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Melanie Benz-Gydat, Antje Pabst u.a. (Hrsg.): Erwachsenenbildung als kritische Utopie?

Cover Melanie Benz-Gydat, Antje Pabst, Katja Petersen, Katja Schmidt, Sabine Schmidt-Lauff u.a. (Hrsg.): Erwachsenenbildung als kritische Utopie? Diskussionen um Mündigkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. 207 Seiten. ISBN 978-3-7344-1148-9. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.

Reihe: Non-formale politische Bildung - Band 19.
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Herausgeberinnen

Melanie Benz-Gydat, Antje Pabst, Katja Petersen und Katja Schmidt sind promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der Professur für Erwachsenenbildung an der Universität der Bundeswehr in Hamburg. Sabine Schmidt-Lauff ist Professorin für Weiterbildung und Lebenslanges Lernen ebendort. Silke Schreiber-Barsch ist Junior-Professorin für Erwachsenenbildung an der Universität Hamburg.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist ein akademisches Ständchen auf eine Sechzigjährige, vorgetragen von Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen. Christine Zeuner, Professorin für Erwachsenenbildung an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, feierte 2019 ihren 60. Geburtstag. Das Buch dokumentiert die aus diesem Anlass veranstalte Tagung.

Christine Zeuner vertritt eine emanzipatorische und an kritischer Aufklärung orientierte Erwachsenenbildung, die die partizipationsbereite Mündigkeit ihrer Teilnehmerinnen und Teilnehmer anstrebt. Für sie ist alle Erwachsenenbildung auch politische Bildung. Sie kritisiert die bildungspolitische Humankapitalisierung der Bildung, die auch die Erwachsenenbildung erfasst. Das betriebswirtschaftliche Denken in Kosten-Nutzen-Kalkulationen macht aus bisherigen Seminarteilnehmern nunmehrige „Kunden“, die sich im „quartären Bildungssektor“ passgenaue „Kompetenzen“ für den weiteren Karriereweg einkaufen. Das ist nicht Bildung, sondern Zertifikate-Konsum zum privaten Vorteil in der Konkurrenzgesellschaft.

Aufbau des Buches

Beginnend mit einer „Vorrede“ von Oskar Negt, endend mit einer „Nachrede“ von Christine Zeuner, versammelt das Buch dazwischen elf kurze Beiträge in drei Kapiteln:

  1. Politische Bildung in unsicheren Zeiten
  2. Lernen – Bildung – Utopie
  3. Lernen ohne Grenzen.

Inhalt

Unbehagen an der Politik

Ein „Unbehagen an der Politik“ ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Darin sind sich alle Beiträge des Buches einig. „Unbehagen“ ist der Name für ein „Bauchgefühl“, das heißt ein wenig durchdachtes Ressentiment. Hier sollte politische Bildung an der begrifflichen Zuspitzung arbeiten, sodass aus Missmut Kritik und Widerstand werden können. Bürger der Bundesrepublik zum Beispiel schätzen das Konkurrenz- und Leistungsprinzip als Grundlage von gerechtem Erfolg. Aber sie erfahren täglich, dass Verstöße gegen diese Spielregeln zu noch viel größerem Erfolg führen. Wer an die herrschenden Spielregeln glaubt, sitzt also einer Täuschung auf, die von interessierter Seite aufrechterhalten wird. Politische Bildung, die dieses bewusst macht, also Ideologiekritik betreibt, überführt diffuses Unbehagen in richtungsweisende Erkenntnis und eingriffswilligen Tatendrang. – Das ist zwar längst bekannt und viel diskutiert, aber noch lange nicht eingelöst: die ewige Baustelle emanzipatorischer Erwachsenenbildung.

Wissen ist nicht Bildung

Menschen können nicht nicht lernen. Dass Menschen ihr Leben lang lernen, ist eine anthropologische Konstante. Es mag Hänschen leichter fallen zu lernen als Hans, aber der Spruch „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ stimmt in dieser Apodiktik nicht. Ob Menschen sich dabei aber auch bilden und gebildeter werden, ist eine andere Frage. Sie entscheidet sich zum einen daran, ob erworbenes Wissen auch befähigt, Zusammenhänge zu erkennen und zu stiften; Bewertungen zu treffen, Orientierungen zu finden und Handlungsoptionen zu gewinnen. Zum anderen entscheidet sich Bildung immer an der Art und Weise des Einsatzes von erworbener Kompetenz im Umgang mit anderen, ist im Grunde genommen „Herzensbildung“. – Das Buch empfiehlt den gängigen Ausdruck „Lebenslanges Lernen“ durch „Lebensbegleitende Bildung“ zu ersetzen. Recht so, wenn nicht der betuliche Ton der Betreuung unangenehm aufstoßen würde.

Unübersichtlichkeit als Chance

Die Hauptwörter des Buchtitels, „Erwachsenenbildung“ und „Utopie“, stehen in einem grundsätzlichen Zusammenhang. Alles Lernen, alle Fort- und Weiterbildung ist, weil in die Zukunft greifend, Erschließung von Utopie.

Lernen beginnt dort und dann besonders leicht, wo und wann das Vertraute seinen Dienst versagt und das Neue noch nicht zur Verfügung steht, also in dem Interregnum zwischen „Nicht mehr“ und „Noch nicht“. An der Schwelle zur dritten industriellen Revolution stehend, ist eine solche „neue Unübersichtlichkeit“ heute gegeben, eine Chance, die auch die politische Bildung nutzen sollte.

Konkrete Utopie

Kritische politische Bildung sollte immer auch eine Erziehung zur Utopie sein, indem sie vor Augen führt, wie der vorhandene geistige und materielle Reichtum der Menschheit für weltweiten Wohlstand und Frieden eingesetzt werden kann. Sie ist also immer auch Anstiftung zu konkreter soziologischer Phantasie, aus der sie ihre Sinnhaftigkeit gewinnt. Menschen sollen erkennen, dass das Leben auf Erden verbesserbar ist und sie fähig sind, das zu bewerkstelligen. Wer eine Vorstellung vom „richtigen“ Leben hat, darf hoffen, dass das „falsche“ Leben nur eine Durchgangspassage ist. Eine so verstandene „kritische Utopie“ ist keine schwärmerische Phantasterei, sondern benennt, Ernst Bloch paraphrasierend, stets das objektiv-real Mögliche, wie es das vorhanden Wirkliche mit riesiger Latenz umgibt.

Utopien sind also auf die Zukunft gerichtete Hier-und-jetzt-Extrapolationen; sie öffnen Suchbewegungen, schärfen den Möglichkeitssinn, relativieren die „Kraft des Faktischen“ und erschüttern den Glauben an die Unbedingtheit von „Sachzwängen“ und das „TINA-Prinzip“ („There is no alternative“). Das macht sie pädagogisch besonders wertvoll.

Diskussion

Mündig sein heißt, die öffentlichen Angelegenheiten mit eigenem Kopf und mit Gemeinsinn bedenken und sich an ihrer gewaltfreien Regelung solidarisch beteiligen. Wie soll der mündige Bürger jedoch in einer Ordnung der „dressierten Niedrigkeit“ (Oskar Negt) gedeihen können, die auf Ich-Sucht baut und das Privatwohl der Idiotes über das Gemeinwohl des Ganzen stellt? Emanzipatorische Erwachsenenbildung findet in einem ihr nicht wohlgesonnenen Kontext statt. Die Zuflucht in die Utopie ist auch diesen Umständen geschuldet. Das Fragezeichen im Titel – „Erwachsenenbildung als kritische Utopie?“ – erscheint unangebracht. Das ganze Buch ist ein Ausrufezeichen. „Utopien sind das Licht am Horizont der politischen Bildung“, heißt es an einer Stelle. Die nicht versiegen wollende Hoffnung auf „Enlightenment“ ist eng damit verbunden.

Fazit

Das Werk ist ein Buch der Dankbarkeit. Die Hochschullehrerein Christine Zeuner ist als Fachwissenschaftlerin anerkannt und als Person beliebt. Ihre SchülerInnen und KollegInnen bringen das zum Ausdruck. Darunter leidet, wenn man kaltherzig und beckmesserisch sein will, mitunter die analytische Gedankenschärfe.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 01.06.2021 zu: Melanie Benz-Gydat, Antje Pabst, Katja Petersen, Katja Schmidt, Sabine Schmidt-Lauff u.a. (Hrsg.): Erwachsenenbildung als kritische Utopie? Diskussionen um Mündigkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2021. ISBN 978-3-7344-1148-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28258.php, Datum des Zugriffs 27.10.2021.


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