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Frank-M. Staemmler: Resonanz und Mitgefühl

Cover Frank-M. Staemmler: Resonanz und Mitgefühl. Wie Trost gelingt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2021. 248 Seiten. ISBN 978-3-608-89269-7. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Leben Lernen..
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Thema und Autor

Wenn jemand etwas Schmerzliches erlebt hat und seine verfügbaren Fähigkeiten zur Bewältigung dieses Schmerzes nicht ausreichen, benötigt dieser Trost und Mitgefühl, in welchem Rahmen dies geschieht über eine Psychotherapie oder Beratung, einer Krisenintervention oder auch in Familie, Freundeskreis oder Ehrenamt ist dabei sekundär. Das Buch hält dafür zahlreiche psychologisch fundierte Anregungen bereit. Forschungserkenntnisse aus der empirischen Psychologie, der Entwicklungs- und Sozialpsychologie werden verarbeitet wie die 40-jährige Erfahrung des Autors als Psychotherapeut. Trost kann dann entstehen, wenn Resonanz, Mitgefühl, sowie das Wissen, wie angemessene Antworten aussehen können, handlungsleitend sind.

Autor ist Frank-M. Staemmler ist Psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker. Gestalttherapeut und Supervisor.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben einer Einleitung in drei Kapitel mit Unterkapiteln in unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ wird zunächst betont, dass kein menschliches Leben von Veränderungen verschont bleibt und dass dabei auch schmerzliche Erfahrungen nicht ausgespart werden. Der Autor stellt schwerwiegende Anlässe in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen, die als Belastung oder Überschreitung der eigenen Ressourcen und als Gefährdung des Wohlbefindens eingeschätzt werden.

Kapitel eins behandelt das Thema „Die soziale Dimension – Mitgefühl für das Geschehene“. Die Emotionen eines Menschen könnten in den anderen Resonanzen hervorbringen, wobei beide Beteiligte bestimmte Voraussetzungen mitbringen müssten. Die Entstehung einer tröstenden Situation heiße, sich von der Situation des anderen ansprechen zu lassen und sich seinem Anspruch zu stellen, was Responsivität bedeute. Der Ausgangspunkt für das Trösten sei, die Kontrolle aufzugeben und etwas mit sich geschehen zu lassen. Die Angst vor der Scham sei nicht nur der direkte Weg in die Vereinsamung, sondern zugleich auch in die Trostlosigkeit.

Kapitel zwei setzt sich mit dem Problem „Die emotionale Dimension – Halt für das Aktuelle“ auseinander. Es gehe beim Trösten um ein Beziehungsgeschehen, das die innere Mitbewegung einschließe, wobei die Qualität der haltenden Berührung geeignet sein muss, die Entstehung von Resonanz zwischen den Beteiligten zu begünstigen. Einem Halt zu geben, erleichtere den Betroffenen seine eigenen Kompetenzen wieder aktivieren zu können und so seine emotionale Autonomie zurückzugewinnen. Hilfreich wäre es auch, leidende Menschen darin zu unterstützen, dass sie ihre schwierigen Gefühle möglichst differenziert wahrnehmen und benennen. Unterstützend wirkten auch die Religion, Rituale oder Musik.

Um „Die kognitive Dimension – Konsequenzen für das Zukünftige“ geht es im dritten Kapitel. Es käme darauf an, wie Menschen die Erfahrung ihres primären Leids verarbeiten und ob diese Verarbeitung letztlich in ihrem eigenen Interesse stattfindet oder neues, nämlich sekundäres Leid mit sich bringe. Jeder Mensch würde Schemata anlegen, ein Werkzeug der Assimilation, also der Verallgemeinerung, es seien Einzelerfahrungen, die eine gewisse Flexibilität besäßen. Psychische Schemata seien nicht nur kognitiv Annahmen über die Welt und sich selbst. Sie beruhten auf biografisch erworbenen und emotional bedeutsamen Beziehungserfahrungen und seien daher existenziell wichtige Orientierungen im Leben. Beim wiederholten Erzählen wachse und reife der Erzähler, weil er seine Geschichte in seine Worte fasse und damit gibt er ihr eine Struktur und macht sie zu ihrer eigenen.

Das letzte Kapitel ist dem Thema „Wenn das Trösten gelingt“ gewidmet. Die größte Wirkung hat die Beruhigung, wodurch schon per se eine verbindende Atmosphäre hergestellt werde. Für erschütterte Menschen sei es wichtig, sich anderen anzuvertrauen, sich halten zu lassen und dafür die Voraussetzung zu schaffen, dass Resonanz, Mitgefühl und Trost für sie entstehen können.

Es folgt ein Nachwort für Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen „Die Vernachlässigung eines Menschheitsthemas“. In psychotherapeutischen Kreisen gabe es eine stiefmütterliche Behandlung des Tröstens und eine Tabuisierung körperlicher Nähe und Berührung, die oft mit einer Fokussierung auf eine rationale Einsicht einhergehe.

Diskussion

Es ist eine Publikation, in der ein spezifisches, bisher relativ seltenes wissenschaftliches Thema aufgegriffen und bearbeitet wird – das des Tröstens bei schwerwiegenden Anlässen wie einer lebensbedrohlichen Krankheit, dem Verlust eines geliebten Menschens, eine Scheidung, einen schweren Unfall etc. So ist es unerheblich, ob die Begleitung eines in seinen Grundfesten erschütterten Menschen im Rahmen einer Psychotherapie oder Beratung, einer Krisenintervention oder auch in Familie, Freundeskreis oder Ehrenamt stattfindet, dafür hält das Buch zahlreiche psychologisch fundierte Tipps bereit. Akut traumatisierte und erschütterte Menschen benötigen eine spezielle Beziehungserfahrung. Posttraumatische Belastungsstörungen sind durch die richtige Zuwendung vermeidbar. Durch das gesamte Buch wird eine Fallvignette verfolgt von einer Frau, die eine Fehlgeburt verarbeiten musste. Es wird gezeigt, wie ihre Mitmenschen darauf reagiert haben, teils gelungen, teils unglücklich.

Das Buch leidet an zu vielen Wiederholungen insbesondere was das Thema Schemata betrifft. Eine gerafftere Version wäre zu begrüßen gewesen. Insgesamt aber ist es eine Publikation, die eindringlich bemüht ist, die Kunst des Tröstens zu erlernen und mit ihr selbst zu reifen, um bei persönlichen Erschütterungen gewappnet zu sein. Es ist äußerst interessant, wissenschaftlich und theoretisch komplex abgefasst und doch für viele Betroffene gut les- und verstehbar.

Fazit

Es ist schon fast ein Tabubruch, wenn man bedenkt, wie wenig Trost in der Psychotherapie bisher galt. Ich empfehle allen Kolleginnen und Kollegen, die mit belasteten Menschen arbeiten, sich mit Staemmlers Gedanken zu befassen und das Trösten in ihre Arbeit zu integrieren. Es ist falsch verstandene Angst und auch Eitelkeit, nicht den tröstenden Arm um einen Betroffenen zu legen. Es ist gefühllos, wenig mitfühlend und hilft in einer solchen Not wirklich niemandem. Nach der Lektüre habe auch ich das Trösten jetzt wohl besser im Griff als vorher.


Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 31.08.2021 zu: Frank-M. Staemmler: Resonanz und Mitgefühl. Wie Trost gelingt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-608-89269-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/28267.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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