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Arnold Schmieder: Vierte industrielle Revolution?

Arnold Schmieder: Vierte industrielle Revolution? Marx, die kritische Theorie und die praktische Kritik emanzipatorischer Bewegungen. VSA-Verlag (Hamburg) 2021. 144 Seiten. ISBN 978-3-96488-104-5. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR.
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Entstehungshintergrund

Laut Vorwort (S. 9) basiert dieser Essay auf einen Vortrag im Zusammenhang einer vom Forum für Marx-Forschung Oldenburg an der Universität Oldenburg ausgerichteten Tagung mit dem Titel „Der Stachel Marx“. Für die Veröffentlichung und anlässlich der Reaktionen und Diskussion über das Vortragsmanuskript wurde eine erweiterte Ausarbeitung vorgenommen.

Thema

Industrie 4.0 wird in der öffentlichen Diskussion meist unter Begriffe wie Digitalisierung und Innovationen oder Robotisierung und Automatisierung verhandelt. Wo nicht mit Blick auf Chancen eine positive Zukunftsvision projiziert ist, stellt sich oftmals ein getrübter, apokalyptischer Blick ein, der das Ende tradierter Arbeitsformen und, daraus folgernd, eine beträchtliche Erwerbslosigkeit voraussagt. Daran knüpfen an Debatten um die Konsequenzen des technologischen Umbaus, meist allerdings eher als Risiko-Folgen-Abschätzung, weniger „grundsätzlich problematisiert“, wogegen der Staat mit Investitionen eine „umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion“ betreibt, um die „Optimierung der Wertschöpfungskette“ zu fördern (S. 18).

Mit dem hier besprochenen Essay liegt ein Werk vor, das diese Erscheinungsphänomene aufgreift, um sie vor dem Hintergrund des Widerspruchs von Lohnarbeit und Kapital einzuordnen. Die Marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ bietet dabei die Folie einer Analyse, die darüber aufklärt, wie die Logik des kapitalistischen „Systems“ funktioniert. Weiter noch: Als „Erkenntnis“ über „das Wesen von Gesellschaft“ lässt sie sich als „theoretisches Rüstzeug“ (S. 60) begreifen, auf dessen Grundlage „kritische Aufklärung über Werteverwertung, das Wachstumsdiktat, das Wesen des Kapitalismus“ erfolgen kann, die den Willen, „das Kapitalverhältnis zu überwinden“, „provoziert“ (S. 10). Indem „Kritische Theorie“ darüber aufkläre, „was nicht sein soll“ (S. 11), ist zugleich verwiesen auf die „Nutzbarmachung“ von Theorie für emanzipatorische Praxis. „Theorie, so sie den Stachel Marx setzt“, sei nicht „ohnmächtig, wenn sie normativ überzeugend in allen einzelnen Punkten zerrütteten Daseins die notwendige Überwindung eines noch so umsichtig moderierten ökonomischen Systems ausweist“ (S. 12).

Aufbau und Inhalt

Neben einem einführenden Vorwort bietet das Werk zwei Hauptkapitel auf, die sich jeweils in weitere Unterkapitel strukturieren. Entlang der Frage, wie sich Lohnarbeit im 21. Jahrhundert organisiert und ihre Aufhebung praktisch visieren ließe, werden dabei nicht nur vielschichtige Anleihen gemacht an Marx und die Kritische Theorie sowie daran anknüpfende und aktuelle Diskussionen. Sinnreiche und kritische Bezüge greifen zudem aus in ältere industriesoziologische Forschungen wie auch Sozialphilosophie und sog. schöngeistige Literatur.

Der erste Teil ist mit Elend der Vierten Industriellen Revolution überschrieben und konstatiert, dass sich in und mit der Vierten Industriellen Revolution „das Kapitalverhältnis, die Logik des Kapitalismus, die Verwertung des Werts“ fortschreibe (S. 17). Industrie 4.0 sei dabei ein „Mar­keting-Begriff“, „hinter dem sich technische Veränderungen in den Produktionsabläufen und Ratio­na­lisierungsprozesse verbergen – (…) mit dem Ziel der Produktivitätssteigerung“ (S. 17 f.). Die öffentliche Debatte um die nun anstehende digitale „‚Revolution’“ unterschlage derweil sich bereits im Hier und Jetzt „ausweitende Überproduktion, Armutsfolgen und die Ausbeutung, die gleichzeitig zunimmt, als eine Seite jenes digitalen Wandels, die kostengünstiger ist als die weitere Entwicklung herkömmlicher Technologien“ (S. 21). Ökonomisch zentral ist die mit der Digitali­sie­rung einhergehende Anwendung verbesserter Produktionsweisen, damit sich, nach Marx, der Ka­pi­ta­list einen „größeren Teil des Arbeitstags für die Mehrarbeit an[eignet] als die übrigen Kapitalisten im selben Geschäft“ (S. 19). Obzwar „neuralgische Punkte um Industrie 4.0“ „wesentlich Daten“ seien, die „bereits in den Rang des Rohstoffes gehoben [werden]“ (S. 21), ist hier die mit der Mehrwertproduktion vermittelte Konkurrenz der Kapitalien untereinander wesentlich, was ebenso „gravierende Veränderungen in der Zirkulationssphäre“ anschiebt und Krisen induziert (S. 24), die der Staat als „ideeller Gesamtkapitalist“ über „Kreditvergabe“ oder „Aufkaufprogramme durch die Zentralbanken“ lösen soll aber nicht kann, weil die „Widersprüche der kapitalistischen Pro­duk­tions­weise“ weiterhin bestehen bleiben. Die Mehrwertproduktion setze in Krisen „in erheblichem Umfang“ aus, währenddessen auch das „Finanzkapital, das auf zukünftige Wert­pro­duktion rechnet, seine materielle Basis [verliert]“ (S. 25).

Die Vierte Industrielle Revolution schaffe Möglichkeiten, das „‚Tagessleben’ im Zir­ku­la­tions­pro­zess des Kapitals“ zu straffen, damit sich die „‚Marktpreise zu den Kostpreisen ausgleichen’“ (ebd.). Dass sich hier die von Marx analysierte Kapitallogik reproduziert, lässt sich deutlich machen an dem für das Kapital immer noch relevante „Problem von Raum und Zeit“, denn „[i]n der Veränderung zu 4.0“ und dem Fokus auf neue Produktionstechnologien bliebe nach wie vor das Pro­blem bestehen, „dass während der Produktion Zeit verstreicht, die darum für das Kapital im­mer zu viel ist, weil das investierte Kapital dadurch gehemmt wird, für Erweiterung und Aus­deh­nung der Produktion zur Verfügung zu stehen und somit auch verlangsamt, ‚aus Geld mehr Geld zu machen’“ (S. 29 f.). Beim folgenreichen Einsatz neuer Technologien ginge es also, so der Autor wei­ter, um „jene ‚progressive Bewegung des Kapitals‘“ als „‚objektiven Produktions­mec­h­a­nis­mus’, welchen die Arbeiter:innen als ‚fertige materielle Produktionsbedingungen‘ vorfinden – heu­te wie in der ‚großen Industrie‘“ (S. 31). Rücksichtslos gegenüber Natur und Mensch, pro­du­ziert sie „Ver­­ohn­mäch­ti­gung gegenüber den sozialen und psychosozialen Folgen von Pre­ka­ri­sie­rung und Ar­­beitslosigkeit“, erzwingt „Mobilität und Auflösung (…) enger Beziehungen“, um die Ak­ku­mu­la­tion von Wert fortzuschreiben und den „tendenziellen Fall der Profitrate auf­zu­fangen“ (ebd.) – Er­fah­rungen, die sich im Bewusstsein der Arbeiterklasse u.a. manifestieren als „‚kollektive Un­sicherheit’“, „Entmachtung körperlicher Arbeit und eigeninitiativer Planung“ (S. 33). 

Im Unterkapitel Wessen Chancen, wessen Risiken? lotet Schmieder aus, warum daraus kein Klassenbewusstsein entsteht, Kritik an den Ausbeutungsverhältnissen oftmals in Identitätspolitik mündet (S. 36, Fn. 15), was auch mit dem „neoliberalen Subjektivierungsansinnen“ (S. 34) zu tun habe, das die „Überzähligen“ und „Überflüssigen“ aus dem „Selbstverschuldungstheorem“ erkläre (S. 38). Selbstoptimierung, um die Inwertsetzung der Arbeitskraft zu organisieren. Wer scheitert, gilt als „bedauernswerter Kollateralschaden“ des Fortschritts, aber zumindest, so stimmt es lakonisch an, blieben dem „alimentierte[n] Low-Budget-Konsumenten“ Waren zum Kauf übrig, da „Dank Industrie 4.0“ die „Massenproduktion von Billigartikeln profitabel“ würde (S. 39). An der Logistik ließe sich über­dies ein weiterer Widerspruch des sogenannten digitalen Kapitalismus ver­an­schaulichen. Die In­tegration von Produktion und Distribution setze beide Seiten in ein Kon­kur­renz­verhältnis, mit Fol­gen für die „Machtverhältnisse“ zwischen „Verkaufsunternehmen“ und „pro­du­zierenden Un­ter­neh­men“, wozu der Einzelhändler Walmart angeführt wird (S. 39 f.). Auch ge­ra­ten das „Industrielle Kapital“ und „Warenhandelskapital“ „in Kollision“, die beide „mit den Mitteln der Digitalisierung und Industrie 4.0“ einen „Konkurrenzvorteil“ zu erreichen versuchen. Auch hier mit Konsequenzen für die „Erscheinungsform des Widerspruchs von Lohnarbeit und Ka­pital“: Im Distributionssektor seien „Flexibilität“ und „Disziplinierungen“ an der „Tagesordnung“, eine „hire and fire“ Mentalität zu Lasten der Beschäftigten im Liefersektor (S. 40), wogegen das „vertröstende Stabilisierungsnarrativ“ aufgefahren wird. „Die indizierten Problematiken werden als peinliches Versagen rechtsstaatlicher Moderation des Marktgeschehens etikettiert, also als behebbar“ (S. 40 f.).

Mit Umrisse für eine Praxis setzt Arnold Schmieder an, einen emanzipatorischen Praxisbegriff stark zu machen, an dem „kritische Wissenschaft“ insofern anzuschließen hätte, als sie deutlich machen müsse, „[w]as an den vielfältigen aktuellen Problemen selbst das ‚Falsche‘“ sei. Das hat zu geschehen auf Grundlage einer Vernunft, „die sich gegen ‚Vernünftigkeit‘ sperrt, die sich über unhinterfragte Sachzwangargumente ausweist“ (S. 48). Ob mit notwendiger Kritik am Wissen­schaftsbetrieb selbst, der sich weitestgehend dagegen immunisiert hat (vgl. S. 50) oder über nach wie vor diskussionswürdige „radikale Bedürfnisse“ (Ágnes Heller, S. 53, Fn. 27 sowie S. 93 ff.), für „prak­ti­sche Inter­ven­tion“ seien „Krisensituationen“, „in denen sich ökonomische Ver­wer­fungen zu stärkeren sozialen Be­lastungen auswachsen, in denen ‚Repression‘ verschärft auf­tre­ten kann (…)“ nicht einfach „ab­zu­warten“ (S. 54). Vielmehr müsse – „[g]erüstet mit der Marx’schen Analyse“ – in „Krisen­er­schei­nungen“ der „Stachel der Aufklärung“ gesetzt werden, damit über „Lernschritte“ die „Wi­der­sprüche transformativer Ansätze“ erhellt würden, „um sie auf ihre verbindende Ursache in eben allen kapitalistisch überformten und vereinnahmten Lebens­be­rei­chen zu fokussieren“. „Struk­turelle Krisen können unter kapitalistischen Bedingungen nicht ver­hin­dert werden“, womit sie außerdem „das ohnehin spannungsgeladene Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus [stra­pa­zieren]“ (S. 57).

Entlang der vom Kapitalismus perpetuierten Antinomien lässt sich die Tauglichkeit von Kritischer Theorie für Praxis ausloten, wofür Schmieder die „Dialektik der Aufklärung“ vergegenwärtigt, wo es an einer zentralen Stelle heißt, dass „umwälzende wahre Praxis“ abhänge „von der Unnachgiebigkeit der Theorie gegen die Bewußtlosigkeit, mit der die Gesellschaft sich das Denken verhärten lässt“ (S. 60) – Handlungsanweisung und Desiderat zugleich, was unter Reflexion und Praxis im zweiten Hauptkapitel pointiert ausgebreitet wird. Gesprochen ist von einer Reflexion, die sich zunehmend ausdünnt, weder bei Marx noch bei Adorno theoretische „(Rück-)Ver­ge­wis­ser­ung“ sucht (S. 66), womit sie sich ins falsche Ganze integrieren lässt. Und selbst dort noch, wo Kri­tik sich anschickt, im Sinne der Aufklärung auf die Überwindung kapitalistischer Verhältnisse zu schielen, ist eine „einschleichende Abwendung von der Kritik der politischen Ökonomie“ zu ver­nehmen (S. 66, Fn. 32), ein „philosophisches und soziologisches Einknicken vor sich verhärtenden und unüberwindbar scheinenden Verhältnissen“, das einhergeht mit einer „in Akademisierungen und ausschnitthaften Auf­nahmen versteckte Demontage des Marx’schen Werkes, um das, was man daraus noch be­ziehen mag oder zu können glaubt, für herrschende wissenschaftliche Diskurse verdaubar zu machen“ (S. 70).

Darauf folgt meist eine Praxis, die „entmündigt wird“ (ebd.), eine „Pseudoaktivität“ (Adorno) (S. 76), so der Befund, woran im weiteren Ar­gu­men­ta­tions­ver­lauf sich Diskursfolgen der 11. Feuer­bach­these anschließen. „In gut Hegelscher Erbschaft“ würde Praxis auf Fragen von Ge­rech­tigkeit/​Ungerechtigkeit verengt, womit diese, statt auf das Nichtbegriffliche am Begriff zu gehen, „systemkonform“ „im Gang des Weltgeistes eingeebnet [werden]“ (S. 76). Wie also Falsche Praxis ins richtige Fadenkreuz nehmen (S. 78) bei einem ausgeprägten Ideologiemarkt und Gegenaufklärung? (S. 83). Eine Problemstellung, die weitere theoretische Rückfragen enerviert und mündet im „Desiderat gegenüber Theorie, sie möge das Wesen der Gesellschaft ‚erklären‘, nicht nur ‚beschreiben‘“, ein „Deutungsverlangen von Erscheinungen“, so der Autor weiter, „hinsichtlich ihrer tatsächlichen Verursachungen“, was relevant für „Zielvorstellungen praktischen Handelns“ sei und wogegen sich das „‚notwendig falsche Bewusstsein’“ sperre (S. 79). Letzteres reproduziert sich nicht nur in systemtheoretischen Ansätzen, sondern ebenso in The­o­rie­kon­zep­tio­nen der „Resonanz“, wo eine revolutionäre Bejahung statthat als „wortreiche und zeitgemäß ela­bo­rie­rte Variation zum alten Thema der Abwanderung in Innerlichkeit“ (S. 84, Fn.47). Damit würde u.a. „das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft (…) nicht zur Seite eines sich verschärfenden Widerspruchs von Lohnarbeit und Kapital analysiert, sondern im Psychologischen lokalisiert (…)“ (S. 85, Fn. 48).

Natürlich findet aber auch Kritik ihre Grenze, vornehmlich dort, wo „‚die Ordnung im Ernst nicht mit sich spaßen läßt’“ (Adorno, S. 86), was nicht zwangsläufig führen muss zu Ohnmacht der The­orie, Willkür der Praxis (S. 90). Mit „immanenter Kritik“ gesättigte Praxis könne „die ‚Prä­gekraft‘ gesellschaftlichen Seins auf das gesellschaftliche Bewusstsein (…) gegen­stands­be­zo­gen“, d.h. über „alltägliche Widerspruchserfahrungen“, „labilisieren“ (S. 92). „[L]ebenswirklich wer­den­de Widersprüche (im Alltagsbewusstsein)“ spitzen sich dort zu und seien „nicht mehr aus­zu­ba­lan­cie­ren“, wobei die Gefahr bestehe, dass „die Richtung der Radikalisierung durchaus auch gegen-auf­klärerisch, antiemanzipatorisch zu instrumentalisieren [ist]“ ( S. 99), abbildbar auf der Folie auch „Linke[r] Melancholie“ (Traverso, S. 100), „die, wie es derweil scheint, kritisches Denken der Linken nicht sonderlich ‚stimuliert und inspiriert‘“.

Währenddessen ist am „geflügelten Wort“ des mittelalterlichen Berufsdichters und Liedermachers Michel Beheim, „‚Wes Brot ich eß, des Lied ich sing’“, abzulesen, dass „Macht und Herrschaft [durch]schlagen (…) an den Orten wissenschaftlichen Bestrebens um Erkenntnis und Wahrheit (…)“, exemplarisch sichtbar am wissenschaftlichen Nachwuchs, der im Sinne des eigenen beruf­li­chen Überlebens sich einer Theorieorientierung anschließen muss, „von der man nicht überzeugt ist“ (S. 102). Auffahren tun zudem Strömungen und Untergruppen „antideutsche[r] Ideologie“, wie Schmieder im Unterkapitel Was man von Grabsteinen lernen kann – über versandende Theo­rie­arbeit und Praxisnötigungen, ausführt, die mit „subversiven Methoden“ und „scheinbar ‚linken‘ Argumenten zu keilen [versuchen],“ – auch mit Aufladungen ideologisch umgedeuteter Krit­ischer Theorie. Dies führt bis zur „Anbiederung an die AfD“, „Diffamierung“ und „Diskreditierung“ sowie „Verhinderung von Veranstaltungen“, „die sich nicht in ihre höchst spe­zielle Auffassung von Antisemitismus und Rassismus einpassen“ (S. 110). Das mag Melan­cholie erzeugen ebenso wie die Erfahrung „eines (vergangenen und gegenwärtigen) Scheiterns des Han­delns gegen den Strich der herrschenden und aufgeherrschten Verhältnisse“, die nicht in „Resig­na­tion“ einfährt, wenn sie als „Leiden am ‚Ungenügen der Welt’“ sich versteht (S. 108). Am Ende seien auch „‚Antideutsch’ daherkommende“, „‚ideologiekritisch’“ getarnte Dis­ku­s­sionen „von einer emanzipatorischen Linken“ nicht einfach „abzutun“, sondern „entschieden abzuwehren“ (S. 108 f.).

Am Ende des Werks, in Zwischenrufe und Einreden, diskutiert Schmieder an die „Frage nach dem Kairós, der günstigen Gelegenheit oder dem richtigen Zeitpunkt“, die so zu wenden sei, „in welcher Weise er je aktuell für Emanzipation in Richtung einer befreiten Gesellschaft auch in gesell­schaftlichen Verhältnissen gegeben ist, die tendenziell antidemokratisch, autoritativ, natio­na­lis­tisch und rassistisch abdriften (und deren Protagonisten ihren Kairós glauben erkennen zu können)“ (S. 118). Derartige „‚Flaggensignal[e]’“ (Benjamin), die vom Anstoß einer Rich­tungs­än­der­­ung „jenseits kapitalistischer Ökonomie“ zeugen, bleiben weiterhin sichtbar. Beispiele dafür fin­den sich nicht nur im Rahmen von Umwelt- und Klimaschutz (S. 116, Fn. 73), sondern zu­gleich durch Veränderungsprozesse von Industrie 4.0 bestätigt. Digitalisierte Produktionsformen ent­lassen „die Beschäftigten auf disparate Tätigkeitsfelder“ im tertiären Sektor, was zu einer „zu­neh­menden Reduzierung der Last produktiver Arbeit“ führt (S. 119), – Möglichkeitsräume von „konkreter Utopie“, die sich stets theoretisch zu vergewissern hat, dass der Kapitalismus unmöglich eine dauerhafte „menschenwürdige ökonomische Produktions- und Verkehrsform“ sein kann (Ingrid Artus, S. 126), und die die Frage aufwerfen könnten, wie der „Stand der Produktiv­kraft­ent­wick­lung“ anders „nutzbar zu machen wäre“ hinsichtlich einer „von der Wertverwertung befreite[n] Gü­ter­­pro­duktion“ (S. 128).

Diskussion

Das Desiderat einer Gesellschaftsform jenseits kapitalistischer Produktionsverhältnisse zu anti­zi­pieren, ohne in „falsche“ (s.o.) oder notorisch reformistische Praxis abzufallen, ist ein Brett. Wie dick dieses Brett, das zu bohren notwendig ist, wie der Autor gehaltvoll und stringent ausweist, mut­maßlich sein könnte, wurde als Problem bekanntlich auch von Leuten verhandelt, die noch „keinen Begriff vom Kapitalverhältnis hatten“ (S. 91, Fn. 53). Vom Utopisten Carl Wilhelm Frö­lich ist überliefert, dass er einen Traum nicht wecken wolle, „der dazu bestimmt zu seyn scheint, noch Jahrhunderte zu schlafen, damit er das Hohn­ge­läch­ter nicht hören möge, womit ihn das wilde Heer der Leidenschaften beym Erwachen begrüßen müßte“. Damit angedeutet sind jene Be­har­rungs­­kräfte, die im Zweifelsfall „nicht mit sich spaßen lassen“ (s.o.), in Theorie und Praxis ver­hin­dern, den Menschen „aus den Verhältnissen“ zu „reißen“ (Frölich). Mit Blick auf die Gegenwart werden mittlerweile wieder Töne angestimmt, die mit Schlagwörtern wie „Kultur­marxis­mus“ Pseudo­ge­fahren heraufbeschwören, die auf geschichtlich verdrängte und ideologisch vermittelte Affekt­be­setzungen zielen, um diese, wenn irgend möglich, für die eigene politische Agenda zu verwerten. Wer diese Denkgleise bespielt in einer institutionellen Situation, in der jedwedes „marxistische“ Denken völlig marginalisiert ist, setzt nicht nur auf politisches Kalkül. Vielmehr wird daran kenntlich eine vorauseilende Immunisierung gegen alles, was die Dignität des Be­steh­en­den emanzipatorisch untergräbt. Die von Adorno „emphatisch“ festgemachte Wahrheit darüber, „daß ein Leben in Freiheit und Glück heute möglich wäre“, was zu konkretisieren sei am „gegen­wär­tigen Stand der Produktivkräfte“ (S. 124, Fn. 80), scheint immer noch (oder wieder) so un­ge­heuer, dass Aufklärung darüber mit Spott und Agitation belegt wird. Potentiell (freilich nicht endgültig) kassiert sieht sich der „Stachel Marx“ (S. 129) durch „Gegenaufklärung“ (s.o.), die lieber einem wachsenden Nationalismus sekundiert, Wahrheiten aufmerksamkeitsökonomisch or­ga­nisiert, statt auf gesellschaftlich ver­mittelte Wahrheit beizudrehen mithilfe immanenter Kritik. Und ganz sicher scheint darin noch auf jenes „Verbot der Aussage“ über Utopie, die das „utopische Be­wußtsein“ selber „diffamiert“ (Adorno, S. 124, Fn. 80). Der Wille, „daß es anders ist“, wird aber zu­dem „verschluckt“ abseits (nicht jenseits) des theoretisch zu fassenden Spannungsfeldes zwi­schen dem Begrifflichen und Nichtbegrifflichen. Bereits auf der vorbegrifflichen Ebene sieht sich Kritik oftmals abgewehrt, weil Wahrnehmung auf Anschaubarkeit verwiesen bleibt, darum nicht in Ge­dächtnis umschlägt. – Eine Verpanzerung, die sich im ‚Digitalisierungsprozess‘ des 21. Jahr­hun­derts weiter verstetigt zu haben scheint und die Beschädigung von Sinnlichkeit und Sexus ver­an­lasst.

Der kapitalistische „Tauschwert“ ist für den Einzelnen nicht Wahlmöglichkeit, sondern Ver­hängnis, das ihn mit Gewalt ins Joch spannt. Sein Vermittlungsprozess wird zum Rigorismus kollektiviert, der, einem Pendel gleich, als gewaltsame Borniertheit scheinnotwendig in Richtung Fort- und Rückschritt ausschlägt. Das ist keine nur geschichtsphilosophische Annotation, weil u.a. damit (und durch Industrie 4.0 flankiert) „Klassenbewusstsein zutragendes Selbstbewusstsein (…) erodiert“ (S. 33 f.). Nicht weniger greifen Erfahrungen der Ohnmacht (vgl. S. 10) in Theorie und Praxis tief ein auch in die psychosoziale Triebstruktur derjenigen, die impertinent mit Kritik auf die Ar­chi­tektonik der kapitalistischen Gesellschaftsform zielen. Wo die objektive Architektonik in die subjektive hineinragt, werden Brüche manifest, entlang derer sich das Bewusstsein bis zur psy­chi­schen Erschöpfung abarbeitet – oder gleich unter die Räder gerät. Jener „Beginn der großen Verzweifelung der abendländischen Kultur“, den Adornos Jugendfreund Alfred Seidel in einem letzten Brief zu erkennen glaubt, bevor er sich – 29-jährig – im November 1924 das Leben nimmt, blockiert Theorieproduktion, von der Praxis hätte zehren müssen (wovon ebenso die überlieferten Briefe Seidels zeugen), weil Kritik an der eigenen und verobjektivierten Ohnmacht zur exis­ten­tiel­len Implosion gerät, an der die Integrität des Ichs krepiert. Bezeichnenderweise werden diese ‚Schicksale‘, wo nicht bequem mit dem Label ‚Depression‘ pathologisiert, standhaft ignoriert. In den Echokammern und Exzellenzclustern der Wissenschaft hallt davon nichts nach. „Linke Melancholie“ (s.o.) trifft dort meist auf Müdigkeitsreflexe und einen Überdruss, der den zynischen Spott auf der Zunge trägt. Nicht von ungefähr konnte Ossip Mandelstam bekunden: „Wenn bei einem Menschen dreimal täglich kolossale Seelenkatastrophen vorfallen, werden wir es müde, ihm zu glauben, ja wir sind durchaus berechtigt, ihm keinen Glauben mehr zu schenken – er wird für uns lachhaft“.

Den „Druck noch drückender zu machen“ bei einem falschen Bewusstsein, das den Ausweg in der Psychose sucht, verfehlt seinen Zweck, Kritik gerät in Schlagseite, so ließe sich fachsimpeln. Sobald jenes „neoliberale Subjektivierungsansinnen“, wie Schmie­der richtig einordnet, potentielles Klassenbewusstsein auf „je individuell eigeninitiative Selbst­modulation“ verweist (S. 34), kann auf Praxis zielende Theorie dies kritisch visitieren. Die Voraussetzung für Kritik ge­rät allerdings an eine Grenze insofern, als die Emotionalisierungsnarrative und „‚Sub­jek­ti­vier­ungs­weisen’“ (S. 34, Fn. 13) einer notwendig fal­schen Empfindsamkeit das Wort reden. Mit dem Re­kurs auf Selbst­mo­bi­lisierung durch ‚Performance‘ und individuelle Schicksalssteuerung macht sich eine ‚seelische‘ La­bilisierung breit, die dem klassenmäßigen Bewusstwerden gefühlsmächtig Ein­halt gebietet. Das Scheitern des eigenen Lebensentwurfs wird auf der Psychischen, weniger auf ge­sell­schaftlicher Seite verbucht. Erkenntnis über den Widerspruch von Lohnarbeit und Kapital, wo durch Ge­sell­schaft durchkreuzt, betoniert sich zeitweilig ein in die eigenen vier Wände des Ichs, das sich die für Theoriearbeit benötigte Beharrlichkeit und Ausdauer vom Halse schaffen will – notfalls mit Gewalt gegen sich selbst und andere. Mit „Negativer Dialektik“ lässt sich dann weiter konkretisieren: „Die Über­macht des Objektivierten in den Subjekten, die sie daran hindert, Subjekte zu werden, ver­hin­dert ebenso die Erkenntnis des Objektiven; das ist aus dem geworden, was einmal ‚sub­jek­ti­ver Faktor‘ genannt wurde.“ Eher sei jetzt, so Adorno weiter, „Subjektivität das Vermittelte als Ob­jek­tivität, und solche Vermittlung dringender der Analyse bedürftig denn die herkömmliche. In den sub­jektiven Vermittlungsmechanismen verlängert sich die der Objektivität, in welche jegliches Sub­jekt, noch das transzendentale, eingespannt ist“. Warum Aufklärung darüber nicht mehr – oder noch nicht – in die gängige Alltagssymmetrie von Subjektivität passen will, bzw. sich dort nur schwer praktisch hineinwinden lässt, ist in der Tat theoretisch nicht ohne die Marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“ aufzustemmen, in der „alltägliche Wider­spruchs­er­fahrungen“ prospektiv einbegriffen sind für „Initiationsmomente“ jenes „Mehr“ (S. 92), womit der Zusammenhanglo­sig­keit von Denkbewegungen – mittlerweile ebenso durch ‚wissen­schaft­li­che‘ Podcasts bedient – etwas entgegenzusetzen wäre. Die in kapitalistischen Pro­duk­tions­ver­hält­nissen sich repro­du­zie­rende Tatsache etwa, dass sich der gesellschaftliche Reich­tum nicht an einer steten, für den Lohn­ab­hängigen sichtbaren Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit ablesen lässt, ganz im Gegenteil, Ar­beitsintensität in Arbeitsbereichen vor allem des ‚unproduktiven‘ Sektors sich bis zur Er­schöpf­ung ausdehnt, um die Mehrwertproduktion mit am Laufen zu halten, ist trotz allem Marketing nicht ein­fach aus der Welt zu schaffen und kann immer noch Spontaneitätsgedanke sein für politischen Ein­spruch. Daran schließt sich die von Schmieder angeführte Einsicht an, die „Kritik der po­li­ti­schen Ökonomie“ sei „eo ipso Aufruf zumindest zur Revolution“, weil sie auf­zeige, „die Not­wen­digkeit der Auf­he­bung des Kapitalismus“, was zugleich auf „Kämpfe (…) gegen Lebensraum- und Na­tur­zerstörung zu be­ziehen“ sei (S. 69). Ein Grund, weshalb „gängige wis­sen­schaftliche Dis­kur­se“ Teile des Marxschen Werkes demontieren zwecks Verdaulichkeit (vgl. S. 70), und weil sonst, um im Bild zu bleiben, unangenehme Obstipation folgt? Gegen eine Ent­po­li­ti­sie­rung der Marx­schen Kapitalschriften hatte bereits Paul Mattick (sen.) protestiert, der darin, und auf­grund seiner eigenen Klassenkampferfahrung, (wissenschaftlich) begründet sah eine „latente“ Macht der Ar­bei­ter­klasse, die die Ge­gen­wart verändern könne hin zu einer „klassenlosen Ge­sellschaft ohne öko­no­mi­­sche Wert­be­zieh­un­gen“ und das erstmal unabhängig davon, ob nun deren „Klassenbewusstsein“ geschwunden sei oder nicht. Gegen den „eindimensionalen Men­schen“ von Marcuse gewandt, hielt er die Betonung „auf die möglicherweise fortwährende Stand­haftigkeit der bestehenden Verhält­nisse“, die er übrigens niemals in Abrede stellte, für verkehrt. Sie müsse vielmehr gelegt werden auf „die Kräfte in diesen Verhältnissen, die ihre Auflösung an­zeigen“. Be­den­kenswert in diesem Zu­sammenhang ist sein durch die Geschichte verifizierter Hin­weis, dass sich die „totalitären Re­gimes“ noch am ehesten dieser latenten Macht bewusst seien und daher „Streiks ganz und gar ver­bieten“. Dieser Eindruck zirkuliert samt ideologischem Bei­werk auch in heu­tigen ‚libertären‘ Krei­sen, wo ‚Globalisten‘ und ‚Marxisten‘ auf die Ab­schuss­lis­te ge­setzt wer­den und vor ‚marxistischer‘ Machtübernahme gewarnt wird, während man sich seiner ver­klär­ten Aufklärungsintention empha­tisch zu versichern können glaubt u.a. mit Zitatanleihen bei Ludwig Bör­ne.

Bei diesen Vorboten politisch induzierter Barbarei ‚zündet‘ nichts, sondern es wird ge­zün­delt. Da­bei ist anzumerken, ob, analog zur Klimaerwärmung (auch wenn der Vergleich hinkt wie alle Vergleiche), ein historischer Kipppunkt existiert, an dem autoritäre Gewichte, auch die, die sich nicht als solche verstehen, bereits so schwer wiegen, dass eine progressive Umgestaltung kapita­lis­ti­scher Verhältnisse auf unbestimmte Zeit ver­sperrt ist. Kräfte wären am Werk, welche sich von im­ma­nenter Kritik nicht mehr inkommodieren ließen. Wann dieser Punkt gesellschaftlich erreicht bzw. überschritten wird, ist vielleicht erst in der geschichtlichen Nachschau zu bestimmen, sicher ist nur, dass sich diese Schwelle nicht einfach und ohne neue Katastrophen für Mensch und Natur aus­sitzen lässt, wie die Geschichte belegt. Die appellative Tonalität des Essays kann daher viel­leicht auch im Sinne eines Dringlichkeitsrufs gelesen werden, der der ‚verpassten Chance‘ implizit ein, wenn auch vorläufiges, ‚zu spät‘ an­non­ciert, freilich um Spontaneität zu erneuern. Was mit Gesellschaftskritik einst noch zu pro­vo­zie­ren war, de­signiert zum Verhöhnungs­ge­heul derjenigen, die, wie Jebsen u.a. mit „falscher Praxis“ und gutem Gewissen am Gang der Dinge rütteln wollen, um diesen fortzuführen. An diesem Widerstand sieht sich Praxis auf Kritische Theorie verwiesen, die selber schon praktisch ist und an jenem „unab­ge­gol­te­nen historischen Anspruch“ auf Befreiung des Menschen festhält, den Her­mann Schweppen­häuser an Klinger zu bestimmen suchte. Ein Anspruch, der im Marxschen Werk sein theoretisches Ein­ge­den­ken erhält und ernstzunehmen ist, aber nicht leugnet, dass „auf­ge­klär­te Humanität und Repres­sion“ bisher zu­sammenhängen, „ohne zusammenhängen zu können“ – eine „Wunde“, auf die das li­bertäre Denk­muster affektiv und mit verbaler Gewalt reagiert, um sich in diesem Schmerz nicht wie­dererkennen zu müssen. Jene latente Macht des Proletariats, eben weil sie – von zeitlich be­­grenz­ten Ausnahmen einmal abgesehen – latent blieb, assoziiert ein Ver­sa­gen, an dem der au­to­ri­tä­re Charakter nicht mehr länger tragen will. Was dann nicht mehr verstummt, liegt im Bereich roher Frustrationserlebnisse, die – bestenfalls – im „Pa­triotischen Kräh­wink­el­tum“ (Durs Grünbein) absaufen.

Nun werden diese Kalamitäten denjenigen nicht kratzen, der weiterhin an der Systemtheorie Luh­manns Schrägstrich Analytischen Philosophie kaut oder sich durch neue technologische Ent­pup­pun­gen im Zuge von „Industrie 4.0“ beschwichtigt sieht, womit schließlich das Thema Solidarität angeschnitten ist. Organisierte Protestaktionen, die ins Digitale abwandern, verlassen sich viel zu häufig auf die Dynamik hoher Unterschrifts- und Anmelderaten, womit Praxis letztlich versandet und daher keine reelle Umgestaltung einleitet. Der o.g. durch Flexibilisierungsanforderungen an die Ware Arbeitskraft verhinderte gemeinsame Arbeitskampf wird kompensiert mit einer Schein­kol­lektivierung. Ohne Rück­bin­dung an theoretisch flankierte Spontaneität werden medienwirksam Petitionen als Solidarität verkauft, die, wie im Falle des Protests gegen den ‚Befristungswahn‘ im akademischen Mittelbau, schlicht verpuffen. Jener fehlende Arbeitskampf, immer noch mögliches praktisches Initial für die Aufhebung des Kapitalverhältnisses, verbrüdert sich zu selten mit dem „Stachel der Aufklärung“ (S. 57), welcher isoliert vielerorts an den ver­stei­ner­ten Verhältnisse zu zer­schel­len droht. Dagegengehalten werden kann (und nicht von der Hand zu weisen ist) mit Schmieder, dass die Tauglichkeit von The­o­rie (s.o.) für emanzipatorische Praxis weiterhin, wenn schon nicht Konjunktur, so doch Be­stand hat. Die derzeitige Unmöglichkeit subversiver Praxis (im großen Maßstab) findet ihre Dar­stellung in Kritischer Theorie, die jenes Scheitern als Wider­stän­dig­keit ge­gen­über dem Kapital­ver­hältnis „vitalisiert“ und die Voraus­setz­ung lebendig hält, die In­be­sitznahme „radikal­de­mo­kra­ti­scher Ab­sichten“ (S. 57) auf Dauer zu stel­len.

Fazit

Arnold Schmieder stellt in seinem Werk die Aktualität der Marxschen Kapital­ana­lyse für sozial­ökonomische Umbrüche in „Industrie 4.0“ heraus und erhellt hierbei kenntnisreich, wie es um das Ver­hältnis von Theorie und Praxis bestellt ist. Mehr noch, indem er aufzeigt, dass Theorie gegenüber den kapitalistischen Verhältnissen doch nicht so ohnmächtig sein müsste wie es z. Z. erscheint, ist deutlich gemacht, wo der Hebel für Emanzipation zunächst anzusetzen hätte. Inter­ve­nie­rend wendet sich der Essay an eine aufklärerische Vernunft, die sich nicht weiter außer Tätigkeit setzen lassen will. Dazu regt er an, über die üblichen Debatten um Verteilungsgerechtigkeit und Lohnfragen oder „verständlichem Gegenwartspessimismus“ (S. 12) hinaus zu denken. Dass sich dagegen jene Kräfte der Unvernunft wieder (verschärft) in Stellung gebracht haben, mag nüchtern stimmen. An der Notwendigkeit einer praktischen Überwindung des Widerspruchs von Lohnarbeit und Kapital ändert das nichts.


Rezension von
Dr. phil. Kevin-Rick Doß
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Zitiervorschlag
Kevin-Rick Doß. Rezension vom 24.06.2021 zu: Arnold Schmieder: Vierte industrielle Revolution? Marx, die kritische Theorie und die praktische Kritik emanzipatorischer Bewegungen. VSA-Verlag (Hamburg) 2021. ISBN 978-3-96488-104-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28216.php, Datum des Zugriffs 23.07.2021.


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