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Ernst Rebel: Im Kleinen das Große

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 21.12.2021

Cover Ernst Rebel: Im Kleinen das Große ISBN 978-3-96848-008-4

Ernst Rebel: Im Kleinen das Große. Mikroblick als Kreativität. kopaed verlagsgmbh (München) 2021. 500 Seiten. ISBN 978-3-96848-008-4. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.
Reihe: KREAplus - 26.

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Das Kleine im Großen

Der Kunstwissenschaftler und -erzieher Ernst Rebel hat vor rund 25 Jahren damit begonnen, in der Kunstlehre und -bildung einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, indem er in der Betrachtung und Analyse von Kunstwerken die Blickrichtung veränderte und den „Mikro-Blick“ erprobte: Im Kleinen findet sich Vielfältiges, Besonderes wie Allgemeines, Beachtenswertes und Kreatives, Scheinbares und Unscheinbares. Kunstgeschichte wird zur Bildungs- und Kulturgeschichte und damit zur Auseinandersetzung mit dem Ich und der Welt. In der Kunstpädagogik werden die An- und Herausforderungen dafür wirksam. Die curricularen, didaktischen und methodischen Fragen und Ergebnisse werden im (schulischen) Diskurs praktiziert und vermittelt. Die Mehlhorn-Stiftung im kopaed Verlag gibt in der Buchreihe „KREAplus“ Forschungs- und Praxisliteratur zur schulischen Kreativität heraus. Mit dem Buch „Kunst – Geschichte – Unterricht“ erscheint mittlerweile der 26. Band in der Reihe; und in der Sonderreihe der achte Band. Er liefert die Ergebnisse des fächerbezogenen und interdisziplinären kunstpädagogischen Kongresses, der vom 23.-24. März 2018 am Institut für Kunstpädagogik der Universität in Leipzig und vom 15.-17. November 2018 an der Akademie der Bildenden Künste in München stattfand. Dieses wissenschaftliche Großereignis kann als Innovationsschritt verstanden werden, die in der Kunstwissenschaft und -pädagogik mit den Dokumentationsbänden neue Marker setzen: Fokussieren (ISBN 978-3.96848-001-5, 2020) Begegnungen (… 002-2, 2021), Historische Kunst erleben und verstehen (…003-9, 2021), Impulse und Beispiele (…4-9, 2021), It happend (…005-3, 2021), Vermittlung… im Elementarbereich (…006-0, 2020), Kunst und Pädagogik in historischer Perspektive (…007-7, 2020). Exemplarisch für dieses wissenschaftliche, nicht abgeschlossene Forschungsprojekt wird hier Band 8 vorgestellt.

Was ist das Kleine?

„Das Kleine ist keine homogene Spezies von irgendetwas. Es meint so vieles und hat so viele Eigenschaften: winzig, hübsch, fein, apart, gering zugespitzt, besonders, vereinzelt, unvergleichlich, nebensächlich, beiläufig, abseitig, unscheinbar, verschwindend, unbedeutend, wertlos, vernachlässigt, niedrig, schäbig, zufällig, bescheiden, demütig, machtlos, arm, unvollständig, bruchstückhaft, spurenhaft, nichtig…“. Diese unterschiedlichen, kaum ordnend, kategorisierend verwendbaren Begriffe lassen sich(vielleicht) fassen, indem eine Gesamtbezeichnung gesucht wird. Ernst Rebel versucht es mit dem „Mikro-Blick“, den er nicht als Methode verstanden wissen will, sondern als „Ansatz, Parameter zu dieser oder jener Methode“; im kreativen Umgang soll den Betrachtungen keine Fessel angelegt werden und keine Einengung stattfinden; vielmehr zeigt sich „dass im Kleinen das Große nicht nur gesucht werden muss, sondern auch gefunden werden kann, gesammelt werden will“.

Autor

Ernst Rebel wirbt für den „mikrologischen Blick“ in der Kunstgeschichte und -pädagogik. Er wählt 60 Beispiele aus dem traditionellen Kunstschaffen von 1300 bis 2000 aus und setzt sich mit Details, scheinbaren Nebensächlichkeiten und Unscheinbarem in den Kunstgegenständen auseinander: Der Mikro-Blick „will künstlerisches, philosophisches und pädagogisches Prinzip in einem sein. Er will Aufmerksamkeit herstellen und verfeinern für alle Dinge, Zeichen und Gestalten, will Gerechtigkeit üben gegenüber allen ästhetischen Phänomenen der Welt jenseits ihrer eingeübten Wertstränge, und er will zu kreativem Sehen anleiten“. Das ist ästhetische, kreative, kulturelle und interkulturelle Bildung und globale Ethik und Solidarität.

Aufbau und Inhalt

Der umfangreiche, reich illustrierte und inhaltsschwere Tagungsband wird in sieben Kapitel gegliedert: Im ersten setzt sich der Autor auseinander mit „Mikro-Blick und seine Regie“; im zweiten wird der „Mikro-Blick an den Schwellen“ befragt; im dritten wird im Großen das Kleine als „Allform und Punktualität“ gesucht; in den vierten bis sechsten Kapiteln werden mit „Album I – III“ Detail-Beispiele von (subjektiv) ausgewählten Bild-Kunstwerken aufgezeigt; und im abschließenden siebten Kapitel werden die (kanonisierten?) Belege mit dem „kreativen Blick“ im „pädagogischen Horizont“ betrachtet.

Die Detailsuche gestaltet sich als ein Puzzle und Versteckspiel, die von einem professionell Verstehenden und Kompetenten arrangiert werden. Wenn im philosophischen Diskurs davon gesprochen wird, dass Denken Abenteuer ist, so wird der Leser des Kunst-„Kanons“ immer wieder auf neue Entdeckungen, Überraschungen und Aha-Erlebnisse verwiesen; etwa mit dem Bild von Lorenz Lotto (um 1480), das eine männliche Hand zeigt, die eine kleine, goldene Tierpranke hält. Da stellen sich Fragen über Fragen: Welche Motive, Zeichen, Signale und Hinweise stecken darin und lassen sich herauslesen; oder das „Remembering“, das der chinesische Künstler Ai Weiwei 2009 mit 9000 Kinderrucksäcken auf die Fassade des Münchner Hauses der Kunst angebracht hat. Es sind „Kleinzeichen“, die irritieren und visionieren; etwa das „Interrieur“, das Samuel van Hoogstraten um 1658 beinahe penibel malte; Rembrandts Handgriff auf dem Bild „Opferung Isaaks“, 1636; oder das Foto vom „Kniefall Willy Brandts 1979 im Warschauer Ghetto. Es sind wolkenverhangene, nebelige, beinahe unsichtbare Details wie in Caspar David Friedrichs Bild „Mönch am Meer“, 1808/10. Es sind Gefühlsanreize wie im Bild von Barnett Newman: „Who’s afraid of Red“. Es sind Anregungen zum Zukunftsdenken (Francesco di Giorgio Martini, Vedute einer Idealstadt, 1475). Da wird Anschauung zur „Vielfalt, Knotung, Spiegelung, Bild, Klang…, Seele und Geist, Hand und Herz, Tradition und Geschichte“.

In den in Album I – III noch einmal detaillierter und ausführlicher, geleiteten Ausschnitten aus Kunstwerken, wie z.B. aus Pietro Lorenzettis Fresko „Christi Abendmahl“ in der Unterkirche von Assisi; aus dem „Augen“ Blick in Albrecht Dürers Selbstbildnis; aus Michelangelos Hand-Begegnungen in „Erschaffung Adams“; in Pieter Bruigels „Anbetung der Könige im Schnee“; in Gustav Courbets Darstellung „Die Welle“; in Andy Warhols „Marilyn Monroes’s Lips“; in Sam Mendez‘ Regieführung im Film „American Beauty“; in Andreas Gurskys Foto „Mayday V“ (2006); bis hin zu Vergleichen und Interpretationen in Bild-, Film- und Pressedarstellungen der hochgereckten Faust, Fingerzeige und Handsignale – immer geht es um die vornehmste und bedeutsamste Aufgabe in der Kunsterziehung: „Aufmerksamkeit braucht Exempla“. Im Kunst- und im fächerübergreifenden Projekt-Unterricht bieten sich dazu vielfältige Alltagseindrücke und -funde an. Interessant z. B. auch die Aufmerksamkeitslenkung auf Abbildungen, die uns alltäglich ins Haus flattern und unbeachtet entsorgt werden, wie etwa der Ausriss aus einem Katalog des Umweltversandes „Waschbär“ (2018), der anregen kann, über Gesten und Vorstellungen von „sympathischer Zwischenmenschlichkeit“, von Bedürfnissen, Angeboten und Nutzung.

Diskussion

„Wir müssen die Labore der ästhetischen Bildung … als Schwellen vergleichen“. Das ist der Aufruf, die schulische Bildung und Erziehung zu öffnen, damit Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler sich aufmachen können, nach ästhetischen und kreativen Wirklichkeiten zu suchen. Hier könnte der Hinweis gelten: Sie liegen auf der Straße! Solche Einsichten und Erfahrungen drohen in der vernetzten, digitalisierten und dem Momentanismus und den Einstellungen – „Ich kann/will alles, und das sofort!“ – verhafteten Alltäglichkeiten verloren zu gehen. Was hilft gegen diese Wirklichkeitsvergessenheit? Sicherlich keine Fake News und keine Wirklichkeitsleugnung, sondern ein „Pro“-Denken und Handeln. Es ist der „Hermeneutische Zirkel“, der die Bewegungen des dynamischen Pro nach der Verstehens- und Geschichtslogik lenkt und immer wieder neu ordnet, und – in Verbindung mit dem „Historischen Zirkel“ – individuelle und kollektive Wirklichkeiten sichtbar macht. Und siehe da, da tauchen Gestalten auf, die in ihrem Normal- und Anderssein wie Blitzlichter erscheinen, Sehnsüchte und Wünsche wach werden lassen, wie: „So möchte ich auch sein!“, aber gleichzeitig auch Ängste und Befürchtungen erzeugen, „so wie… zu werden! „Was ist das für ein gewaltiges Mikro!“.

Fazit

Die in der Publikationsreihe KREAplus vorgelegten acht Bände gehören in die Schul- und Lehrer*innen-Bibliotheken, als didaktische Beispiele für kreatives, ästhetisches, fachbezogenes und fächerübergreifendes Lernen. Der umfangreiche achte Band der Sonderreihe, der hier exemplarisch vorgestellt wird, kann vermutlich als Plazet und Ermutigung verstanden werden, im schulischen, professionellen Wirken so etwas wie eine „positive Subversion“ einzuüben, zu der der Schweizer Perspektivenwechsler und Menschenaktivist Hans A. Pestalozzi so ermuntert: Wo kämen wir hin/wenn alle sagten/wo kämen wir hin/und niemand ginge/um einmal zu schauen/​wohin man käme/wenn man ginge (Nach uns die Zukunft, Bern 1979).

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.12.2021 zu: Ernst Rebel: Im Kleinen das Große. Mikroblick als Kreativität. kopaed verlagsgmbh (München) 2021. ISBN 978-3-96848-008-4. Reihe: KREAplus - 26. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28227.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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