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Martin Hartmann: Krisen bearbeiten – in Krisen coachen

Martin Hartmann: Krisen bearbeiten – in Krisen coachen. Kreativ und anregend die Kraft starker Zitate nutzen. 60 Karten und Booklet inklusive digitaler Version. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. 60 Seiten.


Thema

Hartmann beginnt im Booklet mit „‘Ein Bild sagt mehr als tausend Worte?‘ Akzeptiert! Aber: Ein richtig guter Satz, ein komplexes, vielleicht auch verstörendes Zitat oder ein quergedachter Spruch erzeugen ebenfalls eine Menge Bilder im Kopf!“ (Seite 3). Damit verortet er sein Kartenset in der Reihe der anderen Veröffentlichungen, die häufig mit Bildern oder Impressionen arbeiten.

Die vorliegende Kartensammlung umfasst 60 Aussagen, Zitate, Aphorismen oder Sprüche, die beim Lesen oder Nachdenken darüber Bilder und Gefühle erzeugen können. Der Autor richtet sich damit, so liest man es auf der Kartonrückseite, an Coaches, Beratende, Führungskräfte sowie alle, die mithilfe der Karten ihre Krise meistern möchten.

Autor

Auf der Internetseite des Beltz Verlages findet man folgende Information: „Dr. Martin Hartmann, Jg. 1955, Dipl. Päd., nach Studium und Hochschultätigkeit Projektleiter in der Medienforschung und -beratung. Zwei Jahre als Journalist und Fotograf in London tätig. Autor im Beltz Verlag: »Präsentieren«, »Zielgerichtet moderieren«, »Kompetent und erfolgreich im Beruf«, »Mini-Handbuch Meetings leiten« sowie »75 Bildkarten für Präsentations-, Vortrags- und Rhetoriktrainings«. Bei train in Bonn als Berater, Coach und Trainer“ (https://www.beltz.de/fachmedien/​paedagogik/​unsere_autoren/​autorenseite/​88120-martin_hartmann.html – Abruf 15.05.2021).

Die Autorenvorstellung im Booklet weicht davon etwas ab. Besonders findet sich dort folgende Ergänzung: „Die eigene Krisenkompetenz wird seit über 20 Jahren durch mehrere Krebsdiagnosen und -behandlungen herausgefordert. So stellt das Thema „Krise“ auch persönlich eine „treue“ und fordernde Begleitung dar. Der Autor lebt in Potsdam.“

Aufbau

Die Veröffentlichung besteht aus 60 Zitat-Karten mit rückseitigen Erläuterungen und einem 27-seitigem Booklet.

Das Booklet ist wie folgt gegliedert:

  •  Mit starten Zitaten Bilder erzeugen und Krisen bearbeiten
  • Krisen erfahren, erleben, bewältigen
  • Phasen in der Krise
  • Das Krisenökosystem – viele „Helferlein“
  • Die Arbeit mit den Karten in der Krise
  • Aufbau und Einsatz der Karten
  • Und wenn der Coach im Urlaub ist? Eigenarbeit
  • Die Kategorien der Karten
  • Die Auswahl der starken Zitate und Dank

Am Ende finden sich ein Literatur- und Quellenverzeichnis und eine Vorstellung des Autors sowie seiner bisherigen Veröffentlichungen

Die 60 Karten verteilen sich auf folgende Kategorien:

  1. Krise = Gefahr & Chance: eine Perspektive wählen (9 Karten)
  2. Der Blick nach innen: sich selbst in der Krise verorten (14 Karten)
  3. Aktiv werden: handeln, etwas tun, etwas bewegen (11 Karten)
  4. Begleitung in der Krise: andere Menschen einbinden (17 Karten)
  5. Für sich Gutes tun: mit Belastungen fertig werden (9 Karten)

Inhalt

Das Booklet beginnt mit einem einleitenden Teil. Ergänzend zu der eingangs aufgegriffenen Kernaussage beschreibt Hartmann Einsatzbereiche, Zielsetzung und Wirkweise der Coaching-Impulskarten. „Krisen erfahren, erleben, bewältigen“ definiert den Begriff und gibt Beispiele für Krisen. Genannt werden beispielsweise die Diagnose einer schweren Krankheit, Verlust eines geliebten Menschen, der Eintritt ins Rentenalter oder auch das Übergangenwerden bei einer fest eingeplanten Beförderung. Hartmann erklärt: „Ein Ereignis wird allein dadurch zur Krise, wenn es von Betroffenen als Krise empfunden wird.“ (S. 6). Im Abschnitt „Phasen in der Krise“ beschreibt der Autor die Vorschläge der Forscher*innen zusammengefasst in folgenden Phasen:

  • Gefühlschaos,
  • Krise benennen und akzeptieren,
  • Veränderung.

Hartmann betont, dass die Phasendarstellung keinesfalls vermitteln soll, „dass jede Krise sofort im ersten Anlauf erfolgreich zum Guten gewendet werden kann“. (S. 9) Besonders schwer erlebte Kristen könnten längere Zeit auch unbewältigt bleiben oder auch Krankheiten entwickeln, die möglichst früh behandelt werden sollten. Überschrieben mit „Das Krisenökosystem – viele „Helferlein“ visualisiert der Autor folgendes umgebendes Helfersystem:

  • Fachexperten: beispielsweise Juristinnen und Juristen, Technikerinnen und Techniker, Ärztinnen,
  • persönliches Umfeld: Familienmitglieder, Partnerinnen und Partner, Freundinnen und Freunde, Bekannte,
  • Helfende für Geist, Seele und persönliche Entwicklung: Therapeutinnen und Therapeuten, Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker, Trainerinnen und Trainer, Coaches

Nach einer kurzen Ausführung dazu fasst er zusammen: „Im Krisenökosystem tummeln sich zudem viele Menschen, die sich in der Begleitung während der Krise ergänzen, gegenseitig verstärken, …manchmal auch gegenseitig behindern oder auf die Füße treten können“. (S. 11). Hartmann resümiert, dass vor allem die „Helfenden für Geist, Seele und persönliche Entwicklung“ bedeutsam sein können. Die vorliegenden Karten könnten nicht nur im Prozess eingesetzt werden, sondern dem Betroffenen auch bei der Auswahl der Helfenden unterstützen. Der Autor beschreibt „die Arbeit mit den Karten in der Krise“. Sie können ähnlich eingesetzt werden wie andere Coachingkarten. Hartmann sieht das Besondere in den Zitaten, Sätzen und Aphorismen darin, dass sie beim „Verdauen“ und „Verarbeiten“ kognitive Prozesse auslösen können. „Sie kommen besonders Menschen entgegen, die sich – gedankengetrieben – zuerst einmal auf der 'Sach- und Inhaltsebene' mit ihren Situationen auseinandersetzen wollen“ (S. 15). Der Autor stellt dann den „Aufbau und Einsatz der Karten“ dar. Auf der Vorderseite ist jeweils ein Zitat, Spruch oder Aphorismus abgedruckt. Auf der Rückseite finden sich gezielt auf das Zitat ausgerichtete Fragen, Vorschläge, wie das Zitat verändert werden könnte, oder auch Ausflüge in die Musik. Auch kann man ab und an ein „Gegenzitat“ finden. Hartmann hebt hervor, dass es sich bei den Fragen und Anregungen um Vorschläge handelt, die variabel aufgegriffen und ergänzt werden können. Im Booklet stellt er eine Reihe von Fragen vor, die bei sämtlichen Karten als Einstieg dienen können. Beispielhaft zeigt er, wie die Karten für Themenfindung, Gesprächseinstieg oder gezielt auf ein Thema ausgerichtet eingesetzt werden können, und geht kurz auf die Möglichkeit der Eigenarbeit ein. Danach erläutert er „die Kategorien der Karten“:

  1. Krise = Gefahr & Chance
  2. Der Blick nach Innen
  3. Aktiv werden
  4. Begleitung in der Krise
  5. Für sich Gutes tun

Im letzten Teil „Die Auswahl der starken Zitate und Dank“ erfährt man u.a., dass die Zitate von „klugen Menschen“ aus mehreren Jahrhunderten kommen und nicht „nice and easy“ sein wollen. Er beschreibt sie als widerborstig, facettenreich und doch anziehend. Die Karten sollen die Benutzerin/den Benutzer stutzen lassen und zum Nachdenken anregen. Hartmann erklärt: „Aus Gründen des Urheberrechts stammen die Zitate von Personen, die in den letzten Jahrhunderten bis zum Jahr 1950 gelebt haben.“ (S. 23). Abschließend spricht er Mitwirkenden seinen Dank aus.

Das Kartenset: Auf der Vorderseite ist jeweils gut lesbar das Zitat abgedruckt. Die dezenten Hintergründe unterscheiden sich je Kategorie. Auf der Rückseite finden sich die Kategorie und die Kartennummer. Die Person, von der der Ausspruch stammt, wird mitsamt Geburtsjahr und -ort sowie Todesjahr und -ort genannt. Danach finden sich unterschiedlichste Anregungen, Impulse, Fragen oder Gedankenexperimente. Beispiele (gekürzt):

  1. Krise = Gefahr & Chance – „Es ist ein Geist des Guten in dem Übel, zög ihn der Mensch nur achtsam da heraus“. Impuls Hartmann: „… dumm nur, dass einem dies meistens erst nach bestandener Krise bewusst wird! Warum also nicht schon vorher anfangen?“ Er formuliert Fragen, die „in der Krise“ hilfreich sein könnten, regt zu einem Gedankenexperiment (Reise in die Zukunft) an und schließt provozierend ab mit „Und wenn der Geist erst einmal aus der Flasche ist, hat man natürlich drei Wünsche frei, oder?“ (Karte 01)
  2. Der Blick nach Innen – „Mach dich nicht so klein! So groß bist du auch wieder nicht!“ (aus Israel). Hartmann gibt Reflexionsfragen zu „Sich klein machen“ (In welchen Situationen machen Sie sich klein? Wie sieht das genau aus? …), „Das Umfeld“ (Wie reagieren die anderen? …) und „Wie klein sind Sie wirklich?“ (Wer hat Sie vermessen? Welcher Maßstab gilt da? …). Er hebt hervor „Was ist Ihr Maßstab für das Klein- und Großmachen in Ihrer Krise?“ … Mit Bezug zum Maßstab findet man hier zum Abschluss ein Zitat von Justus von Liebig.
  3. Aktiv werden – „Verwandle große Schwierigkeiten in kleine und kleine in gar keine“ (aus China). Hartmann führt an den Spruch heran, lenkt dann den Blick auf die praktische Problemlösung in kleinen Schritten und stellt es beispielhaft an einer Erkrankung dar. Überschrieben mit „Nun zu Ihrem Problemberg“ gibt er Beispielfragen für ein Beratungsgespräch. Mit folgendem Bild aus dem Englischen schließt er die Karte ab: „I´ll cross that brigde when I come to it.“
  4. Begleitung in der Krise – „Glaube nicht dem, der von weither kommt, sondern dem, der von dort zurückkehrt“ (Miguel de Cervantes). Hartmann gibt Unterstützung, die Unterschiede Beider herauszuarbeiten (Was unterscheidet die beiden Personen? Was bedeutet das für die Qualität der Gespräche? …) und leitet den Blick dann auf die Personen, die den Ratsuchenden begleiten oder begleitet haben. Als weitere Option bietet er an, die Zurückgekehrten zu betrachten (Wer war wie erfolgreich? Wie tauschen Sie sich mit diesen Menschen aus? …). „Gegenzitat“(Volksweisheit) am Ende der Karte: „Auch wenn er ihn richtig anzeigt! Der Wegweiser muss nicht selbst den Weg gehen, den er weist.“
  5. Für sich Gutes tun – „Der junge Tag erhob sich mit Entzücken, und alles war erquickt, mich zu erquicken“ (Johann Wolfgang von Goethe). – Hartmann lenkt den Blick auf den aktuellen Tag. Er fragt nach dem Positiven. Alternativ schlägt er vor, auf das „altmodische Wort“ zu blicken. (Was sagt es Ihnen? Welches Gefühl erweckt es? …) Fokussiert man „… alle, alles …?“, so gehen seine Fragen auf verschiedene Aspekte des Umfeldes ein. (Wer würde Sie gern erquicken, traut sich aber vielleicht nicht? …) Abschließend formuliert der Autor eine kreative Frage des Ratsuchenden an Goethe und dessen Antwort.

Diskussion

Das Aufgreifen von Zitaten, Sprüchen und Aphorismen ist eine interessante Idee, die mit Sicherheit, ebenso wie Bilder, gut und zielführend in der Beratung und Begleitung aufgegriffen werden kann.

Im mitgelieferten Booklet gibt Hartmann eine kompakte Hinführung zu seinem Kartenset. Dessen Zielsetzung und seine Motivation werden darin sehr deutlich. Nur sehr knapp geht der Autor auf die fachlichen Hintergründe von Krisen und deren Bearbeitung ein. Leser*innen, die sich vertiefend mit dem Thema auseinandersetzen möchten, finden im Literaturverzeichnis erste Anregungen oder sollten auf weitere eigene Recherchen zurückgreifen.

In Bezugnahme zur aktuellen Coronapandemie positioniert sich Hartmann: „In Krisen verlangen Menschen nach anderen Menschen, und bei aller Sympathien für Chatorgien und Kacheltreffen via Bildschirm: Die Digitalisierung von Kommunikation bildet nur einen unzureichenden Ersatz für die Direktheit der Körper“ (S. 10). In der Tat hat uns alle die Pandemie vor große Herausforderungen gestellt. Gerade weil es wichtig war, weiterhin Beratung und Begleitung für Menschen anzubieten, haben die Fachkräfte schnell nach funktionierenden Lösungen gesucht und sich insgesamt weiterentwickelt. Es wird Beratungsangebote geben, die weiterhin auf digitale Formate zurückgreifen. Bei anderen wird der direkte zwischenmenschliche Kontakt der bessere Weg sein.

Auch wenn der Autor kurz erläutert, dass er die Akteure im Helfersystem „mit viel Sympathie 'Helferlein'“ (S. 11) nennt, so wirkt es doch etwas despektierlich. Den Ausführungen im Booklet merkt man den biografischen Einfluss des Autors an. Daran ist grundsätzlich nichts zu kritisieren, es ist auch gut, wenn der mitwirkende Kontext transparent wird. Dennoch hätte man es weniger stark einbinden können.

Die ausgewählten Zitate, Sprüche, Aphorismen wirken auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig. Bei der genauen Auseinandersetzung mit dem Booklet und den Karten wird aber klar: Zum einen sollen sie beim „Verdauen“ zum Nachdenken anregen, zum andern sollten die Zitiermöglichkeiten gegeben sein.

Die Hauptleistung der vorliegenden Publikation liegt sicher im Set der 60 Karten. Hartmann hat, für die jeweilige Kategorie passend, eine Reihe von Zitaten zusammengetragen. Die Rückseiten sind nicht nur informativ aufgebaut, sondern enthalten auch eine Vielzahl von durchdachten Anregungen, systemische Fragen und kreative sowie humorvolle Aspekte.

Die große Überraschung kommt zum Schluss: Die letzte Karte im Set informiert darüber, dass es eine kostenfreie E-Book-Version gibt. Der Code zur einmaligen Anwendung funktioniert gut. Kurze Zeit später verfügt man über ein PDF, das nicht nur das Booklet, sondern auch alle 60 Karten enthält.

Fazit

Ein Kartenset mit Zitaten, Sprüchen und Aphorismen ist eine interessante Idee, die mit Sicherheit, ebenso wie Bilder, gut und zielführend in der Beratung und Begleitung genutzt werden kann. Hartmann hat, für die jeweilige Kategorie passend, eine Reihe von Zitaten zusammengetragen. Die Kartenrückseiten sind informativ aufgebaut und enthalten eine Vielzahl von durchdachten Anregungen, systemische Fragen sowie kreative und humorvolle Aspekte.


Rezension von
Dipl.Soz-Päd. Martin Walz
Master of Social Management, Diplom-Sozialpädagoge (FH) Geschäftsführer Kindertageseinrichtungen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe
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Zitiervorschlag
Martin Walz. Rezension vom 16.07.2021 zu: Martin Hartmann: Krisen bearbeiten – in Krisen coachen. Kreativ und anregend die Kraft starker Zitate nutzen. 60 Karten und Booklet inklusive digitaler Version. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2021. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28235.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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