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Richard Günder, Katja Nowacki: Praxis und Methoden der Heimerziehung

Cover Richard Günder, Katja Nowacki: Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 6. überarbeitete und ergänzte Auflage. 360 Seiten. ISBN 978-3-7841-3295-2. 26,00 EUR.

Reihe: Jugendhilfe.
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Thema und Autoren

Die Erziehung in Heimen und sonstigen betreuten Wohnformen ist in den letzten Jahren stark professionalisiert worden. Die Herausforderungen an diese Einrichtungen, die heute differenzierte pädagogische Institutionen mit gut ausgebildeten Mitarbeitern sind, sind enorm gestiegen.

Das Buch stellt die historische Entwicklung der Heimerziehung dar, berücksichtigt aktuelle Aspekte und Forschungsschwerpunkte stationärer Erziehungshilfe und skizziert fachliche Herausforderungen. In die sechste, überarbeitete Neuauflage wurden neue Daten und Forschungsergebnisse eingearbeitet sowie veränderte gesetzliche Grundlagen.

Herausgeber*innen des Bandes sind Prof. Dr. Richard Günder, Erziehungswissenschaftler im Ruhestand an der Fachhochschule Dortmund und Katja Nowacki, Professorin für Klinische Sozialpsychologie an genannter Hochschule.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einem Vorwort zur sechsten Auflage und einer Einleitung in elf Kapitel mit Unterkapiteln in unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ wird betont, dass das Buch zu wesentlichen Entwicklungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe Stellung nehmen möchte. Es wendet sich an Studierende und an Praktiker, die in diesem Arbeitsfeld tätig sind, als auch an Leser, die Interesse an dieser Thematik zeigen.

Kapitel eins setzt sich mit den „Entwicklungen und Veränderungen der Heimerziehung“ auseinander. Hier wird die historische Entwicklung von Verwahranstalten mit viel Leid und Drangsalierungen bis hin zur heutigen Form mit Wohngruppen, die eine familienähnliche Struktur haben, herausgearbeitet. 2016 waren fast 62 000 Kinder und Jugendliche in einer betreuten Wohnform untergebracht, davon waren 28 % Mädchen und 59 % Kinder mit Migrationshintergrund, diese hohe Zahl geht auf die vielen unbegleiteten minderjährige Flüchtlinge zurück. Der größte Anteil haben 15- bis 18-Jährige mit fast 55 %.

Kapitel zwei beschäftigt sich mit der „Heimerziehung im Kontext des Kinder- und Jugendhilfegesetzes“ (KJHG). Das SGB VIII trat 1990 in den neuen und 1991 in den alten Bundesländern in Kraft. Die Lebensweltorientierung als Leitnorm des KJHG stärkt eindeutig die Stellung der Eltern und betont damit deren Wichtigkeit. Kinder und Jugendliche, die Erziehungshilfen benötigen, entstammen häufig aus Alleinerziehenden Haushalten, teilweise nach Scheidung, die stärker von Armut betroffen sind. Die Absicht des Gesetzgebers war es, einen besseren Schutz vor Kindeswohlgefährdungen zu gewährleisten. Neu geregelt wurden im KJHG auch die rechtliche Zuständigkeit. Zuständig ist nach § 85 das Jugendamt, in dem das Kind ihren gewöhnlichen Aufenthalt hat. Kindern und Jugendlichen ist ein Recht auf Teilhabe und Partizipation einzuräumen (S. 62).

Kapitel drei ist überschrieben mit dem Thema „Das differenzierte Leistungsangebot der stationären Erziehungshilfe“. Hier werden die einzelnen Hilfen näher beschrieben: Außenwohngruppen, Wohngruppen, Betreutes Wohnen, Erziehungsstellen, intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung und flexible Erziehungshilfen.

Das nächste Kapitel nimmt die „Heimerziehung aus der Sicht der Betroffenen“ in den Blick. Es werde sogar oftmals die Meinung vertreten, Heimerziehung bedeute für einen Großteil eine Begünstigung der Negativkarriere. Gleichzeitig sei die stationäre Erziehungshilfe außerordentlich betreuungsintensiv und damit die teuerste Form der Jugendhilfe (S. 83). Der Erfolg der Jugendhilfe hänge oft davon ab, ob es gelingt, die Eltern in den Erziehungsprozess einzubeziehen. Wichtig sei ebenso kontinuierliche Beziehungen zu den pädagogischen Bezugspersonen.

Kapitel fünf widmet sich den „Folgerungen für die pädagogischen Mitarbeiter*innen“. Es folgt die Auseinandersetzung mit Fallvignetten und wie mit ihnen im Alltag umzugehen ist. Dabei sei entscheidend, das Gefühl nicht oder nicht richtig angenommen zu werden, was den Aufbau einer eigenen Identität erheblich erschwere. Die Nähe und Direktheit bleibe das erste und grundlegende Erlebnis für Kinder und Jugendliche.

Im Kapitel sechs werden die „Folgerungen für pädagogische Beziehungsaspekte“ herausgearbeitet. Es gehe in den Arbeitsfeldern der Wohngruppen nicht primär um eine intensive Erziehung, sondern um eine sehr sensible Begleitung der Erwachsenen, wobei die Qualität zum Bezugspädagogen einen hohen Einfluss auf einen erfolgreichen Verselbstständigungsprozess ausübe. Das grundlegende Bedürfnis des Kindes nach Verlässlichkeit von Beziehungen sollte handlungsleitend sein, weil die meisten keine Nähe in den Herkunftsfamilien erlebt hätten. Da die Rückführung ein primäres Ziel der Hilfe sei, steht die Familienarbeit hier im Fokus. 

„Ausbildungsprobleme und Grundhaltungen der Fachkräfte in der stationären Heimerziehung“ werden im folgenden Kapitel behandelt. Professionelles Handeln sei verantwortungsvoll, systematisch geplant, ziel- und problemlösungsorientiert und zeichne sich dadurch aus, komplexe Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen zu erfassen und diese mit anderen Fachkräften zu bearbeiten. Beklagt werde die zu starke Ausrichtung der Ausbildung auf den Elementarbereich und die Vernachlässigung der Heimerziehung.

„Methodisches Vorgehen in der Heimerziehung“ ist das Thema von Kapitel acht. Der gesetzliche Anspruch auf Elternarbeit ist von den Wohngruppen und Heimen immer dann einzulösen, wo die Beziehung des Kindes zu seiner Familie nicht konträr und gefährdend dem Kindeswohl entgegensteht. Es sollte sich an den Ressourcen der Familie orientiert werden. In den Beziehungen zwischen Betreuenden und Eltern können aber auch Probleme auftreten, die in den weiteren Ausführungen angesprochen werden.

Kapitel zehn ist in der Neuauflage mit einem extra Kapitel gedacht worden „Sexualität in Heimen und Wohngruppen“. Sexualität werde in vielen Institutionen tabuisiert, massiv oder subtil unterdrückt, geleugnet oder nicht wahrgenommen. Die Ausformung des sexuellen Verhaltens hänge von den Sozialisationsbedingungen ab, die ein Mensch erfahre und sexuelle Entwicklung sei erlernbar. Da die Erzieherinnen außerhalb wohnten könnten sie keine anschauliche Vorbildfunktion ausüben, wie innerhalb einer Partnerschaft liebevoll miteinander umgegangen werde. Wichtig wäre auch das Zimmer, in dem ich mich geborgen fühle, denn nur dann kann sich die Fähigkeit entwickeln, sich hingeben zu können und sich auf andere einzulassen. Das Bett und die Bettwäsche sollten selbst ausgewählt werden können. Das oft generelle Verbot, Zimmertüren abzuschließen, hänge von der Einstellung der Mitarbeiter zur Sexualität ab und speziell von den möglichen sexuellen Aktivitäten der ihnen Anvertrauten. Nach § 180 StGB macht sich strafbar, wer bei Personen unter 16 Jahren sexuelle Handlungen fördert.

Das letzte Kapitel elf befasst sich mit „Maßnahmen stationärer Erziehungshilfe im Umgang mit herausforderndem Verhalten von Kindern und Jugendlichen“. Hier geht es um Kinder, die sich an keine Regeln halten, Beziehungsangebote scheinbar nicht annehmen und die eine grenzverletzendes Verhalten zeigen. Diese Symptome werden als Störungen des Sozialverhaltens klassifiziert. Ursachen sind Beziehungsabbrüche, multiple Fremdplatzierungserfahrungen und traumatische Erlebnisse. Die geschlossenen Heime für solche Kinder hätten sich nicht bewährt, sodass die teuerste Jugendhilfe – die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung in Betracht gezogen werden kann, die sich durch eine höhere Intensität und Flexibilität bis hin zu erlebnispädagogischen Ansätzen auszeichne.

Diskussion

Der Titel des Buches ist gut gewählt und kurz auf einen Nenner gebracht. „Praxis und Methoden der Heimerziehung“. Es ist ein Überblicksbuch über den gesamten Prozess der stationären Heimerziehung, das Probleme beschreibt, die es mit dieser Unterbringungsart gibt, es werden Studienergebnisse vorgestellt und es werden Fallvignetten und Lösungsansätze diskutiert. Es ist ein Buch, was auf empirischen Erfahrungen beruht und weniger wissenschaftliche Ergebnisse bereithält.

Mehrere Seiten wurden blau unterlegt, warum das so gehandhabt wurde, ist mir nicht ganz klar geworden, zumal es teilweise Studienergebnisse oder Fallvignetten waren.

Der große Gewinn dieser Publikation liegt in der Vielseitigkeit der einzelnen Kapitel, die sehr differenzierte Sichtweisen zu den vielfältigen Problemen aufgreifen und bearbeiten, wodurch die Komplexität der stationären Heimerziehung sehr gut eingefangen wurde.

Fazit

Es ist eine Publikation, die sehr einfach zu lesen ist. Es werden kaum Fachtermini verwandt, sodass eine breite Leser*innenschaft davon profitieren kann. Insgesamt werden fast alle Probleme, die mit einer stationären Unterbringung verbunden sind aufgegriffen. Außerdem werden dezentrale Wohngruppen in die Betrachtung einbezogen.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 02.08.2021 zu: Richard Günder, Katja Nowacki: Praxis und Methoden der Heimerziehung. Entwicklungen, Veränderungen und Perspektiven der stationären Erziehungshilfe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 6. überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-7841-3295-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28255.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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