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Andre Wolf: Angriff auf die Demokratie

Cover Andre Wolf: Angriff auf die Demokratie. Wie Rechtsextremisten die sozialen Medien unterwandern. edition a GmbH (Wien) 2021. 272 Seiten. ISBN 978-3-99001-491-2. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR, CH: 26,00 sFr.
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Autor

Andre Wolf ist arbeitet beim Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch (Mimikama) und setzt sich mit Fake News, Verschwörungstheorien und rechtsextremistischen Tendenzen auseinander. Die Analyse von Internet-Inhalten, speziell der Sozialen Medien, ist sein Fachgebiet. Er lebt und arbeitet in Wien.

Inhalt

Ausgehend von einem konkreten, persönlichen Anlass zeigt der Autor in dem Buch auf, wie leicht Meinungsmache und Meinungsmanipulierung funktioniert und wie sich bestimmte Gruppen dieses geschickt zu eigen machen. Als junger Mensch, gerade Mitglied bei Facebook geworden, las er einen Eintrag, wonach in seinem kleinen Ort davor gewarnt wurde, dass ein weißer Lieferwagen mit rumänischen Männern auf die Entführung von Kindern aus sei. Dieser Post wurde viele Male geteilt und die Empörung war groß. Auch als er selbst recherchierte, dass diese Meldung keinerlei reale Grundlage hatte und auch noch feststellte, dass es nicht nur ein regionaler Post war, sondern dieser in vielen anderen Regionen Deutschlands ebenso geteilt wurde, wurden ihm Lügen und Verharmlosung unterstellt, insbesondere bei potentiell Betroffenen nach dem Motto: „Mütter haben immer Recht“. Auch offizielle Verlautbarungen der Polizei, dass hier eine Falschmeldung im Umlauf ist, haben an der Wirkung und der Verbreitung dieser Behauptung nichts geändert.

Ein anderes Beispiel ist eine ehemalige Schulfreundin, die er nach einigen Jahren wiedertraf, deren Ehemann arbeitslos war und Gründe dafür im System suchte (und fand) und im Internet immer mehr in seiner Annahme bestätigt wurde, sodass er sich schließlich den Reichsbürgern zuwendete. Es geht aber auch um die gezielten Angriffe von rechtsgerichteten Kreisen auf Menschen, die gegen Propaganda und Verbreitung von Lügen und Falschaussagen vorgehen. „Diese Vorgänge, die ich in diesem Buch im Detail erläutern werde, zeugen von einem recht beängstigenden Comeback der extremen Rechten. Mehr als 75 Jahre nach Ende des Dritten Reiches treten Rechtsextreme wieder offen in der Mitte der Gesellschaft auf. […] Über Social Media dringen sie mit ihren Botschaften in den letzten Jahren immer massiver in die Mitte der Gesellschaft ein“ (S. 27). Diese Aussage im 1. Kapitel umreißt, worum es im Folgenden geht.

Das 2. Kapitel ist ebenso überschrieben wie der Buchtitel lautet (Angriff auf die Demokratie) und geht erst kurz auf die Historie der Meinungsbildung und Meinungsmache ein (Buchdruck, Radio, Film und Fernsehen) und kommt dann auf eine spezielle Rolle im Internet zu sprechen, die ProdUser. „Der ProdUser ist also eine Mischform aus Produzenten und Nutzer. Er ist eine neue Form des Kommunizierenden, der einerseits Inhalte konsumiert, aber gleichzeitig auch ohne große Hürden Inhalte verbreiten kann“ (S. 44.). Ergänzt wird die Meinungsmache durch Multiplikatoren. „Im Gegensatz um ProdUser stellen sich Multiplikatoren vorzugsweise als eine Art Nachrichtenmedium dar. Sie achten vor allen Dingen auf eines: Reichweite. An dieser Stelle setzen auch Rechtsextremisten und Rechtspopulisten an, die ein sogenanntes ‚alternatives‘ Nachrichtennetzwerk aufbauen. Das ist an keinen Pressekodex gebunden“ (S. 46). Seit 2014, so der Autor, hat die Verbreitung von gezielten Falschnachrichten im Netz deutlich zugenommen (bleibt den Beleg aber schuldig). Allerdings zeigt er auf, wie sich in Folge von solchen Falschnachrichten Wirrköpfe auf einmal berufen fühlen, Attentate auszuführen und behaupten, sie täten diese im Kontext einer bestimmten Sache (z.B. Attentat von Halle). Außerdem wurden Dinge in Zusammenhänge gebracht, die keine sind: Bilder von Müll (illegale Mülldeponie in Ungarn von 2012) im Zusammenhang mit den Flüchtlingszuwanderungen 2015 (angeblich wäre der Müll Hinterlassenschaften der geflüchteten Menschen) oder anderes Beispiel: Greta Thunberg mit einem Sturmgewehr mit der Behauptung, sie hätte an Schießübungen teilgenommen (auch eine Fotomontage). Das dient zur Diskreditierung von bestimmten Bewegungen neben dem Angriff auf einzelne Personen. Hinzu kommt noch gezielte Hetze. Außerdem sind durch Social Media die Grenzen des Tolerablen immer weiter verschoben worden, was dazu führte, dass manche Aussagen im Nachhinein als Missgeschick oder Fehlinterpretation dargestellt wurde, aber sie waren ja bereits im Umlauf und wurden weiter verbreitet. Weitere (Diffamierungs-) Instrumente sind Framing und Narrative, wie der Autor an Beispielen aufzeigt. Social Media umfasst diverse Plattformen und Darstellungsmöglichkeiten, was unterschiedliche Zielgruppen und Nutzer anspricht, weshalb es Kampagnen auf einem Medium geben kann oder in bestimmten Altersgruppen ausgelöst werden, die erst viel später andere Menschen erreichen.

Am Beispiel eines fiktiven griechischen Marktplatzes aus dem historischen Griechenland zeigt der Autor auf, wie Demagogie funktionieren kann, weil niemand widerspricht und sich die schweigende Mehrheit den Populisten tolerierend zuwendet. Ähnlich funktioniert es auf Kanälen wie Facebook, wo sich Menschen durch Silencing (durch persönliche Bedrohungen zum Schweigen bringen) unterwerfen sollen. Dass dahinter eine geschickte Strategie steckt, wird deutlich, dass es seit 2017 ein Handbuch für Medienguerillas gibt (der Rezensent hat es überprüft: es ist leicht auffindbar mittels jeder Suchmaschine). Das hat zum Inhalt: „Wir alle verarschen gerne Opfer im Internet. Die Bezeichnungen dafür sind vielfältig: Trollen, shitposten, ficken, memetische Kriegsführung oder einfach nur verarschen. Hier ein kleines Handbuch, ohne Anspruch auf Vollständigkeit“ (s. 97). Einige wenige Menschen haben gezielt dazu beigetragen, dass sich so viel Hass in den Sozialen Medien entlud: „Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum es teils massive Diskussionsbeiträge auf Social Media gibt. Bestimmte Kommentarschlachten sind bewusst herbeigeführt und auch vorher geplant. Wir haben es quasi mit virtuellen Armeen zu tun“ (S. 102).

Im 3. Kapitel geht es um die verschiedenen Eskalationsstufen, derer sich bedient wird, um Botschaften zu verbreiten und sie auch noch zu toppen. Das beginnt (insbesondere in unsicheren Zeiten wie einer Corona-Pandemie, wo die Botschaften nicht so leicht überprüft werden können) mit Kettenbriefen (angeblich seriösen Aussagen, die dann vielfach weitergeleitet werden), dann die Aufstellung von Experten, die alternative Meinungen vertreten hin zu Verschwörungsmythen, wo auch prominente Menschen mit angeblichen Geständnissen zitiert werden (z.B. QAnon). Außerdem führt der Autor eine Menge weiterer (absurder) Beispiele an, die aber leider im Netz vielfach verbreitet und aufgegriffen wurden und so zu einer gezielten Demagogie beitrugen. Hinzu kommt, dass viele Menschen in übersichtlichen Zeiten (Pandemie) nach einfachen Lösungen verlangen und sich nicht mit komplexen Themen und offenen Fragen befassen wollen.

Im 4. und letzten Kapitel diskutiert der Autor kurz die Meinungsfreiheit im Kontext von Social Media, insbesondere weil es hier keine nationalen Grenzen gibt. Der Autor ruft zu einem Schulterschluss auf, ähnlich wie die Rechtspopulisten und Rechtsextremen ihre Plattformen und Strategien haben, so müsste es auch Gruppen geben, die dagegen argumentieren und arbeiten. Außerdem schlägt er ein unabhängiges Social-Media-Informationszentrum vor, dass für den Faktencheck verantwortlich ist, nicht aber für Löschungen von Posts. Damit nimmt er auch die Plattformbetreiber in die Verantwortung, die ihre Regeln auch konsequent anwenden müssen. Das Buch schließt mit einem Appell: „Unsere Geschichte sollte uns als Warnung dienen. Wir wissen, wie Rechtsextreme an die Macht kommen. Wir wissen, dass es dann zu spät ist. Daher müssen wir jetzt handeln. Wir alle tragen dafür die Verantwortung. Nur gemeinsam können wir Social Media zu einem Ort machen, der Diskussionen, Austausch, aber gerne auch konstruktiven Streit samt gedeihlichen Lösungen möglich macht. Lang lebe die Demokratie!“ (S. 200).

Diskussion

Beim Lesen des Buches hat man leicht immer wieder den Eindruck, es geht ein wenig moralinsauer zu und Gefahren werden auch heraufbeschworen. Das stimmt aber nicht, insbesondere durch die Ausführungen im letzten Kapitel wird das relativiert. Gleichwohl sind die Beispiele erschreckend und leider auch real, zumal sie alle aus der jüngeren Zeit (2015-2020) stammen, sodass man sich noch an vieles selbst erinnern kann. Die Mechanismen, mit denen angebliche Behauptungen verbreitet und gezielte Falschmeldungen in den Umlauf gebracht werden, darf man gerne als Propaganda bezeichnen und sich an unselige Zeiten erinnern, aber die Parallelen sind offensichtlich. Was dem Buch als „Gegengewicht“ fehlt, sind positive Beispiele der Meinungsbildung, wo Social Media auch Korrektiv war. Natürlich geht es in diesem Buch nicht um eine differenzierte Argumentation für und wider von Social Media, aber das gute Potenzial von den Kanälen hätte auch eine Erwähnung verdient.

Fazit

Das Buch ist ein Sachbuch mit vielen persönlichen Statements des Autors und bei weitem kein sozialwissenschaftliches Buch, aber das hat auch niemand behauptet. Dennoch ist es aufgrund seines Themas und seiner Nähe zu sozialpädagogischer Klientel (Jugendliche) ein wichtiges Buch um zu verstehen, wie die Mechanismen in den Social-Media-Kanälen funktionieren. Gerade für Menschen (Mitarbeitende) der Sozialen Arbeit, die eher distanziert zu diesen Kanälen stehen, ist es für das Verständnis und die davon ausgehenden Gefahren wichtig. Es ist weder ein Rezept dagegen noch eine Anleitung zur Vermeidung, aber es bietet ein gutes Verständnis, wie bestimmte Mechanismen greifen und damit auch Ansatzpunkte, wie digitale Bildung und Kompetenz erfolgen muss. Zudem ist das Buch sehr flüssig und gut lesbar geschrieben und damit auch leicht zu bewältigen. Neben Personen der Sozialen Arbeit müsste es auch eine Pflichtlektüre für Lehrerinnen und Lehrer werden, um ein breites Bewusstsein bei denjenigen zu schaffen, die von Berufs wegen mit Bildung befasst sind.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.Euro-FH.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 21.05.2021 zu: Andre Wolf: Angriff auf die Demokratie. Wie Rechtsextremisten die sozialen Medien unterwandern. edition a GmbH (Wien) 2021. ISBN 978-3-99001-491-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28242.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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