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Ronald Lutz, Jan Steinhaußen u.a. (Hrsg.): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit

Cover Ronald Lutz, Jan Steinhaußen, Johannes Kniffki (Hrsg.): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. 370 Seiten. ISBN 978-3-7799-6406-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema und Zielgruppe

Das Buch richtet sich in erster Linie an Fachkräfte der Sozialen Arbeit und an Studierende, die einen kritischen Blick auf die Rolle der Sozialen Arbeit im Umgang mit der Corona-Pandemie werfen wollen und dabei zugleich offen sind für grundlegendere Diskurse zur (Re-)Politisierung Sozialer Arbeit.

Herausgeber und Autor*innen

Ronald Lutz ist emeritierter Professor für Soziologie und Kulturanthropologie (ehemals FH Erfurt).

Jan Steinhaußen ist Geschäftsführer des Landesseniorenrates Thüringen.

Johannes Kniffki ist Professor für Internationale Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Unter den Autor*innen sind viele Professor*innen und akademische Mitarbeiter*innen sowie einige wenige Fachleute aus der Praxis.

Aufbau 

Das Buch enthält neben dem Vorwort 24 Beiträge von 35 Autor*innen und gliedert sich in die Abschnitte:

  1. Coronakrise
  2. Soziale Kosten
  3. Perspektiven und Pfade
  4. Politisierung und Emanzipation.

Inhalt

Bereits im 1. Kapitel von Ronald Lutz wird deutlich, dass sich die Autor*innen mit kritischen Perspektiven auf das derzeitige Geschehen hervorwagen und politische Rahmenbedingungen wie die Verschiebung des Kräfteverhältnisses von Autokraten und Demokratie ansprechen. Hierbei werden bestimmte Narrative (z.B. dass das Virus wie Ebola vom Tier auf den Menschen gesprungen ist) nicht in Frage gestellt; und es geschieht eine deutliche Abgrenzung zu Querdenkern und Verschwörungstheorien. Die Coronakrise wird als Metamorphose interpretiert und steht u.a. bei Ronald Lutz auch für eine Chance, neue Pfade zu öffnen und eine Verwandlung voranzutreiben, in der der Mensch als suchender, fühlender und gestaltender Akteur seiner Welt gesehen wird. Eine „postcoroniale Ordnung“ müsse neben der ökologischen Krise und dem Klimawandel auch die globalen Ausbeutungsstrukturen angehen.

Im ersten und zweiten Abschnitt geht es – z.T. mit Wiederholungen – um die in der Krise gestiegene soziale Ungleichheit, um die Verschärfung psychosozialer Probleme von Kindern, Jugendlichen, Familien und bereits vor der Krise benachteiligten Zielgruppen und um einseitige Schwerpunktsetzungen der Maßnahmen:

  • Mechthild Seithe betont hierbei u.a. die Diffamierung von körperlicher Nähe und das Verstecken der Mimik hinter der Maske, die Abwertung der Beziehungsarbeit und die Rolle der Sozialen Arbeit in Richtung Kontroll- und Ordnungskraft. Sie greift hierbei auch auf einige vorwiegend in den sozialen Medien aufgegriffene Diskurse (Stiftung Coronaausschuss) zurück und hinterfragt das Framing von Kritik an der Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen als „Verschwörungstheorie“.
  • Armin Bernhard thematisiert u.a. die durch eine Erhöhung des Angstpegels gesunkene aufklärerische Vernunft (Schockstrategie), die Verführbarkeit der Menschen und die antiaufklärerisch vermittelnde Rolle einiger Wissenschaftsdisziplinen, der Politik und der Kulturindustrie.
  • Mario Rund hinterfragt u.a. die Herausbildung neuartiger Technologien individueller und kollektiver Führung und die Propagierung von Selbsttechniken zu selbstoptimierten, wettbewerbsfähigen und flexiblen Subjekten im Rahmen neoliberaler Gouvernmentalität. Zugleich betont er die schon von Foucault hinterfragte ständige Erhöhung der „Nützlichkeit der Körper“ und den biopolitischen Utilitarismus.
  • Christoph Butterwegge untermauert die weitere Polarisierung der Einkommens- und Vermögensverhältnisse mit Zahlen zum Rekordstand der Armuts(gefährdungs-)quote von 15.9 % bei gleichzeitigen erheblichen Profiten bei den „Hauptprofiteuren des Krisendesasters“.
  • Michael Klundt, der sich schon sehr frühzeitig öffentlich geäußert hat, konstatiert, dass an Stelle der Kinderrechte der Schutz vor Kindern getreten sei, prangert die Verletzung der Schutz-, Fürsorge- und Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen in der Krise an und macht globale Kollateralschäden des Lockdowns deutlich.
  • Die Situation von Kindern und Jugendlichen wird dann in den Folgebeiträgen durch empirische Studien untermauert: So wird die JuCo 1 und 2 Studie, eine online Befragung in 2 Wellen, ausgewertet, die zu dem Ergebnis kam, dass Jugendliche nicht genug eingebunden wurden und dass bereits 2020 erhebliche psychosoziale Auswirkungen deutlich wurden.

Im weiteren Verlauf werden folgende empirische Studien vorgestellt:

  • Monika Alamdar-Niemann und Bärbel Schomers werten eine Onlinebefragung von 2314 Studierenden der Sozialen Arbeit zu den Arbeitsbedingungen in den Praxisstellen aus. Weiterhin wird von Judith Schürholz und Michael Noack eine Erhebung an der Hochschule Niederrhein zur Kontaktgestaltung vor, während und nach den Kontaktbeschränkungen (KoKon) thematisiert, die u.a. (unfreiwillige) Einsamkeit und Nachbarschaftsstrukturen untersuchte. Überraschend war, dass die untersuchte Zielgruppe weniger stark unter unfreiwilliger Einsamkeit während der Kontaktbeschränkungen gelitten hatte.
  • Nikolaus Meyer und Christian Buschle finden in ihrer Online-Studie bei Praktiker*innen Hinweise auf Deprofessionalisierungstendenzen (Zwang zu fachfremder Arbeit, Planlosigkeit, erschwerte Vernetzung, persönliche Bedrängnisse) und Kritik an Berufsverbänden und Hochschullehrer*innen.

Im Abschnitt IV wird auf eine weitere Telefonstudie verwiesen, die 3 Modi der Reaktion von Praktiker*innen herausarbeitet: Aussetzen der Aufgaben, Anpassen der Aufgaben und des methodischen Handelns und Erweiterung des Handelns.

Im Abschnitt III und IV wird die mangelnde Systemrelevanz sozialer Arbeit von verschiedenen Autor*innen mit unterschiedlichen Sichtweisen aufgegriffen. Kritisch beleuchtet wird die Gefahr eines „Anerkennungshungers“ der zu einer Konformität gegenüber dem Zeitgeist führen könne. Besonders pointiert schreibt Phillip Markgraf im letzten Beitrag, dass die nunmehr seit (mindestens) zwei Dekaden stattfindende Kritik am Neoliberalismus zu kurz greife, wenn nicht zugleich die Rolle des Staates und der Zusammenhang zwischen ökonomischer und sozialer Krise beleuchtet werde. An Stelle einer herrschaftssichernden Halbkritik, unterstützt durch Verbände und Interessengruppen, sei eine tatsächlich auf Emanzipation zielende Soziale Arbeit zu etablieren.

Mehrfach wird in diesen Abschnitten das mangelnde Interesse der Studierenden und Praktiker*innen an Politik moniert. Manfred Borutta und Johannes Mertens betonen, dass sich die Liste der Pandemieverlier*innen wie das „who is who“ eines sozialarbeiterischen Sorgebereichs lese.

Coroline Schmitt versucht in ihrem Beitrag die Rolle einer (global aufgestellten) sozialarbeiterischen Katastrophenhilfe mit neuen Perspektiven einer konvivialen Fundierung zu plausibilisieren, mit dem Anliegen, globale Probleme in ihrer weltumspannenden Dimension nachhaltig und im inklusiven Zusammenleben aller Menschen zu lösen.

Norbert Frieters-Reermann greift die Rolle von Planspielen auf und fragt in radikaler Weise, ob es sich bei der Krisenbewältigung um ein de-humanisierendes Experiment als Beschleuniger eines post-demokratischen Bioregimes handeln könne. Alexander Brunner betont die Notwendigkeit, sich mit neuen technologischen Entwicklungen (Nanotechnologie, Biotechnologie, Informationstechnologie und Kognitionswissenschaften) umfassender zu beschäftigen, da die Soziale Arbeit mit einem zu wenig differenzierten Technikbegriff operiere, um die Zugriffe auf den menschlichen Körper durch Biomacht und Biopolitik angemessen reflektieren zu können.

Eine andere Perspektive macht Juliane Noack Napoles auf: Die Krise verlange Transformation. Diese Transformation könne genutzt werden, um gelingendes Leben als Leitperspektive – sowohl auf der Subjekt- als auch auf der Systemebene – zu etablieren und sich in Achtung der Vielfalt gegen paternalistische Fremdzuschreibungen zur Wehr zu setzen.

Peter-Ulrich Wendt führt in seinem Beitrag die Chancen von Community Organizing aus und Frank Bettinger nimmt die Hochschullehre stärker in die Pflicht, sich nicht zu fremdbestimmten oder bürokratischen Erfüllungsgehilfen degradieren zu lassen, sondern eine befreiungstheoretische, emanzipatorische Perspektive einzunehmen.

Uta Meier-Gräwe arbeitet die Folgen des industriegesellschaftlichen Strukturkonservatismus auf die weiterhin unterbewerte, unterbezahlte Care Arbeit heraus, während Yvonne Rubin fehlende theoretische Perspektiven der Sozialen Arbeit beklagt, die sich dem herrschenden Wissen der Medizin/​Virologie entgegenstellen könnten. Solidarität müsse aus einem kritischen Blickwinkel betrachtet werden und sich u.a. für eine gerechte Gestaltung sozialer Verhältnisse einsetzen, anstatt sich nur von einer „stayathome“ Kampagne mit Prekarisierung von ohnehin schon benachteiligten Menschen vereinnahmen zu lassen.

Diskussion

Sehr bereichernd ist der Mut der Autor*innen, gängige Narrative kritisch zu beleuchten und das Krisenmanagement nicht als alternativlos hinzustellen, hierbei insbesondere auf die Folgen für das Klientel der Sozialen Arbeit aufmerksam zu machen und die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte und den politischen Kontext der Maßnahmen zu beleuchten. Da das Buch recht schnell geschrieben wurde, um nicht an Aktualität zu verlieren, konnten sich die Autor*innen nicht vollumfänglich abstimmen und aufeinander beziehen, so gibt es einige Wiederholungen und keine abschließende Diskussion unterschiedlicher Akzentuierungen. Auch der konkrete Transfer der Erkenntnisse in die Lehre, Forschung und in die Praxis steht erst am Anfang. Die 4 ausführlicher thematisierten Studien bewegen sich im Bereich der Adressat*inntenbefragungen, angesichts der Kürze der Zeit ist dies nicht zu kritisieren. Methodisch wird beispielsweise die Bedeutung des Community Organizing hervorgehoben, hier fehlt es jedoch noch am Blick auf konkrete Projekte, zumal eine Abgrenzung von der Querdenkerbewegung erfolgt und so die Schnittstellen und – bei rechtspopulistischer bis rechtsnationaler Vereinnahmung – nötigen Abgrenzungen genauer herausgearbeitet werden müssten und an konkreten Initiativen verdeutlicht werden könnten. Im Detail ist dies durchaus schwieriger als in der theoretischen Betrachtung.

Die Rolle der WHO wird leider nicht thematisiert; und die Auswirkungen technologischer Entwicklungen im Bereich von Gentechnik, Nanotechnik und künstlicher Intelligenz werden nur in einem Beitrag angeschnitten, bedürfen jedoch meiner Auffassung nach einer tiefergehenden Thematisierung, welche in dem inspirierenden Beitrag von Alexander Brunner – auch im Zusammenhang mit Transhumanismusdiskursen – bereits angekündigt wurde.

Fazit

Deutlich wird, dass die Pandemie Fragen in den Fokus rückt, die einer Repolitisierung Sozialer Arbeit Vorschub leisten. In diesem Buch melden sich vornehmlich Hochschullehrer*innen und Wissenschaftler*innen zu Wort, die den Mut haben, die Überforderungen und Zumutungen im Zuge der Pandemiemaßnahmen in einen politischen Kontext zu stellen und die Rolle der Sozialen Arbeit kritisch zu hinterfragen. Im Detail bleibt die Implementierung der gewonnenen Erkenntnisse eine noch zu stemmende Herausforderung.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 21.05.2021 zu: Ronald Lutz, Jan Steinhaußen, Johannes Kniffki (Hrsg.): Corona, Gesellschaft und Soziale Arbeit. Neue Perspektiven und Pfade. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2021. ISBN 978-3-7799-6406-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28248.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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