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Philipp Metzger: Die Finanzialisierung der deutschen Ökonomie

Cover Philipp Metzger: Die Finanzialisierung der deutschen Ökonomie am Beispiel des Wohnungsmarktes. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2020. 310 Seiten. ISBN 978-3-89691-262-6. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
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Zum Thema: Sozialpolitscher Hintergrund

Die Corona-Krise hat viele Schwachstellen und Brüche des bundesdeutschen Kapitalismus deutlich gemacht. Dazu gehören einerseits die ökonomischen Umbauprozesse, die als Reaktion auf die Wachstumsschwäche seit Mitte/Ende der 1970er Jahre zu einem erheblichen Bedeutungszuwachs der Finanzwirtschaft geführt haben. Wie sehr sich diese gegenüber der Realwirtschaft verselbstständigt haben, wird u.a. daran deutlich, dass diese Krise für einen Großteil der Beschäftigten, für die kleinen und mittelständischen Betriebe, aber auch Teile der großen erhebliche Belastungen und Einschränkungen mit sich gebracht haben, aber gleichzeitig die (internationalen) Börsen seit Anfang 2021 von einem Rekord zum anderen eilen. Relevant sind aber auch die politischen Umbauprozesse, wie sie mit den Stichworten „Übergang vom keynsianischen Schuldenstaat zum neoliberalen Konsolidierungsstaat“ (vgl. Streeck 2018, Teil III) bzw. „schwarze Null“ als Ziel der Austeritätspolitik (vgl. Haffert 2016, Kap. 1 u.3) charakterisiert werden und die zu einem Abbau sozialstaatlicher Infrastrukturen und Leistungen und einer erheblichen Privatisierung der sozialen Daseinsvorsorge geführt haben (vgl. Foundation Economy Collektive 2019). Das spüren wir aktuell nicht nur im Gesundheitssektor (mit tatsächlich tödlichen Folgen!), sondern auch bei der Unterversorgung in den vorschulischen und schulischen Sektoren sowie in allen Einrichtungen der sozialen Arbeit und Erziehung von Jugendlichen, Erwachsenen und besonders älteren und alten Menschen. Zugleich werden relevante Teile des Alltagslebens durch die verschärften Ungleichheiten in der Wohnungsversorgung und ihre Folgen (von unzureichender Quantität und Qualität bis hin zur echten Wohnungsnot) bestimmt. Erst mit großer Verzögerung wurde die sozialepidemiologische Basiseinsicht Ende April 2021 bundespolitisch (an)erkannt, dass unzureichende Wohnbedingungen, speziell in den sog. „sozialen Brennpunkten“, zu verstärkten Hotspots-Bildungen beitragen. Vor diesem Hintergrund kann das Thema der Studie von Metzger ein erhebliches Interesse in der Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit beanspruchen.

Autor

Philipp P. Metzger hat an der Goethe-Universität in Frankfurt/M. Soziologie studiert und war Dozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in die beiden großen Schwerpunkte „Ökonomische Grundlagen“ und „Intermediäre Theorieebene (Kap. 3 u. 4) sowie „Finanzialisierung des Haushaltssektors und des Wohnimmobilienmarktes“ (Kap.5). Es wird eröffnet mit einem längeren Einleitungsteil (Kap.1 u.2) und einer ausführlichen Zusammenfassung (Kap.6). Sie ist sehr systematisch gegliedert (Metzger hat stets die Leser*innen im Blick) und deshalb können die zentralen Argumentationsfiguren, -linien und -ergebnisse thesenartig zusammengefasst werden.

Inhalt

A. Polit-ökonomische Grundlagen des Gegenwartskapitalismus

Metzger ist dem klassischen Marxismus verpflichtet, den er allerdings um wichtige neure Forschungsstränge erweitert und so zu einer synthetischen Gesamtanalyse gelangt:

1. Mit Karl Marx (1818-1883) geht er zunächst (a) von der prägnanten Formel des kapitalistischen Akkumulationsprozesse aus (S. 23f): G (Geldkapital) – P (Produktionsprozess) – W‘ (durch Mehrwert angereichertes Warenkapital) – G‘ (durch Warenverkauf vermehrtes Geld). Da Kredite selber Geld schaffen und deren Verleih profitabel ist, entsteht (b) ein zusätzlicher Kreislauf (Kap.3.1.2/3.1.3): Geld wird verliehen, um die Mehrwertproduktion zu fördern und die Gewinne werden zwischen Unternehmergewinn und Zins aufgeteilt. Marx hatte das zinstragende Kapital als fiktives Kapital (Geldkapital bzw. Finanzwirtschaft) bezeichnet (Marx 1973, S. 484) und es so vom realen Kapital (industriellen Kaptal bzw. Realwirtschaft) abgegrenzt. Zur Krise kommt es, wenn die Angebote die Nachfrage übersteigen; sie sind Überakkumulationskrisen.

2. An diese Analysen hatte Rudolf Hilferding (1877-1941) angeschlossen, den Begriff des fiktiven Kapitals übernommen (Metzger Kap. 3.2; Hilferding 1947, Zweiter Abschnitt) und zugleich Anfang des 20.Jh. (in Deutschland) eine neue Stufe der Entwicklung des Kapitalismus ausgemacht, wo (a) durch Monopolbildung die freie Konkurrenz systematisch eingeschränkt wird, (b) das Bankkapital (speziell in Form von Universalbanken, die alle Arten von Bankgeschäften unter einem Dach vereinigen) immer mehr Eigentümerfunktionen in der Realwirtschaft übernimmt (Stichwort: Finanzkapital) und nicht zuletzt (c) die nationalen Grenzen immer häufiger überschritten werden (in Form von Kapitalexport, aber auch von kriegerischen Eroberungen; Stichwort: Imperialismus).

3. Während Autoren wie Harvey (z.B. 2016, S. 84 ff.) die aktuellen Finanzialisierungsprozesse direkt aus der Existenz des fiktiven Kapitals erklären wollen, geht Metzger (Kap.3.3) darüber hinaus und verknüpft dieses Theorem auf originelle Weise mit dem Ansatz des keynsianischen Wirtschafstheoretikers Hyman P. Minsky (1919-1996). Er betonte (Minsky 2017, Kap.4-6), dass (a) Entscheidungen auf dem Feld der Investitionen (sei es im Bereich der Real- oder der Finanzwirtschaft) immer von den Unsicherheiten der Zukunftsprognosen (mit-)bestimmt sind und sie (b) Folgen für die Relationen zwischen sachlichem und finanziellem Vermögen (z.B. eines Betriebes der Autobranche), also das jeweilige Portfolio haben und damit auch die Relationen zwischen Zu- und Abflüssen der liquiden Mittel, also den Verwirklichungsgrad der Liquiditätspräferenz bestimmen (Sicherung der Fähigkeit, auch unvorhergesehene Zahlungsverpflichtungen – z.B. aktuell der Versicherungskonzerne wegen der Corona-Krise – erfüllen zu können). Das bestimmt (c) auch die im Umlauf befindliche Geldmenge, denn diese hängt nicht nur von der ausgegebenen Geldmenge der Zentralbanken ab, sondern auch und zunehmend vorrangig vom Portfoliokalkül der Wirtschaftsakteure (also u.a. der Privatbanken, Versicherungen, Industriekonzerne), die entsprechende Kredite aufnehmen, um bestimmte Wirtschaftsaktivitäten zu finanzieren. Diese können

  1. abgesichert sein (d.h. sie sind durch Realwerte, z.B. Immobilien, besichert);
  2. sie können spekulativ sein (d.h. nur die Zinslast kann gestemmt, nicht aber die Schuldenlast abgebaut werden);
  3. oder sie stellen eine „Ponzi“-Finanzierung dar (dann können nicht einmal mehr die Zinsen bedient werden).

Die Varianten 2 und 3 bestimmen die weitgehende Ablösung der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft, womit der Begriff des Finanzkapitals nicht mehr wie bei Hilferding die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital meint, sondern diese Verselbstständigung und dabei besonders die hochriskanten Finanzaktivitäten – nicht zuletzt der Großbanken – im Blick hat. Aus ihnen resultiert die immanente strukturelle Instabilität des Finanzsystems, welche (wie die Weltwirtschafts- und Eurokrise von 2008 ff deutlich gemacht hat) auch das gesamte Wirtschaftssystem und damit die Staatsfinanzen und Privatguthaben gefährden. Der Begriff „Finanzialisierung“ im Buchtitel meint diese relationale Dominanz des bank- bzw. marktbasierten Finanzsystems über die anderen Wirtschaftssektoren.

4. Diese im engeren Sinne ökonomischen Analysen werden dann vom Autor in dreifacher Weise erweitert:

  • Er verweist (a) auf die verschiedenen Weltsystemtheorien, die deutlich machen, dass es immer schon weiträumige Wirtschaftsbeziehungen gab und sich dabei auch dominante Regionen mit bestimmenden Herrschaftsmustern herausbildeten (z.B. die „Pax Americana“ nach 1945 mit dem US-Dollar als Leitwährung des Westens) (Kap.4.1). Diese Befunde erlauben es sowohl die transnationalen Verflechtungen zu erfassen wie auch die verschiedenen Entwicklungspfade (z.B. der aktuellen Kapitalismen) zu bestimmen.
  • Für die soziale Arbeit und Erziehung sind (b) die unterschiedlichen Regulationstheorien von besonderem Interesse (Kap.4.2), weil sie nicht nur unterschiedliche Akkumulationstypen deutlich machen (extensiv/​intensiv, binnen-/außenmarktorientiert, produktiv/​finanzialisiert), sondern auch die zentralen Regulationsweisen (der Lohnverhältnisse, der Konkurrenzbeziehungen zwischen Kapitalfraktionen und Klassen, der Geldwirtschaft/​-politik und der Raum-Zeit-Relationen), aus denen die jeweilige strategische politische Selektivität folgt mit der wirtschaftliche und soziale Probleme politisch, insbesondere staatlich bearbeiten (oder ignoriert) werden.
  • Inwieweit sich die jeweiligen staatlichen Politiken durchsetzen können ist immer auch (c) eine Frage, wer die Hegemonie ausübt (Kap.4.3), wer also nicht nur Zwang einsetzt, sondern auch einen Konsens sucht und findet (das wird gerade in der Corona-Krise deutlich, wo die Regierungspolitik in der 1.Welle auf breite Zustimmung stieß, die in der 2. Welle zunehmend brüchig wurde und in der aktuellen dritten längst in eine massive Vertrauenskrise umgeschlagen ist, die die staatliche Politik allerdings weitgehend ignoriert und mit diversen Zwangsmaßnahmen versucht zu bewältigen).

B. Die selektive finanz(markt)kapitalistische Landnahme ausgewählter Wohnsektoren

Das umfangreiche 5. Kap. arbeitet dazu folgende Prozesse und Resultate heraus:

1. Die staatliche Wohnungspolitik zwischen 1945 und Anfang der 1970er Jahre, also zurzeit der sog. „fordistischen“ Rekonstruktionsperiode des Nachkriegskapitalismus (nach Gramsci), war bestimmt

  • von einer umfangreichen Förderpolitik sowohl des Eigenheimbaus wie auch des sozialen „Massen“-Wohnungsbaus (wobei die Sozialbindung zumeist auf 30 Jahre beschränkt war, was die spätere Privatisierung so problemlos möglich machte);
  • von der Einführung des Wohngelds und
  • des Mieterschutzes, der immer mehr – auch mit Hilfe des Bundesverfassungsgerichtes – ausgebaut wurde, sodass die Mieter*innen heute fast über Eigentumsrechte verfügen (Kap.5.1).

2. Betrachtet man die Eigentumsverhältnisse in ihrer Gesamtheit, so kann man der These des Autors von der dominanten „Mieternation“ (Kap.6.1.2) bzw. einer Hegemonie der Mietwohnungsform“ (z.B. S. 123) nur begrenzt zustimmen: Zwar ist die Wohneigentumsquote im Verhältnis zu anderen Ländern überraschend gering (sie liegt aktuell bei ca. 45 %), aber der Anteil der Mietverhältnisse liegt nur knapp über der Hälfte. Auch die Eigentumsverhältnisse der Mietwohnungen müssen differenziert betrachtet werden (S. 189 f.): 64 % gehören privaten Klein- bzw. Amateuranbietern, jeweils 10 % den Genossenschaften, kommunalen Wohnungsunternehmen und privatwirtschaftlich bzw. professionell Agierenden, 4 % börsennotierten Wohnungs-Aktiengesellschaften und je 1 % öffentlichen bzw. kirchlichen Wohnungsunternehmen/​Einrichtungen.

3. Während die Finanzialisierung der meisten Wirtschaftssektoren spätestens mit dem Regierungsantritt von Kohl (1982) einsetzte und von der rot-grünen Bundesregierung ab 1998 entsprechend dem neoliberalen Dreiklang von Deregulierung, Privatisierung und Sozialabbau entschieden voran getrieben wurde, setzte sie im Immobiliensektor erst nach der Finanzkrise von 2008 ff. ein (Kap.5.2). Sie war dadurch ausgelöst worden, dass in den USA die Strategie des “privatisierten Keynsianismus“ (Crouch, aktuell 2020, Kap.5), bei dem an die Stelle der staatlichen die private Verschuldung trat, die über die expansive Vergabe von ungesicherten Immobilienkrediten (sog. Subprime-Kredite) gefördert wurde. Sie dienten (auch) der Kompensation sozialstaatlicher Einschränkungen und eröffneten den Banken neue spekulative Profitchancen, indem diese Hypothekenschulden gebündelt wurden zu diversen sekundären Wertpapieren (insbesondere Derivaten), die auf den globalen Finanzmärkten gehandelt wurden. Als die Gläubiger – auch wegen Zinserhöhungen – die Kredite nicht mehr bedienen konnten, löste dieses System eine Kettenreaktion an Bankpleiten aus, die sehr schnell globale Ausmaße annahm und auch den Euro-Raum voll erfasste. Als Reaktion darauf gab es

  • nicht nur staatliche Rettungsaktion für die Großbanken („too big too fall“) und z.T. auch für (südeuropäische) Staaten,
  • halbherzige Versuche einer Einschränkung hoch spekulativer Bankpraktiken (Basel III) sowie
  • eine Niedrigzinspolitik, die das überschüssige Kapital wieder in die Realwirtschaft lenken sollte,
  • die als „Flucht ins Betongold“ einen Immobilienboom in den kapitalistischen Hauptländern auslöste.

4. Dass der Immobiliensektor bei uns nicht Krisentreiber, wohl aber Krisengewinner ist (Kap. 5.2), lag und liegt einerseits an der erwähnten Dominanz der Mietwohnen (auch wenn es aktuell einen leichten Boom beim Eigeheimbau gibt) und andererseits an der restriktiven Vergabe von Immobilienkrediten. Das führte zur einer selektiven Finanzialisierung des Immobilienmarktes: Sie findet vorrangig statt

  • durch die großen, meist börsennotierten Wohnungs-AG‘s (man denke hier besonders an Vonovia und Deutsche Wohnen) und
  • in den Metropolregionen der „Big 7“ (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt/M., Düsseldorf und Stuttgart ), wobei sie seit einigen Jahren auch in „1.b“ und „2.a und b-Adressen“ (wie z.B. Magdeburg) anzutreffen sind. Diese neue Stufe der Vermarktung, d.h. der finanz(markt)kapitalistischen Landnahme, wurde möglich (Kap.5.1.2 u. S. 130f),
  • weil im Westen die großen Sozialwohnungskomplexe und im Osten die der kommunalen Wohnungsbaugesellschaften bzw. -genossenschaften im Rahmen der Privatisierung an sie verkauft wurden (in den letzten Jahren gibt es Bemühungen bestimmte Bestände zurückzukaufen bzw. wieder neue Genossenschaften zu gründen, wobei deren Sozialverpflichtung z.T. heftig umstritten ist).

Hinsichtlich der Relevanz der finanzialisierten Wohnungs-AG‘s kommt Metzger (S. 191) außerdem zu folgender Einschätzung: „Die börsennotierten Unternehmen sind die größten Player am Markt und damit auch durchsetzungsstärker“ als die 3000 unterschiedlichen öffentlichen und kommunalen Unternehmen. „Im Marktsegment der privaten professionellen Eigentümer besitzen die Wohnimmobilien-AG‘s insgesamt einen Anteil von 40 %.“ Bedeutsam ist auch, dass ihre Portfolios „räumlich konzentriert sind“.

5. Die Profitstrategien der Wohnimmobilien-AG‘s (Kap.5.6.) sind ausgerichtet (a) an der Werterhaltung und/oder Wertsteigerung durch Instandhaltung und Modernisierung. Gerade letztere ermöglicht (b) Mieterhöhungen, die häufig über den Modernisierungskosten liegen. Es finden zugleich (c) Verdichtungen der Arbeitsprozesse innerhalb der Konzerne statt durch Rationalisierung, Lohnsenkungen (Unterlaufen der Flächentarifverträge) sowie Personalabbau; und (d) Strategiewechsel vom Out- zum Insourcing (Perspektive: der vollintegrierte Wohnimmobilienkonzern). Bedeutsam ist auch (e) die Expansion und Konzentration durch Aufkauf anderer Wohnimmobilien-AG‘s (z.B. hat Deutsche Wohnen die GSW Immobilien AG und Vonovia die Gagfah S.A. aufgekauft, während die „feindliche Übernahme“ von Deutsche Wohnen durch Vonovia zweimal scheiterte). Seit 3-4 Jahren werden von ihnen auch kleinere Bestände in weniger attraktiven Regionen aufgekauft (was einen ersten Hinweis auf Wachstumsgrenzen gibt, denn eigener Neubau ist nicht vorgesehen). Die dazu notwendigen Finanzen werden (f) durch Zins- und Steuerreduzierungsstrategien beschafft wie auch durch diverse riskante Verschuldungsstrategien (Kap.5.5.6-5.5.10). Dazu gehören kurzfristige Finanzierungsformen, durch den Immobilienbesitz der Gläubiger besicherte oder auch unbesicherte Anleihen bzw. innerhalb einer Frist wandelbare Anleihen oder auch solche, die einen Mix aus Fremd- und Eigenkapital darstellen. Diese Schuldrechte werden dann (häufig) außerhalb der Börse (und ihrer Aufsicht) an Dritte weiterverkauft.

6. Alles dies hat sich ausweitende und vertiefende soziale Ungleichheiten zur Folge. Sie betreffen (a) die erwähnte sozialräumliche Verteilung, (b) die Verdrängung bestimmter Mietergruppen aus den angestammte Milieus durch Modernisierung (Segregation durch Gentrifizierung) und (c) durch das sog. „Hartz-IV-Geschäftsmodell“, dass nämlich die Betroffenen zunehmend in die minderwertigen und z.T. herunter gekommenen Wohnbestände am Stadtrand verdrängt werden und zugleich über die Sozialkassen die Vermieter staatlich garantierte Mieten „einkassieren“ (S. 156f). Gegen diese Trends gibt es zwar lokale Widerstände, aber sie können bisher keine relevanten Ergebnisse vorweisen (Kap.5.6.6). Insofern sind wir von einem nachhaltigen Wiederaufbau der sozialen (Wohn-) Infrastruktur, die das „Recht auf Stadt“ zur Geltung bringt oder gar Impulsen für eine „urbane Revolution“ (Harvey 2016, Kap.5) noch sehr weit entfernt, was man auch und gerade für die Gemeinwesenarbeit sehr bedauern muss (und ob es in der Nach-Corona-Zeit mehr Ansätze geben wird, ist eine offene Frage).

Diskussion: Weitere Forschungsfelder und Kritik

Bei diesen Perspektivdebatten sollte zumindest vier weiterführenden Fragestellungen nachgegangen werden:

  1. Wie schlagen sich diese systemischen Wohnbedingungen in den verschiedenen alltäglichen Wohnmilieus nieder, und zwar nicht nur hinsichtlich der vertikalen Ungleichheiten (von Oben nach Unten), sondern auch den horizontalen (vom strikten Traditionalismus bis zum flexiblen Postmodernismus)? Hier kann an die Traditionen der sozialpädagogisch relevanten Milieuforschung angeschlossen werden (vgl. Braun 2020, Kap.1).
  2. In welchem Verhältnis stehen die Wohnverhältnisse und -milieus in den Mietwohnungen der Großunternehmen einerseits und den mittleren und kleinen professionellen bzw. privaten Vermieter zu denen der Eigenheimbesitzer und Selbstnutzer.
  3. Welche Bedeutung haben die Finanzialisierungstendenzen für die wohnbezogene Infrastruktur und damit auch für die Bewohner*innen, die nicht in Beständen der börsennotierten Wohnungsimmobilien-AG‘s wohnen (Stichwort: „privatisierte“ bzw. „unternehmerische Stadt“)?
  4. Welche quantitative und qualitative Verbreitung haben die verschiedenen Wohnmilieus in den verschiedenen Sozial- und Siedlungsräumen, gerade auch außerhalb der Großstädte und Metropolregionen (immerhin leben ca. 70 % der Menschen bei uns in Klein- und Mittelstädten)? Hierzu bieten die „Laufenden Raumbeobachtungen“ des „Bundesinstituts Bau-, Stadt- und Raumforschung“ wertvolle Anregungen und Befunde.

Auch weil die Arbeit von einer überzeugenden Balance aus strenger wissenschaftlicher Analyse und fundamentaldemokratischem politischen Engagement getragen wird, ist ihr eine 2. Auflage zu wünschen. Bei der Gelegenheit könnten die zahlreichen Druckfehler getilgt werden. Darüber hinaus wäre zu überlegen, ob die vielen (redundanten) „Zwischenfazits“ nicht in stark gekürzter Fassung als einleitende Übersichten an den Anfang der jeweiligen Kapitel platziert werden sollten.

Fazit

Diese Studie hat für die Soziale Arbeit eine doppelte Bedeutung: Sie bietet zunächst einen theoretisch fundierten und ausdifferenzierten zeitdiagnostischen Einblick in die polit-ökonomischen Strukturen des Gegenwartskapitalismus und damit auch in die systemischen Bedingungen der Sozialen Arbeit und die wohnbezogene Gemeinwesenarbeit. Darüber hinaus analysiert sie mit der Wohnungsversorgung ein thematisches Feld, was in der Profession und Disziplin bisher allenfalls randständig reflektiert worden ist. Es gibt daher einen zweifachen Grund diese Arbeit in den postpandemischen Zukunftsdiskursen systematisch zu berücksichtigen.

Literatur

Braun, Karl-Heinz (2020): Entwicklungspädagogische Theorien, Konzepte und Methoden 2: Jugendliche und Jugend, Wiesbaden: Springer VS.

Crouch, Colin (2020): Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus. Postdemokratie II, Berlin: Suhrkamp.

Foundational Economy Collective (2019): Die Ökonomie des Alltagslebens. Für eine neue Infrastrukturpolitik, Berlin: Suhrkamp.

David Harvey (2016): Rebellische Städte. Vom Recht auf Stadt zur urbanen Revolution, Berlin: Suhrkamp.

Haffert, Lukas (2016): Die schwarze Null. Über die Schattenseiten ausgeglichener Haushalte, Berlin: Suhrkamp.

Hilferding, Rudolf (1947; zuerst 1910): Das Finanzkapital. Eine Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus, Berlin: Dietz Nachf.

Marx, Karl (1973): Das Kapital. Dritter Band. Marx-Engels-Werke (MEW) Bd.25, Berlin: Dietz.

Minsky, Hyman P. (2017): John Maynard Keynes. Finanzierungsprozesse, Investition und Instabilität des Kapitalismus.

Streeck, Wolfgang (2018): Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin: Suhrkamp.


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Braun
Dr. phil.habil. Karl-Heinz Braun, Prof.em. für Sozialpädagogik/Erziehungswissenschaft und Leiter des „Magdeburger Archivs für Sozialfotografie“ am Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Medien der Hochschule Magdeburg-Stendal
Homepage www.hs-magdeburg.de/hochschule/fachbereiche/soziale ...
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Braun. Rezension vom 20.05.2021 zu: Philipp Metzger: Die Finanzialisierung der deutschen Ökonomie am Beispiel des Wohnungsmarktes. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2020. ISBN 978-3-89691-262-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28210.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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