im Haushalt eine egalitäre Arbeitsteilung praktiziert. Die Autorin wählte das Paar aus, da es deutlich vom gesamten Sample abweicht und auch im Widerspruch – so Vogl – zur verbreiteten Annahme steht, dass Liebe und Gleichberechtigung mit Bildung und Urbanität in Verbindung stehen. Beide besitzen keine gute Ausbildung, stammen vom Land und leben dort und gehören zudem der untersten Kaste an. Kennengelernt hat die Autorin das Paar in einer vor Ort gegründeten Frauenorganisation im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu. In ihren Forschungsaufenthalten in Indien ging es Vogl vor allem darum, den Einfluss der Aktivitäten von Frauenorganisationen auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu analysieren. Die Analyse der Paarbildungsprozesse bildet für sie ein Nebenthema, das für diesen Aufsatz aufgegriffen wurde. Beim ausgewählten Paar hat die Autorin wiederholt tage- oder wochenweise gewohnt und mit den beiden zwei (mit Kalai) bzw. ein biografisches Interview (mit Devak) geführt. Detailliert wird ihre Lebensgeschichte, ihr Kennenlernen, das Liebeswerben von Devak und die zögernde Haltung von Kalai, ihre Einwilligung nach Krankheit und Heilung, ihre Heirat, die zunächst ohne Zustimmung der Familie von Devak (Kalais Eltern lebten nicht mehr) erfolgte, ihre Familiengründung sowie ihre in diesem sozialen Kontext außergewöhnliche Arbeitsteilung dargestellt. Deutlich gemacht wird dabei, dass Kalai und Devak unterschiedliche Vorstellungen von Fortschrittlichkeit und Partnerschaft haben. Vogl stellt heraus, dass ihre Liebesheirat und auch ihre egalitäre Arbeitsteilung „nicht als das Resultat eines etablierten und angestrebten Ideals zu erklären ist“ (S. 229). Stattdessen werden die unterschiedlichen biografischen Motive und Beweggründe der beiden rekonstruiert. Es gelingt der Autorin sehr überzeugend, den kulturellen Index von Liebes- und Beziehungsvorstellungen aufzuzeigen. Damit wird zugleich deutlich, wie wichtig und bereichernd für ein besseres Verständnis von ‚Liebe‘ und Paarbeziehungen kulturübergreifende Analysen sind. Vogl möchte aber mit ihrem Beitrag noch mehr; sie möchte die „Annahme eines Zusammenhangs von ‚Liebesheirat‘, Individualisierung und Gleichberechtigung“ (S. 207) hinterfragen. Zu diesem Zweck stellt sie immer wieder Bezüge zur deutschsprachigen Paarsoziologie her. Das Problem dabei ist nicht nur, dass die in der Paarforschung aufgezeigten Verbindungslinien von Liebe, Individualisierung und Gleichberechtigung stark vereinfachend dargestellt werden. Mehr noch erweist sich als Problem, dass damit impliziert wird, als ob es eine universelle Liebessemantik geben würde. Sicherlich trifft es zu, dass die Kulturindustrie eine aus dem globalen Norden stammende Liebessemantik weltweit transportiert und vermarktet. Das schafft die kulturelle Vielfalt der Liebesideale jedoch nicht einfach ab. Die Stärke des Artikels besteht gerade darin, die tatsächlich gegebene kulturelle Vielfalt sichtbar zu machen.

Die letzten beiden Beiträge befassen sich mit Auflösung von Paarbeziehung. Den Auftakt macht die inzwischen an der TU Dortmund tätige Maya Halatcheva-Trapp und befasst sich mit der Konstruktion von Elternschaft im Diskurs von Trennungs- und Scheidungsberatung. Die Autorin greift auf ihre Dissertation an der LMU München zurück, die 2018 unter dem Titel „Elternschaft im Wechselspiel von Deutungsmustern und Diskurs“ erschienen ist. Den Hintergrund bildet die Kindschaftsrechtsreform mit ihrer Einführung des gemeinsamen Sorgerechts als Normalfall nach einer Scheidung. Die empirische Grundlage bilden 22 Interviews, die in Beratungseinrichtungen freier Träger im Rahmen eines BMFSFJ geförderten Forschungsprojektes geführt wurden. Die Interviewsituation wird als Ort der Diskurs(re)produktion aufgefasst und für die Analyse auf die Wissenssoziologische Diskursanalyse von Rainer Keller zurückgegriffen. Wichtig für ihre Analyse sind zudem Arbeiten aus der französischen Familienforschung, die „Familie als Produkt von institutionalisierten Wissensordnungen und Politiken wirkmächtiger Instanzen wie etwa Staat und Kirche untersuch(en)“ (S. 235). Stellvertretend kann hier Jacques Donzelot, ein Schüler von Michel Foucault genannt werden. Für die diskursive Konstruktion von Elternschaft im Beratungsprozess lassen sich nach Halatcheva-Trapp zwei Deutungsmuster identifizieren: die Partnerschaftlichkeit als Regulativ der elterlichen Nachtrennungsfamilie und die Sorge als Regulativ der Eltern-Kind-Beziehung. Das Deutungsmuster der Sorge ist dabei vergeschlechtlicht, mit einer alltagsnahen Mutter und einem alltagsfernen Vater. Im Spezialdiskurs der Scheidungs- und Trennungsberatung nimmt das Deutungsmuster der Partnerschaftlichkeit einen deutlich breiteren Raum ein; darin wird in den Worten der Autorin eine „Persistenz des Paares“ im Beratungsprozess deutlich. Dieser Beitrag und überhaupt diese Studie zeigen eindrucksvoll das hohe Potenzial der Diskursanalyse für die Paarforschung. Die Diskursanalyse ist dabei keineswegs auf Interviews begrenzt, sondern sie kann das breite Angebot natürlicher Daten nutzen. Dass dafür Interviews genutzt werden, ist eher eine Ausnahme.

Abgeschlossen wird der Band durch den Beitrag von Judith Eckert, Eva-Maria Bub und Cornelia Koppetsch, der der Frage nachgeht, warum Paarbeziehungen scheitern. Aus Sicht der Verfasserinnen ist diese Frage „bislang noch nicht zufriedenstellend geklärt“ (S. 249). Als Grund wird genannt, dass das ‚Innenleben‘ einer Ehe bzw. eines Paars eine „Black Box (sei), die sich dem methodischen Zugriff der Forscher*innen entzieht“ (ebd.). Der Beitrag ist aus dem von Koppetsch beantragten und von der DFG geförderten Projekt „Paare nach der Trennung“ entstanden. Koppetsch, die an der TU Darmstadt lehrt, hat die Paarforschung seit mehr als 25 Jahren nachhaltig geprägt. Einbezogen wurden in dieser Studie 23 Ex-Paare. 19 Paare lebten in einer gegengeschlechtlichen, drei in einer gleichgeschlechtlichen und eines in einer polygamen Konstellation. Ihre Beziehungsdauer variiert zwischen 3 und 35 Jahren, z.T. waren sie verheiratet und z.T. hatten sie auch Kinder. Mit beiden Beziehungspersonen der Ex-Paare wurden Einzelinterviews durchgeführt. Etwas erstaunlich ist, dass für die Auswertung mehrere bewährte Verfahren, z.B. Objektive Hermeneutik und Grounded Theory, kombiniert wurden. Unklar bleibt, wie das möglich ist und was der Gewinn aus dieser Kombination sein soll. Aus guten Gründen wird in der Studie die Trennung als sozialer Prozess aufgefasst und von vornherein die Unterscheidung zwischen der erzählten und erlebten Beziehungsgeschichte beachtet. Innovativ ist die theoretische Grundlegung der Studie. Wie schon Koppetsch in früheren Publikationen ausgeführt hat, wird davon ausgegangen, dass die Beziehungsdynamik nach dem Prinzip des Gabentauschs bestimmt wird. Eine Trennungsdynamik beginnt, „wenn aus Sicht einer Person die erwarteten Gegengaben (…) mittel- oder längerfristig ausbleiben und der Dissens offenbar wird“ (S. 255). Davon zu unterscheiden ist der konkrete Trennungsvollzug. Wichtig dabei sind „Trennungskatalysatoren“, die von unzufriedenen Beziehungspersonen auch aktiv erzeugt werden können. Nach den Autorinnen lassen sich vier Scheiternskonstellationen unterscheiden, die als „asymmetrische Machtverhältnisse“, „einseitige Fürsorgearrangements“, „Desynchronisierung der Erwartungen im Lebensverlauf“ und „gescheiterter Statuserhalt oder -gewinn“ bezeichnet werden. Diese Scheiternskonstellationen werden jeweils an einem Fallbeispiel illustriert und in einer anschließenden Generalisierung expliziert. Uneingeschränkt kann festgestellt werden, dass diese Studie die deutschsprachige Trennungsforschung stark bereichert. Allerdings hätte die Arbeit gewinnen können, wenn die internationale Trennungsforschung nicht nur punktuell, sondern ausgiebiger rezipiert worden wäre.

Diskussion

An dieser Stelle möchte ich Wutzlers Vorschlag eines neuen Begriffs der Paarbeziehung aus der Einleitung näher vorstellen und kritisch würdigen. Betont wird, dass sich der Bedarf nach einem neuen Begriff der Paarbeziehung vor allem aufgrund „intersektioneller Fragestellungen, Fragestellungen im LGBTIQA+-Kontext oder in Bezug zu (…) nicht-monogame Beziehungsformen“ (S. 23) entstanden ist. Überraschend ist es, dass bei diesem Vorhaben als Gegenpol so stark die Liebe und vor allem die romantischen Liebe thematisiert wird. Es gibt zwar Paarbeziehungsbegriffe, die unmittelbar auf Liebe Bezug nehmen, wie z.B. von Günter Burkart (2018), jedoch ist das keineswegs gängig. Zu beachten ist auch, dass Burkart bei seiner Definition vom „Kulturmuster Liebe“ spricht und nicht von „romantische Liebe“. Im Schlusskapitel seines Beitrages zeigt Wutzler zunächst auf, was ein geeigneter neuer Begriff leisten muss. In dieser dicht geschriebenen Passage wird eine Fülle von Anforderungen formuliert, die hier nicht vollständig wiedergegeben werden können. Ich konzentriere mich auf die zentralen Anforderungen: Ein neuer Paarbeziehungsbegriff müsse sich von der „heteronormative(n) Geschlechterordnung“, einer „temporale(n) Linearität“, einem „generative(n) Telos“ und einer „präzise(n) Räumlichkeit“ (S. 35) lösen. Auch eine definitorische Festlegung „auf die Zahl Zwei“ (ebd.) reiche nicht aus. Statt „eine starke Normativität zu reproduzieren“ solle „die Potenzialität von Paarbeziehungen konzeptionell in den Mittelpunkt gerückt werden“ (S. 36; H.i.O). Damit ist impliziert, dass der Prozesscharakter der Beziehung und die soziale Praxis der Subjekte betont werden sollen. Den „definitorischen Ausgangspunkt“ sieht Wutzler in der „Möglichkeit der Intimität“ sowie dem „interpersonellen Austausch“ und nicht in einem „historische(n) Ideal“ oder „spezifische(n) Kategorien“ (ebd.), wobei hier vor allem die romantische Liebe gemeint ist. In dem er sich nach seinen eigenen Worten „von der unzeitgemäßen Politik der kleinen Schritte“ (ebd.) verabschiedet, kommt Wutzler zu folgendem Begriffsvorschlag: „Deshalb schlage ich vor, (…) Paarbeziehungen als gesellschaftliche Institution einer Beziehung zwischen zwei Personen zu verstehen, die ein hohes Potenzial dahingehend aufweist, dass zwei Personen reziprok unter den Möglichkeitsbedingungen der je historischen und sozialen Situierung – der gesellschaftlichen Ordnung der Intimität – ein hohes Maß an Intimität herausbilden und unterschiedliche Dimensionen der Intimität in verschiedenen Weisen und hinsichtlich unterschiedlicher Solidaritäten assoziieren“ (S. 37; nicht wiedergegeben sind in diesem gekürzten Zitat fünf Fußnoten, in denen der Autor die Definitionselemente „historische und soziale Situierung“ erläutert bzw. das „hohe Maß an Intimität“, die Intimitätsdimensionen, die „verschiedenen Weisen“ und „unterschiedliche Solidaritäten“ mit einigen Stichwörtern ergänzt).

Es fällt schwer in dieser Definition, den angekündigten großen Schritt zu erkennen. Einiges von dem, was für den Begriff als Anforderung formuliert wird, so die Abkehr „generative(n) Telos“ und einer „präzise(n) Räumlichkeit“ ist in der Paarforschung längst ein fester Bestandteil. Die Entkoppelung von der Familiengründung und auch Paarbeziehung ohne gemeinsamen Haushalt sind lange schon keine neuen Themen mehr. Dass viele Paarbeziehungen nur eine kurze Dauer haben und sie sich überhaupt durch eine hohe Fragilität auszeichnen, ist einer der ‚Grundtatbestände‘, der an der Abkehr von einer Ehesoziologie und am Aufkommen einer Soziologie der Paarbeziehung (oder der Zweierbeziehung) stand. Aber gleichwohl hat Wutzler durchaus auch berechtigte Kritikpunkte an der Paarforschung angesprochen. Dies betrifft insbesondere die Kritik an der verbreiterten Heteronormativität und die starre Festlegung auf die Zahl Zwei. Umso bedauerlicher ist es, dass die eigene Anforderung bei der Zahl Zwei in seinem eigenen Definitionsvorschlag keine Beachtung findet. Gleich zweimal wird in dieser Definition von „zwei Personen“ gesprochen. Diese Kritik hat aber noch weitergehende Auswirkungen, da diese auch die Benennung des zu definierenden Begriffs sowie des Arbeitsfeldes betrifft. Die Zahl Zwei gibt es nicht nur in der „Zweierbeziehung“, sondern auch bei „Paarbeziehung“ und sie findet sich ebenso in „Paarforschung“ oder „Paarsoziologie“. In englischsprachiger Literatur gibt es bereits Vorschläge von der Zahl Zwei im Begriffswort wegzukommen. So hat z.B. Pepper Schwartz et al. (2013) vorgeschlagen, den Begriff der „committed relationship“ zu verwenden, was ermöglicht auch nichtmonogame Beziehungsformen einzubeziehen. Bei der ebenso berechtigten Kritik an der verbreiteten Heteronormativität reicht eine bloße Begriffs(wort)korrektur nicht aus. Hier geht es um eine Neuausrichtung des Forschungsprogramms. Vorrangig ist eine Verbreiterung der Forschungspraxis erforderlich, die mit einer Beschränkung auf die gegengeschlechtliche Paare bricht und die tatsächlich vorhandene Vielfalt an Beziehungskonstellationen als Forschungsgegenstand ohne Scheuklappen anerkennt. Die englischsprachige Paarforschung ist an dieser Stelle bereits deutlich weiter als die deutschsprachige.

Dass Intimität als Grundkategorie für die Bestimmung von Paarbeziehungen gewählt wird, ist alles andere als neu. Erinnert sei nur, dass schon Niklas Luhmann (1982) statt von Paar- von Intimbeziehungen gesprochen hat, was sich in dieser Traditionslinie auch fortgesetzt hat. Auch in englischsprachigen Publikationen ist ihre Verwendung verbreitet (z.B. Jamieson 1998). Das befreit nicht von der Aufgabe näher zu bestimmen, was damit gemeint sein soll. Gut nachvollziehbar ist die in der Definition vorhandene Unterscheidung zwischen der Diskursebene („gesellschaftliche(r) Ordnung der Intimität“) und der Praxisebene (hohes Maß an Intimität). Bei der als Erläuterung gedachten Fußnote zu „hohes Maß an Intimität“ nennt Wutzler „Verbindlichkeit, Exklusivität, Emotionalität, Zuwendung und Vertrautheit“ (Fn 53, S. 37) und damit gerade die an den herkömmlichen Begriffen der Paar- oder Zweierbeziehung kritisierten Definitionselemente. Bei der Nennung von Exklusivität ist man erstaunt, dass der Autor seine davor pointiert formulierte Kritik hier nicht stärker berücksichtigt. Überhaupt ist es mit dieser bloßen Nennung für ein differenziertes Verständnis von Intimität nicht getan. Erste Schritte dazu könnten die in der Definition weiter vorkommenden Begriffe „Dimension“, „Weisen“ und „Solidaritäten“ sein. Jedoch bleiben diese trotz der ebenfalls angefügten Fußnoten (Fn 54, 55 und 56) noch viel zu unbestimmt. Gerne hätte man zudem gewusst, in welcher Verbindung diese zueinanderstehen. Wenn man Intimität – was man mit gutem Grund machen kann – als Grundkategorie verwendet, dann muss man diesen Begriff deutlich ausführlicher erläutern und auch die Bezüge auf andere Autorinnen und Autoren aufzeigen. Insofern bleibt für dieses Vorhaben noch viel zu tun und sicherlich sind Korrekturen auch unvermeidlich.

Uneingeschränkt ist zu konstatieren, dass der vorliegende Sammelband in eindrucksvoller Weise die Reichhaltigkeit der Paarforschung in der Traditionslinie der qualitativen Sozialforschung aufzeigt. Sicherlich kann der Band keinen vollständigen Überblick über aktuelle Forschungsarbeiten geben, aber er zeigt diese in Ausschnitten und exemplarisch auf. Deutlich wird dabei, dass weiterhin auch in diesem Gebiet das Interview als „Königsweg“ der Sozialforschung aufgefasst wird. Deutlich zu wenig wird darüber nachgedacht, welche Erkenntnisgrenzen mit dieser Methode eingehen. Umso erfreulicher ist es, wenn diese Methode mit zusätzlichen erweitert wird, wie mit der teilnehmenden Beobachtung der Fall ist oder mit „Walking Interview“ innovative Interviewverfahren zum Einsatz kommen. Dringend notwendig aber bleibt, dass die Paarforschung ihr Methodenrepertoire deutlich erweitert. Die Diskursanalyse kann dazu durch ihre Möglichkeit der Ausweitung auf natürliche Daten einen ganz wesentlichen Beitrag leisten.

Fast hoffnungslos erscheint der Umgang mit dem Begriff „Liebe“ und das nicht nur in diesem Band. Kaum ein anderer Begriff wird häufiger in der Paarforschung verwendet als dieser. In der Diffusität in der Verwendung übertrifft dieser alle anderen Begriffe bei weitem. Aus einer langen Tradition ist es hinlänglich bekannt, dass Liebe nicht nur für eine Emotion (oder Gefühl) bzw. für die darauf bezogene Semantik stehen kann, sondern auch für Sexualität oder überhaupt für Beziehung. Der Wechsel zwischen diesen Bedeutungsinhalten ist verbreitet, auch in diesem Buch. Weiter erhöht wird die Schwierigkeit, dass Liebe auch noch kulturelle Ausprägungen (z.B. romantische Liebe, partnerschaftliche Liebe) hat und haben kann. Das Lesen dieser Beiträge wie auch anderer Publikationen lässt darüber hinaus erkennen, dass es eine gängige Praxis ist, Liebe aus einer subjektiven Perspektive aufzufassen, was bedingt, dass unterschiedliche Vorstellungen von Liebe nebeneinanderstehen. Dadurch wird eine schier unendliche Zahl von Liebesbegriffen (Liebe1; Liebe2, usw.) produziert. Zum Problem wird dies vor allem, da nicht explizit wird, was jeweils damit gemeint ist, sondern einfach ein (klares) Verständnis von Liebe vorausgesetzt wird. Eher selten sind dagegen die Versuche, Liebe aus einer soziologischen Perspektive als eine wissenschaftliche Kategorie zu formulieren. Georg Simmel oder Niklas Luhmann haben solche Versuche unternommen. Auch wenn sie gerne zitiert werden, hat das meist keinen durchschlagenden Erfolg. Meist schon am Ende des Zitats sind diese auch schon wieder vergessen. Wenn Liebe fortlaufend etwas anderes meint, dann wird der wissenschaftliche Diskurs dazu schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Noch schwerer fällt es, gegen diesen Ge- und Missbrauch eine Gegenstrategie vorzuschlagen. Möglicherweise bleibt nur der Ausweg, Liebe als wissenschaftliche Kategorie zu streichen und darin nur noch eine Catch-all-and-nothing-Kategorie des Alltags zu erkennen.

Sicherlich erfreulich ist, dass dieser Band einige Beiträge umfasst, die sich nicht nur auf gegengeschlechtliche Paare beschränken. Vereinzelt werden auch nicht-monogame Beziehungskonstellationen mit einbezogen. Aber nur in einem Beitrag (Weibel) werden gegen- und gleichgeschlechtliche Paare miteinander verglichen. Sicherlich ist das nicht immer möglich, dafür ist die Zahl gleichgeschlechtlicher Paare zu klein und Forschungsprojekte sind in der Suche danach nur eingeschränkt erfolgreich. Dennoch hätte man in einem Buch mit dem expliziten Anspruch, herkömmliche Verengungen zu überwinden, erwartet, dass die Auswahl breiter gestreut ist und auch bzw. mehr Studien aufgegriffen worden wären, die sich mit nicht-monogamen Beziehungskonstellationen oder gleichgeschlechtlichen Paaren ausschließlich oder vergleichend befassen. Trotz des im deutschen Sprachraum in diesem Feld verbreiteten Konservativismus und Traditionalismus gibt es solche Studien mittlerweile.

Reichhaltig ist dieses Buch im Aufzeigen verborgener Normativität, das schützt aber nicht immer davor, eine eigene, mit den eigenen Idealen korrespondierende Normativität zu produzieren. Unverständlich bleibt für mich, dass trotz des expliziten Anspruches die herkömmlichen Bahnen der Paarforschung zu überschreiten, so wenig Sorgfalt im vorliegenden Band auf die Unterscheidung zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung gelegt wird. Meine in einem Beitrag formulierte Kritik hätte ich an einigen Stellen wiederholen können. In der englischsprachigen Paarforschung kann man an dieser Stelle sehr viel mehr an Sensibilität erkennen.

Mit einem Schweizer Beitrag und einem weiteren, der auf Paarbildung und Arbeitsteilung in Indien Bezug nimmt, weist der vorliegende Band eine gewisse Internationalität und Interkulturalität auf. Das ist hervorzuheben, da die deutschsprachige Paarforschung (und auch Familienforschung), die qualitative sogar noch stärker als der quantitative, hier eine große Schwachstelle hat. Die Rezeption von Studien aus anderen Ländern ist nur schwach verbreitet, systematische Vergleiche kommen noch seltener vor, nicht einmal auf Europa bezogen. Damit schränkt die Paar- und Familienforschung das eigene Erkenntnispotenzial erheblich ein. Gerade durch diese Rezeption und durch Vergleiche könnte man viel über die Paarverläufe und -dynamik in Deutschland erkennen und lernen. Auch die vorhandene kulturelle Heterogenität bei den Paaren in Deutschland hätte mehr Aufmerksamkeit verdient.

Trotz aller Reichhaltigkeit dieser oder auch anderer Forschungen habe ich Zweifel, ob man tatsächlich schon davon sprechen kann, dass sich die „Paarsoziologie als eigener Zweig soziologischen Forschens etabliert“ (S. 13) hat. Zumindest dann, wenn man Kriterien zur Institutionalisierung ansetzt, die Edward Shils (1975) für die Soziologie als Disziplin formuliert hat. Immer noch heißt die DGS-Sektion „Familiensoziologie“ und nicht „Paar- und Familienforschung“. Trotz des stetigen Wachstums der Sektionen in der DGS gibt es keine zur Paarforschung und auch die entsprechenden Aktivitäten auf den DGS-Kongressen sind aus diesem Kreis eher bescheiden. Sicherlich hat sich seit dem Diktum von René König (2021; orig. 1946, wieder veröffentlicht 1974), dass Ehe eine „unvollständige Familie“ sein; und auch seit den 1980er Jahren als die deutschsprachige Familiensoziologie sehr überrascht die Ausbreitung nichtehelicher Lebensgemeinschaften entdeckte, einiges getan. Forschungsprojekte und einzelne Einführungsbücher schaffen noch jedoch keinen „eigene(n) Zweig soziologischen Forschens“. Für die Paarforschung, die eigentlich nicht mehr Paarforschung heißen sollte, bleibt noch viel zu tun!

Fazit

Insgesamt ein sehr lesenswerte Buch mit reichhaltigen Beiträgen, ein Buch, das kritische Einwände provoziert und eine lebendige Diskussion garantiert.

Weitere Literatur

Berger, Peter L./Hansfried Kellner (1965): Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Abhandlung zur Mikrosoziologie des Wissens, in: Soziale Welt 16: S. 220-235.

BIB (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung), Eheschließungen und rohe Eheschließungsziffer in West- und Ostdeutschland, 1950 bis 2018. https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/L102-Eheschliessungen-West-Ost-ab-1950.html

Brachat-Schwarz, Werner/​Binder, Sascha (2021), Geben sich Paare wieder häufiger das „Ja-Wort“?. Zur Entwicklung der Eheschließungen in Baden-Württemberg. In: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg Heft1, 14-22

Burkart, Günter. (2018), Soziologie der Paarbeziehung. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer.

Grünheid, Evelyn (2011): Wandel des Heiratsverhaltens in Deutschland – Analysen mit Tafelberechnungen. BiB Working Paper 2/2011, Wiesbaden.

Jamieson, Lynn (1998), Intimacy. Personal Relationships in Modern Societies. Cambridge: Polite Press

Kaufmann, Jean-Claude (1994): Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag, Konstanz.

König, René (2021), Versuch einer Definition der Familie. In: König, Rene, Schriften. Ausgabe letzter Hand. Bd. 14.: Familinsoziologie, Hg. R. Nave-Herz. Wiesbaden: 91–118 (orig. 1946/1974)

Ludwig, Gundula (2016): Freiheitsversprechen und Technologien der Macht. Transformationen des Sexualitätsdispositivs und das Begehren nach dem neoliberalen Staat. In: I. Lorey et al. (Hg.), Foucaults Gegenwart. Sexualitat, Sorge, Revolution. Wien: 15–45.

Luhmann, Niklas (1982), Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Schwartz, Pepper/​Brian. J. Serafin/Ross Cantor (2013), ‘Sex in committed relationships,’ in A.K. Baumle (ed.), International Handbook on the Demography of Sexuality, Dordrecht: 131–65.

Shils, Edward (1975): Geschichte der Soziologie. Tradition, Ökologie und Institutionalisierung. In T. Parsons et al.: Soziologie – autobiografisch. Drei kritische Berichte zur Entwicklung einer Wissenschaft,. Stuttgart: 69–146.

Rezension von
Prof. Dr. Karl Lenz
Technische Universität Dresden
Philosophische Fakultät
Professor für Mikrosoziologie
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Zitiervorschlag
Karl Lenz. Rezension vom 18.10.2022 zu: Michael Wutzler, Jacqueline Klesse (Hrsg.): Paarbeziehungen heute. Kontinuität und Wandel. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6218-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28206.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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