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Klaus Dörre: In der Warteschlange

Cover Klaus Dörre: In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2020. 355 Seiten. ISBN 978-3-89691-048-6. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Thema

Folgt man dem klassischen Rechts-Links-Schema, so ruft es nach wie vor Irritationen hervor, dass die Klasse der Arbeiter*innen zunehmend Sympathien für radikal-rechte Akteur*innen entwickelt. Klaus Dörre erforscht diese Diskepranz bereits seit über 30 Jahren, was verdeutlicht, dass sie nicht erst mit der Entstehung und rechtsorientierten Radikalisierung der AfD entstanden ist. Mit seinem in der Hochphase der Corona-Pandemie zusammengestellten und veröffentlichten Buch „In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte“ zeigt Dörre eindrucksvoll, dass es gerade die enge Verknüpfung von Verteilungskämpfen und migrationspolitischer Kritik ist, die die – zumal gewerkschaftlich organisierte – Arbeiter*innenschaft an den „rechtspopulistischen Block“ (S. 177) fesselt. Das mag zwar bereits vor über 30 Jahren Thema gewesen sein, es ist aber spätestens durch die sogenannte „Flüchtlingskrise“ ab 2015 forciert worden, was dem von Klaus Dörre vorgelegten Band wiederum noch mehr Legitimation verleiht.

Autor

Klaus Dörre hat seit 2005 einen Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Der renommierte Soziologe ist zudem einer der Direktoren des DFG-Kollegs „Postwachstumsgesellschaften“. In seiner Forschung beschäftigt sich Dörre mit Theorien des Kapitalismus, der Prekarisierung von Arbeit, den Arbeitsbeziehungen und sozialen Folgen der Digitalisierung sowie dem Rechtspopulismus, hier insbesondere im gewerkschaftlichen Kontext.

Aufbau

Neben einem Einleitungsbeitrag mit dem Titel „In der Warteschlange. Arbeiterschaft und radikale Rechte“ und einem Ausblickbeitrag mit dem Titel „Nach Corona – was wird aus der Arbeiterschaft?“, die für diesen Band eigens verfasst wurden, besteht das Werk aus sechs von Klaus Dörre bereits in den letzten 30 Jahren publizierten Texten. Flankiert werden die Beiträge von zwei Exkursaufsätzen zu „Angst im Kapitalismus – Rohstoff einer autoritären Revolte“ und zu „Arbeiterschaft und Rechtspopulismus in Österreich – eine etwas andere deep story“, den Livia Schubert beigesteuert hat.

Die sechs Kapitel tragen jeweils den (ggf. leicht veränderten) Titel mit originaler Jahresangabe in Klammern:

  1. Nachwendezeit: Sehnsucht nach der alten Republik (1994)
  2. Jahrtausendwende: Kapital global, Arbeit national (2001)
  3. Nullerjahre: Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft und neuer Rechtspopulismus (2008)
  4. Finanzkrise 2007–09: Exklusive Solidarität und heimatloser Antikapitalismus (2013)
  5. Verlorene Jahre: Fremd im eigenen Land (2018)
  6. Ausnahmeform Bonapartismus: Arbeiterschaft, Zangenkrise und Revolte von rechts (2020)

Ein Literaturverzeichnis und eine Auflistung der genauen Originalquellen der bereits von Klaus Dörre publizierten Texte runden den Band ab.

Inhalt

Im Einleitungsbeitrag entfaltet Klaus Dörre seine zentrale These, wonach der Aufstieg von Pegida und AfD kein Ausgangspunkt, sondern vielmehr die Fortsetzung der Radikalisierung einer sogenannten „rechten Tiefengeschichte“ (S. 16) sei, die bereits in den 1980er Jahren in der alten Bundesrepublik ihren Anfang nahm. Diese rechte deep story – Dörre übernimmt den Begriff von Arlie Russell Hochschild – beziehe sich vor allem auch auf das gewerkschaftlich organisierte Milieu der Arbeiter*innen. Sie stünden in einer langen Schlange des versprochenen Aufstiegs, in der es seit langer Zeit nicht voran gehe: „Während man selbst vergeblich ansteht, werden – so die Wahrnehmung – andere, etwa migrantische Minderheiten, bevorzugt, die nach Auffassung der Wartenden deutlich weniger geleistet haben, um sich den Traum vom besseren Leben zu erfüllen“ (S. 18). Nach Dörre könne die politische Linke schon längst nicht mehr die schlechte Stimmungslage der Arbeiter*innen als deren Sprachrohr artikulieren, weshalb die in der Schlange stehenden zunehmend Sympathien für den radikalen Rechtspopulismus entwickeln. Daher stellt der Autor in den folgenden Beiträgen die übergreifende Frage, wie dieser Tendenz konstruktiv beizukommen ist.

Im ersten, 1994 publizierten Beitrag zeichnet Klaus Dörre nach, wie ein sich zunehmend internationalisierender Wirtschaftskreislauf einerseits mehr Wohlstand, andererseits aber auch zahlreiche Verteilungskämpfe hervorgebracht habe. Die Frage sei letztlich, welche Klasse von den wirtschaftlichen Entwicklungen profitiert. Während sich in den „Management-Etagen“ (S. 43) das Geld nur so stapelt, bekommt die Klasse der Arbeiter*innen so gut wie nichts davon ab – schon gar nicht in dem Ausmaß. Aufgrund des damit verbundenen Deprivationsempfindens bilde sich bei ihr ein rechtsextremistisch motivierter Wohlstandschauvinismus heraus, der in einem wirtschaftspolitischen Fokus auf nationale Grenzen zum Ausdruck komme und zugleich „Fremde“, die laut den Arbeiter*innen zur wirtschaftlichen Prosperität ohnehin nicht beigetragen hätten, zurückzuhalten versuche. So werde die Bundesrepublik Deutschland letztlich zur „Wohlstandsinsel“ (S. 53) erklärt. Bezeichnend sei dabei vor allem, dass diese Entwicklung weit in die gewerkschaftlich organisierte Arbeiter*innenschaft hineinreiche. Was kann dagegen getan werden? Dörre formulierte schon in den 1990er Jahren Handlungsempfehlungen, die im Grunde nichts an Aktualität eingebüßt haben: „Gewerkschaften müssen sich – in der Bildungsarbeit, aber auch in den Betrieben – Foren der Selbstreflexion schaffen; arbeitsfähige Strukturen, die die Tabuisierung rechtspopulistischer Tendenzen in den eigenen Reihen beenden und interne Diskursregeln verändern. Geschieht das nicht, kann Sympathie für die extreme Rechte weiter im verborgenen gedeihen“ (S. 65).

Während sich Klaus Dörre im zweiten, 2001 veröffentlichten Beitrag dem Spannungsfeld von globalisiertem Kapitalismus und nationalstaatlich orientierter Arbeit widmet und dabei sogar so weit geht, zu behaupten, „dass die globale Expansion des Kapitals […] die staatssozialistischen Systeme […] in die Knie gezwungen“ (S. 66) habe, liegt der Schwerpunkt im dritten Aufsatz von 2008 auf dem Zusammenhang von arbeitsgesellschaftlichen Prekarisierungstendenzen und neuem Rechtspopulismus. Vor dem Hintergrund, dass in Deutschland spätestens mit der Agenda 2010 ein enormer Niedriglohnsektor entstanden ist, habe die Prekarisierung in den vergangenen 15 Jahren massiv zugenommen. Lohndumping, befristete Arbeitsverträge und hohe Arbeitsbelastungen sorgen für ein Konkurrenzdenken, das eben auch in rechtspopulistischen, ja rechtsextremistischen Gesinnungen zum Ausdruck kommen kann. Dörre hat das in seinen Forschungen über Primärdatenerhebungen eingehend untersucht und gibt dabei zu bedenken, dass sich insbesondere die politische Linke hier (wieder) klar positionieren muss, indem sie sich unmissverständlich von Akteur*innen der extremen Rechten abgrenzt. Der Autor hat – für einen Text von 2008 verständlich – allen voran die NPD im Blick, die sich vordergründig populistischer Stilelemente bediene, um sich elektoral für Wähler*innen attraktiv zu machen, die nicht zu ihrer Kernklientel gehören. Hintergründig ändere sich aber nichts an den verfassungsfeindlichen Bestrebungen der Partei. Die fünf Jahre später gegründete und mittlerweile salonfähig gewordene AfD macht es der politischen Linken hinsichtlich ihrer klaren Abgrenzung von der extremen Rechten da schon wesentlich schwerer. Unabhängig davon, um welchen extrem-rechten Akteur es geht, die politische Linke müsse Dörre zufolge – der sich hier auf Eric Hobsbawm bezieht – bei ihrer inhaltlichen Positionierung vor allem klar machen, dass die demokratische gegenüber der sozialen Frage einen eigenen Stellenwert besitze: „Integrationskonflikte müssen mit demokratischen Mitteln und unter Berücksichtigung elementarer Menschen- und Bürgerrechte ausgetragen werden“ (S. 106).

Neben dem vierten Beitrag von 2013, in dem sich Klaus Dörre den Phänomenen einer exklusiven Solidarität und einem offenkundig „heimatlos“ gewordenen Antikapitalismus als unmittelbaren Folgen der Euro- und Finanzkrise von 2007 bis 2009 und den sich daraus ergebenden Legitimationsproblemen jenes „Finanzmarkt-Kapitalismus“ (S. 161) widmet, nimmt er im fünften Aufsatz von 2018 eine empirische „Tiefenbohrung im gewerkschaftlichen Arbeitermilieu“ (S. 165) vor. Anhand von qualitativen Interviews rekonstruiert Dörre zunächst, dass gerade jene Verknüpfung von „Verteilungskämpfen und Migration“ (S. 177) die Klasse der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen an den Rechtspopulismus binde. Es gehe vor allem um das Deprivationsempfinden, woran sich ein Freund-Feind-Denken, mithin eine Gegenüberstellung von in-group („Einheimische“) und out-group („Fremde“) anschließe. So stelle es auch nicht zwangsläufig einen Widerspruch dar, wenn sich die Lohnabhängigen einerseits für die Meinungen und Forderungen der heimischen Arbeiter*innen sowie die ihrer Familien einsetzen, andererseits aber auch enorme steuerliche Senkungen für (globale) Unternehmen fordern. Anschließend geht Klaus Dörre auf Strategien für den gelingenden Umgang mit dieser Entwicklung ein. Letztlich müssten sich diese zwischen den Polen von Ausgrenzung und Auseinandersetzung aufhalten. Während die Ausgrenzungsstrategie – das zeigen auch einschlägige Studien zum Umgang mit der AfD – kein nachhaltiges Instrument sei, bleibe jene der inhaltlichen Auseinandersetzung übrig. Bei ihrer Anwendung brauche es schließlich viel Ausdauer, Faktenwissen und Frustrationstoleranz.

Im sechsten Beitrag von 2020, der über 70 Seiten umfasst, geht es weniger um Handlungsempfehlungen für eine erfolgreiche Bewältigung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen, die der Kapitalismus mit sich bringe und letztlich eine rechte Verschiebung des politischen Koordinatensystems herbeigeführt und forciert habe. Wie könnte stattdessen eine Transformation weg von kapitalistischer Produktionsweise und hin zu einer sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aussehen? Klaus Dörre hält hierzu fest: „Dafür, dass eine nachhaltige und deshalb auch neosozialistische Transformation Wirklichkeit wird, gibt es keine Gewissheit. Klar ist aber: Der expansive Kapitalismus wird nicht von selbst verschwinden, er muss vom Thron gestoßen werden, wenn er seinen Platz für gesellschaftliche Alternativen räumen soll“ (S. 316). Hierfür bedürfe es in erster Linie, so halten Klaus Dörre und Livia Schubert im Ausblicksbeitrag abschließend fest, einer Klassenpolitik, die die Interessen der Arbeiter*innen in den Mittelpunkt stellt. Nur so könne ihrer wachsenden Sympathie für die radikale Rechte Einhalt geboten werden.

Diskussion

Sowohl die Anzahl als auch die überzeugende Auswahl der im Band versammelten Beiträge unterstreicht die eingehende Expertise von Klaus Dörre zum Verhältnis des (gewerkschaftlich organisierten) Arbeiter*innenmilieus und der radikalen Rechten. Zwei Aspekte erscheinen vor diesem Hintergrund allerdings diskussionswürdig.

Erstens irritiert die bereits angesprochene These, wonach die globalisierte Expansion des Kapitalismus maßgeblich für den „Fall des Eisernen Vorhanges“ 1989/90 verantwortlich gewesen sei. Unabhängig davon, ob dem so ist – mit welcher Intention wurde diese Aussage formuliert? Dörre scheint hier seine eigene Abneigung gegen den Kapitalismus zum Ausdruck zu bringen. Das mag auf der wirtschaftlichen Ebene zwar zu diskutieren sein. Auf der politischen Ebene sollte aber nicht in Vergessenheit geraten, dass mit dem Zerfall des Ostblocks zugleich totalitäre Herrschaftssysteme von der Bildfläche verschwunden sind. Diesen Aspekt greift Klaus Dörre in seinem Band leider nicht ausreichend auf.

Zweitens fehlt es dem Band insgesamt an begrifflicher Präzision. Oder ist mit „radikale Rechte“ (S. 15), „Autoritarismus“ (S. 83), „neuer Rechtspopulismus“ (S. 90), „rechtspopulistische Orientierungen“ (S. 98), „[r]ebellischer, konservierender und konformistischer Rechtspopulismus“ (S. 99), „Rechtspopulismus und Ethnopluralismus“ (S. 175), oder „Rechtspopulismus/​-radikalismus“ (S. 288) ein und dasselbe gemeint? Vermutlich nicht. Daher wäre insbesondere mit Blick auf die einzelnen Beiträge, die zwischen 1994 und 2020 verfasst bzw. publiziert wurden, eine intersubjektiv nachvollziehbare Begriffsklärung hilfreich gewesen. Denn Begriffe im Allgemeinen und im Besonderen die o.g. genannten Konzepte stehen immer in einem bestimmten historischen Kontext, ihre Auslegung ist also abhängig von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen. Ihrer daraus resultierenden Wandlungsfähigkeit hätte Klaus Dörre mehr Aufmerksamkeit schenken können.

Fazit

Der von Klaus Dörre vorgelegte Band „In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte“ versammelt instruktive Beiträge. In der Gesamtschau zeigen sie einerseits auf, dass der radikale Rechtspopulismus in der bundesdeutschen Geschichte keine Neuerscheinung, sondern von Gründung der Bundesrepublik an fester Bestandteil ist – insbesondere auch im gewerkschaftlich organisierten Kontext. Andererseits unterbreitet der renommierte Soziologe mit seinen Forschungsanstrengungen, die er bereits seit über 30 Jahren betreibt, konstruktive Handlungsempfehlungen für einen gelingenden Umgang mit radikal-rechten Gesinnungen im (gewerkschaftlich organisierten) Arbeiter*innenmilieu. Gleichwohl bleibe für den nachhaltigen Erfolg egal welcher Umgangsstrategie entscheidend, den Ursachen für die steigende Sympathie der Arbeiter*innen für die radikale Rechte wissenschaftlich (weiter) auf den Grund zu gehen. Dem ist Klaus Dörre uneingeschränkt zuzustimmen, schließlich muss es in jeder Warteschlange irgendwann vorwärtsgehen.


Rezension von
Dr. phil. Alexander Akel
B.A. Politikwissenschaft/Philosophie, Bildungsreferent bei der Jugendbildungsstätte Ludwigstein gGmbH im hessenweiten Präventionsprojekt „Grauzone: historisch-politische Extremismusprävention zum völkisch-nationalistischen Milieu“, Lehrbeauftragter für Politik und Soziologie an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung (HfPV) in Kassel
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Zitiervorschlag
Alexander Akel. Rezension vom 15.11.2021 zu: Klaus Dörre: In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2020. ISBN 978-3-89691-048-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28209.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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