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Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.): Emotionen und Antisemitismus

Cover Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.): Emotionen und Antisemitismus. Geschichte - Literatur - Theorie. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. 250 Seiten. ISBN 978-3-8353-3905-7. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

Reihe: Studien zu Ressentiments in Geschichte und Gegenwart - 5.
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Thema

Thema des vorliegenden Titel ist die Antisemitismusforschung unter dem speziellen Aspekt der individuell beteiligten und sozial verstärkten Emotionen. Um den andauernden Antisemitismus zu verstehen beschäftigen sich die Autoren intensiv mit den Emotionen, um der Affektivität des Juden(Fremden?)hasses auf die Spur zu kommen.

Herausgeber und Autoren

  • Stefanie Schüler-Springorum (Hg.) ist Historikerin und seit 2011 Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Ko-Direktorin des Selma-Stern Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und seit 2020 Leiterin des Standorts Berlin des Forschungszentrums Gesellschaftlicher Zusammenhalt. Arbeitsschwerpunkte sind deutsche und jüdische Geschichte im 19./20. Jahrhundert, Geschlechter- und spanische Geschichte.
  • Jan Süselbeck (Hg.) ist Literaturwissenschaftler und Privatdozent an der Universität Marburg. Er war von 2015–2020 DAAD Associate Professor of German Studies an der University of Calgary/​Kanada und 2017 Junior Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg/​Greifswald: Monografie-Projekt »Moderner literarischer Antisemitismus. Emotionalisierungsstrategien judenfeindlicher Texte im 19. Jahrhundert«. Forschungsschwerpunkte sind: Emotionswissenschaft, Literaturvermittlung in den Medien und literarischer Antisemitismus.
  • Birgit Aschmann ist Professorin für Europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts an der Humboldt-Universität Berlin. Forschungsschwerpunkte sind: Geschichte Deutschlands und Spaniens im 19./20. Jahrhundert, Religions-, Monarchie- und Emotionsgeschichte.
  • Hans-Joachim Hahn ist Privatdozent an der RWTH Aachen und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für jüdische Studien/​Basel. Forschungsschwerpunkte sind neben Neuerer deutscher Literatur seit der Aufklärung, die deutschsprachige-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Literaturtheorie, historische Antisemitismusforschung und antiemanzipatorisches Denken.
  • Uffa Jensen ist Historiker und Heisenberg-Professor der Deutschen Forschungsgemeinschaft und stellvertretender Leiter des Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Forschungsfelder sind Wissenschaftsgeschichte der Psycho-Wissenschaften, der transnationalen Geschichte, der modernen Emotionsgeschichte, sowie Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart.
  • Zoltán Kékesi ist Kulturwissenschaftler. Er promovierte in Komparatistik an der ELTE/Budapest und war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie und kuratorische Studien an der Universität der Künste/Budapest und Gastwissenschaftler in New York, Washington DC, Yad Vashem/​Jerusalem, in Leipzig am Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa und am Institut für Advanced Study der Universität Budapest. Seit 2020 ist er Alexander von Humboldt-Forschungsstipendiat am Zentrum für Antisemitismusforschung.
  • Kristoff Kerl ist Feodor Lynen-Fellow an der Universität Kopenhagen. Seine Dissertation 2017 hatte den Titel »Männlichkeit und moderner Antisemitismus. Eine Genealogie des Leo Frank-Case, 1860–1920 Jahre.« Schwerpunkte sind vergeschlechtlichte Krisendiskurse und moderner Antisemitismus im US-Süden.
  • Irmela von der Lühe war Professorin (a.D.) für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und ist seit 2013 Senior Advisor am Selma Stern Zentrum für jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Schwerpunkte sind deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Literatur des Exils und der Shoah und Literaturgeschichte weiblicher Autorschaft.
  • Julijana Ranc ist Literaturwissenschaftlerin und Soziologin, seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin und seit 2003 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung, bis 2002 auch an der TU Darmstadt. Schwerpunkte sind Exil- und Antisemitismusforschung.
  • Samuel Salzborn ist apl. Professor für Politikwissenschaft an der Universität Gießen, Visiting Fellow am Centre for the Study of Democratic Cultures and Politics der Rijksuniversiteit Groningen und für das Land Berlin Ansprechpartner für Antisemitismus. Forschungsschwerpunkte sind Politische- und Gesellschaftstheorie, politische Soziologie und Demokratieforschung.

Aufbau

Nach einer Einleitung in das Thema folgen zwei Beiträge zur »emotionswissenschaftlichen Perspektive auf den Antisemitismus im 19. Jahrhundert«, dann vier zu »Theorien zur Emotionalität des Antisemitismus« und zum Schluss vier »Fallstudien zu den Affekten des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert«.

Einleitung (Stefanie Schüler-Springorum und Jan Süselbeck)

Angeregt zu diesem Thema wurden die Autoren durch den Essay von Sartre »Überlegungen zur Judenfrage«, der 1944 Weltanschauung mit Leidenschaft verknüpfte, und 1985 durch einer Hinweis von Mark H. Gelber zu einer Beschäftigung mit dem literarischen Antisemitismus in deutschprachigen Texten und 1998 durch eine Analyse bestimmter narrativer Darstellungsmodi von Martin Gubser.

In der Nachkriegszeit wurden die Sozialwissenschaften zur Leitwissenschaft der Antisemitismusforschung (Umfragen auf der Grundlage der psychoanalytisch inspirierten kritischen Theorie, wobei die Gefühle weitgehend unbestimmt blieben). Inzwischen hat sich in der Geschichtswissenschaft ein Interesse an der Emotionsforschung entwickelt, z.B. der ‚Lust an Hass, Ausgrenzung und Mord‘. Der Perspektivwechsel wurde auf einer Konferenz des Instituts für Antisemitismusforschung 2012 aufgenommen und eine Verbindung zwischen Literatur- und Geschichtswissenschaft hergestellt. Dabei lag der Fokus auf dem Gefühl des Ressentiments.

Emotionen und Antisemitismus – von der Relevanz komplexer Konzepte (Birgit Aschmann)

Hass ist nicht nur ein Übel, heute wird sogar dazu noch eingeladen (s. Trump), die Hemmschwellen sind gesunken. Dennoch gibt es bis bislang keine wissenschaftliche interdisziplinäre Definition. Nicht nur ist der Gegenstand vage, sondern es fehlt auch vielen wissenschaftlichen Disziplinen ein Zugang zu körperlichen Verhaltensmustern. Während der französischen Revolution gab es eine Konjunktur für Beschäftigung mit Emotionen, allerdings gefolgt von einem Ernüchterungsprozess. Der Zusammenhalt von Gruppen speist sich im Wesentlichen aus Emotionen (inklusiv und exklusiv). Die Konjunktur der Gefühle wechselt, privilegiert bleibt jedoch das Gefühl von Angst in Zusammenhang mit echten oder phantasierten Katastrophen.

Im Fall von Antisemitismus gibt es Rückkoppelungseffekte: Gewalttaten können ein Ventil sein, aber auch verstärkend auf Affekte wirken. Beim Antisemitismus spielen negative Gefühle (Hass, Ärger, Empörung, Abscheu, Ekel, Neid, Angst, groll, Rache) eine Rolle, meist in komplexen Mischungen. Dem Rationalisierungszwang im Kaiserreich folgte ein Dammbruch im 1. Weltkrieg und danach Ernüchterung und neue Leidenschaftlichkeit. Kunst und Literatur waren auch aktiv am Antisemitismus beteiligt, zudem eine bereits im 19. Jahrhundert zu beobachtende zunehmende Angst und Unsicherheit, die auf der Suche nach einem Grund die Juden zu ‚Sündenböcken der Moderne‘ stempelte. Die Angst vor Auflösung durch Überflutung mit Fremdem und vor einer ‚Mischkultur‘ verband Antisemitismus und Antifeminismus.

Schöne Augen. Emotionalisierende Figurationen des »Ewigen Juden« in E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann (Jan Süselbeck)

Die Erzählung hantiert mit Schreckensszenarien, die aus dem Arsenal antijüdischer Mythen und Vorurteile stammen, was vielen Interpreten nicht aufgefallen ist. Zwar wird das Feindbild nicht explizit benannt, doch zeigen sich in der Struktur naheliegende antisemitische Lesarten. Das heißt nicht, dass Hoffmann selbst ein Antisemit war, obgleich sich bei ihm auch explizitere Narrative finden. Die dämonischen Figuren im Sandmann tragen die stereotypen Züge des ‚ewigen Juden‘ und wurden offensichtlich beeinflusst von antisemitischen Vorstellungen seiner Zeit (der Optiker Coppola als jüdischer Hausierer). Sie weckten gemischte Gefühle von ‚Angstlust‘, anknüpfend an die Angst und Entdeckungslust des neugierigen Knaben bei der Beobachtung von Experimenten seines Vaters mit Coppelius (in der Darstellung eine Judenkarikatur), dem später die Schuld ist an dem gewaltsamen Tod des Vater durch chemische Experimente zugeschrieben wurde. Gerade weil es nicht explizit gesagt ist, regen solche Narrative die Phantasie an.

Aber auch das, was explizit gesagt wird, kann zu falschen Schlussfolgerungen führen. Zweifellos war der Jude damals, auch wegen der jiddischen Sprache, der ‚Fremde‘, einerseits verachtet und andererseits gefürchtet wegen seiner intellektueller Überlegenheit. Die verführerische Automatenfrau Olimpia ist sein Produkt und symbolisiert den Verlust der Seele durch ein materialistisches Menschenbild.

Theorien zur Emotionalität des Antisemitismus

Die geteilten Gefühle des Antisemitismus. Prolegomena zu einer Reflexionsgeschichte antijüdischer Emotionen (Hans-Joachim Hahn)

Auf welche Weise werden seit 200 Jahren Vorstellungen über das Judentum entwickelt, unterstützt oder kritisiert (David Nirenberg 2013)? Und zwar nicht nur kognitiv, sondern vor allem emotional in Gestalt von feindseligen Gefühlen wie Neid, Wut, Ekel, Abscheu, Verachtung. In der Forschung wurden diese bislang zu wenig beachtet (Leerstelle).

Hahns Interesse sind Gruppenleidenschaften. Geteilte Gefühle finden sich in allen Selbst- und Fremdbildern, oft verknüpft mit weltanschaulichen Aussagen. Hitler hat über den Appell an die Gefühle von Furcht, Sympathie, Stolz und Hass die deutsche Bevölkerung manipuliert: Es entstand ein positives kollektives Selbstbild, indem die Aggressionen externalisiert wurden. Samuel unterschied 1988 zwischen Anti-Jewishness (feelings of distaste, distrust und perhapt contempt) und Antisemitismus (feelings of fear, convulsive horror and delusion of persecution), zeitweise zurückgehend auf die christliche Ambivalenz gegenüber der Vorgängerreligion (Trachtenberg 1983).

Kollektive Ängste sind oft ein Anlass für eine Steigerung des Judenhasses gewesen. Zwischen der Dämonisierung des Jüdischen im Mittelalter und der Moderne besteht ein Zusammenhang, dessen Ursache nach Coudenhove-Calergi (1932) ein ‚fanatischer Religionshass‘ sei, später gerechtfertigt durch rassentheoretisch begründete Affekte. Aus Abwehr gegen die extreme Affektmobilisierung in der NS-Zeit sei es in der Forschung danach eher zu einer stärkeren Versachlichung gekommen.

Affekttheoretische Elemente und emotionsgeschichtliche Ursprünge in Hannah Arendts Theorie des Antisemitismus (Irmela von der Lühe)

Hannah Arendt lieferte zur ‚emotionsgeschichtlichen Funktionalität‘ des Antisemitismus Belege und Leitlinien. Von ihr (und Arnold Zweig) stammt die Definition von Antisemitismus als ‚Differenzaffekt nationaler Art‘. Auch Peter Weiss versuchte in ‚Abschied von den Eltern‘, der Logik der Verfolger auf die Spur zu kommen: Wenn man ihre Schuldgefühle unterstützt, wird man noch stärker bestraft. Denn die Täter agieren nicht nur aufgrund eines Ressentiments, sondern auch aufgrund eines durch die Opfer ausgelösten gesteigerten Schuldgefühls.

Für Hannah Arendt steht der Vernichtungsantisemitismus in Verbindung mit der Tötung der Individualität, der Krise des Nationalstaates und dem Niedergang der Politik. Der Mob verlangte nicht nach Partizipation, sondern nach einem Führer, der Rache übte. Antisemitismus ist eine Negation von Gewissens -und Treuebindungen, eine Befreiung von moralischen Codices (kein nur deutsches Phänomen).

Emotionen und Antisemitismus. Ein Streifzug durch die Geschichte der Antisemitismustheorien (Samuel Salzborn)

Der Moderne Antisemitismus ist verknüpft mit der Moderne (Sozialismus, Kapitalismus, Liberalismus) und der Aufklärung (Urbanität, Mobilität und Intellektualität). Nach Salzborn ist er eine Unfähigkeit und Unwilligkeit abstrakt zu denken und konkret zu fühlen: Das Denken soll konkret, das Fühlen abstrakt sein. Deshalb bleiben Ambivalenzen de-subjektiviert auch unverstanden. Salzborn bezieht sich auf Sartre (1945), der Antisemitismus als eine Verbindung von Weltanschauung und Leidenschaft verknüpft mit Haß- und Wutaffekten, zurückgehend auf eine Urangst, verstand. Horkheimer/​Adorno richteten 1947 den Blick auf die gesellschaftlichen Ursachen (Autoritarismus). Beide zeigen, dass es nicht um ökonomischen Nutzen, sondern um emotionale und affektive Dispositionen geht. Nach Horkheimer/​Adorno projiziert der Antisemit in den Juden, was er bei sich selbst verabscheut und unterdrückt (Angst vor dem eigenen Unbewussten, Angst vor Freiheit und Identität). Zwar gibt es unter psychoanalytischer Perspektive keine einheitliche antisemitische Persönlichkeit, da prädisponierende Variablen nicht zu identischen Persönlichkeitsstrukturen führen. Dennoch sind nach Grunberger (1962) regressive Primärprozesse im Denken und Spaltungen vorherrschend, gesellschaftlich beeinflusst durch die Strukturierung des Überich/​Gewissen, die zusätzlich gesellschaftlich radikalisiert werden können.

Das Ich-Ideal des Antisemiten ist narzisstisch überhöht, krankt an einer Verleugnung einer eigenen Verletzung des Selbstwertgefühls, das ödipal durch verdrängte widersprüchlichen Triebregungen und unerträgliche Überichansprüche (Ostow 1986) entstanden ist. Judenhass wurzelt, wie der Vorwurf des Gottesmordes, in Eifersucht, Neid (Auserwähltheit) und Angst vor Verlust von Anerkennung, Liebe, Status. Der Jude als Repräsentant der göttliche Vater-Imago, wird verantwortlich gemacht für die eigene Schwäche und Unreife und darf deshalb ohne Schuldgefühl angegriffen werden.

Zum Sucht- und Lustcharakter interpersonaler Ressentiment-Kommunikation (Julijana Rank)

Sartre stellte 1944 ‚Leidenschaft als Weltanschauung‘ bei gemäßigten und militanten Antisemiten fest. Ein negativ präfiguriertes Wunschbild vom Juden, bestätigt eine bereits vorhandene Aversion, produziert einen narzisstischen Gewinn und schafft eine Pogromatmosphäre und einen hinterhältiger Kampf gegen die Staatsgewalt (den Vater), – ein Zusammenspiel von Affekt und Kognition.

Rank bezieht sich konkret auf antisemitische Äußerungen in 32 Gruppendiskussionen (2004-2007), insbesondere auf Radikalisierungs- und Vergemeinschaftungspotenziale. Eine Dynamik von Rede und Gegenrede fehlte oft in den Gruppen. Antisemitische Argumente wurden gerechtfertigt durch Ressentiment-Getriebene, Gelegenheits-Antisemiten, Ambivalente, Indifferente, Anti-Antisemiten. Das Selbstverständnis war hingegen oft sachlich und leidenschaftslos, aber mit einem spürbaren Drang, Ambivalente und Indifferente auf der Suche nach Bestätigung zu überzeugen (Missionierung). Selbstverlogenheit und Falschmünzerei wurden zur Bewahrung und Verteidigung von Ressentiments benutzt und für eine falsche Annahme im Nachhinein plausible Gründe gesucht.

Nach Harry G. Frankfurt sind der Lügner und der Wahrheitsliebende immer noch der Wahrheit verpflichtet; während wer ‚Bullshit‘ (fakes, Kacke) verbreitet, der größere Feind der Wahrheit ist, von Wahrheit nichts mehr wissen will (weder über sich selbst, noch über andere). Präfigurierte Objekte (z.B. Juden) kann man dann ungestraft mit dem eigenen Dreck bewerfen, anstatt ihn selbstkritisch zu entsorgen. Der andere wird beschämt, anstatt selbst beschämt dazustehen. Dreckige Impulse werden abgewehrt durch Rationalisierung, Verdrängung, Regression und Verleugnung; sie wurden auch mitunter in der Gruppe gemeinschaftlich geteilt und nicht sauber entsorgt. Juden wurden – rivalisierend – gleichzeitig gefürchtet und entwertet. Mitunter hatten Auseinandersetzungen in der Gruppe den Charakter einer Geschwisterrivalität.

Fallstudien zu den Affekten des Antisemitismus im 19. Und 20. Jahrhundert

Häme als Ressentimentverbindung. Wie und Warum man im frühen 19. Jahrhundert Juden verlachte (Uffa Jensen)

Bei der »deutschen Tischgesellschaft« sind im 19.Jahrhundert hämische (witzig gemeinte) Äußerungen zu Juden zu beobachten. Sie wurden als Eindringlinge angesehen und ihre Erwähnung weckte besonders in Männerrunden Ressentiments. Über die Beteiligung von Frauen wurde in dieser Runde gar nicht erst diskutiert, während Juden durch Mehrheitsentscheidung ausgeschlossen wurden. Der Verein vertrat einen preußischen Patriotismus und Ressentiments gegen gesellschaftliche Veränderungen.

Schon in der jüdisch geprägten Salonkultur waren Grenzen der Geselligkeit zu beobachten. Emanzipationsdebatten befeuerten antijüdische Ressentiments, die nach äußeren, anstelle von inneren, Ursachen suchte. Die ersteren fand, und findet, er in bestimmten Personen (Juden, Ausländer, Muslime, Sinti usw.), denen vorgeworfen wird, gegen eine moralische Ordnung zu verstoßen; Jensen spricht von sozial konstruiertem ‚Gefühlswissen‘. Eine Gefahr sahen viele in einer angenommenen Judaisierung. Juden wurden in Witzen und Possen lächerlich gemacht (Beispiele), die sich allerdings auch abnutzten. Richard Wagner benutzte 1850 Motive des Ekels, ein Zeichen, dass die Aggressionen gegen Juden zugenommen hatten.

»The destestable Sodomite«. Sexualität und antisemitische Gefühlswelten im »Leo Frank Case« (Kristoff Kerl)

Ein jüdischer Fabrikleiter in Atlanta/USA Leo Frank wurde Opfer eines Lynchmordes. Der Tod einer 13j. angloamerikanischen Arbeiterin wurde ihm angelastet und zusätzlich das Gerücht eines sexuellen Missbrauchs verbreitet. Bei einem fragwürdigen Prozess wurde Frank zum Tode, später jedoch wegen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Urteils zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Teile der Bevölkerung organisierten ein Lynchkommando, überwanden die Gefängniswärter und erhängten Frank. Antisemitischen Emotionen spielten dabei eine große Rolle, z.B. Ressentiments gegen ‚reiche Juden‘.

Kerl geht in weiteren Kapiteln auf Ressentiments gegen kapitalistisch-moderne Formen der Vergesellschaftung und rassifizierte Sexualitätskonstruktionen bei antisemitischen Gefühlen ein: Im Fall Frank wurde das Mädchen zu einem christlichen Tugendopfer stilisiert und damit die ‚Beschützerinstinkte von angloamerikanischen Männern‘ gegen einen ‚perversen‘ (degenerierten) Juden stimuliert (angereichert mit ihren perversen Phantasien).

Zum Schluss geht Kerl noch auf ‚Lynchmord, Reliquien und die Perpetuierung antisemitischer Emotionen‘ ein: Der Lynchmord führte zu einer Stärkung patriarchalischer Gefühlswelten, Teile der Kleidung des Opfers wurden wie Reliquien gehandelt und sexualisierte Vorstellungen wurden Bestandteil antisemitischer Vorurteile.

Geschlecht und Gewalt. Zur Emotionsgeschichte des Antisemitismus (Stefanie Schüler-Springorum)

Bezugnehmend auf die Tagebücher von Victor Klemperer beschäftigt sich Schüler-Springorum mit der Gewalt gegen Juden ‚zu Hause‘, d.h.in Deutschland, in einem sicheren sozialen Umfeld, und deren emotionalen Hintergrund. Sie verweist auf Christina von Braun (2015), nach der das Fleischliche und Materielle seinerzeit der Frau und dem Jüdischen und das Geistige dem Mann zugeordnet wurde, – ein Judenhass mit geschlechtscharakterlichen Zügen zur Festigung einer heterosexuellen Identität. Bereits um 1900 waren Antisemitismus, Homophobie und Misogynie miteinander verzahnt (Weiniger 1920). Das Dauerthema der sexuellen ‚Verunreinigung‘ lässt sich über Jahrhunderte verfolgen. Vor und nach 1933 bestimmten in der NS-Presse dekadent erotische Verweise unnatürlicher Sexualität die Abgrenzung gegenüber Juden bei gleichzeitiger emanzipatorischer, als ‚natürlich‘ definierter NS-Sexualpolitik. Sadismus und Verlockung zeigte sich auch bei Prozessen wegen ‚Rassenschande‘: Sie weckten Gefühle von Angst, Lust und Ekel. Die Koppelung von Gewalt und Sexualität stößt sowohl auf unbewusste erotische Bedürfnisse als auch auf Gefühle von Angst(spannung) und Lust. In Deutschland kam es zu ‚Prangerumzügen‘ und mittelalterlichen Entehrungsritualen. Erniedrigung schlug auch oft in direkte Gewalt um. Die ‚Rassenschande-Kampagne‘ war ein Erfolg, führte zu Segregation und später zur Ausweitung auch auf Kriegsgefangene und – deutsche Frauen. Gerade in Dörfern und Kleinstädten war der Konformitätsdruck groß. In Breslau haben nach Gestapo-Berichten allerdings auch jüdische und nichtjüdische Bürger protestiert, und auch in Dörfern war mitunter eine vorwiegend weibliche Empathie zu beobachten. Betroffene Frauen wurden strenger bestraft als Männer; nach 1945 richtete sich die Wut gegen ‚Ami-Liebchen‘.

Eine »entsetzliche Einsicht«. Zur Emotionsgeschichte des »besiegten Selbst« im ungarischen Antisemitismus (Zoltán Kékesi)

Nach 1945 gab es in München ungarische Journalisten und Schriftsteller, die das NS-Regime unterstützt hatten mit der Botschaft ‚dem Semitismus gehöre sonst die Weltherrschaft‘. Schon der Ungar Istóczy sprach 1883 vom ‚eroberten ungarischen Volk‘ oder ‚besiegten und unterdrücktem Selbst‘, eine grundlegende Vorstellung des ungarischen Antisemitismus nach 1920. Eine radikale Presse – zahlreiche Beispiele – zeigte Züge einer antisemitischen Emotionskultur und stiftete Emotionsgemeinschaften.

Betrauert wurde der Untergang eines politischen Antisemitismus und die fehlende Anerkennung der verschleierten Ursprünge ‚jüdischer Herrschaft‘. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft wurde für eine ‚Entjudung‘ der ungarischen Kultur geworben. Auf dem Weg zu einem ‚entjüdeten Selbst‘ sollte eine neue Kultur und Gemeinschaft unter Appel an Gefühle (nationale Helden antijüdischer Aufstände) geschaffen werden.

Nach 1945 sahen sich auch ungarische Migranten als Opfer eines ‚judäo-kommunistischen Regimes‘. Noch 1990 warnte der Schriftsteller Csurka vor einer Machtübernahme der Juden. Die rechtsradikale Partei MIÉP übernahm die apokalyptische Zeitdiagnose (anstelle von judäo-kommunistisch nun jüdisch-liberal) von ‚jüdischer Weltherrschaft‘ und ‚besiegter Nation‘.

Diskussion

Nach stärker intellektuell geführten Debatten über Ursachen des Antisemitismus wird in diesem Buch – endlich – auf die emotionalen Wurzeln Bezug genommen. Diese werden in den verschiedenen Beiträgen, sowohl literarisch als auch in Fallberichten, historisch und aktuell dargestellt und vermitteln ein über Jahrhunderte tradiertes Bild von einerseits Angst vor Unterlegenheit – bis zum Verlust des Selbst! – andererseits auch Aufrufe zu Gewalt, letztere mit gutem Gewissen, da es um einen Akt der Selbstverteidigung geht, und nicht um ein unbewusstes und oft sexualisiertes Wunschdenken und Unterlegenheitsgefühl. Solche Gefühle, eine Mischung von Angst und Lust, prägen bis heute antisemitische und rassistische Vorurteile.

Das Buch eröffnet einen neuen und notwendigen Blick auf antisemitische Vorurteile und Stereotypien und bietet dazu viele Beispiele, die auch eine kritische Selbstwahrnehmung anregen können.

Was aussteht, und weitere Forschungen nötig macht, ist: Woher kommt diese Angst vor Unterlegenheit, vor Verlust des Selbst, der Selbstaufgabe? Ist das das Ergebnis einer autoritären religiösen und sozialen Erziehungs- und Gesellschaftsstruktur? Gleichzeitig aber auch das projektive verzerrte Bild vom Fremden/​Juden, der solchen Ängsten nicht ausgesetzt ist, weil das individuelle und ‚nationale Selbst‘ in einem unerschütterlichen Gründungsmythos (?) gefestigt ist, der bis in die intimsten sexuellen Beziehungen hinein wirkmächtig ist.

Das sind weitgehend noch offene und zu bearbeitende Fragen, die unbewusst offensichtlich verknüpft werden mit der Gefahr, die von einem liberalen Umgang mit Geschlechtszugehörigkeiten und sexuelle Praktiken ausgeht. Der Umgang mit den jeweiligen Schwächen, Begrenzungen, Über- und Unterlegenheiten des eigenen und des anderen Geschlechts, scheint das ‚vermeintlich Jüdische‘ anziehend und abstoßend zugleich zu machen.

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch, das ein bislang eher vernachlässigtes Thema – die emotionalen Wurzeln des Antisemitismus – aufgreift und gleichzeitig Fragen stellt nach den bewussten und unbewussten emotionalen Motiven, individuell, sozial und national.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 18.05.2021 zu: Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.): Emotionen und Antisemitismus. Geschichte - Literatur - Theorie. Wallstein Verlag (Göttingen) 2021. ISBN 978-3-8353-3905-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28254.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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