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Florian Dobmeier, Linus Möls u.a. (Hrsg.): Dynamiken des Pädagogischen

Cover Florian Dobmeier, Linus Möls, Teresa Hessing, Hannah Esser, Daniel Bräunling u.a. (Hrsg.): Dynamiken des Pädagogischen. Perspektiven auf Studium, Theorie und Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 202 Seiten. ISBN 978-3-8474-2412-3. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

Reihe: Studierendenkongress Erziehungswissenschaft: Studierendenkongress Erziehungswissenschaft - Band 1.
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Entstehungshintergrund

Der Sammelband Dynamiken des Pädagogischen – Perspektiven auf Studium, Theorie und Praxis, der 2020 im Verlag Barbara Budrich Opladen erschien ging aus Beiträgen des ersten Studierendenkongresses Erziehungswissenschaft (SKEW), der unter dem Titel: Brave new World!? – Dynamiken (in) der Erziehungswissenschaft, vom 23. bis 25.9.2019 in Tübingen veranstaltet wurde hervor. Eine Besonderheit und ein prägendes Merkmal dieses Bandes ist die Tatsache, dass das Format des Kongresses und daraus resultierend auch eine Publikation der Ergebnisse in Form eines Sammelbandes nicht wie üblich den Professor*innen und akademischen Mitarbeiter*innen vorbehalten ist. Die Organisation und Publikation sind zwar von „klassischen“ Kongressen wie zum Beispiel dem der DGfE inspiriert, dennoch unterscheiden sie sich in ihrer Durchführung von diesen großen Vorbildern. Die Organisator*innen verstehen den Kongress als Schutzraum für experimentelle Formate und dies zieht sich auch bis in die Publikation durch, dazu jedoch später mehr.

Die Autor*innen des Sammelbandes formulieren das Ziel des Kongresses und damit auch des Sammelbandes als die Irritation des bestehenden akademischen Kanons der einzelnen Hochschulstandorte. Dies geschieht sowohl durch die theoretischen Perspektiven der Teilnehmer*innen als auch durch Diskussionsformate mit Akteur*innen aus der pädagogischen Praxis. Der Sammelband soll nach dem Vorwort der Herausgeber*innen wissenschaftlich interessierten Student*innen die Gelegenheit bieten, die eigenen Themen auf verschiedene Weise präsentieren zu können: von der klassischen Vorstellungen einer Hausarbeit mit PowerPoint oder Vortrag, über Diskussionsrunden, Podiumsdispute und Workshops, bis hin zu experimentellen Formaten wie Poetry Slam und Zimmertheater (vgl. Dobmeier et al., 2020, S. 15).

Der geschützte Raum – anders als das karrieresensible Auftreten auf den etablierten Fachtagungen – eines solchen Studierendenkongresses und des daraus resultierenden Sammelbandes bietet die Möglichkeit stilistisch höchst unterschiedlicher Textbeiträge und neuer Formen. Beispiele sind: die Verschriftlichung des künstlerischen Abendprogramms der offenen Bühne des Kongresses von Stefan Schüller mit dem Beitrag „Die Montagsbühne am Dienstag als unterhaltendes Programm“ oder der Beitrag von Lukas Biehler, Jonas Bischof, Anna Boehme und Teresa Hessing „Brave New Uni? Gemeinsame Reflexionen nach dem SKEW 2019 – Ein Gespräch“, in dem die Gedankengänge und Gespräche aus den informellen Settings des Kongresses weitergesponnen werden und im experimentellen Format eines Dialoges zentrale Diskurslinien des Funktionssystems Universität (Bildungsideale, Sinn und Zweck von Wissenschaft und den persönlichen Erfahrungen im zunehmend durchneoliberalisierten Hochschulsystem) expliziert werden, ohne jedoch den Anspruch anzulegen, diese auflösen oder abschließend beantworten zu wollen. Es finden sich ebenfalls „klassische“ Sammelbandbeiträge, die in bekannterer Weise einer spezifischen Fragestellung folgen, stellvertretend sei hier der Artikel von Hannah Esser genannt: Vulnerabilität und Social Media im Kontext des Aufwachsens junger Menschen in einer ‚Brave New World‘.

Inhalt

Die Dynamiken des Pädagogischen

Bevor einzelne Beiträge diskutiert werden, soll hier auf den Titel des Sammelbandes „Die Dynamiken des Pädagogischen eingegangen werden und darauf, was die Herausgeber*innen und Autor*innen unter diesem Begriff verstehen. Harm Kuper, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) schreibt in seinem Vorwort für den Sammelband über die Themenwahl:

„Sie folgt (noch) keiner disziplinären oder subdisziplinären, keiner forschungsmethodischen oder theoretischen Systematik. (…) Vielmehr reflektiert die Themenwahl die Beobachtungen, die aus einem Studium der Erziehungswissenschaft resultieren können, mit den Angeboten, die das Fach selbst macht“ (ebd., S. 11).

Kuper sieht dies jedoch nicht als Schwäche, sondern als Stärke des Sammelbandes und als eine realitätsnahe Repräsentation und Reaktion der akademischen Disziplin Erziehungswissenschaft auf aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen wie zum Beispiel Digitalisierung, Nachhaltigkeit, interdisziplinärer Austausch mit anderen Hochschulstandorten, Reflektion zentraler Begrifflichkeiten wie Bildung und Erziehung, sowie die Organisations- und systemtheoretische Dimension der Pädagogik (vgl. ebd., S. 11 f.). Die Gefühle des Unbehagens und des im Diskurs „Verheddertseins“, welches die Autor*innen des Sammelbandes immer wieder ansprechen, soll durch den Austausch und die bewusste Teilhabe am wissenschaftlichen Diskurs durch die Organisation eines Kongresses und der Erstellung eines gemeinsame Sammelbands reflektiert und produktiv gewendet werden. Das Grundstudium der Erziehungswissenschaft wird von einer gewissen Pluralität des Faches gekennzeichnet, die sich zwar in den unterschiedlichen Hochschulstandorten in Deutschland, vor allem in den weiterführenden Masterstudiengängen zunehmend ausdifferenziert, dennoch ein breites Spektrum an Themen abbildet.

Mit der Pluralität des Faches und der Freiheit des Formats dieses Sammelbandes geht ein eher loser thematischer Zusammenhang der Beiträge einher. So werden Themen behandelt wie: Digitalisierung, Zukunftsforschung, schulpädagogische Überlegungen, Fragen zur pluralen Ökonomie, Gouvernementalität und Hochschulsteuerung, Überlegungen zur Mündigkeit, soziale Arbeit in einem kapitalistischen System und vieles mehr. Auch wenn dies unter dem Label „Sammelband“ zunächst für Irritation bei den Leser*innen sorgen könnte, muss hier auf die Stärke der Verschiedenheit der Beiträge verwiesen werden, die nicht immer den Anspruch mitbringen, ihre Fragestellungen abschließend zu Ende zu diskutieren. Vielmehr bieten sie kurze und prägnante Einblicke in erziehungswissenschaftlich relevante Themen und sollen dadurch zu einer eigenen Auseinandersetzung von Seiten der Leser*innen einladen.

Zuletzt ist es noch wichtig anzumerken, dass einige Artikel des Sammelband einen direkten Bezug zum Namen des Kongresses herstellen, der diesem Sammelband zugrunde liegt: Brave New World!?. Da diese Anspielung auf den Roman „Brave New World“ aus dem Jahr 1932 vom Autor Aldous Huxley auch in dem Titel von zwei, im Laufe dieser Rezension besprochenen Artikel auftaucht, soll hier vorab in Kürze auf das Werk und seine Implikationen für den Kongress bzw. den Sammelband eingegangen werden.

Der Roman von Huxley beschreibt eine dystopische Zukunftsvision der Gesellschaft und ist im Science Fiction-Genre anzusiedeln. Menschen werden durch technische Entwicklungen konditioniert bzw. programmiert, um sich optimal in ein bestehendes hierarchisch organisiertes Klassensystem einzufügen. Damit die Menschen sich nicht gegen dieses System zur Wehr setzen, werden sie konstant mit Drogen gefügig gemacht und ruhig gestellt. Harm Kuper arbeitet in seiner Einleitung die Verbindung von Brave New World und den Artikeln der Autor*innen des Sammelbandes sehr präzise heraus:

„Dass der I. Studierendenkongress den Titel eines bekannten dystopischen Romans trägt – 'Brave New World!?' – ist nach meinem Verständnis daher mehr als ein ironischer oder vielleicht auch sarkastischer Kommentar auf das skizzierte Erleben. Die 'schöne neue Welt' lockt mit hehren Werten – erweist sich aber in Wirklichkeit als manipulativ und totalitär. Mit Ausruf- und Fragezeichen stellen die Studierenden die Erwägung in den Raum, ob es sich auch mit den 'Dynamiken (in) der Erziehungswissenschaft' so verhalte. (ebd.)“.

Ausgewählte Einblicke in die Beiträge des Bandes

Nach dieser kurzen Einführung in die Entstehungsgeschichte des Sammelbandes und die Vielheit der angeschnittenen Themen sollen nun zwei Beiträge aus den zwei Themenblöcken: Dynamiken der Erziehungswissenschaft und Dynamiken in der Erziehungswissenschaft exemplarisch für das Gesamtwerk vorgestellt werden. Hier ist das Ziel nicht die Beiträge in Gänze vorzustellen, sondern einen Eindruck zu vermitteln, was die Leser*innen in diesem Sammelband erwartet.

3.1. Ein unkonventioneller Sammelbandbeitrag: Ein Gespräch über Universität und Wissenschaft

Der Beitrag von Lukas Biehler, Jonas Bischof, Anna Boehme und Teresa Hessing ist laut den Autor*innen aus den Gesprächen der Gruppe während des Kongresses mit folgendem Motiv entstanden:

„Wir wollten ‚alles anders machen‘: gemeinsam denken und nicht allein, widersprüchliche Meinungen sichtbar machen, nicht nur ein perfektes Ergebnis präsentieren, sondern einen Prozess darstellen und damit mit der Form typischer wissenschaftlicher Artikel brechen“ (Biehler et al., 2020 S. 82).

Dieser Ansatz ist besonders spannend, da er aus der Perspektive von Student*innen expliziert, wie wissenschaftliche Denkkollektive funktionieren und verdeutlicht, wie stark auch das akademische Schreiben und die Wissensproduktion, im Gegensatz zur öffentlichen Wahrnehmung, von gemeinschaftlichen Prozessen geprägt ist. Markus Rieger-Ladich, der ebenfalls als Direktor des Tübinger Instituts für Erziehungswissenschaft ein Vorwort für diesen Sammelband verfasst hat, schreibt über Denkkollektive in Anlehnung an Friedrich Schleiermacher:

„Hier wird deutlich, dass Schleiermacher Bildung nicht länger als das Streben eines Einzelnen nach Vervollkommnung seiner Persönlichkeit interpretiert, wie das etwa für die frühen Texte Humboldts gilt, die nur wenige Jahre zuvor entstanden. Um es metaphorisch zu formulieren: Das an Bildung interessierte Individuum verlässt die Studierstube, es schließt die dicken Folianten – und begibt sich in den Salon, wo es auf andere, ähnlich gesonnene Individuen trifft“ (Rieger-Ladich, 2019, S. 64).

Neben dem Interesse den kollektiven Arbeitsprozess sichtbar zu machen, gibt es eine weitere Besonderheit dieses Artikels. Das gemeinsame Gespräch folgt nach den Autor*innen keiner klassischen Fragestellung, sondern behandelt eine Vielheit von Themen wie: Welche Erwartungen haben Student*innen an die Universität? Wie werden Menschen zu Wissenschaftler*innen? und wie gestaltet sich das Verhältnis von Universität und Gesellschaft (vgl. Biehler et al., 2020)? Solche alternativen Formate sind nicht zwingend etwas Neues in akademischen Texten. Dem sind sich die Autor*innen des Beitrags bewusst. Sie verweisen ebenfalls darauf, dass es weniger darum geht, die oben genannten Themenbereiche abschließend zu klären, sondern vielmehr gemeinsam ein Experiment zu wagen, welches durchaus scheitern kann (vgl. ebd., S. 83). Bevor auf den Inhalt der Diskussion eingegangen werden soll, ist es wichtig anzumerken, dass die Beiträge der Autor*innen nicht namentlich gekennzeichnet und damit nicht klar einer Person zuzuordnen sind. Die Wechsel im Gespräch sind durch ein * Symbol und einen Absatz markiert, was die kreativen Emergenz des „Zwischen“ in der Kommunikation der Autor*innen sichtbar machen soll.

Der Text beginnt mit Fragen, die sich vermutlich viele Student*innen zu Beginn ihres Studiums stellen. Zum Beispiel geht es darum, warum es sich, vor allem für Jugendliche aus Familien mit einem akademischen Hintergrund so „natürlich“ anfühlt nach dem Abitur ein Studium zu beginnen und dies häufig überhaupt nicht kritisch oder nach persönlichen Interessen reflektiert wird. Die Autor*innen steigen zu Beginn des Textes mit einem assoziativen Verständnis des Begriffs Studiums im Vergleich zum Schulleben ein. Das Schulleben ist von einer gewissen thematischen Weite gekennzeichnet, im Gegensatz zum Studium, welches nach ihrem Verständnis eine Engführung auf spezifische Diskurse, zum Beispiel um Bildung und Erziehung darstellt. Im Laufe des Textes werden diese Verständnisse durch präzisere Arbeitsdefinitionen ergänzt, welche die Universität als Ort der Wissenschaft genauer beschreiben:

„Sie ist sowohl (Aus-) Bildungsstätte für Studierende als auch Forschungsstätte und Arbeitsplatz für Wissenschaftler:innen. Hier soll Welt beobachtet, interpretiert, analysiert und angeeignet, also auch für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden“ (ebd. S. 84).

Im weiteren Verlauf geht es um Fragen nach der zunehmenden Ökonomisierung der Universität, der Freiheit von Forschung und Lehre, Universität als Ausbildungsstätte, dem Spannungsverhältnis von Eliteförderung und Chancengleichheit im Zugang an die Universität, der kritischen Reflektion von Machtstrukturen und den Verstrickungen der Hochschulen in diese, den Zwang Drittmittel einzuwerben, sowie der großen Anzahl an prekär beschäftigten akademischen Mittarbeiter*innen. Die Vielfalt der Themen und die Einordnung der Autor*innen in den erziehungswissenschaftlichen Diskurs, lassen die Tiefe dieser einzelnen Themen erahnen. Gerade deshalb wären hier noch weitere aufhellende Beispiele wünschenswert gewesen, um die Thematiken in der Breite weiter zu entfalten.

Gerade da sich der Dialog unter den Autor*innen sehr dynamisch und angenehm lesen lässt, wäre es hier durchaus reizvoll gewesen, den Beitrag noch weiter auszuformulieren. Dem Text gelingt dennoch eine sehr komplexe Aufgabe. Nämlich in gut lesbarer und anregender Sprache auf relevante und hochaktuelle Thematiken, welche das Studium der Erziehungswissenschaft betreffen, aufmerksam zu machen und den Leser*innen des Artikels weitere Literatur an die Hand zu geben, sollten diese sich weiter in diese Themenfelder vertiefen wollen. Zum Ende des Textes werden immer wieder ideologische Debatten um Reformen an der Universität hin zu einer gerechteren und sozialeren Institution, welche die Gesellschaft durch ihre Forschung und Absolvent*innen nachhaltig positiv beeinflusst, aufgeworfen. Die Autor*innen sind sich bewusst, dass sie diese und die vielen anderen Fragen, welche in diesem Text thematisiert wurden nicht abschließend geklärt werden können und regen zu einem akademischen Selbstversuch an, frei nach dem Motto: „Wir finden: Probieren geht über Studieren“ (vgl. ebd. S. 91).

3.2. Vulnerabilität junger Menschen im Zeitalter von Social Media

Die Autorin Hannah Esser geht in ihrem Artikel der folgenden Fragestellung nach: „(…) Welche Bedeutung haben sprachliche Verletzungen für das Aufwachsen junger Menschen in medialen Möglichkeits- und Artikulationsräumen?“ (Esser, 2020, S. 150). Im Vergleich zum ersten vorgestellten Artikel wird die Fragestellung in diesem Beitragsformat – der klassischen Abhandlung – entsprechend schon früh eindeutiger exponiert. Auch das Vorgehen im Laufe des Artikels wird zu Beginn klarer definiert. Zunächst wird das Konzept der Vulnerabilität eingeführt um im Anschluss die Verbindung zwischen Vulnerabilität, Sprache und Social Media in einer Brave New World betrachten zu können (vgl. ebd.).

3.2.1 Vulnerabilität

Die Autorin beschreibt den Begriff der Vulnerabilität im Anschluss an die Philosophin Judith Butler als ein soziales Phänomen (vgl. Butler, 2012), das zur „Natur“ der Menschen gehört und diese somit als „vulnerable Wesen“ bezeichnet werden können (vgl. Burghardt et al., 2017, S. 7). Esser gelingt es in dieser kurzen Einführung, zwei zentrale Elemente der Vulnerabilität herauszuarbeiten. Zum einen sind Kinder und Jugendliche besonders anfällig für bereits zugefügte oder noch entstehende Verletzungen bzw. Verwundbarkeit und sind auf die Solidarität von anderen angewiesen. Daraus folgt unter anderem auch die Frage an die Pädagogik, ob Kinder und Jugendliche im medialen Raum grundsätzlich nur „gefährdet“ sind oder ob diese Verwundbarkeit auch in Bezug auf Identitätsstiftung konstruktiv gewendet werden kann. Zum anderen betrifft die Vulnerabilität den Menschen auf verschiedenen Ebenen der psychischen, sozialen oder auch auf der symbolischen Ebene. Da die Autorin sich in ihrer Analyse auf den medialen Raum konzentriert, setzt sie den Schwerpunkt primär auf die körperliche Ebene: „(…) da über den Körper sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene eine Präsentation sowie eine Repräsentation von Verletzbarkeit stattfinden kann“ (vgl. Esser, 2020, S. 150 f.).

Im Anschluss an diese Feststellung werden die sozialen Medien als „Schauplatz“ der Vulnerabilität als Untersuchungsschwerpunkt dieses Artikels etabliert. Dies geschieht unter der Annahme, dass soziale Medien entscheidend zur Identitätsstiftung vor allem junger Menschen beitragen, da sie sowohl in der Alltags- wie auch der Lebenswelt von hoher Bedeutung sind (vgl. Schorb, 2014, S. 174). Die jungen Menschen haben in den sozialen Netzwerken die Möglichkeit, sich und ihre Ansichten, Meinungen und Präferenzen öffentlich zu präsentieren und sich dadurch auch zu positionieren. Dies bringt die Gefahr oder die Anfälligkeit für Vulnerabilität mit sich und es besteht das Risiko, neben positiven Rückmeldungen Anfeindungen, Kritik und Hate Speech auf sich zu ziehen. Diese Gefahren waren für die Pädagogik, nach der Meinung der Autor*in, lange Zeit der Grund, den neuen Medien mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Das Ziel der pädagogischen Bemühungen bestand in der Vergangenheit primär darin, ein möglichst starkes, resilientes Subjekt auszubilden, welches sich durch Eigenschaften wie Autonomie, Kompetenz, Eigenverantwortung und Gesundheit auszeichnet (vgl. Esser, 2020, S. 151). Hier wirft Esser scharfsichtig die Frage auf, inwiefern und wie überhaupt diese Subjektvorstellung mit der zu Beginn dieses Kapitels vorgestellten Überlegung in Bezug auf die Vulnerabilität als eine Art anthropologische Grundkonstante und die hohe Anfälligkeit für junge Menschen in Bezug auf Verwundbarkeit zusammenpassen (vgl. ebd.).

3.2.2. Die Verbindung von Vulnerabilität und Sprache

Da Esser den Fokus der Analyse primär auf den medialen Raum und genauer Social Media verlagert, schränkt sich die Reichweite von verletzendem Verhalten in gewisser Weise ein. So ist ein junger Mensch im virtuellen Raum zwar keiner aktiven Körperverletzung von anderen ausgesetzt. Verletzung, die durch die verschiedenen Dimensionen von Sprache verursacht werden, sind jedoch weiterhin ein Risiko und allgegenwärtig. Die jungen Menschen befinden sich während der Nutzung von Social Media in einem Spannungs- und Interessenverhältnis zwischen dem Wunsch nach Anerkennung, Sichtbarkeit und positiven Rückmeldungen, und der potentiellen Verletzbarkeit durch Ausgrenzung, Beleidigungen oder auch der Missachtung (vgl. ebd. S. 151 f.). Wie bereits im vorherigen Kapitel kurz erwähnt wurde, sind alle Menschen als soziale Wesen von Vulnerabilität, wenn auch in unterschiedlichem Maße, betroffen. Niemand kann sich ihr vollständig entziehen. Warum setzen sich also vor allem junge Menschen auf Social Media dem erhöhten Risiko von sprachlichen Verletzungen aus? Die Autorin beschreibt an einem Beispiel von Butler zum Thema Hate Speech, warum der Wunsch nach Anerkennung überwiegt. Menschen streben nach Anerkennung und sind dafür auf den Kontakt zu anderen Menschen angewiesen. Ebenso entscheiden Anerkennung und Anerkennungsnormen darüber wer als Mensch wahrgenommen und adressiert wird und wem diese Anerkennung verwehrt bleibt (vgl. Butler, 2010, S. 57). Die Anerkennung ist also überlebensnotwendig und deshalb setzen sich junge Menschen im Prozess ihrer Subjektivierung dem Risiko von (verbaler) Gewalt unter anderem Hate Speech aus.

3.2.3. Die Suche nach Anerkennung im medialen Raum

Esser beschreibt den medialen Raum als eine weitere Sozialisationsinstanz, also als ein zusätzlicher Ort der Artikulation und Selbstthematisierung. Hier können zentrale Fragen wie: Wer bin ich? und Wie wirke ich auf andere? ausgehandelt werden (vgl. ebd. S. 154 f.). Dies geschieht auf den gängigen Plattformen wie: Instagram, Youtube und WhatsApp, die vor allem von jungen Menschen genutzt werden und sich trotz einem durchaus rauen Umgangston, Cybermobbing, Hate Speech, usw. einer großen Beliebtheit erfreuen. Der Wunsch nach Anerkennung ist so stark, dass die jungen Menschen sich freiwillig dem großen Druck gesellschaftlicher Anerkennungsnormen und Vergleichsprozessen aussetzen. Esser verweist auf und belegt diese Analyse des Nutzer*innen Verhaltens mit diversen Studien und schafft dadurch eine gute Basis, wenn man sich an dieser Stelle noch tiefer mit dem Thema auseinandersetzen möchte. Deutlich wird, dass sich vor allem junge Menschen im Prozess ihrer Social Media-Nutzung in einem Spannungsverhältnis zwischen Selbstschutz, Unsichtbarbleiben und dafür auch keine Anerkennung erfahren, und der Selbstdarstellung und dem sich öffentlich zur Debatte und zur Diskussion stellen, was mit dem Risiko der verbalen Gewalt und Verwundbarkeit einher geht, befinden (vgl. ebd. S. 155).

3.2.4. Zusammenfassung des Beitrags

In dem Fazit ihres Textes verweist Esser darauf, dass die Verbindung von Vulnerabilität und Sprache in sozialen Medien als Chance und weniger als Gefahr betrachtet werden soll, vor der es die jungen Menschen zu schützen gilt (vgl. ebd. S. 156). Ein erster Schritt wäre hier, auch in der Pädagogik das Vorhandensein der Vulnerabilität anzuerkennen und in einem nächsten Schritt zu untersuchen:

„Wie kann pädagogische Arbeit mit jungen Menschen in einem Spannungsverhältnis zwischen den Vorstellungen einerseits von einem vulnerablen und andererseits von einem resilienten Subjekt gestaltet werden?“ (ebd.).

Nur wenn Vulnerabilitäten sichtbar gemacht und das damit eng verbundene Verhältnis um das Ringen nach Anerkennung in das Zentrum der pädagogischen Betrachtung rückt, können in einem nächsten Schritt die dahinterliegenden Stigmatisierungen, Benachteiligungen und Exklusionsmechanismen näher unter die Lupe genommen werden (vgl. ebd.).

Diskussion

Zu Beginn der Rezension wird der Sammelband im erziehungswissenschaftlichen Diskurs verortet. Es wird herausgearbeitet, dass die Beiträge und der vorrausgehende Kongress stark von studentischem Engagement geprägt sind, frei nach dem Motto: von Student*innen für Student*innen. Die qualitativ durchaus hochwertigen Texte der Autor*innen beweisen, dass es, um einen gelungenen Sammelband herauszubringen nicht nur Akteur*innen braucht, die bereits die höchsten Stufen der akademischen Karriereleiter erklommen haben. Gleichzeitig bieten die Beiträge der Student*innen Einblicke und Hilfestellung zur weiteren Auseinandersetzung mit den Themen rund um die Dynamiken der Erziehungswissenschaft wie auch der Dynamiken in der Erziehungswissenschaft und repräsentieren dadurch die Vielheit der Themen des Fachbereichs. Ebenfalls wird das Unbehagen oder der Wunsch geäußert, aus dem Studierzimmer (wenn denn vorhanden) herauszutreten und die eigenen Forschungsthemen mit fachkundigen Kolleg*innen zu besprechen und zur Diskussion zustellen.

Die Texte sind dadurch recht lose aufeinander abgestimmt und durch das „Fehlen“ einer engeren thematischen Eingrenzung auch in ihren Inhalten und der Form sehr unterschiedlich. Dies ist den Autor*innen und Herausgeber*innen nicht nur bewusst sondern auch von Ihnen gewollt, sie begreifen ihren Kongress, sowie den Sammelband als intellektuellen Steinbruch für spannende Themen und als Work in Progress. Dies würde ich jedoch nicht als Schwäche des Sammelbandes bezeichnen, sondern als Anregung neue Themen zu entdecken und auch als Beispiele, wie akademische Texte auf erfrischende Art mit Konventionen brechen und dennoch ihren Gegenstand präzise vermitteln.

Die Inhalte der Texte sind schlüssig dargelegt, die Beiträge gut recherchiert und von namhaften Professor*innen sowie wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen kommentiert und peer-reviewed. Dadurch befinden sich die Texte auf einem hohen inhaltlichen Niveau und profitieren vom Vorwissen auf Seiten der Leser*innen. Bei manchen Beiträgen hätte ich mir auf Grund dieser großen Qualität gewünscht, dass die Autor*innen sich für ihre Ausführungen mehr Seiten genommen hätten, damit ich noch mehr über die spannenden Themen erfahren kann. Auch wenn die Seitenzahl in einem Sammelband durchaus begrenzt ist, verweisen die Autor*innen jedoch sehr umfangreich auf weitere Literaturquellen und ermöglichen so den interessierten Leser*innen, sich weiter in die Vielheit der erziehungswissenschaftlichen Diskurse und Forschungsmethoden zu vertiefen.

Der Kongress und der daraus entstandene Sammelband besticht durch den besonderen Charakter des Austausches von aktuellen Forschungsinteressen von Studierenden für Studierende. Die verschiedenen Artikel behandeln ebenfalls nicht nur wichtige grundlagentheoretische Fragestellungen, sondern werden durch die pädagogische Praxis der Autor*innen informiert und profitieren ebenfalls im Rahmen des Kongresses von dem Austausch mit Akteur*innen aus dem pädagogischen Feld. Der Kongress konnte sich ebenfalls als anschlussfähig erweisen und geht 2021 in die zweite Runde und wird dabei wieder von der DGfE unterstützt. Damit bleibt gewährleistet, dass dieses innovative Format auch weiterhin als Experimentier- und Schutzraum für Student*innen und die verschiedenen Formen des wissenschaftlichen Austauschs bestehen bleibt.

Die Fachschaft der Universität Bielefeld organisiert aktuell unter dem Motto Alle Klarheiten beseitigt? (Hinter-)Fragen der Erziehungswissenschaft den zweiten SKEW vom 20.-22. September 2021 (Link zur Homepage: https://skew2021.wixsite.com/skew21 [7.6.2021]). Es ist (Stand 1.6.2021) noch bis zum 11.07.2021 möglich Beitragsvorschläge einzureichen und sich bis zum 8.8.2021 für den Kongress anzumelden. Ein Call for Papers ist ebenfalls bereits in Umlauf und dadurch ist klar, es wird einen weiteren Sammelband geben, voller spannender Ideen und aktueller Diskurse rund um die Erziehungswissenschaft.

Fazit

Der Sammelband bietet eine Vielzahl an beeindruckend verschiedenartigen und qualitativ hochwertigen Beiträgen zu aktuellen Diskursen der Erziehungswissenschaft in ihrer gesamten disziplinären Breite. Die Beiträge bestechen durch ihre Originalität und Experimentierfreude, die das Engagement der beteiligten Student*innen in Form und Inhalt auszeichnet. Die Herausgeber*innen haben somit einen Band vorgelegt, der in seinem Werkstatt- und Prozesscharakter zum eigenen kritischen Mit- und Weiterdenken anregt – man darf angesichts dessen auf Weiteres aus der SKEW-Reihe gespannt sein.

Literaturverzeichnis

Biehler, Lukas, Bischof, Jonas, Boehme, Anna, Hessing Teresa (2020): Brave New Uni? Gemeinsame Reflexionen nach dem SKEW 2019 – Ein Gespräch. In: Dobmeier, Florian, Möls, Linus, Hessing, Teresa, Esser Hannah, Bräunling, Daniel, Stojekt, Nicolas, Krüger, Gino (Hrsg.): Dynamik des Pädagogischen – Perspektiven auf Studium, Theorie und Praxis. Opladen/​Berlin/​Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Burghardt, Daniel, Dederich, Markus, Dziabel, Nadine, Höhne, Thomas, Lohwasser, Diana, Stöhr, Robert, Zirfas, Jörg (2017): Vulnerabilität. Pädagogische Herausforderungen. Stuttgart: Kohlhammer.

Butler, Judith (2010): Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen. Frankfurt/New York: Campus Verlag.

Butler, Judith (2012): Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt am Main: edition suhrkamp.

Dobmeier, Florian, Möls, Linus, Hessing, Teresa, Esser Hannah, Bräunling, Daniel, Stojekt, Nicolas, Krüger, Gino (Hrsg.) (2020): Dynamik des Pädagogischen – Perspektiven auf Studium, Theorie und Praxis. Opladen/​Berlin/​Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Esser, Hannah (2020): Vulnerabilität und Social Media im Kontext des Aufwachsens junger Menschen in einer ‚Brave New World‘. In: Dobmeier, Florian, Möls, Linus, Hessing, Teresa, Esser Hannah, Bräunling, Daniel, Stojekt, Nicolas, Krüger, Gino (Hrsg.): Dynamik des Pädagogischen – Perspektiven auf Studium, Theorie und Praxis. Opladen/​Berlin/​Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Rieger-Ladich, Markus (2019): Bildungstheorie zur Einführung. Hamburg: Junius.

Schorb, Bernd (2014): Identität und Medien. In: Tillmann, Angela, Fleischer, Sandra, Kai-Uwe (Hrsg.): Handbuch Kinder und Medien. Wiesbaden: Springer VS, S. 171-180.


Rezension von
Christoph Wilhelm
Masterstudent Bildung und Erziehung: Kultur – Politik – Gesellschaft am Institut für Erziehungswissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen
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Zitiervorschlag
Christoph Wilhelm. Rezension vom 21.06.2021 zu: Florian Dobmeier, Linus Möls, Teresa Hessing, Hannah Esser, Daniel Bräunling u.a. (Hrsg.): Dynamiken des Pädagogischen. Perspektiven auf Studium, Theorie und Praxis. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2412-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28224.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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