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Silvia Röben: Bildung, Bewertung, Beziehung, Bewusstsein

Cover Silvia Röben: Bildung, Bewertung, Beziehung, Bewusstsein. Bildung im Spannungsfeld von Ökonomie und pädagogischer Beziehung. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. 126 Seiten. ISBN 978-3-8382-1470-2. D: 24,90 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 29,20 sFr.

Reihe: Dialogisches Lernen - 20.
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Thema

Die Monografie „Bildung, Bewertung, Beziehung, Bewusstsein? Bildung im Spannungsfeld von Ökonomie und pädagogischer Beziehung“ ist Teil der Reihe „Dialogisches Lernen“ von Cornelia Muth. Silvia Röben bezieht sich darin auf das professionelle Handlungskonzept transkultureller Dialoge und appelliert an Wissenschaftler*innen im Bereich der Pädagogik, ihre zwischenmenschliche Seite auszubauen, um konstruktive Lösungsansätze für postmoderne Herausforderungen, wie beispielsweise interkulturelle Bildung oder Depressionen, zu gewinnen.

Autorin

Silvia Röben lebt und arbeitet an der Nordsee. Ihre professionellen Schwerpunkte liegen in der Entwicklung und Begleitung des Umsetzungsprozesses pädagogischer Konzepte auf Basis einer dialogischen Haltung. Während ihres Masterstudiums Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel war sie als aktiv Forschende und Mitgestaltende am studentischen Projekt „Robotik und Algorithmizität – kritisch-kreative Auseinandersetzung aus pädagogischer Perspektive“ beteiligt.

Aufbau und Inhalt

Dieser Band umfasst insgesamt 126 Seiten und ist in acht inhaltliche Hauptkapitel gegliedert:

  1. Einleitung
  2. Bildung: Ideen, Konzepte und Transformationen/​Interpretationen eines Begriffs
  3. Bildung als Spiegel gesellschaftlicher Zustände
  4. Zwischenmenschliche Beziehungen als Bildungs- und Entwicklungsraum
  5. Zur Dialogphilosophie Martin Bubers
  6. Dialog-pädagogisches Handeln; Relevanz für die pädagogischen Handlungsfelder
  7. Abschließende Betrachtung
  8. Bibliographie

Der Band beginnt mit einem Vorwort (Seite 5) von Cornelia Muth, die den Hintergrund und Aufbau der Arbeit von Silvia Röben beschreibt. Cornelia Muth hat Erziehungswissenschaften studiert, bei Christoph Wulf in Berlin promoviert und wurde 2008 an der Universität Kassel mit einer Schrift unter dem bezeichnenden Titel „Dialogische Pädagogik – Identitätsbildung durch die Andersheit“ habilitiert.

In Kapitel 1, Einleitung (Seiten 13–22), widmet sich Röben der Frage, was Bildung ist, wie dieses Konstrukt, je nach Kontext, unterschiedlich aufgefasst werden kann und wie sich der Terminus Bildung sowie dessen Wirkung und mögliche Absichten, durch die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Bildungsdiskurs, in ein Verhältnis zu den Bedürfnissen des Menschen setzen lässt. Weiter wird in einem thematischen Überblick das Ziel dieser Arbeit vorgestellt und der inhaltliche Aufbau des Bands skizziert. Das methodisches Vorgehen der Autorin sowie Anmerkungen zur sprachlichen Gestaltung beschließen das Kapitel.

Mit Kapitel 2, Bildung: Ideen, Konzepte und Transformationen Interpretationen eines Begriffs (Seiten 23–48), dem längsten Kapitel des vorliegenden Bandes, wird ein Überblick über die Entwicklung des Begriffs Bildungswesen gegeben. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Privatisierung und Kommerzialisierung von Bildungsstätten sowie dem daraus resultierenden Konzept des lebenslangen Lernens. Die Autorin verweist auf die Bedeutung des Bologna-Abkommens für Universitäten, zieht Parallelen zwischen Universitäten und den Organisationsstrukturen von Unternehmen und diskutiert, wie die Wahrheitsfindung bezüglich belangvoller Dinge durch ökonomische Aspekte institutionell organisierten Lernens ersetzt wurden. Daneben beschreibt die Autorin die Wichtigkeit von Schlüsselqualifikationen als postmodernem Bildungsideal und kritisiert eine mangelnde interdisziplinäre Zusammenarbeit vielerorts Lehrender. Abschließend beschreibt Röben die Kontur und Gestalt des Menschenbildes innerhalb der europäischen Wissensgesellschaft und zeigt Diskrepanzen auf, die bei der Lebensgestaltung der Menschen innerhalb der europäischen Wissensgesellschaft zum organisierten Wettbewerb deutlich werden.

In Kapitel 3, Bildung als Spiegel gesellschaftlicher Zustände (Seiten 49–64), beschreibt die Autorin moderne gesellschaftliche Zustände (z.B. Depressionen und Immunitäten) sowie das Menschenbild als Leistungssubjekt, das durch die technologische Entwicklung etabliert wurde. Weiter fordert Röben die Pädagogik als Wissenschaft auf, den Menschen zu befähigen, den komplexen gesellschaftlichen Anforderungen, wie zum Beispiel Anpassungsreaktionen des Menschen, mit einer demokratischen Grundhaltung entgegnen zu können.

Mit Kapitel 4, Zwischenmenschliche Beziehungen als Bildungs- und Entwicklungsraum (Seiten 65–74) strukturiert Röben zunächst zwischenmenschliche Beziehungen. Daneben definiert die Autorin den Begriff „zwischenmenschliche Beziehung“, in Anlehnung an Brozios drei Haltungen des Individuums beziehungsweise drei Strukturebenen zur Darstellung einer Beziehung. Abschließend diskutiert die Autorin Diskrepanzen einer Gesellschaft, die geprägt ist von Leistungssteigerung und der Erwartung anpassender Erneuerung an die Mitglieder dieser Gesellschaft und somit im Widerspruch zur dynamischen Lebenspraxis des Menschen stehen.

Im Mittelpunkt von Kapitel 5, Zur Dialogphilosophie Martin Bubers (Seiten 75–90), stellt die Autorin Bubers Idee von Bildung dar: als unmittelbar an die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen gebunden, jedoch unabhängig von dem Bildungskontext. Darüber hinaus informiert Röben über Bubers Dialogphilosophie, die zum einen aus dem Verhältnis der Grundhaltungen besteht, die Menschen anderen Menschen gegenüber einnehmen (Ich-Du- und Ich-Es-Beziehungen) und zum anderen aus der Anderheit des Anderen, das heißt, Ichwerdung an der Person des Anderen. Weiter klärt die Autorin die Begriffe Dialogik und kulturelle Identität. Die Darstellung der Erkenntnisprozesse des dialogischen Prinzips beschließt das Kapitel.

In Kapitel 6, Dialog-pädagogisches Handeln; Relevanz für die pädagogischen Handlungsfelder (Seiten 91–106), geht es Röben zunächst um einen Zugangspunkt in Form dialogischer Erwachsenenbildung, der sich lebensbezogenen Erkenntnisprozessen widmet, um anschließend den Transfer im Rahmen der Möglichkeiten pädagogischer Praxis zu diskutieren. Bezugnehmend auf das von Cornelia Muth entwickelte Begründungs-Konzept einer „Erwachsenenbildung als transkulturelle Dialogik“ zeigt die Autorin allgemeine Hinweise und Anregungen zur pädagogischen Verantwortung auf, die im Zusammenhang mit dialogorientierter Haltung von Pädagog*innen stehen.

Mit Kapitel 7, Abschließende Betrachtung (Seiten 107–116), beantwortet Röben die Erkenntnishypothesen dieser Arbeit und liefert theoretische Implikationen (z.B. Definition der dialogisch orientierten Pädagogik). Abschließend geht die Autorin auf den Widerspruch einer ökonomisch geprägten Denkweise zu einer dialogischen Haltung ein und erarbeitet hierbei die Wichtigkeit der professionellen Handlungskonzepte für aktuelle und zukünftige Anforderungen der postmodernen Gesellschaft in einer Demokratie.

Ein neunseitiges Verzeichnis der verwendeten Literatur schließen mit Kapitel 8, Bibliographie (Seiten 117–126), die Monografie ab.

Diskussion

Der Band ist nachvollziehbar gegliedert und stringent im Aufbau. Das Inhaltsverzeichnis erstreckt sich über zweieinhalb Seiten und zeigt die Struktur des Buches übersichtlich – bis in die zweite Gliederungsebene aufgefächert – dar.

Die in der Regel kurzen Teilkapitel sind sinnvoll strukturiert und – ohne auf Fachterminologie zu verzichten – in einem für Pädagog*innen und Studierende der Sozialwissenschaften angemessenen und verständlichen Sprachstil verfasst. Obgleich die intensive Thematisierung der dialogisch orientierten Pädagogik wichtig scheint, kann der Band jedoch bedingt für Leser*innen ohne fundiertes Vorwissen hinsichtlich pädagogischer Theorien empfohlen werden.

Sämtliche Themenbereiche, die bei einer Weiterführung in das Thema pädagogischer Bildung zu erwarten und von Relevanz sind, werden behandelt. Die Leser*innen erhalten spezifisches Wissen zu den oben benannten Themenbereichen.

Eine große Stärke des Buches ist die mehrfache und starke Herausarbeitung der großen Bedeutung des dialogischen Lernens für Menschen in einer postmodernen, neoliberalistischen Gesellschaft, geprägt von stetiger Transformation und Entgrenzung. Neben dem Erwerb spezifischen Wissens haben Pädagog*innen die Möglichkeit, sich schrittweise mit dem Konzept des dialogischen Lernensvertraut zu machen.

Röben folgt dem Anspruch einer pädagogischen Haltung und betont dabei die Wichtigkeit einer dialogischen Haltung für die Bewältigung postmoderner Herausforderungen. Auf der Dialogphilosophie Bubers sowie dem von Cornelia Muth entwickeltem Konzept des dialogischen Lernens für transkulturelles Handeln von Pädagog*innen aufbauend, erarbeitet die Autorin ein schlüssiges Konzept, das die Menschen dazu befähigen soll, eine Balance zwischen den berechtigten ökonomischen Interessen einer Gesellschaft und der Anerkennung menschlicher Bedürfnisse zu schaffen.

Positiv hervorzuheben ist die präzise Gegenüberstellung der fortschreitenden Ökonomisierung menschlicher Lebenspraxis und -räume zu den Grenzen rationalen Erfassens von Lebenswirklichkeiten, die es den Leser*innen ermöglicht, die Diskrepanzen zwischen institutioneller Bildung und den aktuellen Herausforderungen einer postmodernen Gesellschaft (z.B. Entgrenzungen) wahrzunehmen.

Fazit

Insgesamt überzeugt der ibidem-Band „Bildung, Bewertung, Beziehung, Bewusstsein? Bildung im Spannungsfeld von Ökonomie und pädagogischer Beziehung“ von Silvia Röben. Es handelt sich bei diesem weiterführenden Band zum dialogischen Lernen um ein gelungenes Nachschlagwerk, in dem relevante Aspekte der pädagogischen Bildung vorgestellt und aktuelle gesellschaftliche Fragen geklärt werden. Der Band kann aufgrund seiner Kompaktheit sowie Anwendungsorientierung insbesondere Pädagog*innen, aber auch Studierenden sozialwissenschaftlicher Studiengänge (u.a. Anthropologie, Erziehungswissenschaft, Ethnologie, Psychologie, Soziologie) mit ausreichenden Vorkenntnissen empfohlen werden.


Rezension von
Daniele Crivaro
Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Psychologie der Universität Augsburg
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und
Dr. Martin Daumiller
Akad. Rat a.Z. am Lehrstuhl für Psychologie der Universität Augsburg https://martindaumiller.de
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Zitiervorschlag
Daniele Crivaro/Martin Daumiller. Rezension vom 29.03.2021 zu: Silvia Röben: Bildung, Bewertung, Beziehung, Bewusstsein. Bildung im Spannungsfeld von Ökonomie und pädagogischer Beziehung. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8382-1470-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28241.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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