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Kirsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter

Cover Kirsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Springer VS (Wiesbaden) 2020. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 820 Seiten. ISBN 978-3-658-26623-3. 154,99 EUR.

Reihe: Handbuch.
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Autorinnen

Dr. Kirsten Aner ist Professorin für das Fachgebiet „Lebenslagen und Altern“ an der Universität Kassel. Dr. Ute Karl ist Professorin für das Fachgebiet „kulturelle, internationale und politische Dimensionen sozialer Arbeit“ an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch „Soziale Arbeit und Alter“, herausgegeben von Kirsten Aner und Ute Karl im Springer-VS-Verlag, erscheint im Sommer 2020 in 2., deutlich überarbeiteter und um einige aktuelle Themen erweiterter Auflage. Unter Mitarbeit von Eva Maria Löffler gelingt es den Herausgeberinnen, systematisch zahlreiche relevante Beiträge zur Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s zu versammeln. Das Werk mit seinen mehr als 800 Seiten trägt der Tatsache Rechnung, dass sich die Soziale Arbeit weit über die Soziale Altenhilfe hinaus mit der demografischen Entwicklung, dem Strukturwandel des Alters und sozialpolitischen Veränderungen auseinandersetzen muss, die sowohl ältere und alte Menschen als auch ihre Familien und außerfamilialen Netzwerke betreffen.

Das Handbuch richtet sich an eine breite Adressat*innengruppe: explizit nicht nur an die Studierenden und Lehrenden in der Sozialen Arbeit, sondern auch an die Praktiker*innen im Feld der Sozialen Altenarbeit und Altenhilfe. Ebenso adressiert es Verantwortliche in Kommunen, Verbänden und Vereinen, Ehrenamtliche, die mit Älteren arbeiten und interessierte ältere Menschen selbst.

Konzept

Das Band kann ebenso als Nachschlagewerk wie als zielgerichtete Einführung in spezifische Themen dienen. In dieser Logik gestalten sich die Einzelbeiträge umfangreicher als dies bei einem Lexikon oder Wörterbuch der Fall wäre. Dem Zusammenhang dienlich sind Querverweise zwischen den Beiträgen. Die Konzentration auf ausgewählte Literaturhinweise am Ende eines jeden Beitrags erleichtert den Leser*innen die Lektüre. Wie in der ersten Auflage gibt es ein Gesamtliteraturverzeichnis, das als eine Art kollegial erstellte Literaturliste zum Thema verwendet werden kann. Auf einen Online-Serviceteil sowie ein Stichwortregister wurde – womöglich wegen der zunehmenden Nutzung von „www“ und e-Books – für die zweite Auflage verzichtet.

Das Handbuch weist einen dezidiert theoriegeleiteten Zugang auf. Es orientiert sich am Lebenslagen-Konzept und fasst Soziale Arbeit als Hilfe zur Lebensbewältigung, hier in der Lebensphase Alter, auf. Aus dieser Perspektive wird die Soziale Arbeit mit älteren Menschen vor dem Hintergrund sozialpolitisch-sozialrechtlicher Rahmenbedingungen betrachtet, prägen diese doch das professionelle Handeln wie auch die Lebensgestaltung älterer Menschen selbst. Diese Rahmung wird ergänzt um gerontologische Wissensbestände über das Altern, „die zeigen, dass das Alter ebenso wenig wie andere Lebensphasen eindimensional einzugrenzen und zu beschreiben ist und es eines multidisziplinären Zugriffs auf das Thema bedarf“ (S. 4).

Die Autorinnen und Autoren sind – der multiperspektivischen Ausrichtung des Werkes entsprechend – unterschiedlichen Disziplinen zuzurechnen und aktuell in diversen Wirkungsfeldern tätig: in der sozialarbeiterischen Praxis, der Lehre bis hin zur Grundlagenforschung in der Gerontologie und anderen Disziplinen. Den Herausgeberinnen ist es dabei gelungen, namhafte Autor*innen diverser Fachgebiete zu gewinnen.

Der Anspruch der Herausgeberinnen findet sich in einer einleitenden Fragestellung: „Wie kann ein Handbuch das Verhältnis von Sozialer Arbeit und Alter knapp und klar fassen, den rechtlich bedingt diffusen Handlungsrahmen der Arbeit mit älteren Adressat/​-innen übersichtlich abstecken und die Bewältigungskonstellationen des höheren Lebensalters angemessen beschreiben?“ (ebd.) Im Folgenden soll anhand der Darstellung von Aufbau und Inhalt dargestellt werden, wie diese anspruchsvolle Aufgabe gelöst wird. Dabei ist es nicht möglich, auf alle 60 Einzelbeiträge einzugehen, inhaltliche Ergänzungen jedoch sollen besondere Beachtung finden.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch gliedert sich in vier Teile.

Teil 1 betrachtet Rahmenbedingungen, Arbeitsfelder und Besonderheiten der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen und bildet damit den Kern des Handbuchs.

Kapitel 1 befasst sich mit den Rahmenbedingungen der „Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen“. Soziale Altenhilfe wird als Teil kommunaler Sozial(hilfe)politik in ihrer historischen Entwicklung (Hammerschmidt & Löffler), als Aufgabe Sozialer (Alten-)Arbeit (Aner) und in der Logik Kommunaler Alten(hilfe-)planung (Rubin) dargestellt. Neben der Skizzierung und kritischen Bewertung von Aus- und Weiterbildungsoptionen für Fachkräfte Sozialer (Alten-)Arbeit (Kricheldorff) im Rahmen der Professionalisierungsdebatte wirft dieses Kapitel v.a. auch einen Blick über den deutschen Tellerrand hinaus in die Nachbarländer Schweiz (Pflegerl & Neuer) und Österreich (Schroeter & Knöpfel).

Kapitel 2 stellt die „Felder der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen“ vor; zunächst Felder der sogenannten offenen Altenarbeit: Freizeitarbeit (Karl & Kolland), Kultur- und Bildungsarbeit (Karl; Kricheldorff). Daran anschließend werden Arbeitsfelder aus dem Bereich „Gesundheit und Pflege“ analysiert: Krankheitsprävention und Soziale Gesundheitsarbeit (Franzkowiak), Rehabilitation (Franke), Krankenhaus (Ansen), Geriatrie (Vogel), Gerontopsychiatrie (Dörr), Hospiz und Palliativversorgung (Begemann & Fuchs) sowie pflegerische Versorgung (Schmidt). Alle Beiträge verknüpfen die Rahmungen und Paradigmen, die jeweiligen Aufgaben und methodischen Zugänge mit künftigen Herausforderungen und Perspektiven für die Professionalisierung der Soziale (Alten-)Arbeit im jeweiligen Bereich.

Kapitel 3 bündelt als „Besonderheiten der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen“ sechs verschiedene – quer liegende – Zugänge. Das Kapitel wurde im Vergleich zur ersten Ausgabe des Handbuchs um drei passende Beiträge ergänzt: Zum Freiwilligen Engagement älterer Menschen und für ältere Menschen (Alisch), zur Diversität im stationären Pflegealltag (Ammann) sowie zur advokatorischen Ethik in der Sozialen Arbeit mit alten Menschen (Brumlik).

Etablierte Beiträge aus der ersten Auflage wurden zielgerichtet überarbeitet und aktualisiert; Generationenbeziehungen in der Sozialen Beratung älterer Menschen (Aner); Alter und Bildung aus bildungsphilosophischer Perspektive (Breinbauer) sowie Care und Case Management im Kontext Sozialer Altenarbeit (Wendt). So ergibt sich in der Summe ein aufschlussreiches Bild spezifischer Facetten in unterschiedlichen Settings der Sozialen Arbeit mit älteren und alten Menschen.

Im Teil II des Handbuches erhalten die Lebenslagen älterer Menschen im Kontext von Sozialrecht und Sozialpolitik Raum.

Kapitel 1 befasst sich mit dem Sozialrecht und der Sozialpolitik für alte Menschen.

Der erste Beitrag zeichnet die Entwicklung bis Anfang der 1960er Jahre nach (Hammerschmidt & Tennstedt). Weitere Beiträge berücksichtigen das Kranken- und Pflegeversicherungsrecht (Rixen), das Betreuungsrecht (Becker-Schwarze), gegenüber der ersten Auflage zusammengefasst die Rentenversicherung und andere Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“ (Welti) sowie neu den „Verbraucherschutz“ (Rott). Damit sind zentrale Arbeitsgrundlagen für die Soziale Arbeit mit älteren Menschen aktuell, informativ und verständlich zusammengefasst.

In Kapitel 2 befassen sich ausgewiesene Expert*innen mit den „Lebenslagen im Alter“.

Zu den Lebenslage-Dimensionen Einkommen und Vermögen (Engels), Wohnen (Naumann & Oswald), Soziale Netzwerke (Kühnemund & Kohli); Gesundheit und Krankheit (Homfeldt) und Bildung (Stiehr & Garrison) werden aktuelle Daten und Diskurse dargelegt. Im Vergleich zum 2010er-Handbuch wurde dieses Kapitel um ausgewählte Aspekte von Diversität im Alter ergänzt und gut aufgestellt für die nächsten zehn Jahre. Brand und Schmitz arbeiten zu den Kategorien „Alter und Geschlecht“, Schütze zu „Alter und Homosexualität“, Falk und Zander zu „Alter und Behinderung“.

Kapitel 3 nimmt sich analog zu Teil 1 wiederum nötiger Ergänzungen an und stellt spezifische Themen und Probleme, hier der Altersphase, dar, die von den Herausgeberinnen explizit ohne Anspruch auf Vollständigkeit ausgewählt wurden.

Beginnend mit dem Fokus „Altersarmut“ (Brettschneider & Klammer) spannt sich ein breiter Bogen über „Partnerschaft und Sexualität“ (Baas & Schmitt), Gewalt (Gröning & Yardley), Delinquenz (Görgen, Greve & Hüneke), Demenz (Wißmann) bis hin zu Themen von Nachkriegskindheiten (Fooken), Sterben und Tod (Dreßke) sowie Suizid (Müller-Pein & Lindner). Neu hinzugekommen sind aktuelle Fragestellungen von „Alter(n) im ländlichen Raum“ (Hämel & Wolter) oder „Alter und Technik“ (Tonello). Erweitert wurde v.a. der Beitrag von Horn, Schröer und Schweppe von „alte[n] Menschen mit Migrationshintergrund“ (2010) auf „alte Menschen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen“ (2020). Gesellschaftliche und fachliche Entwicklungen der letzten Jahre lassen sich an der Auswahl und Ausgestaltung der Beiträge in diesem Kapitel gut nachvollziehen.

Teil III widmet sich den „Soziale[n] Konstruktionen des Alters“.

Dieser Teil bezieht soziologische (Schroeter & Künemund), psychogerontologische (Wahl & Schmitt) und kulturwissenschaftliche (Haller & Küpper) disziplinäre Perspektiven mit ein sowie den Diskurs um historische (Göckenjan) und aktuelle (Pichler) Altersbilder. Neu gegenüber der Erstauflage ist die Fokussierung von „Alter und Recht“ (Igl) in diesem Kontext.

Teil IV enthält Beiträge zur „Altersforschung“.

In diesem abschließenden Teil wird den Leserinnen und Lesern ein Einblick in die Hintergründe und Zusammenhänge gerontologischer Forschung sowie in wichtige Daten und Interpretationen gegeben. Tesch-Römer und Motel-Klingebiel liefern zur „sozial- und verhaltenswissenschaftlich[n] Gerontologie“ einen Überblick zu Themen aus Alternssoziologie und Alternspsychologie, stellen Forschungsstrukturen, Forschungsförderung und -aktivitäten in Deutschland dar. Schulz-Nieswandt analysiert und rekonstruiert Themen, Paradigmen und Wirkungen der Altenberichte für das Zusammenspiel von Wissenschaft, Fachlichkeit und Politik. International wird dieser Teil durch den Beitrag „Vergleichende Alternsforschung – nationale Bedingungen, internationale Ergebnisse und Strategien“ (von Kontratowitz). Spannend sind auch die beiden neuen Beiträge in dieser zweiten Auflage: Brandenburg und Steinhauer beschreiben Altersforschung „als interdisziplinäres Projekt“; Kollewe legt dar, wie sich die „partizipative Altersforschung“ entwickelt. Diese Erweiterungen des bisherigen Fokus sind schlüssig. Die neuen Beiträge sind als wertvolle Anknüpfungspunkte für die zunehmend erstarkende Forschung in der Sozialen Arbeit zu begreifen, wie sie auch an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften vermehrt betrieben wird.

Diskussion

„Das Handbuch schließt auf überzeugende Art und Weise eine schmerzhafte Lücke im Wissensbestand Sozialer Altenarbeit innerhalb der Sozialen Arbeit. Dadurch stärkt es die Perspektive des Potenzials Sozialer Arbeit im weiten Spektrum der – weitgehend von Medizin und Pflege dominierten – Altenhilfe“.

So beginnt Bartjes (2010) seine Rezension zur ersten Auflage. Dieser Einschätzung ist nicht nur zuzustimmen, es ist zu ergänzen, dass auch in den vergangenen zehn Jahren keine weitere Publikation diese zentrale und bedeutsame Stellung im Literaturkanon Sozialer Arbeit und Altern einnehmen konnte und in der erreichten Breite und Tiefe zur Füllung dieser „Lücke“ beitragen konnte. Die überarbeitete Neuauflage ist aus diesem Grunde sehr zu begrüßen und dem Werk eine weitere Verbreitung in der anvisierten Adressat*innen-Gruppe zu wünschen: für Lernende und Lehrende, Praktiker*innen und kommunal Verantwortliche bietet es eine wertvolle Ausgangsbasis, um sich zielgerichtet und differenziert einen Ein- und Überblick zu zentralen Themen und Fragestellungen zu verschaffen.

Das Handbuch liegt in zwei Varianten vor: als sehr professionell gestaltete Printversion mit Hardcover und als e-Book. Nicht den Herausgeber*innen anzulasten ist die Preisgestaltung des Verlags (159,99 € Hardcover, 119,99 € E-book). Diese Preise lassen beide Varianten für Studierende unerschwinglich erscheinen. Von den Herausgeberinnen ebenfalls nicht zu verantworten, ausgesprochen bedauerlich und hoffentlich bald zu korrigieren ist ein Fehler im e-Book, der vom Verlag hoffentlich bald korrigiert wird: Das elektronische Inhaltsverzeichnis bildet die gut durchdachte und gerade für Studierende hilfreiche Gliederung des Buches nicht vollständig richtig ab.

Es ist hervorzuheben, wie sehr den Beiträgen durchgängig ihre Aktualisierung (Tabellen, Grafiken, Quellen, Themen) anzumerken ist und wie stringent die Herausgeberinnen auf Lesbarkeit, Bezüge, Zusammenhänge und Übersichtlichkeit hingewirkt haben. Wir finden neben etablierten Autor*innen mit langjährig ausgewiesener Expertise (sozusagen die „alte Hasen“) auch Autor*innen-Tandems und Raum für Nachwuchswissenschaftler*innen mit eigener Schwerpunktsetzung, was dem Handbuch eine besondere Qualität verleiht.

Fazit

Das „Handbuch Soziale Arbeit und Alter“ (in der zweiten Auflage von 2020) stellt aus der Perspektive der Sozialen Arbeit Bedarf, Rahmenbedingungen, Institutionen, Paradigmen und Konzepte der Lebensphase Alter vor. Die Erweiterung des vorliegenden Werks um neue Beiträge, die zentrale heutige und künftige Themen aufgreifen, ist positiv zu betonen. Das „Handbuch Soziale Arbeit“ ist aufgrund seiner Strukturierung und Inhalte als Grundlagenwerk im Studium der Sozialen Arbeit, aber auch darüber hinaus, uneingeschränkt zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Stefanie Engler
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Zitiervorschlag
Stefanie Engler. Rezension vom 20.04.2021 zu: Kirsten Aner, Ute Karl (Hrsg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Springer VS (Wiesbaden) 2020. 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-658-26623-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28246.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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