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Manuel Castells: Die Internet-Galaxie. Internet, Wirtschaft und Gesellschaft

Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 26.07.2005

Cover Manuel Castells: Die Internet-Galaxie. Internet, Wirtschaft und Gesellschaft ISBN 978-3-8100-3593-6

Manuel Castells: Die Internet-Galaxie. Internet, Wirtschaft und Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 297 Seiten. ISBN 978-3-8100-3593-6. 24,90 EUR. CH: 43,70 sFr.
Originaltitel: The internet galaxy
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"Denn wie ihr wisst war Sicherheit, des Menschen Erbfeind jederzeit" (Macbeth)

Das Internet durchzieht langsam und kontinuierlich immer mehr unser Leben. Dagegen sind wir machtlos. Der Mangel an zuverlässiger Forschung über das Internet, gekoppelt mit dem schweren Absturz des Technologiemarktes 2000/2001 unterstützt zusätzlich dieses flaue Gefühl in der Magengegend. Erinnerungen an die Weltwirtschaftskrise 1929 wurden wach. Damals war die Euphorie an die Schlüsseltechnologie des Automobils geknüpft. Die Fließbandfertigung wurde eingeführt und es entstand in Kürze ein weltweites Straßen- und Tankstellennetz. Das Internet und seine neue Wirtschaftsform unterscheiden sich jedoch in einem Punkt ganz wesentlich von der Technologie des Automobils. Neue Anwendungen der Technologie sowie Veränderungen daran, werden in Echtzeit an die Welt zurück kommuniziert. Dadurch reduziert sich die Zeitspanne zwischen dem Lernprozess und der Produktion durch Nutzung. Das Internet schafft nicht nur neue Entwicklungsmöglichkeiten, sondern beschleunigt Entwicklung in seinem weltumspannenden Wirkungsbereich. Die Zeit, sich mit etwas vertraut zu machen und dadurch Verantwortung zu übernehmen, ist dem Menschen genommen worden. Die immer währende Illusion nach Sicherheit und Kontrolle wird in der Funktionsweise des Internets ad absurdum geführt.

Von der Gutenberg- zur Internet-Galaxie

Manuel Castells ist Professor für Soziologie an der University of California (Berkeley, USA). Mit "Die Internet-Galaxie" erschien 2005 erneut eine Übersetzung seiner Bücher, die sich mit der Entwicklung von der Industrie- zur Informationsgesellschaft beschäftigt. Durch seinen Anspruch stets sachlich zu berichten, hat er es auf die Literaturliste vieler Vorlesungen und Seminare geschafft. Die Oxford University Press bezeichnet Castells als "one of the world's leading thinkers on the new information age". The Economist spricht vom "first significant philosopher of cyberspace".

Aufbau

Die Organisationsform des Informationszeitalters ist das Netzwerk. Es breitet sich in Wirtschaft und Gesellschaft aus. Den Vorteilen hoher Flexibilität und Anpassungsfähigkeit standen Zentralisierungsprobleme gegenüber. Die Forderung der Wirtschaft nach Globalisierung, der Gesellschaft nach individueller Freiheit und der Fortschritt der Computer- und Telekommunikationsbranche ermöglichten es, die Nachteile zu überwinden. Castells beschreibt in seinen neun Kapiteln die Herkunft des Internets, seine Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sowie seine Gefahren. Jedes Kapitel schließt mit Literaturangaben und e-Links.

Inhalt

  1. Kapitel 1: Lehren aus der Geschichte des Internet. Ursache für die Entstehung des Internets ist die Offenheit seiner Architektur, die zu seiner selbst-evolutionierenden Entwicklung geführt hat. Jede/r User/-in der Technologie ist zugleich sein Produzent/-in. Seine Entstehungsbedingungen sind aufgrund der Echtzeitveränderung auch seine Entwicklungsbedingungen. Die Netzwerkarchitektur muss offen, dezentral und räumlich verteilt sein. Die Kommunikationsprotokolle müssen zusätzlich noch abänderungsfähig und die regulierenden Institutionen nach dem Prinzip der Offenheit und Kooperation aufgebaut sein.
  2. Kapitel 2: Die Kultur des Internet. Die Internet-Kultur entwickelte sich aus der techno-meritokratischen Kultur, der Hacker-Kultur, der virtuell kommunitären Kultur sowie der unternehmerischen Kultur. Für die Techno-Meritokratie ist technologische Entdeckung der höchste Wert. Die Hacker koppelten diesen Wert mit ihrer inneren Freude am Schaffen. Neben der horizontalen freien Kommunikation aus der Hacker-Welt kommt für die virtuellen Gemeinschaften der soziale Aspekt der selbstgesteuerten Vernetzung hinzu. Die unternehmerische Kultur versuchte im Anschluss daran, durch das kreativitätsfördernde Moment, Geld mit Ideen zu verdienen.
  3. Kapitel 3: e-Business und die neue Wirtschaftsform. Das Netzwerkunternehmen des Internets schafft eine Rückkopplung zwischen Konsumenten/-innen und Produktion in Echtzeit. Seine wichtigste Strategie ist die ständige Akquisition von Talenten (Human Ressources) und Geld. Der Aktienwert eines Unternehmens wird jedoch nicht mehr nur noch durch Fakten bestimmt. Die Imagepflege bei der Finanzwelt wurde zu einer zentralen Aktivität der Finanzakquirierung.
  4. Kapitel 4: Virtuelle Gemeinschaften oder Netzwerkgesellschaften? Die Virtualität des Internets ist eine Fortsetzung des Lebens in seiner gesellschaftlichen Realität, d.h. mit all seinen Dimensionen und Facetten.
  5. Kapitel 5: Politik des Internet I. Das Internet hat auch seine dunklen Seiten bzw. kann für schlechte Ziele eingesetzt werden. So entstand ebenfalls die Idee der "netzwerkzentrierten" Kriegsführung durch "swarming". Es handelt sich dabei um eine Hightech-Version der alten Tradition des Guerillakampfes. Um Sicherheit gegen solche Kriegsführungen zu erhalten, versuchen Staaten bzw. Netzwerkstaaten immer wieder Kontrolle über das Internet zu erlangen.
  6. Kapitel 6: Politik des Internet II. Aber nicht nur Staaten, sondern auch Individuen sind durch das Internet in Gefahr geraten. Die Privatsphäre wird im Internet nicht ausreichend geschützt. Damit verbunden ist auch der Kampf um intellektuelle Eigentumsrechte, mit denen sich in der Internetökonomie Profit schlagen lässt.
  7. Kapitel 7: Multimedia und Internet: Der Hypertext jenseits der Konvergenz. In Zukunft wird es zwischen dem Internet und Multimedia nur sehr begrenzte Konvergenzen geben. Es hat sich gezeigt, dass das Internet kein anderes Medium (Fernsehen, Radio, Video etc.) verdrängt. Vielmehr wird die Nutzung des Internets neben allen anderen Medien als Kommunikationsmedium mit der vieldimensionalen Lebenspraxis verwoben.
  8. Kapitel 8: Die Geografie des Internets: Vernetzte Orte. Das Internet hat seine eigene Geografie. Die Internetdomänen sind in hohem Maße nach Ländern konzentriert. Die USA haben hier ein starkes Übergewicht. Es kann eine zunehmende Diskrepanz zwischen Produktion und Konsumption von Internetinhalten festgestellt werden. Die Lieferung von Internetinhalten ist zunehmend ein metropolitanes Phänomen.
  9. Kapitel 9: Digital Divide in globaler Perspektive. Der Zugang zum Internet und seine Nutzung sind nicht für alle Menschen gleich. Unterschiede konnten festgestellt werden in Abhängigkeit zum eigenen Bildungsniveau, dem Bildungsniveau der Familie, zum Alter, Erwerbsleben, Geschlecht, Behinderung, Einkommen und ethnischer Herkunft. Die Abstände zwischen den meisten Gründen für unterschiedliche Zugangsvoraussetzungen verringern sich - mit Ausnahme der ethnischen Lücke. Damit könnte das Internet in Zukunft eine neue Quelle von Rassenungleichheit sein.

Castells postuliert am Ende seines Buches drei Herausforderungen für das Informationszeitalter:

  1. Globale freie Kommunikation für alle.
  2. Vermeidung von Exklusion aus den Netzwerken.
  3. Verbreitung der Kompetenz der Informationsverarbeitung und der Produktion von Wissen.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Soziologen/-innen, Politologen/-innen, Medien- und Kommunikationswissenschaftler/-innen, Kulturwissenschaftler/-innen und an alle an der Internet-Gesellschaft Interessierten.

Einschätzung

Manuel Castells schreibt vor dem Hintergrund eines ausgeprägten Wissens über das Internet. Er versucht fehlende empirische Belege durch schlüssig hergeleitete Detailanalysen zu ersetzen. Die Lesbarkeit des Buches wird durch die ausführliche Beschreibung vieler Kleinigkeiten erschwert. Einige typische Übersetzungsfehler wirken eher amüsant und wecken den Zwiebelfisch in uns. Nichts desto trotz deckt das Buch Zusammenhänge zwischen der Geschichte des Internets und seiner Funktionsweise auf.

Fazit

Auf der Reise im Internet - von gestern bis morgen - gelingt es dem Autor über Kultur und Philosophie einen roten Faden durch die Entwicklung des Netzes zu ziehen. Dieser übergeordnete Kontext wird in seiner Konsequenz auf verschiedene Anwendungsbereiche des Internets, wie z.B. Wirtschaft und Politik runter gebrochen und erhält damit praktischen Bezug. Vom Netzwerkunternehmen bis zur Netzwerkgesellschaft ist jeder individuell betroffen. Bestimmte Funktionsweisen des Internets werden deutlich. Trotz der Aufklärung bleibt ein flaues Gefühl in der Magengegend, denn niemand wird sich der Netzwerkgesellschaft entziehen können. Darin zu leben ist keine freie Entscheidung. So lange wir in der heutigen Gesellschaft einen Platz einnehmen wollen, haben wir unvermeidlich mit der Netzwerkgesellschaft zu tun. Denn wir leben in der Internet-Galaxie.

Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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Es gibt 96 Rezensionen von Kirsten Oleimeulen.

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Zitiervorschlag
Kirsten Oleimeulen. Rezension vom 26.07.2005 zu: Manuel Castells: Die Internet-Galaxie. Internet, Wirtschaft und Gesellschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-8100-3593-6. Originaltitel: The internet galaxy. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2825.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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