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Andreas de Bruin: Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext

Cover Andreas de Bruin: Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext. 10 Jahre Münchner Modell. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5638-1. D: 20,00 EUR, A: 20,00 EUR, CH: 25,30 sFr.

Reihe: Achtsamkeit - Bildung - Medien - Band 4.
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Thema

Im Zentrum des Buches steht das Münchner Modell „Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext“, an dessen Lehrveranstaltungen in den letzten zehn Jahren über 2000 Studierende teilnahmen. Anhand eines umfassenden und detaillierten Erfahrungsberichtes zeigt der Autor auf, wie das Thema Achtsamkeit und Meditation(straininigs) an Hochschulen etabliert werden kann.

Autor

Andreas de Bruin ist seit 2006 Professor für Ästhetische Medien an der Hochschule München (MUAS) und unterrichtet auch an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Er ist Gründer und Leiter des Münchner Modells „Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext“.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen des Münchner Modells werden sowohl reguläre Lehrveranstaltungen (inklusive Vergabe von Leistungspunkten) wie auch Zusatzangebote zum Thema Achtsamkeit und Meditation angeboten. De Bruin gründete und leitet das Modell, er vertritt es in den Medien und arbeitet eng mit anderen Hochschulen zusammen. Dieses Buchprojekt wurde vom Verein für Achtsamkeit in Osterloh und von der Edith-Haberland-Wagner Stiftung gefördert.

Inhalt

Unter „Einführung“ (S. 15 bis 56) wirft de Bruin zunächst einen Blick auf die zunehmende gesellschaftliche Verbreitung und Akzeptanz des Themas Achtsamkeit und Meditation(straining). Er thematisiert, wie neurowissenschaftliche und buddhistische Erkenntnisse der Überzeugung zum Durchbruch verhalfen, dass Achtsamkeit und Meditation für (Selbst-)Entwicklung und Selbst-Bewusstsein, für Verstand und Herz eine bedeutende Rolle spielen. Dabei problematisiert er, dass das heutige Hochschulsystem einseitig auf die Schulung des Intellekts ziele, wobei die Schulung von Konzentration und Intuition (etwa durch entsprechende Meditationsübungen) außen vor bleibe. Dies, obwohl wiederholte Achtsamkeits- bzw. Meditationstrainings bestimmte Bereiche des Gehirns nachweislich verändern können, und die Forschung diverse Effekte auf Einstellungen, Denken und Fühlen belegen konnte (z.B. im Bereich von Aufmerksamkeits- und Emotionsregulation, oder im Bereich Selbstwahrnehmung, Selbstwert und Selbstwirksamkeit etc.).

Im Teil „Aufbau“ (S. 57 bis 77) beschreibt der Autor das Münchner Modell bzw. dessen Angebote und Entwicklungen, dessen Implementierung und mögliche Ergebnisse.

Was mit einer kleinen Lehrveranstaltung für 15 Personen zum Thema Meditation an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften begann, wurde sukzessive erweitert und umfasst heute ein Lehrveranstaltungsprogramm, an dem pro Semester 150 Studierende verschiedenster Fakultäten und Studiengängen teilnehmen. Laut de Bruin dauern die wöchentlichen Lehrveranstaltungen in der Regel 90 Minuten, beginnen und schließen mit einer Sitzmeditation und bestehen im mittleren Teil aus praktische Übungen und/oder (fachspezifischen) theoretischen Bausteinen. Ziel der Veranstaltungen ist ein Kompetenzerwerb im Rahmen der Stärkung von Konzentration und Aufmerksamkeit, von Selbstwirksamkeit und Emotions- und Stressregulation, von Kreativität und Intuition. Der Leistungsnachweis, den die Studierenden zu erbringen haben, umfasst in der Regel den Nachweis von Präsenz, das Führen eines Meditationstagebuches und eine Reflexion über den Praxistransfer des Gelernten. Neben den regulären Lehrveranstaltungen der beschriebenen Art sind im Laufe der Jahre diverse Zusatzangebote an Workshops, Meditationsmöglichkeiten, Coaching-Angeboten und Netzwerktreffen sowohl für Studierende wie auch für Hochschulangestellte entstanden. Mittlerweile werden zahlreiche Kooperationen mit anderen Hochschulen gepflegt.

Zur Illustration der Beliebtheit und Verbreitung des Modells listet de Bruin eine Reihe von Abschlussarbeiten auf, die sich dem Thema Achtsamkeit in professionspezifischen Feldern widmen, und er präsentiert die Vielfalt von Themen, die im Münchner Modell im Rahmen der mittlerweile mehrjährigen Vortrags- und Filmreihe schon angeboten wurden.

Unter dem Titel „Übungen und Tagebuchnotizen“ (S. 78 bis S. 168) legt der Autor zuerst seine eigene aktionsethnologisch inspirierte Grundhaltung in der Lehre dar. Bevor er danach zu den konkreten Übungen kommt, weist er auf mögliche Risiken von Achtsamkeits- und Meditationstrainings hin, und er thematisiert die Sorgfaltspflichten, die sich für diejenigen ergeben, die solche Veranstaltungen anbieten (wollen).

Bei den Übungen, die im Buch beschrieben sind, handelt es sich u.a. um Sitzmeditation, Achtsamer Alltag, Achtsame Kommunikation, Bodyscan, Gehmeditation, Geräuschmeditation. Zu jeder dieser (Teil-)Übungen formuliert de Bruin eine detaillierte Anleitung und ergänzt diese mit Notizen aus den Meditationstagebüchern von Studierenden.

Das Werk wird abgerundet durch ein längeres „Fazit“ (S. 169 bis196) de Bruins. Dabei beleuchtet er nochmals die positiven Wirkungen einer ca. viermonatigen Teilnahme an den Lehrveranstaltungen. Vor allem im Bereich Stressregulation (etwa im Umgang mit Belastung und Leistungsdruck), im Bereich Emotionsregulation (etwa beim Umgang mit Konflikten) und in Bezug auf (emotionale) Gelassenheit werden positive Wirkungen beobachtet – als Beleg werden Meditationstagebuchauszüge und Studierendenstatements in den Text integriert.

Für die Implementierung von qualitativ hochwertigen Lehrveranstaltungen zum Thema Achtsamkeit und Meditation an einer Hochschule dürfte es laut Autor Überzeugungsarbeit brauchen, denn der Sinn solcher Themen im Hochschulkontext liege nicht für alle auf der Hand. Profunde Kenntnisse der Forschungslage seien hilfreich, und zudem brauche es zur professionellen Durchführung der Lehrveranstaltungen Meditationserfahrung und -expertise nebst didaktischer Kompetenz. De Bruin empfiehlt, das Thema strukturell zu verankern, etwa durch die Bestimmung von verantwortlichen Personen in verschiedenen Fachbereichen oder durch die Verortung des Themas in einem Bereich „Gesunde Hochschule“. Genutzt werden könne auch das große Bedürfnis nach Austausch und Vernetzung von (ehemaligen) Teilnehmenden.

Diskussion

Es gelingt Andreas de Bruin, neugierig auf das Thema Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext zu machen. Eine anschauliche Argumentation, unterstützt durch handgezeichnete Illustrationen, zeigt auf, warum das Thema gerade im heutigen Kontext auch an einer Hochschule eine wichtige Rolle spielen kann bzw. könnte. Die mittlerweile zehnjährige Erfahrung als Gründer und Leiter des Münchner Modells „Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext“ erlaubt es dem Autor, bei seinen Argumentationen aus dem Vollen zu schöpfen. Wer sich mit dem Gedanken trägt, das Thema Achtsamkeit und Meditation an der eigenen Hochschule weiter zu stärken oder überhaupt erst zu implementieren, findet hier einen bunten Erfahrungsbericht bestückt mit wertvollen Hinweisen auf Hintergrundwissen, Medien und Vernetzungsmöglichkeiten. Vor allem im ersten Teil (Einführung) hätte eine systematischere Darlegung von (theoretischen) Grundkonzepten, Entwicklungslinien und Forschungsergebnissen die Argumentation aufgewertet.

Fazit

Beim Band „Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext. Das Münchner Modell“ von Andreas de Bruin (2021) handelt es sich um einen Hintergrund- und Erfahrungsbericht zur Implementierung und Entwicklung von regelmäßigen Lehrveranstaltungen in diesem Bereich. Der Autor erörtert die Chancen und Risiken der Veranstaltungen mit integrierten Achtsamkeitstrainings, und er beschreibt deren Konzepte sehr detailliert: Ziele und Leistungsnachweise, Ablauf und Vorgehen. Einen prominenten Platz im Buch bekommen Meditationsübungen und Auszüge aus Meditationstagebüchern von Studierenden. Der Band dürfte vor allem diejenigen ansprechen, die in der Hochschullehre aktuell schon mit dem Thema Meditation und Achtsamkeit bzw. Achtsamkeitstraining beschäftigt sind. Es gelingt dem Autor, aufzuzeigen, wie das Thema im Bildungskontext einer Hochschule (besser) verankert werden kann, und das Buch lädt geradezu ein, sich mit anderen Interessierten auszutauschen und zu vernetzen.


Rezension von
Prof. Dr. Elisabeth Müller Fritschi
Homepage www.fhnw.ch
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Zitiervorschlag
Elisabeth Müller Fritschi. Rezension vom 08.10.2021 zu: Andreas de Bruin: Achtsamkeit und Meditation im Hochschulkontext. 10 Jahre Münchner Modell. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5638-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28261.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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