socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Melanie Groß, Katrin Niedenthal (Hrsg.): Geschlecht

Cover Melanie Groß, Katrin Niedenthal (Hrsg.): Geschlecht. Divers: die "dritte Option" im Personenstandsgesetz - Perspektiven für die Soziale Arbeit. transcript (Bielefeld) 2021. 261 Seiten. ISBN 978-3-8376-5341-0. D: 35,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 42,70 sFr.

Reihe: Pädagogik.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Novellierung des Personenstandgesetzes im Dezember 2018 hat neben der bisherigen Angabe des Geschlechtseintrages weiblich und männlich oder Auslassung, auch Möglichkeiten der Eintragung von divers eröffnet. Mit dieser sogenannten Dritten Option soll nach dem Gesetzgeber mehr Rechts- und Sozialsicherheit für inter-, sowie nicht-binär trans*geschlechtliche Menschen geschaffen werden. Allerdings sind längst nicht alle erforderlichen rechtlichen und sozialen Bedingungen zur Anerkennung rechtlicher Vielfalt umgesetzt und die Novellierung wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Insofern sind dringend fachliche Reflexionen, Kompetenzen sowie konzeptionelle Umgestaltungen in der Sozialen Arbeit notwendig. In vielen Feldern der Sozialen Arbeit stecken diese Reflexionen noch in den Kinderschuhen oder Diskussionen rund um diese Thematik sind noch gar nicht entstanden. Der vorliegende Sammelband beansprucht eine kritische Analyse des Diskurses zu Gender-Diversity in der Sozialen Arbeit mit Blick auf die Kategorie Intergeschlechtlichkeit. Im Zentrum stehen außerdem Perspektiven für die künftige Gestaltung von Handlungsprozessen in verschiedenen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit.

Herausgeberinnen und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist in der Reihe „Pädagogik“ im transcript Verlag im Februar 2021 erschienen. Die Herausgeber*innen Melanie Groß und Katrin Niedenthal bilden mit ihren Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten Jugend- und Geschlechterforschung insbesondere in der Auseinandersetzung mit Diskriminierungsverhältnissen auf der Basis von Differenzkategorien sowie der Rechtswissenschaften mit Verfahrensbevollmächtigung im Dritte-Option-Verfahren die nahezu ideale Herausgeber*innenschaft für dieses Buch. Auch wenn die Änderung des Personenstandsgesetzes im Dezember 2018 sicherlich der Anlass zur vorliegenden Publikation gegeben haben mag, so arbeiten und forschen die beiden Autor*innen um ein Vielfaches länger an dieser Thematik und bringen ihre tiefgreifenden Expertisen ein.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in 15 Einzelbeiträge von Expert*innen aus ganz unterschiedlichen Richtungen, was den Band und die Perspektiven passend zum Titel sehr divers erscheinen lassen. So finden sich nicht nur Autor*innen aus dem wissenschaftlichen Kontext der Bildungs-, Sozial-, Rechts-sowie Geschichtswissenschaften und der Disziplin Sozialer Arbeit. Auch Personen aus Bereichen der Biologie und der Medizin kommen zu Wort. Besonders interessant erscheinen auch die Erfahrungen und Ansichten von Vanja (Pseudonym), die zur Kampagnengruppe gehört und das Verfahren durch alle Instanzen erfolgreich geführt hat sowie Personen aus der Praxis Sozialer Arbeit.

Es werden Fragen gestellt, wie der Diskurs entstanden ist und wo die Debatte heute steht. Dabei wird kritisch reflektiert, dass die Problemanzeigen rund um die Bedeutung oder Nicht-Bedeutung von Geschlecht längst nicht mit der Möglichkeit von weiteren Geschlechterkategorien bewältigt sind, sondern dass es sich aktuell mit der Änderung des Personenstandsgesetzes nur um einen Zwischenschritt handeln kann. Angefangen mit Beiträgen zu rechtlichen und geschichtlichen Aspekten gehen die Artikel über in biologische und medizinische Analysen, um dann in die Bereiche der Sozialen Arbeit überzuleiten bzw. diese immer auch mitzudenken.

Inhalt

In der Einleitung führen Melanie Groß und Katrin Niedenthal aus, dass die nun erfolgten Änderungen im Personenstandsgesetz einer gesellschaftlichen Realität folgen. Dabei wird deutlich, welchen Zumutungen Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität in institutionellen Settings wie Schulen, Kitas, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und vielen anderen Institutionen derzeit ausgesetzt sind. Gerade die Soziale Arbeit, die sich in ihrem Selbstverständnis einer Profession der Gerechtigkeit, der Menschenrechte, der emanzipatorischen Bildung und dem Unterstützen von Handlungsfähigkeit verpflichtet, ist nun aufgefordert, sich weiterführenden Überlegungen stärker zu widmen als bisher. Vanja im zweiten Beitrag schildert eindrücklich ihre Geschichte von der Klage auf die Dritte Option beim Geschlechtseintrag. Emotional und doch auch sachlich schildert sie die institutionellen und persönlichen Auseinandersetzungen in diesem Prozess.

Kathrin Niedenthal beschreibt im dritten Beitrag die rechtlichen Wege zur Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt. Sie beginnt zunächst mit der Bedeutung des Geschlechtseintrages in den Personenstandsregistern und geht dann über zu den verschiedenen in Deutschland möglichen rechtlichen Wegen zur amtlichen Änderung dieses. Beispielhaft werden dabei weitere rechtliche Handlungsbedarfe aufgezeigt und abschließend auch beispielhaft ein Blick auf darüber hinausgehende höchstrichterliche Feststellungen geworfen, die als Argumentationshilfen für die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt genutzt werden können. Melanie Groß analysiert in ihrem Beitrag auf welche Weise die Veränderungen im Gefüge des Sozialen durch die zunehmende rechtliche Sichtbarkeit geschlechtlicher Diversität die Soziale Arbeit herausgefordert wird. Vor dem Hintergrund der Paradoxie durch die Gleichzeitigkeit gesellschaftlicher Normalisierung von Diversität und Ablehnung im gesellschaftlichen Alltag müssen theoretische und methodische Konzepte überdacht und weiter entwickelt werden. Sie stellt dabei zudem die Frage, welche Anforderungen sich für das professionelle Handeln von Fachkräften daraus ergeben.

Anike Krämer und Katja Sabisch zeichnen in ihrem Beitrag den Diskurs über Inter* in Deutschland nach und fragen, warum Teile der Medizin auch heute noch dem höchst umstrittenen Behandlungskonzept aus den 1950er Jahren folgen. Joris A. Gregor geht der Frage nach, inwiefern Intergeschlechtlichkeit produktive Relevanz für das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit (Hagemann-White 1984) hat. Interessant erscheint die Perspektive, dass Geschlecht eine ebenso wenig universale Strukturkategorie wie ausschließende Zweigeschlechtlichkeit eine universal geteilte Norm ist. So entfalte „Intergeschlechtlichkeit ihren produktiven Gehalt für/auf das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit gerade mittels der kontinuierlichen, historisch je spezifischen Verhinderung ihrer sozialen Existenz“ (S. 82). Mart Enzendorfer setzt als Ausgangspunkt die Sichtbarmachung von Erfahrungen einer intergeschlechtlichen Person im schulischen Kontext, um herauszuarbeiten, wo die Grenzen, aber auch Zwischenräume des Sagbaren innerhalb pädagogischer Diskurse zu finden sind.

Andrea Nachtigall und Dan Christian Ghattas richten ihren Fokus auch auf das Arbeitsfeld Schule und hier auf die Schulsozialarbeit. Dabei geht es vorrangig um den konkreten Beitrag einer gelebten Praxis geschlechtlicher Vielfalt und den Abbau von Diskriminierungen, die beleuchtet werden. Als Grundlage dient eine qualitative Forschung in der sechs Schulsozialarbeiter*innen, angestellt bei verschiedenen großen und mittelgroßen Trägern der Jugendhilfe in Berlin, sowie eine Lehrkraft befragt wurde. Elena Barta und Katrin Schrader wollen mit ihrem Beitrag „Die Dritte Option: Uneindeutigkeit im Fadenkreuz von Macht und Herrschaft“, Hochschullehrende sowie Praktiker*innen der Sozialen Arbeit als auch sich selbst sensibilisieren, diskriminierende Praxen und Interventionen zu skandalisieren und zu vermeiden. Dabei verweisen sie zum einen auf die Machtposition der Sozialen Arbeit als auch die Vulnerabilität, eine individuelle Verwundbarkeit, die jeder Mensch in sich trägt und gegen die die Kraft des Sprechakts eine politische Möglichkeit erhält. Mit Hilfe der Intersektionalen Analyse sollen Sozialarbeiter*innen etc. die Dritte Person im Netz von Heteronormativismen, Klassismen und Bodyismen erkennen.

Heinz-Jürgen Voß erhebt eine Bestandsaufnahme für die Soziale Arbeit und entwickelt Empfehlungen für die Weiterentwicklung. Er stellt dabei die unzureichende Verankerung der Thematik Intergeschlechtlichkeit fest und leitet daraus unter anderem ab, dass diese Verankerung bereits im Studium beginnen müsse.

Die Dritte Option und ihre Relevanz in Jugendarbeit und Jugendkulturforschung thematisiert Anne Rimbach. Dabei werden intersektionale Perspektiven erörtert und ein Blick auf sozialpädagogische Fachkräfte in der Jugendarbeit geworfen. Erkenntnisse der Queer Theory und Intersektionalität werden zur Analyse auf die Hardcore Szene transferiert. Auch Moritz Prasse stellt die Verbindung zur Jugendarbeit her und beleuchtet die Relevanz queerer Jugendzentren für trans* und inter* Jugendliche sowie junge Erwachsene am Beispiel NRW. Er skizziert dabei zunächst die Prozesse der Öffnung von schwul-lesbischen Jugendtreffs und analysiert anschließend die Bedeutung für die Identitätsfindung.

Welche Aspekte einer geschlechtersensiblen Selbstreflexion von Fachkräften notwendig sind, um den Bedarfen intergeschlechtlicher Menschen in Erziehungs- und Bildungsinstitutionen gerecht zu werden, betrachten Melanie Groß und Andreas Hechler. Dabei werden auch notwendige Wissensbestände für Inter*sensible Arbeit vorgeschlagen sowie Eckpunkte formuliert für die sozialpädagogische Arbeit. Welche Zugehörigkeiten zur LSBTIQ*-Bewegung konstruiert werden und wie Netzwerkarbeit in diesem Kontext mit geschlechtlicher Vielfalt einhergehen kann, ist das zentrale Thema des Beitrags von Daniel Lembke-Peters. Sehr erwähnenswert erscheint auch der Betrag von Ursula Rosen, die die Bedarfe von Eltern intergeschlechtlicher Eltern in den Fokus rückt. Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse, die es zu berücksichtigen gilt, gliedert sie ihre Betrachtung in die Abschnitte der Pränatalen Phase, die Peri- und Postnatale Phase, die Kindergartenzeit und die ersten Schuljahre, um anschließend den Blick auf die Pubertät zu richten.

Diskussion

Das Buch bündelt unterschiedliche theoretische, rechtliche und vor allem auch praxisbezogene Perspektiven zum Thema Geschlechtliche Vielfalt und Intergeschlechtlichkeit. Eine Diskussion in diesem Kontext ist definitiv längst überfällig, denn nicht erst seit 2018 ist geschlechtliche Vielfalt und Intergeschlechtlichkeit gelebte Praxis. Das Buch liefert viele wertvolle und bedeutsame Informationen sowohl zu den Entstehungskontexten Sozialer Bewegungen und Interpretationen von rechtlichen und medizinischen Vorgehensweisen. Im Zentrum stehen auch Einblicke, handlungstheoretische und methodische Vorschläge für die Praxis der Sozialen Arbeit. Besonders die im Fokus stehenden Praxisfelder in Bildungs-Jugend- und Kultureinrichtungen liefern nicht nur Fachkräften interessante und weiterführende Gedankengänge. Für Studierende und Wissenschaftler*innen erscheint die Lektüre ebenfalls sehr geeignet, weil sowohl Einführungen und Ausarbeitungen historischer Elemente geboten werden, als auch anspruchs- und voraussetzungsvolle theoretische Diskurse geführt werden. Letztendlich profitieren insofern von diesem Buch viele unterschiedliche Zielgruppen.

Fazit

Das Buch kann seinen Anspruch einer kritischen Analyse des gesellschaftlichen und fachlichen Diskurses zur Gender-Diversity inklusive Perspektiven für die künftige Gestaltung (sozial-)pädagogischer und sozialarbeiterischer Prozesse voll gerecht werden. Die Unterschiedlichkeit der Beiträge bietet sowohl Einsteiger*innen in die Thematik eine erste Orientierung, Fachkräften Handlungsoptionen, als auch Wissenschaftler*innen und mit der Thematik vertrauten Personen einen anspruchsvollen interdisziplinären Diskurs.


Rezension von
Prof. Dr. Nicole Von Langsdorff
Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt Intersektionalität und Kinder- und Jugendhilfe an der Evangelischen Hochschule Darmstadt
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Nicole Von Langsdorff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Nicole Von Langsdorff. Rezension vom 22.04.2021 zu: Melanie Groß, Katrin Niedenthal (Hrsg.): Geschlecht. Divers: die "dritte Option" im Personenstandsgesetz - Perspektiven für die Soziale Arbeit. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5341-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28256.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht