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Anne Häußler, Antje Tuckermann: Praxis TEACCH

Cover Anne Häußler, Antje Tuckermann: Praxis TEACCH. Wenn Verhalten zur Herausforderung wird. Verlag moderne lernen lernen Borgmann GmbH & C (Dortmund) 2021. 160 Seiten. ISBN 978-3-942976-28-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Thema

Die Publikation ist ein praxiserprobter Leitfaden zum Umgang mit Verhaltensstörungen bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen. „Das praktische Vorgehen ist in fünf Phasen gegliedert, die inhaltlich erläutert und anhand von Fallbeispielen anschaulich beschrieben werden“ (Klappentext).

Entstehungshintergrund

Der Bedarf an Unterstützung im Umgang mit herausforderndem Verhalten war für das Autorenteam der Anlass zur Entwicklung von praktischen Hilfen, welche sich am TEACCH®-Konzept orientieren.

Aufbau

  1. Die Basis: Das Eisberg-Modell
  2. Startpunkt „Krise“
  3. Phase I – Eisberg voraus! Kritisches Verhalten erkennen und benennen
  4. Phase II – Das Ruder herumreißen: Spannungsregulation unterstützen
  5. Phase III – Das Fundament des Eisbergs: Versteckte Ursachen des Verhaltens ergründen
  6. Phase IV: Kurs anpassen: Präventive Maßnahmen planen
  7. Phase V: Sicherer navigieren: Maßnahmen umsetzen und überprüfen
  8. Das 5-Phasen-Modell: Gesamtübersicht mit Fallbeispielen

Inhalt

Massiv herausforderndes Verhalten ist für die Autoren v.a. selbst- oder fremdschädigendes Verhalten, welches zu Verletzungen oder Beschädigungen bis hin zur Zerstörung von Gegenständen führt.

Die Basis für das 5-Phasen-Modell zum individuellen Umgang mit herausforderndem Verhalten ist das Eisberg-Modell. Die Spitze des Eisbergs steht für das beobachtbare Verhalten, was eigentlich nur einen geringen Teil ausmacht. Der größte Teil des Eisbergs liegt unter der Wasseroberfläche: neben den individuellen sind dies insbesondere die behinderungsspezifischen Ursachen, die für ein Verhalten verantwortlich sind.

Der Eisberg bildet einen Bezugsrahmen für die Analyse herausfordernden Verhaltens.

Vor der Anwendung des 5-Phasen-Modells findet ein Gespräch zur auslösenden Krisensituation statt. Möglichst viele Aspekte, welche in der Krisensituation eine Rolle spielen, sind so differenziert wie möglich zu erfassen.

In Phase I wird das sichtbare kritische Verhalten erkannt und benannt. Zu sehen ist also die Spitze des Eisbergs.

Für die Autoren ist herausforderndes Verhalten charakterisiert durch:

  • physische oder psychische Verletzungen (der eigenen Person oder Anderer);
  • Beschädigung bis Zerstörung von Gegenständen;
  • Beeinträchtigung des Lernens und der weiteren Entwicklung;
  • Soziale Isolierung.

Phase II befasst sich mit der Reaktion auf das herausfordernde Verhalten einer Person, die im Autismus-Spektrum lebt. Ziel ist die positive Unterstützung der inneren Spannungsregulation. Das Ruder muss herumgerissen werden, um eine Kollision mit dem Eisberg zu vermeiden. Es geht in dieser Phase darum, für alle individuellen Spannungsfelder Maßnahmen zu entwickeln, die sich auf das Spannungserleben positiv auswirken.

In Phase III bewegen wir uns auf dem Grund des Eisberges, dem unsichtbaren Teil, der für Schiffe so gefährlich ist. Es werden die versteckten Ursachen des herausfordernden Verhaltens ergründet. Verstehen als Basis zum Handeln ist das Ziel. Es soll Verständnis für das Verhalten aufgebracht werden. Wir versuchen Personen mit ASS darin zu unterstützen, „Zusammenhänge leichter zu erkennen und an sie herangetragene Anforderungen zu verstehen“ (S. 63). So wird den Betroffenen eine kompetente Bewältigung der Situation ermöglicht.

Merkmale und Schwierigkeiten bei einer Autismus-Spektrum-Störung werden beschrieben über:

  • organische Faktoren;
  • Besonderheiten der sinnlichen Wahrnehmung;
  • Kommunikationsbeeinträchtigungen
  • Besonderheiten und Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion
  • kognitive Besonderheiten;
  • Merkmal, die das Lernen und die Aufrechterhaltung des Verhaltens beeinflussen.

Um ein Zusammenstoßen mit dem Eisberg zu verhindern, muss in Phase IV der Kurs dementsprechend angepasst werden. Um die Situation positiv zu beeinflussen ist die Umwelt auf die Lebensbedingungen der Person mit autistischer Wahrnehmung hin anzupassen, so wie es aktuell die Inklusion einfordert. Zusätzlich werden der betroffenen Person die Kompetenzen vermittelt, die die Möglichkeit zur angemessenen Reaktion in ähnlich gelagerten problematischen Situationen bieten. Hierfür ist die Notwendigkeit der Zielformulierung unerlässlich: „Erst wenn sich alle auf ein gemeinsames, konkretes Ziel geeinigt haben, ist es sinnvoll, sich über geeignete Maßnahmen zu verständigen“ (S. 82).

Ein sicheres Navigieren ist dann in Phase V möglich. Hier erfolgt die praktische Umsetzung, d.h. es werden die schrittweise erarbeiten Maßnahmen auf ihre praktische Anwendbarkeit und Wirksamkeit überprüft. Die Basis für die Bewertung der Interventionen sind Beobachtungen und Erfahrungen in den konkreten Situationen. Überprüfungen der Verhaltensänderungen geben dann auch Hinweise für etwaige Korrekturen.

In der Gesamtschau stellen die Autoren fest das es für den Umgang mit herausforderndem Verhalten keine Rezepte und vorgefertigten Lösungen gibt. Komplexe Ursachen und subjektiv sinnvolle Funktionen sind Bestandteile des Verhaltens.

Diskussion

Obwohl sich die besprochene Publikation auf Menschen bezieht, die im Autismus-Spektrum leben, ist die Methode auf herausforderndes Verhalten, beispielsweise nach einem hirntraumatischen Ereignis, übertragbar. Für viele nichtbehinderte Menschen ist das – letztlich doch sinnhafte – Verhalten von Menschen, die mit den Folgen eines schweren hirntraumatischen Ereignisses leben, oftmals unerklärlich. Dieses unerklärliche Verhalten kann behinderungsbedingt verursacht sein, z.B. weil neuropsychologische Probleme vorliegen, die nicht sichtbar sind und die für herannahende Schiffe so gefährlich sind. Nahestehende Menschen, die die hirntraumatisierte Person noch von früher kennen, können sich das Verhalten nicht erklären und halten Abstand. Die Folge ist eine erzwungene Isolierung der betroffenen Person, die dann in die Isolation mündet und eine Krise bewirkt. Hier eignet sich das 5-Phasen-Modell m.E. hervorragend für die Krisenverarbeitung.

Fazit

Wenn der Eisberg sichtbar ist, brodelt es unter der Wasseroberfläche bereits, d.h. die Krise hat in herausforderndem Verhalten ihren Höhepunkt erreicht, aber das, was mitschwingt, muss analysiert werden. Hierzu eignet sich das 5-Phasen-Modell zum individuellen Umgang mit herausforderndem Verhalten, das in dieser Publikation vorgestellt wird.

Wenn nun eine kritische Situation wahrgenommen wird, so werden in der ersten Phase die Verhaltensweisen beobachtet, die als problematisch erlebt werden.

In Phase II findet ein Gespräch zum auslösenden Moment der Krise statt und es wird darüber entschieden, ob das 5-Phasen-Modell zur Anwendung kommt. Es wird darüber beraten, „wie man in der akuten Krisensituation am besten reagieren kann“ (S. 19).

In der dritten Phase wird sich mit den, dem Verhalten zugrunde liegenden, Ursachen auseinandergesetzt. Nach dem Eisbergmodell finden autismusspezifische Besonderheiten unterhalb der Wasseroberfläche statt.

Um das herausfordernde Verhalten, gewissermaßen abzustellen, werden in Phase IV Präventionsmaßnahmen zu entwickeln.

Die Umsetzung der Maßnahmen erfolgt dann in der fünften Phase, in welcher der Eisberg großräumig umfahren wird.


Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
Homepage www.teilhabeberatung.de/beratung/malteser-hilfsdien ...
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 30.03.2021 zu: Anne Häußler, Antje Tuckermann: Praxis TEACCH. Wenn Verhalten zur Herausforderung wird. Verlag moderne lernen lernen Borgmann GmbH & C (Dortmund) 2021. ISBN 978-3-942976-28-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28223.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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