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Friederike Schmidt-Hoffmann: Integrative Psychosenpsychotherapie

Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 17.02.2022

Cover Friederike Schmidt-Hoffmann: Integrative Psychosenpsychotherapie ISBN 978-3-88414-855-6

Friederike Schmidt-Hoffmann: Integrative Psychosenpsychotherapie. Ein emotions- und biografieorientierter Ansatz. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. 208 Seiten. ISBN 978-3-88414-855-6. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051309
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Thema

Autorin und Verlag fassen zusammen:

„Schulenübergreifend führt das Buch in das psychosespezifische Arbeiten ein, weist auf die Besonderheiten von Psychosebehandlungen hin und fördert anhand vieler Fallbeispiele den Mut für die Therapie mit Psychose-Erfahrenen. Das Buch wirbt für einen biografisch verstehenden Zugang und zeigt auf, wie schematherapeutisch orientiertes Arbeiten im Rahmen eines integrativen, emotions- und bedürfnisorientierten Ansatzes Genesungsprozesse fördern kann. Es macht vorhandene theoretische Kenntnisse für die praktische Arbeit nutzbar und vermittelt eine sensible therapeutische Haltung, die auf Recovery, Selbstwirksamkeit und Empowerment ausgerichtet ist.“ (U4).

Autorin

„Dr. phil. Friederike Schmidt-Hoffmann ist Diplom-Psychologin, approbierte Verhaltenstherapeutin und einzel- und gruppenpsychotherapeutisch in eigener Praxis tätig. Sie ist außerdem Dozentin und Supervisorin für Psychosenpsychotherapie für das Berliner Netzwerk für Psychosenpsychotherapie, den DDPP [1] sowie Fort- und Ausbildungsinstitute.“ (2).

Entstehungshintergrund

Der Klappentext macht Relevanz und Notwendigkeit dieses Buches kurz und treffend deutlich: „Menschen mit Psychose-Erfahrungen werden im therapeutischen Alltag oft anders behandelt als Menschen mit anderen Störungsbildern – dabei können ‚allgemeine’ Ansätze der Psychotherapie auch bei Psychosen angewandt werden. Die Autorin ermutigt psychotherapeutisch Tätige, ihr Wissen auch hier einzusetzen, und stellt theoretisch fundierte und versorgungsnahe Perspektiven auf psychotische Störungen vor.“ (U4).

Das bedeutet, „Menschen mit Psychosen bekommen meist nicht die ihrem Leid entsprechend wirksamen Hilfen“. Selbst hierfür engagierte BehandlerInnen und Institutionen habe große Not, „bei den institutionalisierten Trennungen der Kostenträger und therapeutischen Räume eine konzeptuelle Kontinuität in der Behandlung zu erreichen. Neue Versorgungsmodelle [und hierin eben auch schulenübergreifende Psychotherapiekonzepte] sollen die bislang unvermeidbaren Beziehungsabbrüche überbrücken. Bei Menschen mit Psychosen ist dies eine spezifische Herausforderung, für die in den vergangenen Jahren therapeutische Konzepte und Methoden, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen wurden, deren Anwendung eine personelle und konzeptuelle Zusammenarbeit ermöglichen. Damit sind dann auch mehr Menschen mit komplex psychischen Erkrankungen langfristig psychotherapeutisch behandelbar“ (von Haebler, 2021). In eben diesen Kontext überfälliger Psychotherapie für Psychosekranke gehört der integrative, subjektorientierte Ansatz Schmidt-Hoffmanns.

Aufbau und Inhalt

Schmidt-Hoffmann startet dieses Buch mit der Einleitung eines emotionsorientierten emotionalen Prozesses, der überleitet zu einem Verständnis der „Komplexität, Einzigartigkeit und Vielstimmigkeit“ psychotischer Erlebnisverarbeitung

  • als ein „zutiefst menschliches Phänomen“,
  • als „Ausdruck menschlicher Krisen“,
  • als „allgemeinmenschliche Erlebens- und Verhaltensweise“,
  • als „menschliches Entwicklungspotenzial“ (13-42).

Es folgen zwei Kapitel (43-80) zur Bedeutung des Schematherapiekonzepts für Verständnis, An-/Passung, Re-/Aktivierung psychotischen Erlebens und Verarbeitens von traumatischem Stress in deren Bedeutung für Entwicklungslinien und Mentalisierungsprozesse. Ebenso umsichtig wie dialektisch diskutiert die Autorin mit einschlägigen Referenzen die Risiken und Chancen trauma-, emotions-, stress- und erlebnisverabeitender Modellvorstellungen und Behandlungsstrategien mit den Zielen einer

  • „Abschwächung der Vulnerabilität,
  • Stärkung der Resilienz,
  • Veränderung der Bewältigungsmechanismen“ (78).

Die nachfolgende thematische Weiterführung dieses Ätiologiemodells (81-98) fokussiert jene Verlängerungen und (chronifizierenden) Festigungen psychosespezifischer Entwicklungslinien, wie sie als „Fortschreibungsprozesse“

  1. durch intrapsychische Schemata des Erlebens, Denkens, Verhaltens,
  2. durch anhaltende Selbststigmatisierungsprozesse,
  3. durch Stigmatisierung und Diskriminierung
  • auf der „Ebene symbolischer, diskursiv-ideologischer Repräsentationen“ der Diagnoseprozesse mit Normierungs-, Kategorisierungs-, Essenzialisierungs- und Hierarchisierungseffekten
  • und der „strukturell-institutionellen Ebene“ psychiatrisch-psychosozialer Versorgungssysteme mit mangelnder Personorientierung und Kontinuität sowie Fragmentierung der Leistungen

vorgenommen werden.

Ziel und Ergebnis einer Psychosenpsychotherapie wären daher Recoveryprozesse der Hoffnung auf Veränderung und Besserung, der Selbstverantwortung (nicht nur für ein Symptommanagement, sondern auch selbstbestimmtere Lebensformen), der Sinnfindung in Bezug auf die eigene Geschichte und deren Be-/Deutung, der Kontrolle und Selbstwirksamkeit (99-106). Die psychotherapeutische Begleitung solcher Re­covery­prozesse beinhaltet nicht nur

  • ein „Fördern von Selbstbewusstsein und Selbstverständnis“
  • und „Fördern von Kohärenz“ mit „Ausbalancierung von Spannungsverhältnissen“,

sondern zugleich eine therapeutische Haltung mit kritischer Selbstreflexion, Bereitschaft und Fähigkeit zu Aushandlungsprozessen auf Augenhöhe, Ringen um eine sensible Sprache (107-122).

Nach Klärung dieser ‚strategischen’ Aufgaben erschließt Schmidt-Hoffmann die ‚methodischen’ Implikationen einer erlebnisorientierten Psychosenpsychotherapie: Vor der „Hintergrundfolie“ des schematherapeutischen Modusmodells (124-127) wird ein „modusorientierter Blick auf Psychosen“ erarbeitet und hinsichtlich unter­schiedlicher Modi differenziert vorgestellt und erweitert (127-153):

  • der gesunde Erwachsenen-Modus,
  • Bewältigungsmodi der Gefühlsvermeidung und des ‚Flüchtens’,
  • Bewältigungsmodi der Beziehungssicherung: Sich Unterwerfen, Erdulden, Erstarren, Sich Anpassen,
  • Bewältigungsmodi der Überkompensation und des ‚Kämpfens’,
  • die „innere Bühne“ ‚hinter’ den Bewältigungsmodi i. S. von Innere-Kritiker- und Antreiber-Modi, Täterintrojektionsprozessen, Innere-Kind-Modi.

Hieraus lassen sich – in Erweiterung und Modifizierung schematherapeutischer Modelle – spiralförmig verlaufende Therapieprozesse mit ineinandergreifenden Phasen, Foki, Aufgaben unterscheiden und in integrativen Flussdiagrammen als Mikropro­zesse darstellen, ein-/ordnen und verstehen (153).

Mit dem Ziel einer Stärkung der Resilienzfaktoren beginnt diese gemeinsame therapeutische Arbeit „mit einem Fokus auf und Interesse am Selbsterleben der Person, während kognitiv-reflexive und einsichtsorientierte Prozesse zu einem späteren Zeitpunkt folgen, ohne aber vom Erleben abgekoppelt zu sein (›mentalisierte Affektivität‹)“ (154). Abschnittweise geht es um Aspekte

  • der Förderung von Selbsterleben und Selbstausdruck (154-165),
  • der Förderung alternativer Bewältigungsmöglichkeiten (165-169),
  • der Förderung von Selbstverständnis und Kohärenz (170-174),
  • der Differenzierung von eigenem und fremdem Erleben, von aktuellen und alten Erfahrungen von besonderer Bedeutung (175-186).

Der wesentlich zu leistende Transfer in die Alltagswelt betrifft bzw. erfordert

  • Brücken zwischen innerer und äußerer Realität (187-190),
  • die Förderung einer selbstfürsorglichen Grundhaltung (190-194),
  • ein nachhaltiges Krisenmanagement (194-195),
  • die Förderung er Teilhabe an sozialen Rollen (196-199),
  • den Umgang mit der Medikation (199-204),
  • das „Aneignen“ der eigenen Erfahrung und deren Integration (205-214).

Es folgen Schlussbemerkungen (215-222), eine Danksagung (223) und ein Literaturverzeichnis (224-240) mit über 230 einschlägigen Literaturverzeichnissen.

Diskussion

Ebenso treffend wie prägnant zitiert Schmidt-Hoffmann (123) hinsichtlich der „Ziele erlebnisorientierter Verfahren der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie“, es gehe „um die Auflösung

  • der Vermeidung des Kontakts mit dem erlebenden Selbst,
  • der Identifikation (›Fusion‹) mit den emotional belastenden Vorerfahrungen sowie um
  • eine sich daran anschließende Ermöglichung neuer Erfahrungen“. [2]

Damit löst sie das Dilemma auf, mit dem bislang fast jeder psychotherapeutische Zugang zu psychotischem Denken, Erleben, Fühlen, (Beziehungs-)Verhalten, Handeln vergeblich zu sein schien bzw. als unmöglich – oder gar kontraindiziert – ausgegeben wurde. Der Rezensent (UK) wurde nicht nur in den 1980er, sondern auch noch in den letzten Jahren mit dem negativistisch-resignativen Credo konfrontiert, eine psychotherapeutische Arbeit sei mit diesem Klientel ‚nicht drin’. Was bleibe, seien allenfalls psychoedukative Ansätze, worunter auf Seiten der jeweiligen Kliniker und Funktionsträger oft mehr ein belehrendes, (um-)erzieherisches statt tatsächlich psychoedukatives Vorgehen (miss-)verstanden wurde.

Es gab immerhin Zufluchten zu psychodynamisch/psychoanalytisch fundierten Ansätzen der Psychosenpsychotherapie (vgl. Hartwich & Grube, 2003; von Haebler et al., 2007), doch waren diese wegen ihres spezifischen Psychoseverständnisses [3] nicht allen PsychotherapeutInnen zugänglich.

Was im defätistischen Ausschluss eines zeitlichen/persönlichen/kasuistischen ‚Investments’ aber auch zum Ausdruck kam, war – neben der Reduzierung fachgerechter Psychosenbehandlung auf ausschließlich medikamentöses ‚Einstellen’ der PatientInnen – eine Funktionalisierung der Störung in Verbindung mit einer Destituierung [4] des jeweiligen Individuums.

Ein Verdienst des Buches ist also,

  • die Möglichkeiten eines psychotherapeutischen Verständnisses und Zugangs aufzuzeigen und
  • dies ‚integrativ’, sprich, schulen- und methodenübergreifend zu konzipieren,
  • das aufzugreifen, was andernorts als therapeutisches Ziel und Mittel eines Empowerments ausgearbeitet wurde und
  • damit Aspekte sozialpsychiatrischen Arbeitens mit psychoseerfahrenen Personen [5] aufzugreifen und zu konkretisieren.

Fazit

Die Autorin legt ein Arbeitsbuch vor, das theoretisch, methodisch, prozessbegleitend und praxisorientiert überzeugt. Der als ‚integrativ’ annoncierte Ansatz erweist sich als einfühlsame, beziehungsorientierte und individuell adaptierbare Umsetzung schematherapeutischer Konzepte. Schrittweise wird die Bedeutung der thematischen Foki, der therapeutischen Haltung und Strategie(n) für psychotisches Erleben, für die Entwicklung alternativer Bewältigungsmuster, die Entfaltung von Selbstverständnis und Selbstfürsorge, von Recovery und Kohärenz, für einen Transfer in den Alltag erarbeitet, vorgestellt und erörtert. Das Buch überzeugt in Konzeptualisierung, Umsetzung und Diskussion voll und ganz. Es stellt wesentliche. kreative Optionen der Psychosenpsychotherapie zur Verfügung und insofern ein wertvolles Arbeitsinstrument für BehandlerInnen mit unterschiedlicher Ausbildung und Erfahrung dar.

Literatur

Bock, T. (2020). Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten. Köln: Psychiatrie Verlag. [6]

Bock, T. & Heinz, A. (2016). Psychosen. Ringen um Selbstverständlichkeit. Köln: Psychiatrie Verlag. [7]

Haebler, D. von. (2021). Brücken bauen: Psychosenpsychotherapie und Sozialpsychiatrie. Sozialpsychiatrische Informationen, 51 (1), 38–44.

Haebler, D. von; Müller, T. & Matejek, N. (Hrsg.) (2007). Perspektiven und Ergebnisse der psychoanalytischen Psychosentherapie. Göttingen: Vadenhoeck & Ruprecht.

Hartwich, P. & Grube, M. (2003). Psychosen-Psychotherapie. Psychodynamisches Handeln in Klinik und Praxis. Darmstadt: Steinkopff.

Lempa, GF. & Troje, E. (Hrsg.) (2010). Psychosenkonzepte im historischen Kontext. Vorurteil, Wissenschaft, Politik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. [8]

Wendisch, M. (2015). Verhaltenstherapie emotionaler Schlüsselerfahrungen. Vom kognitiven Training zur emotionalen Transformation. Wissenschaftliche Grundlagen und praktische Anleitung. Bern: Huber.


[1] DDPP = Dachverband Deutschsprachiger PsychosenPsychotherapie e.V.; Web: https://ddpp.eu/

[2] Wendisch (2015, 135)

[3] Lempa & Troje (2010).

[4] destituieren (= zersetzen, absetzen) als Negativ von instituieren (= etablieren, konstituieren). Die Instituierung des Subjekts betrifft den Prozess des vitam instituere, der Instituierung oder (Ein-)Setzung des Menschen als Mensch, die durch soziale Systeme in Form gesellschaftlicher Institutionen unterschiedlichster Art wahrgenommen wird. Die antike Formel vitam instituere (das Leben institutionell einrichten) ist eine Referenz auf den griechischen Rhetoren und Staatsmann Demosthenes (384-322 v.Chr.).

[5] Bock (2020); Bock & Heinz (2016).

[6] Rezensionshinweis: https://www.socialnet.de/rezensionen/27400.php

[7] Rezensionshinweis: https://www.socialnet.de/rezensionen/20708.php

[8] Rezensionshinweis: https://www.socialnet.de/rezensionen/9657.php

Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
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Es gibt 15 Rezensionen von Ulrich Kobbé.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 17.02.2022 zu: Friederike Schmidt-Hoffmann: Integrative Psychosenpsychotherapie. Ein emotions- und biografieorientierter Ansatz. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2021. ISBN 978-3-88414-855-6. Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966051309. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28232.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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