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Jens Kersten, Stephan Rixen u.a. (Hrsg.): Ambivalenzen der Gleichheit

Rezensiert von Prof. Dr. Christoph Weischer, 17.12.2021

Cover Jens Kersten, Stephan Rixen u.a. (Hrsg.): Ambivalenzen der Gleichheit ISBN 978-3-8376-5172-0

Jens Kersten, Stephan Rixen, Berthold Vogl (Hrsg.): Ambivalenzen der Gleichheit. Zwischen Diversität, sozialer Ungleichheit und Repräsentation. transcript (Bielefeld) 2021. 222 Seiten. ISBN 978-3-8376-5172-0. D: 45,00 EUR, A: 45,00 EUR, CH: 54,90 sFr.
Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - 63
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Thema

Das Buch befasst sich mit der derzeit viel diskutierten Frage, wie sich verschiedene Aspekte von gesellschaftlicher Gleichheit bzw. Ungleichheit zueinander in Bezug setzen lassen. Dabei geht es oftmals um die Frage, wie eher sozioökonomisch zu verstehende Ungleichheiten mit jenen Ungleichheiten in Zusammenhang stehen, die sich an der Veranderung verschiedener Personengruppen festmachen. Im Titel des Buches wird summarisch von Ambivalenzen der Gleichheit gesprochen; im Untertitel findet sich dann der Begriff der sozialen Ungleichheit, der gemeinhin als Chiffre für sozioökonomisch konnotierte Ungleichheiten zu lesen ist, und die Konzepte Diversität und Repräsentation, die typischerweise auf Ungleichheiten zwischen verschieden konstruierten Personengruppen verweisen. Das Spezifikum des Buches liegt darin, dass das Thema von Autor_innen verschiedener Fachrichtungen aufgeschlüsselt wird.

AutorInnen und Herausgeber

Die Herausgeber bzw. AutorInnen des Sammelbandes entstammen der Rechtswissenschaft (insbesondere der Verfassungsrechtswissenschaft), der Politikwissenschaft und der Soziologie. Sie sind als HochschullehrerInnen und wissenschaftliche MitarbeiterInnen fachlich einschlägig ausgewiesen bzw. haben sich als PublizistInnen intensiv mit diesen Themen befasst.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf ein „Werkstattgespräch“ an der Universität Bayreuth im Jahre 2019 zurück.

Aufbau und Inhalt

Er wird durch einen einführenden rechtswissenschaftlichen Beitrag eingeleitet; die weiteren Beiträge werden dann den Themenblöcken „Soziale Ungleichheit“, „Diversität und Ungleichheit“ sowie „Repräsentation“ zugeordnet. Auf einen zusammenfassenden Beitrag wurde verzichtet.

In seinem einführenden Beitrag führt Stephan Rixen in die historischen Ambivalenzen der Gleichheit ein, indem er auf die Konflikte um die Arbeiter- und die Ausblendung der Arbeiterinnenfrage, die Kämpfe um das Wahlrecht, die Inklusionen und die tödlichen Exklusionen der „Volksgemeinschaft“ und schließlich die Entstehung des Grundgesetzes verweist. Es folgt ein Durchgang durch die westeuropäischen bzw. amerikanischen Diskurse der Nachkriegsjahrzehnte, der schließlich in den Gegenwartsdiagnosen von Soziologen wie Mau (frakturierte Gesellschaft) und Reckwitz (neue akademische Mittelklasse) endet. Es wird deutlich, wie die historischen und aktuellen Konflikte stets vom Ringen um den (eher ökonomisch bedingten) Lebensstandard und um die (eher sozial bedingte) Anerkennung und Reputation geprägt waren. Vor diesem Hintergrund diskutiert Rixen dann aus verfassungsrechtlicher Sicht, ob und wie sich Fragen der sozialen Ungleichheit und der Diskriminierung relationieren lassen und verweist dabei auf die Konzepte eines neuen Universalismus und den Ansatz der Verwundbarkeit.

Soziale Ungleichheit

Die Beiträge zum Themenblock soziale Ungleichheit starten mit einem soziologischen Beitrag von Berthold Vogel. Dieser befasst sich zunächst mit der eher statistischen Vermessung von Ungleichheit und der eher soziographischen Erkundung von Ungleichheitserfahrungen. Daran anschließend verweist auf zwei Transformationsfelder sozialer Ungleichheit, die mit dem Wandel der industriellen Kernsektoren und dem demographischen Wandel zusammenhängen. Schließlich berichtet er ausgehend von Studien zu Gesellschaftsbildern, wie sich diese Umbrüche in Arbeits- und Lebenserfahrungen niederschlagen. Eine Verknüpfung der klassischen und aktuellen Ungleichheitsfragen mit Fragen der Diversität oder mit Erfahrungen der Diskriminierung wird nicht geleistet.

In dem rechtswissenschaftlichen Beitrag von Sigrid Boysen wird aufgezeigt, in welchem Maße das Verständnis von Gleichheit im Grundgesetz mit einem spezifischen Wohlfahrtsstaatsmodell (Esping-Andersen) verknüpft war; mithin gehe es nicht um Fragen der Dogmatik, sondern um das Verhältnis von „wohlfahrtsstaatlicher Rechtsordnung und Sozialverfassung“ (58). Vor diesem Hintergrund analysiert die Autorin verschiedene Modelle der verfassungsrechtlichen Konzeptionalisierung von Ungleichheit und Antidiskriminierung. Während das liberale Modell Fragen der Verteilung nicht als Fragen der Grundrechte begreift, wird im sozialstaatlichen Modell Ungleichheit als „Frage der Normsetzung“ (60) verstanden; in der dritten Variante werden auch mit Blick auf das Europarecht die soziale Frage mit der der Antidiskriminierung verbunden.

Der folgende Beitrag von Anna Katharina Mangold rekonstruiert zum einen die „Adressierung von sozialer Ungleichheit“ (75) im Grundgesetz und zum anderen die Rechtsprechung des Verfassungsgerichts, in der Fragen der strukturellen Ungleichheit nur sehr zurückhaltend behandelt werden. Zum Abschluss wird ausgehend von Ansätzen der feministischen Rechtstheorie skizziert, wie soziale Ungleichheit im Kontext einer veränderten Grundrechtsdogmatik konzipiert werden könnte.

Diversität und Ungleichheit

Der zweite Themenblock Diversität und Ungleichheit beginnt mit einem Beitrag von Astrid Séville, die sich in politiktheoretischer Perspektive mit Fragen der Identitätspolitik befasst. Ausgehend von einer Abgrenzung verschiedener Varianten der Identitätspolitik (politisch-sozialdemokratisch, liberal-demokratietheoretisch, epistemologisch-demokratietheoretisch) favorisiert sie eine Identitätspolitik, die ausgehend vom Konzept der Intersektionalität „sozio-ökonomische Faktoren nicht gegen Identitätsfragen“ (110) ausspielt.

Ulrike Lembke setzt sich aus rechtswissenschaftlicher Perspektive zunächst kritisch mit Argumentationen auseinander, die eine Priorisierung von Ungleichheits- gegenüber Diskriminierungsfragen verfolgen. Davon ausgehend untersucht sie verschiedene Kontexte, in denen der Begriff der „Identitätspolitik“ zu einem politischen Kampfbegriff geworden ist, z.B. indem unterstellt wird, Identitätspolitiken fungierten als „Behinderung des Kampfes gegen soziale Ungleichheiten“ (122). Es wird deutlich, dass die Kritik an Identitätspolitik ganz unterschiedlichen politischen Kontexten entstammt. Lembke arbeitet heraus, dass „soziale Ungleichheit und Recht gegen Diskriminierung (…) nicht in einem Spannungsverhältnis“ stehen, und verweist z.B. auf Antidiskriminierungsgesetze, die auch den sozialen Status einbeziehen.

Diesem Ansatz schließen sich die eher publizistischen Beiträge von Nils Heisterhagen, er spricht von sinnlose Grabenkämpfen, und Lea Susemichel an. Letztere zeigt auf, wie eng Identitätspolitik und Emanzipation in der Geschichte sozialer Bewegungen miteinander verknüpft waren. Auf lange Sicht hätte der „Streit um Differenz“ (158) soziale Bewegungen eher gestärkt.

Aus Sicht der Staatsrechtswissenschaft behandelt Frank Schorkopf schließlich das komplementäre Verhältnis von Diversität und Identität: „Als normatives Konzept fordert Diversität die Anerkennung von Individuen und Gruppen mit gemeinsamen persönlichkeitskonstituierenden Merkmalen“ (164); demgegenüber gehe es bei der Identitätspolitik „um die Einheitsbildung sozialer Gruppen im Wege der Selbstbeschreibung“. Beide Konzepte entstammen der Aufklärung; sie implizieren aber „einen tiefen Eingriff in die Idee von Gleichheit vor dem Recht“ (167) und stehen „für eine Kategorienverschiebung: vom Individuum, hin zu Gruppen“ (172). Im Sinne einer „Freiheitsgerichtete(n) Interpretation“ (172) können die Konzepte „als ein Aufmerksamkeitsmarker verstanden werden, der auf Unwuchten in der soziologischen Zusammensetzung von (…) repräsentativen Gremien sowie Verwaltungsinstanzen“ (173) hinweise und Interventionen einfordere.

Repräsentation

Der dritte Themenblock Repräsentation startet mit einem politikwissenschaftlichen Beitrag von Markus Linden, der sich dem Verhältnis von Gleichheit und politischer Repräsentation zuwendet. Am Anfang steht eine kritische Auseinandersetzung mit der Linkpopulismus-These (Mouffe), mit dem Postdemokratie-Konzept (Crouch) und mit Beiträgen der empirischen Repräsentationsforschung (Schäfer). Linden favorisiert demgegenüber Ansätze, die sich mit einer liberalen Gleichheitsvorstellung (Dahrendorf) bzw. mit dem Konzept der Beziehungsgleichheit (Rosanvallon) befassen und verweist auf Basis eigener Forschung darauf, „welchen Wert die parlamentarisch-parteipolitische Repräsentation für die Einbindung schwacher Interessen besitzt“ (193).

Der rechtswissenschaftliche Beitrag von Jens Kersten befasst mit dem Verhältnis von demokratischer bzw. parlamentarischer Repräsentation und Diversität. Insbesondere setzt er sich mit der diversitätsorientierten Personalpolitik der politischen Parteien und Forderungen nach einer identitätspolitischen Quotierung des Deutschen Bundestags auseinander. Während die Diversitätspolitik zu favorisieren sei, seien Forderungen nach einer Quotierung des Bundestags nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Schließlich verweist er auf Möglichkeiten, den Bundesrat als eine Instanz der „Repräsentation der föderalen Diversität“ (212) weiterzuentwickeln.

Diskussion

Der Tagungsband versammelt recht unterschiedliche und aus ganz verschiedenen Gründen lesenswerte Beträge zu Fragen der Ambivalenz von Gleichheiten. Die je wechselnden disziplinären Perspektiven können dabei als eine Bereicherung der Debatte begriffen werden. Leider fällt der soziologische Beitrag (bezogen auf das Thema) recht schwach aus. Dennoch bietet das Buch einen guten Überblick über die aktuelle wissenschaftliche Debatte.

Wenn man jedoch an einer wissenschaftlichen Analyse der Ursachen und des Zusammenwirkens verschiedener Ungleichheitsmomente interessiert ist, wäre insbesondere die Soziologie weitaus stärker gefragt; sowohl die politik- wie die rechtswissenschaftliche Perspektive (wie auch die sozialen Bewegungen) kommen nicht umhin, verschiedene Ungleichheiten eher gleichgeordnet zu begreifen. Eine soziologische bzw. sozialstrukturelle Analyse böte demgegenüber die Chance aufzuzeigen, wie Ungleichheiten, die sich an Personengruppen festmachen, im Lebens- und im Generationenverlauf und im Kontext unterschiedlicher Nationalstaaten und Weltregionen in ganz unterschiedliche Weise „wirken“ und somit je unterschiedlich mit sozioökonomischen Ungleichheiten verzahnt sind. Auch die transnationale Perspektive, die in den Beiträgen des Bandes nicht angesprochen wird, kann darüber angemessener repräsentiert werden.

Fazit

Somit ist der Band als eine Bereicherung der aktuellen Debatten um die Perspektiven der Rechts- und der Politikwissenschaft zu begreifen; insbesondere die rechtswissenschaftlichen Beiträge gehen über den vorherrschenden Diskurs hinaus. Wer jenseits der Konstatierung von Ambivalenzen der Gleichheit einen Beitrag zur Klärung des komplexen Zusammenspiels von Ungleichheitsmomenten erwartet, wird nicht so recht glücklich.

Rezension von
Prof. Dr. Christoph Weischer
Institut für Soziologie, Universität Münster
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Es gibt 1 Rezension von Christoph Weischer.

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Zitiervorschlag
Christoph Weischer. Rezension vom 17.12.2021 zu: Jens Kersten, Stephan Rixen, Berthold Vogl (Hrsg.): Ambivalenzen der Gleichheit. Zwischen Diversität, sozialer Ungleichheit und Repräsentation. transcript (Bielefeld) 2021. ISBN 978-3-8376-5172-0. Reihe: Gesellschaft der Unterschiede - 63. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28265.php, Datum des Zugriffs 16.08.2022.


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