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Anne Applebaum, Jürgen Neubauer: Die Verlockung des Autoritären

Cover Anne Applebaum, Jürgen Neubauer: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist. Siedler Verlag (München) 2021. 208 Seiten. ISBN 978-3-8275-0143-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 30,15 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783421048103. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783570554289. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783827501189.
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Thema

Das Thema ist bereits der Titel: Welche unwiderstehliche Anziehung übt das autoritäre und totalitäre, mit Spaltungen und einfachen Gegensätzen hantierende, Denken – auch auf viele Intellektuelle – aus?

Autorin

Anne Applebaum, 1964 in Washington D.C. geboren, ist Historikerin und Journalistin und befasst sich seit langem mit der Geschichte der autoritären Regimes in Osteuropa. Für Ihr Buch »Der Gulag« (2003) erhielt sie den Duff-Cooper- und den Pulitzer-Preis. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Außenminister Radek Sikorski, in Polen, arbeitet als Kolumnistin für »The Atlantic« und als Senior Fellow an der School of Advanced International Studies der John Hopkins University.

Entstehungshintergrund

Entstehungshinter ist die zunehmende Popularität antidemokratischer politischer Bewegungen, Parteien und Regime.

Aufbau

Das Buch enthält 6 Kapitel, deren Überschriften in ihrer Bedeutung sich erst beim Lesen ergeben:

  1. Silvester
  2. Wie Demagogen siegen
  3. Die Zukunft der Nostalgie
  4. Lügenkaskaden
  5. Steppenbrand
  6. Kein Ende der Geschichte

Inhalt

Kapitel 1: Sylvester

Die Autorin stellt Ihre Gäste anlässlich einer improvisierten Silvesterparty in Polen 1999 vor, eine bunte Schar von befreundeten internationalen Journalisten, Freunde aus Polen, Kollegen ihres Mannes, Verwandten und Schulfreunden, mehrheitlich Konservative und Antikommunisten, oder ‚Liberale‘ (für Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, NATO-Mitgliedschaft Polens, Beitritt zur Europäischen Union). Zwei Jahrzehnte später würde sie einigen der Gäste, die nationalistische Positionen vertreten, aus dem Weg gehen, oder: die ihr.

Es folgt dann ein Abriss der Veränderungen in Polen durch den Aufstieg der PiS (Partei für Recht und Gerechtigkeit), die Diffamierung von Homosexuellen und islamischen Zuwanderern. Die Spaltungen zerstörten Freundschaften und Familien durch Lügen und Beleidigungen, – obgleich die Rezession von 2008/9 und die Flüchtlingskrise zwar ein Schock, aber keine dauerhafte Bedrohung waren.

Es folgt ein historisches Kapitel über die Schwachstellen einer Demokratie und die Verführung zu Autoritarismus bei Menschen (Intellektuelle, Journalisten, Blogger, Schriftsteller, Künstler), die antipluralistisch Komplexität nicht aushalten – wie autoritäre Linke und Rechte – die neuen ‚clerks‘ (‚Kleriker‘).

Kapitel 2: Wie Demagogen siegen

Illiberale Einparteienherrschaft dient dem Machterhalt, hingegen ist demokratischer Wettbewerb die gerechteste und effizienteste Methode zur Verteilung von Macht. Applebaum beschreibt Lenins Einparteienstaat und verweist am Beispiel Südafrika darauf, dass auch in einem Einparteienstaat Oppositionsparteien zugelassen sein können. Merkmale sind in der Regel: Vetternwirtschaft, Kaperung des Staates, Korruption, ein Ende der Leistungsgesellschaft, des politischen Wettbewerbs und der Marktwirtschaft. Warnungen vor dem Einfluss des Kommunismus haben für rechte Ideologen immer noch Gewicht (Beispiele aus Polen).

Die polarisierenden politischen Bewegungen des 21. Jahrhunderts haben kein umfassende Ideologie und brauchen keine Gewalt oder eine Geheimpolizei. Statt großer verwenden sie »mittelgroße Lügen» (Timothy Snyder). Alternative Realitäten werden mit modernen Marketingtechniken, Zielgruppenanalyse und Social-Media-Kampagnen lanciert. Verschwörungstheorien sind einfach und deshalb ansprechend. Sie bieten simple Erklärungen – das Werkzeug der Demagogen – für komplexe Probleme und behaupten, einen privilegierten Zugang zur ‚Wahrheit‘ zu haben (Beispiele Ungarn und Polen).

Kapitel 3: Die Zukunft der Nostalgie

Abgesehen von Jugoslawien gab es 1989 in Mitteleuropa keine nationalistische oder antidemokratische Tendenz. Zunehmend breiten sich jedoch unter frustrierten Intellektuellen und einfachen Bürgern Zweifel aus, und Angriffe auf Rechtsstaatlichkeit, Pressefreiheit und Universitäten (‚Eliten‘) nehmen zu. Zudem fördert das Wettbewerbsprinzip zwar Talente, befriedigt jedoch nicht Wünsche nach Einheit und Zugehörigkeit. Applebaum geht eingehend auf die Entwicklung in England ein (Thatcher, Blair, Theresa May, das Charisma von Johnson und den Brexit ). Nostalgie – nicht als Rückgriff auf eine persönliche Vergangenheit – sondern als idealisierende Restauration alter Mythen und Nationalismen breitet sich aus und unterstützt Verschwörungstheorien, alternative Geschichten und Fakten. Zunehmend wurde auch Europa für die nostalgischen Konservativen zur Verkörperung aller Missstände. Es entwickelte sich ein englischer Nationalismus mit einem rassistischen Unterton (zwar ‚schwarze Briten‘ aber keine ‚schwarzen Engländer‘). Das politische Chaos, Kulturpessimismus, falsche Versprechungen, Verachtung demokratischer Institutionen und russische Trolle unterstützten den Brexit, Chaos-Phantasien und Hoffnung auf ein England alter Glorie. Ein weiteres Beispiel ist Ungarn, unter spezieller Berücksichtigung der Rolle der Journalisten im Prozess der Entdemokratisierung.

Kapitel 4: Lügenkaskaden

Die Anziehung von autoritärem Denken beruht oft auf Unlust oder Überforderung durch Komplexität und Vielfalt. Fremdenfeindlichkeit ist nicht immer gleichzusetzen mit mangelndem Integrationswillen; denn es handelt sich oft nicht um selbst Erlebtes, sondern um Imaginäres; das gilt auch für Ungleichheit und Einkommensverluste. Neben Nostalgie, Enttäuschungen, Attraktivität von Verschwörungstheorien geht es auch oft um Rechthaberei. Anstelle von Religionskriegen kommt es inzwischen zu Auseinandersetzungen zwischen säkularen Ideologen und nationalen Gruppen.

Medien wie Rundfunk und Fernsehen und das Internet verschärfen die Konflikte. Was bleibt an Gemeinsamkeit bei so viel unterschiedlichen Ansichten? Wie sehr wird über Lügen, verdrehte Tatsachen, Wahlkampagnen und Meinungsmacher eine falsche Wahrnehmung der Welt unterstützt? Die Medien haben die Debatten verändert: Es kommt zu Polarisierungen (Beispiele aus Europa und den USA) und Themen werden auf Zielgruppen zugeschnitten – mitunter auch mit einem unerwarteten Erfolg.

Aber auch die Meinungsmacher wechseln oft die Positionen (zahlreiche Beispiele aus dem näheren Bekanntenkreis der Autorin).

Vox und die Trump-Administration verbinden gemeinsame Interessen und Strategien.; sie knüpfen emotional an Gefühle von Angst vor Veränderung und Wut an. Inzwischen arbeiten auch in Europa nationalistische und identitäre Parteien zusammen (gemeinsame Themen sind: Widerstand gegen die Zuwanderung – vor allem Muslime –, ein sozial konservativ und religiös geprägtes Weltbild und Widerstand gegen die Europäische Union oder überhaupt gegen internationale Organisationen). Konspirative Internetseiten beeinflussen Wahlen, verbreiten fake News, auf die jeweiligen Länder zugeschnitten und oft als Nachrichtseiten getarnt. Falsch beschriftete Bilder wecken falsche Assoziationen. Mit politischem und finanziellem Druck werden Medien durch machtbewusste Politiker (z.B. Orban) unter Kontrolle gebracht.

Kapitel 5: Steppenbrand

Applebaum beschreibt den optimistischen Gründungsmythos der USA, der allerdings auch bei vielen gemischte Gefühle auslöste: Konformismus und Reformismus wurden beklagt, Mythen von einer Sonderstellung entlarvt. Neben den Linken (gegen Kapitalismus, Rassismus, Militarismus) beklagen vor allem christliche Fundamentalisten eine ‚moralische Verkommenheit‘ und betonen Werte wie Glaube, Familie, Vaterland, – ein Kulturpessimismus angesichts des Bedeutungsverlust der Weißen. Links- und Rechtsradikale waren und sind offen für Gewalt, um den angeblichen ‚Niedergang‘ aufzuhalten. Trump führte eine Kampagne gegen das Establishment, äußerte Sehnsucht nach einer ‚reinigenden Gewalt‘ (Antrittsrede) und bewunderte Putin als ‚Führer‘ und redete einer moralischen Gleichmacherei das Wort (kein Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur). Applebaum beschreibt ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Freunden und Bekannten, die die Seiten gewechselt haben, und eine zunehmend massive Beeinflussung mit falschen Informationen über die Zuwanderung bei gleichzeitig Propagierung christlicher Werte: Kein Preis ist zu hoch, wenn man nur – nostalgisch – das ‚alte‘ Amerika wiederherstellen kann: Politik als Krieg (Vox) mit anderen Mitteln.

Kapitel 6: Kein Ende der Geschichte

Ausführlich geht Applebaum auf die Dreyfus-Affaire ein und beschreibt, wie diese Freundschaften zerstörte und polarisierte, auch wenn endlich die Verteidiger Recht behielten: 1899 kam Dreyfus nach Frankreich zurück, 1906 wurde der förmlich begnadigt. 1908 begann die protofaschistische Action francaise eine Hasskampagane gegen den Historiker Thalamas, der die Visionen der Johanna von Orléans als Halluzinationen bezeichnet hatte. Ihr Anführer Mauras arbeitete später mit dem mit Hitler kollaborierenden Vichy-Regime zusammen. Auch heute nehmen die Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Nationalisten mitunter gewalttätige Züge an.

Viele Fragen drehen sich heute im Kern darum: Wie definiert sich eine Nation? Wer definiert sie? Wer sind wir?

Applebaum vergleicht zwei Partys 1999 und 2019: Einige Gäste waren alte Bekannte, aber sie hatte auch Freunde verloren. Die Einteilung in »Somewheres« und »Anywheres« erwies sich als nicht haltbar: Viele Gäste waren gleichzeitig verwurzelt und weltoffen.

Coronabedingte Grenzschließungen richteten ein Chaos in Polen an. Gleichzeitig weckte Corona ein weltumspannendes Gefühl der Solidarität. Lügen und Lügner müssten bekämpft werden. Nur eine Gewaltenteilung garantiere eine dauerhafte Stabilität durch Teilnahme, Diskussion, Einsatz und Auseinandersetzung.

Diskussion

Es handelt sich um ein sehr persönlich geschriebenes Buch, in dem die Verfasserin detailliert auf ihre Erfahrungen als Journalistin auf der internationalen Bühne und durch einen großen Freundes- und Bekanntenkreis zurückgreift. Dieser besteht zum größten Teil aus einer intellektuellen Elite, die dennoch keineswegs immunisiert ist gegenüber Spaltungen, Polarisierungen und sprunghaften Seitenwechsel: Intelligenz ist kein Schutz gegenüber politischer Radikalität, auch wenn sich die nicht in vorderster Front – wie Trump – zeigt, sondern in der komplizenschaften Unterstützung in der Politik und den Medien. Auch kluge Menschen können mitunter der Verlockung des autoritären Einfachdenkens nicht widerstehen, – aus wirklicher Überzeugung oder auch Opportunismus; aufgrund ihrer Positionen haben sie Einfluss und gefährden die liberale Demokratie.

Einerseits ist die persönliche Detailtreue der Autorin aufschlussreich und interessant, andererseits mitunter auch ermüdend für jemand, der in dieser international vernetzten Welt nicht zu Hause ist. Dass die Verführung zu autoritärem Denken und Handeln die liberalen Demokratien gefährdet, hat die Autorin überzeugend dargestellt.

Fazit

Sehr lesenswert und reichlich Stoff für Diskussion gerade was die im allgemeinen unterschätzte Verführbarkeit von Intellektuellen anbetrifft.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 28.07.2021 zu: Anne Applebaum, Jürgen Neubauer: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist. Siedler Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-8275-0143-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28243.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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